Kategorie: Texte

5. Februar

Der Knecht Gottes sprach: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Jesaja 50,6

Der Prophet hat die Berufung, zu den Menschen zu reden, sodass sie neue Kraft finden, wenn sie müde sind (Vers 4). Gestärkt werden soll die Hoffnung, dass Gott zurückkehrt nach Jerusalem, dass es für das Volk eine Zukunft gibt. Aber nicht alle Angesprochenen sind für die gute Botschaft empfänglich. Bei denen, die gar keine Hoffnung mehr haben, kann die Niedergeschlagenheit in offene Aggression umschlagen. Der Prophet bekommt diesen Widerstand zu spüren. Leute geben ihm Schläge auf den Rücken, sie wollen die Haare seines Barts ausreissen. Sie beschimpfen ihn und spucken ihm ins Gesicht. Er lässt sich vom Gegenwind nicht entmutigen, sondern bleibt standhaft bei seinem hoffnungsvollen Auftrag.
Was gibt ihm die Kraft dazu? Die eine Kraftquelle ist, dass er als «Knecht» gelernt hat, auf Gott, seinen Herrn, zu hören –
immer wieder, jeden Morgen neu. Die zweite Kraftquelle ist die Überzeugung, dass diejenigen, die gegen ihn sind, nicht das letzte Wort haben werden. Weil Gott dem Propheten beisteht, werden sie ihm sein Vertrauen, seine Würde, seine innere Stärke nicht wegnehmen.
Alle Menschen, die Gott mit Ehrfurcht begegnen, können dies vom Knecht Gottes lernen.

Von: Andreas Egli

4. Februar

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst? Jeremia 23,29

Feuer bringt Wärme – Feuer kann zerstören. Ein Hammer ist ein Werkzeug – ein Hammer kann zerschmeissen. Jeremia führt einen Diskurs mit anderen Propheten. Er spricht von Lüge, von Zerwürfnis. Er ist ein theologisch gebildeter Priester und Prophet. Aber, so scheint es mir, er ist vor allem überzeugt von Gottes Wort. Es geht vor allem um das Bekenntnis, dass Gott in der Welt wirksam ist, bei den Menschen ist und auf ihrer Seite steht. Gott, die Lebendige, greift ein in das Geschehen der Welt. Was will Gott uns heute sagen? Diese Frage stellt Jeremia, und diese Frage beschäftigt mich immer wieder neu. Wie kann ich die Stimme der Lebendigen hören? Wo ist diese lebendig machende Stimme in unserer Welt? Die einen finden sie im Diskurs mit anderen Menschen. Andere finden sie in der Stille, im Gebet. Für mich ist dies wichtig, denn ich bitte um den guten Geist Gottes, dass er mich begleitet, nährt und meinen Glauben stärkt. Ich bin dankbar, dass ich mit dieser Bitte nicht allein bin. Zwar sitze ich nicht am Feuer, sondern gehe meinen Weg in der Welt. Die Stimme der Lebendigen hilft, diesen Weg zu gehen.
Schenke du uns die Kraft, immer wieder neu auf deine Stimme zu hören und daraus Vertrauen zu schöpfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Februar

Die Hand Gottes war über uns, und er errettete uns. Esra 8,31

Das Buch Esra berichtet über zwei Rückkehren. Die Ausgewanderten wussten die Hand Gottes über ihnen. Und sie hielten inne für ein Fasten. Die Hand Gottes sollte sie ganz beschützen. Sie brauchten kein militärisches Geleit und keinen anderen Schutz. Kann es sein, dass sie eine Kultur der Gewaltfreiheit lebten? Oder ist das nur ein frommer Gedanke von mir? Ist es nur ein Traum, dass Menschen ohne Vorurteile leben, ohne Ausgrenzung, ohne Angst voreinander?
Gerne versuche ich eine Umkehrung: leben mit offenem Herzen und offenen Augen, das Gute in den Menschen und ihrer Kultur entdecken, die eigenen Ängste benennen und mit Freund:innen besprechen; Negatives abbauen und durch wertvolle Erfahrungen ersetzen. Ich träume von einer Kultur der Gewaltfreiheit bei uns und weltweit. Und ich träume von der Kraft, die von der Lebendigen geschenkt wird, durch ihre Hand, die mich beschützt und stärkt. Träume helfen, immer wieder Schritte in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu tun, weil sie Ziele setzen, Ziele, die unerreichbar scheinen. Der Glaube an die schützende Hand Gottes ist ein Ziel, das wir manchmal spüren und manchmal einfach darum ringen dürfen.
Halte du deine Hand über uns und über deiner ganzen Schöpfung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Februar

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Hebräer 11,8

Abraham wurde hochbetagt seiner Sicherheiten beraubt. Als er dachte, alles im Leben schon hinter sich zu haben, hatte er mehr Ungewissheit vor sich, als er sich vorstellen konnte. Er wusste nicht, was kommt, aber er zog los.
Später zog er weiter, weil eine Hungersnot kam, weil er sich also in einen Wirtschaftsflüchtling verwandeln musste (Genesis 12,10). Aber: «Freude aus Verunsicherung ziehn – wer hat uns das denn beigebracht?» (Christa Wolf)
Abraham hat diese Zuversicht unmittelbar von Gott gelernt. Der Hebräerbriefschreiber und der amerikanische Psychologe H. B. Gelatt finden, wir sollten es auch lernen. Gelatt schrieb schon vor 35 Jahren: «Vor einem Vierteljahrhundert war die Vergangenheit bekannt, die Zukunft vorhersagbar, und die Gegenwart veränderte sich in einem Schrittmass, das verstanden werden konnte. […] Heute ist die Vergangenheit nicht immer das, was man von ihr angenommen hatte, die Zukunft ist nicht mehr vorhersehbar, und die Gegenwart ändert sich wie nie zuvor.»
Gelatt täuschte sich ein bisschen, denn herausfordernde Zeiten gab es immer, sie sind nicht neu. Abraham täuschte sich nicht: Auf Gott ist Verlass. Denn er kommt mit, heraus aus allem, was war, seien es auch Vaterland und Muttersprache, hinein in alles, was kommt. Alter schützt vor Neugier nicht.

Von: Dörte Gebhard

1. Februar

Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Römer 14,9

Eine stark lädierte Schuppentür aus Holz, aus den Angeln gerissen, liegt am Boden. Teufelchen, die aussehen wie eine Kreuzung aus Eidechsen und Eichhörnchen, wuseln aufgeregt herum, können aber nichts mehr ausrichten. In der Mitte steht Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der die Toten aus ihrem Reich ins ewige Leben führt. Er fängt bei Adam und Eva an. Dieses (farben-)frohe Bild in all seinen Variationen illustriert den trockenen Text im Apostolischen Glaubensbekenntnis: «hinabgestiegen in das Reich des Todes». Der Abstieg Christi in die Unterwelt ist ein bedeutendes Motiv in der christlichen Ikonografie und ist in den orthodoxen Ostkirchen bis heute das wesentliche Osterbild.
Die Vorstellung mag naiv scheinen. Der Trost dahinter ist es nicht. Die Toten werden nicht sich selbst und dem Tod überlassen. Sie werden herausgerissen ins künftige Leben.
Wenn Sie nun die langen Reihen der Verstorbenen vor sich sehen, kommen Ihnen gewiss zuerst Ihre Lieben entgegen. Dann aber die ganz anderen, die man nie mehr wiedersehen wollte. Sie können nun nicht weiterleben und weitermachen wie zuvor, denn Christus ist der Herr und die «Hölle» künftig leer. Gisbert Greshake schreibt, wieder ganz trocken: «Indem Gott selbst in den Machtbereich des Todes tritt, hört dieser auf, die Zone der Gottesferne, der Beziehungslosigkeit und Finsternis zu sein.»

Von: Dörte Gebhard

31. Januar

Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden,
was wir gesehen und gehört haben.
Apostelgeschichte 4,20

Dem obigen Vers gehen voraus: die Begegnung der Jünger Petrus und Johannes mit einem gelähmten Mann am Tempeltor, dessen dramatische Heilung, ein Volksauflauf im Tempel, eine fulminante Predigt von Petrus mit grossem Publikumserfolg, seine und des Johannes Verhaftung, eine Nacht in Gewahrsam, eine Vorladung vor den Hohen Rat, eine zweite Predigt, die ebendiesen Rat ratlos lässt. Was soll man bloss mit diesen beiden Männern anfangen?
Das Verdikt wirkt ziemlich hilflos: «Man rief sie herein und befahl ihnen, nie mehr im Namen Jesu zu reden und zu lehren.» Petrus und Johannes entgegnen darauf: «Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.» (Apostelgeschichte 4,18–20)
Ich bewundere Petrus, wie er so unerschrocken und begeistert vor dem erlauchten Hohen Rat von den grossen Taten Gottes erzählen konnte! Von seiner Zivilcourage würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden.
Man erkennt Petrus kaum wieder. Nur ein paar Wochen davor, nachts im Hof des Hohen Priesters, hatte er abgestritten, diesen Jesus zu kennen. Das war wohl der Tiefpunkt seines Lebens. Was ist mit ihm passiert? Es muss mit Pfingsten zu tun haben. Petrus war buchstäblich vom Geist erfasst –
begeistert.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

30. Januar

Der HERR ist meine Kraft. Habakuk 3,19

Dieser Satz könnte im Nachklang zur gestrigen Erzählung gelesen werden. Gott war die Kraft, die das Verhalten Davids und dann das Verhalten von Generationen nach ihm bestimmte. Gott bestimmte das Wesen und das Verhalten einer grossen Anzahl unserer Glaubensvorfahren, denen er Kraft für ihr Verhalten gab.
Oft fühle ich mich mutlos, wenn ich mich in der heutigen Gesellschaft umschaue. Nichts scheint so zu gelingen, wie ich es mir erhofft habe. Keine Gerechtigkeit, um die wir doch schon so lange ringen. Kein Frieden, für den wir uns doch schon so lange einsetzen. Ich erinnere nur an den Internationalen Versöhnungsbund. Keine Bewahrung der Schöpfung, sondern ein erweitertes Abholzen und Zupflastern der Erde. Die Ausbeutung der Ozeane, obwohl wir um die Konsequenzen wissen. Habakuk beklagt all dies mit seinen Worten und Beobachtungen. Wie mir geht es ihm darum, Gott zur scheinbaren Straflosigkeit der Bösen Fragen zu stellen und endlich um antwortendes Handeln zu bitten. Gott antwortet Habakuk und offenbart ihm, wie er Unrecht bestrafen wird. Habakuk wird aufgezeigt, dass Gott trotz scheinbarer Stille oder Inaktivität in schwierigen Zeiten am Werk ist und dass der Mensch aus diesem Glauben leben darf. Das gibt Habakuk Kraft.
Und wenn ich mich dann umschaue und sehe, was bereits geschehen ist, kann es gelingen, diese Gotteskraft zu erkennen und daraus Mut zu schöpfen.

Von: Gert Rüppell

29. Januar

Mein Leben werde wert geachtet in den Augen
des HERRN, und er errette mich aus aller Not!
1. Samuel 26,24

Ich muss den Text in seinem Zusammenhang lesen und da steht: «Wie ich dich, den Gesalbten des HERRN, verschont habe, so möge dieser HERR nun auch mich schonen.» Ist das eine Auge-um-Auge-Situation? David wird verschont, weil er seine Übermacht nicht ausgenutzt hat? Der noch einmal davongekommene Saulus lässt David laufen. Sieht er ein, dass er auf lange Sicht nicht der ausführende Gesalbte des HERRN sein wird? Offensichtlich. David zog seine Strasse, heisst es im Text, der damit auf den vor David liegenden Zukunftsraum verweist. Während Saul umkehrt, der Begriff «Ort» im Text ist ja viel weniger dynamisch als die Strasse, die vor David liegt. Nicht allein die Versöhnung, die sich aus nicht vollzogener Rache ergibt, spielt hier eine Rolle. Vielmehr ermöglicht die nicht vollzogene Gewalttat den Weg nach vorn. Der Segen verweist auf Lebensperspektive, einen Raum, der sich eröffnet, wenn Rachsucht, Hass und Gewalt nicht die Oberhand behalten. Dieser Text ist ein Aufruf zum Verzicht auf Rache. Nimm ein Symbol (wie David es tat), um deine friedvolle Absicht zu untermauern, dann errettet dich der HERR aus der Not und du wirst gesegnet.
Gebe Gott uns solche Weisheit und Einsicht für unser alltägliches individuelles und kollektives Verhalten.

Von: Gert Rüppell

28. Januar

Der Herr ist treu; der wird euch stärken
und bewahren vor dem Bösen.
2. Thessalonicher 3,3

Zur Zeit des Schreibens dieser Zeilen wird gerade des hundertjährigen Erscheinens des so genannten Jahrhundertromans «Der Zauberberg» gedacht. Ich habe ihn bewältigt; keine leichte Lektüre von knapp tausend Seiten! Thomas Mann lässt darin die Figur des Humanisten und Republikaners sagen: «Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.» Würde Paulus, der Autor der Thessalonicherbriefe, diesen Satz unterschreiben? Ich meine Ja! Er schrieb der jungen Gemeinde in Thessaloniki, weil sie Verfolgungen ausgesetzt war. Er versteht Gott, den Herrn, nicht als tolerant, sondern als Bewahrer vor dem Bösen. Diese Zusage soll die Gemeinde stärken und ermutigen. Auch wir Heutigen können Ermutigung brauchen. Wir möchten uns Gott nicht als untreu denken. Was würde das denn heissen?
Paulus schreibt den Glaubensgeschwistern in seinem vergleichsweise kurzen zweiten Brief sehr einfühlsam, wie Jesus Christus und Gottvater Trost und Hoffnung geben, und appelliert, Gott möge ihre Herzen ermutigen und sie zu jedem guten Werk und Wort stärken. Das erinnert an den Dreiklang Zarathustras: gute Gedanken – gute Worte – gute Taten! Ja, das gute Werk muss getan werden, von ermutigten Menschen! Hört, unser Gott braucht viele Hände, dass er die Not dieser Welt wende! Legen wir die Hände also nicht in den Schoss, sondern tun, was in unserer Kraft steht!

Von: Bernhard Egg

27. Januar

Das ist unsere Zuversicht, mit der wir vor ihm reden: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 1. Johannes 5,14

Hände falten. Für dich?
Wer weiss schon, wie du siehst …
Ich selber brauche diese Haltung,
um mir gewiss zu werden, was ich tue.
Worte formen. Für dich?
Wer weiss schon, wie du hörst …
Ich selber brauche ihren Klang,
um mir gewiss zu werden, wer ich bin.
Gemeinsam beten. Für dich?
Wer weiss schon, wie du uns hörst
und siehst versammelt stehen …
Wir selber brauchen dieses Ritual,
um uns und allen kundzutun,
was es heissen könnte,
wenn dein Reich kommt.
In Stille lauschen. Auf dich?
Du redest nicht so,
dass wir es mit den Ohren hören –
und dennoch kommt in mancher Stille
etwas von dir auf uns zu.

Von: Heidi Berner