Kategorie: Texte

26. Oktober

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Psalm 23,1

Vertraut ist vielen von uns dieser Vers, wie der ganz Psalm 23. Viele kennen ihn auswendig; es passt in fast allen Lebenslagen, mit seinen Worten zu beten, sich seinen Worten anzuvertrauen. Kein «Rundum-sorglos-Paket», aber Stärkung für Geist, Seele und Leib.
Gott als Hirte – das ist kein romantisches Schäferidyll, sondern Ausdruck und Bekenntnis des einen und einzigen HERRN, der EWIGEN, der ich mein Leben verdanke, die meine Seele erquickt, die mir nahe ist, mich stärkt und tröstet auch in dunklen Zeiten, «wenn ich gehen muss durch die Todschattenschlucht», wie Martin Buber übersetzt.
Und Gott als Gastgeberin, die mir einen Ehrenplatz an ihrem Tisch bereitet, wo, was mich bedrängt, nicht ängstigt; die mir voll einschenkt und mich mit Öl salbt (vgl. Psalm 104,15);
die mir Gutes und «Holdes» (Buber) zugedacht hat und mich bei sich wohnen lässt für immer.
Immer wieder neu trösten und stärken diese Worte und die Kraft, die sie entfalten. «ER ist mein Hirt, mir mangelts nicht.» (Buber) – Und wenn doch? Dann wende ich mich an IHN mit Bitten, Klagen, Seufzen und Flehen … bis das Herz ruhig wird in DIR.

Von: Annegret Brauch

25. Oktober

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weisst ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 2. Timotheus 3,14–15

Der 2. Timotheusbrief gilt in der Tradition als «Vermächtnis» des Paulus, so, als habe Paulus seinem langjährigen Vertrauten und Begleiter Timotheus noch einmal alles Wesentliche seiner (= Paulus’) Verkündigung mit auf den Weg geben wollen. Heute gehen wir eher davon aus, dass sich in den Timotheusbriefen die Auseinandersetzungen um die «richtige» Interpretation und Bewahrung des paulinischen Erbes spiegeln. Aber was ist «richtig» und was «falsch»? Die Antwort ist selten einfach, vor allem wenn es um Fragen des Glaubens, der Lebensführung, der Mitwirkung am und der Gestaltung des öffentlichen Gemeinwesens geht.
Wenn ich auf das schaue, was ich gelernt habe und was mir seit Kindheit anvertraut wurde, bin ich von Herzen dankbar. Aber ich weiss auch um das manchmal harte Ringen mit den Texten, um Zweifel, Wut und Ärger darüber – und dann auch wieder Freude und Dank angesichts der Schönheit der Texte und der Kraft, die sie in sich tragen.
Was ist «richtig», was «falsch»? Ich glaube, jede und jeder und jede Zeit muss ihren eigenen Weg «erringen». Der Wochenspruch gibt (mir) dabei wegweisende Orientierung: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.» (Römer 12,21)

Von: Annegret Brauch

24. Oktober

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht
der Menschen.
Johannes 1,4

Direkt im Anschluss an die bewegende Geschichte von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin sagt Jesus von sich selbst: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.» (Johannes 8,12) Licht und Leben sind untrennbar miteinander verbunden. Unsere eigene Erfahrung bestätigt das – jetzt, während ich schreibe, begleitet uns das lange, helle Licht des Sommers, und das Leben ist sicher für viele von uns dadurch leichter und intensiver.
Wenn ich jedoch an Jesus Christus denke, dessen Leben dem heutigen Lehrtext entsprechend das Licht der Menschen war – und ich würde hinzufügen: auch heute noch ist –, dann denke ich an seine Zuwendung besonders zu den Menschen, die «im Dunkeln wohnen»: an die gekrümmte Frau, die er aufrichtete, an die Samariterin am Brunnen, an die Ehebrecherin, an den Zöllner Zachäus, an den Aussätzigen oder den Blinden, die er heilte, und all die andern, die er in ihrer Dunkelheit sah und ans Licht des Lebens holte. Unsere christliche Ethik speist sich aus diesen Geschichten – alle diakonische Arbeit vor Ort aber auch, zum Beispiel das Flüchtlingsrettungsboot der Kirche auf dem Mittelmeer. Die Erzählungen von Jesus bringen Licht ins Dunkel – sein Leben war und ist auch heute das Licht von uns Menschen.

Von: Elisabeth Raiser

23. Oktober

Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde. Psalm 71,9

In meinem inzwischen recht hohen Alter kann mir ein solches Stossgebet leicht über die Lippen kommen. Ich bete es manchmal im Stillen, aber nicht wie im Psalm 71, weil ich mich von Mitmenschen oder von Krankheiten verfolgt fühle, sondern eher umgekehrt, weil es mir gut geht, ich das Leben im Alter als sehr reich und schön empfinde und sehr dankbar dafür bin. Aber mir ist natürlich bewusst, dass sich das schnell ändern kann, wer weiss, welche Krankheiten und welche individuellen oder gesellschaftlichen und politischen Katastrophen auf einen warten. Aber sie liegen bei allem Leid, das auf der Welt herrscht, für mich noch in der Zukunft. Gerade deshalb spricht dieser Psalmvers zu mir: Verwirf mich nicht in meinem Alter und verlass mich nicht, wenn ich schwach werde. Die Schwäche bezieht sich ja nicht nur auf den Körper – wir können auch schwach werden im Umgang mit unseren Mitmenschen. Im Vers 16 heisst es: Ich gehe einher in der Kraft Gottes des Herrn; ich preise deine Gerechtigkeit allein. Darin liegt all die Zuversicht und Hoffnung, die uns trägt. Bonhoeffer sagt es so überzeugend in seinem Glaubensbekenntnis:
«Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.»

Von: Elisabeth Raiser

22. Oktober

Jesus spricht: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Apostelgeschichte 1,8

Wenn der Kanon mit dem Wortlaut des heutigen Textes vielstimmig erklingt, dann schlägt mein Herz höher. Das Singen tut gut und öffnet die Seele. Der Anfang der Apostelgeschichte legt den Grundstein für die Kirche und ihre Mission. Zeug:innen sein heisst für mich, daran zu glauben, dass Jesus lebt. Und weil wir daran glauben, bezeugen wir, dass wir für das Leben aller Menschen und für die Schöpfung einstehen. Zuerst traten die Apostel in Jerusalem auf, dann wirkten sie in Samarien und erreichten Menschen, die nicht jüdischen Glaubens waren, bis an das Ende der Welt. Die weltweite Kirche soll diesen Glauben leben und ihn mit den Menschen teilen. Da ist niemand ausgeschlossen, da sind alle eingeschlossen. Wir wissen es, dieses Eingeschlossensein hat durch die Missionsbewegung auch Menschen in ihrer Kultur vereinnahmt. Ich hoffe, dass dies vorbei ist. Denn das Befreiende des Glaubens an das Leben stärkt uns für das gemeinsame Teilen, für das Voneinander-Lernen, für den Einsatz für die Würde aller Menschen. Und noch etwas: Jesus spricht von der Kraft des guten Geistes. Genau diese wollen wir miteinander einsetzen für das Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Das Volk, das ich mir bereitet habe,
soll meinen Ruhm verkündigen.
Jesaja 43,21

Der Prophet erinnert an den Auszug aus Ägypten, damals. Aber jetzt ist jetzt: Es geht um den Auszug aus dem babylonischen Exil. Und da, das ist die Botschaft, schafft Gott, die Lebendige, Neues: «Seht, ich schaffe Neues, schon spriesst es, erkennt ihr es nicht? Ja, durch die Wüste lege ich einen Weg und Flüsse durch die Einöde.» (Jesaja 43,19) Neues erkennen, sich auf den Weg begeben, Altes hinter sich lassen und aufbrechen: Dazu lädt der Prophet ein – auch uns! So, wie die Menschen damals sehr wahrscheinlich nicht genau gewusst haben, wie das Neue aussieht, worin es besteht, so wissen auch wir es nicht genau. Aber, und das ermutigt doch, wir können uns auf den Weg machen. Auf den Weg mit der Lebendigen, denn sie weiss, wie der Weg aussieht und worin das Neue besteht. Vertrauen bedeutet immer auch, zu gehen, aufzubrechen.
Und, so denke ich, gerade damit rühmen wir Gott, die Lebendige. Wir lassen uns auf sie ein und machen uns auf. Und erzählen sollen wir davon, unser Vertrauen teilen, unsere Hoffnung leben. Wir sind mit anderen Menschen rund um die eine bewohnte Erde unterwegs. Das zu wissen, stärkt und lässt uns eintauchen in die Welt der Menschen, denen es nicht so gut geht. Und Neues wagen, unterwegs sein mit Gottes Hilfe und dem Vertrauen auf Heilung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Oktober

Der HERR sprach zu Jeremia: Siehe, ich lege
meine Worte in deinen Mund.
Jeremia 1,9

Es gibt die Redewendung, dass man sich Worte zurechtlegt. Wer spricht oder schreibt, macht genau das: Sei es, um sich gegen Angriffe zu wehren oder andere von seiner Ansicht zu überzeugen oder Wahrheiten zu verkünden … Wer die Kunst der rechten Wortwahl beherrscht, wer rhetorisch geübt ist, hat es leichter im Leben.
Jeremia war definitiv kein Rhetoriker. Er war Prophet. Was in seinen Sätzen und in den Bildern aufblitzt, will nicht Poesie und nicht Plädoyer sein. Es ist Spruch eines anderen. Gott legte ihm seine Worte in den Mund. Was für ein tollkühner Anspruch! Es könnte ja jeder kommen und behaupten, seine Worte seien göttlichen Ursprungs. Es könnte ein rhetorischer Trick sein, um Anhänger zu gewinnen. Man könnte sich das so zurechtlegen, um Fangemeinden bei der Stange zu halten. Bei Jeremia war es nicht so. Er hatte keine Menge hinter sich geschart, die ihm applaudierte und ihn bewunderte. Im Gegenteil! Dass er sich erdreistete, das Wort Gottes in den Mund zu nehmen, und behauptete, es sei ihm in den Mund gelegt worden, nahm man ihm übel. Ist es ein Beweis dafür, dass er die Wahrheit sagte? So einfach ist es nicht. Im Nachhinein zu sagen, ich hätte ihm und nicht den Sinnfluencern geglaubt, die wesentlich weniger Anstössiges sagten, ist keine Kunst. Schauen wir denen, die den Mund voll nehmen, gut auf die Finger!

Von: Ralph Kunz

19. Oktober

Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen. Psalm 71,18

Heute ist Samstag, der letzte Tag der Woche. Und wir hören das Gebet eines Menschen, der am Mittwoch oder Donnerstag seines Lebens auf sein Alter vorausschaut. Er wünscht sich Enkelkinder und bittet darum, auch im Alter noch Grund zu haben, seinen Nachfahren die Macht und Kraft Gottes zu bezeugen. Denn so hat er Gott bis anhin erfahren. Ob es ihm selbst vergönnt war, wissen wir nicht. Aber für uns, die auf das eigene Alter vorausschauen, hat sich sein Gebet erfüllt. Gehören wir nicht zur Schar seiner Kindeskinder, die heute sein Zeugnis hören?
Ich selbst erlebe gerade den Donnerstag in meiner Biografie – so Gott will und ich lebe. Ich hoffe jedenfalls, es seien mir noch ein paar Tage vergönnt. Wünschen sich das nicht alle? Was mich berührt an diesem alten Gebet, ist der tiefere Lebenssinn, den es enthüllt – eine Tiefe, die mehr ist als Länge. Wie schön wäre es, das Zeitliche so zu segnen, wie es sich der Beter wünscht. Mit einem Dank auf den Lippen und einer Botschaft, die denen, die nachkommen, Zuversicht und Hoffnung schenkt. Ich denke an Hanna und an Simeon, an Sara und Abraham, an Maria und Josef. Ich denke an alle, die gegangen sind und die noch kommen sollen. Irgendwann hört alles auf – und bis dahin wünsche ich uns allen einen schönen Sonntag!

Von: Ralph Kunz

18. Oktober

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste,
voller Schmerzen und Krankheit.
Jesaja 53,3

Superlative! Die vordersten Plätze für die Schnellsten, Schönsten, Besten, Klügsten, Reichsten, Berühmtesten sind heiss begehrt. Stars jeder Gattung werden gefeiert. Und beneidet.
Um den Titel des Allerverachtetsten gibt es kein Gerangel. «Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.» (Vers 3b) Wer am Boden ist, bekommt oft obendrauf noch Verachtung zu spüren. Denn irgendwie ist er doch selber schuld, nicht wahr?
Das Lied vom «Leiden des Gottesknechts» (Jesaja 53) geht unter die Haut. Seit jeher haben Christen darin Jesus Christus
erkannt. Vers für Vers finden sich Bezüge zum Neuen Testament.
Was Jesus gelehrt hat, wie er gelebt hat und gestorben ist, steht in krassem Widerspruch zum Streben nach den vorteilhaftesten Plätzen. «Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein» (Matthäus 20,16) bringt es auf den Punkt. Wie man sich täuschen kann, was zählt, wer gross ist und wer klein!
Im Gottesreich gilt eine grundlegende Umkehrung der Werte, die ebenso verstören wie trösten kann.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Oktober

Der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott;
er wird dich nicht verlassen noch verderben.
5. Mose 4,31

Wer ist mit «dein» angesprochen? 5. Mose 4 steht unter
dem Titel «Ermahnung zum Gehorsam». Das Volk Israel wird in einem längeren Text zuerst desillusioniert. Es wird zerstreut werden, es wird «Göttern dienen, die das Werk von Menschenhänden sind» usw. Wird es aber in der Not von ganzem Herzen und von ganzer Seele nach Gott fragen,
ihn suchen und finden (!), dann gilt die Zusage unseres Losungswortes.
Wie wäre es, wenn wir von «unserem» Gott sprechen würden, so, wie wir ihn auch im Vaterunser anrufen? Was ist unser Gottesbild? Stellen wir uns einen Ermahner vor, der uns auf die Finger schaut, wie wir uns auf Erden verhalten? Oder eine barmherzige Kraft, die uns stärkt und nicht verlässt, auch nicht in der Not? Gott ist die Liebe, haben wir in der Sonntagsschule gesungen. Schauen wir in die Welt hinaus, sehen wir viel Hass, Zerstörung, Unversöhnlichkeit und Katastrophen. Nur die (Nächsten-)Liebe kann das überwinden. Das war nach meiner Überzeugung der Antrieb von Jesus Christus und sein Gottvertrauen. Wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind, da ist er (da ist die Liebe, möchte ich ergänzen) mitten unter ihnen. Empfangen wir Liebe und schenken wir Liebe weiter, sind wir nicht verlassen!
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Von: Bernhard Egg