Kategorie: Texte

13. Mai

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen
im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in
seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat,
und kauft den Acker.
Matthäus 13,44

Jedes der sieben Gleichnisse über das Himmelreich, die Matthäus
in der sogenannten Gleichnisrede im 13. Kapitel seines
Evangeliums überliefert, zeigt einen anderen Aspekt,
wie Gottes Macht erkennbar ist und wirkt. Bei diesem liegt
der Fokus darauf, dass ein Mensch überraschend und unerwartet
etwas Verborgenes entdeckt und dieses sogleich als
etwas Kostbares, Unvergleichliches, Einzigartiges erkennt.
Er wird sozusagen von diesem Fund so ergriffen, dass er
das, was bisher Bedeutung und Gewicht in seinem Leben
hatte, loslassen kann und will. Eine Freude ergreift ihn, die
alles in Bewegung bringt. Es scheint zunächst ein innerer
Prozess zu sein: Ein Mensch verändert sich und sein Tun.
Was sein Umfeld dazu meint, spielt keine Rolle; auch was
nach dem erfolgreichen Kauf geschieht, interessiert nicht.
Die Freude durchdringt und verwandelt, was bisher war,
zeigt neue Wege. Ein Mensch wurde gefunden und hat sich
finden lassen.
Mir gefällt an diesem Gleichnis, dass es meinen Aktivismus
erst einmal ausbremst. Wenn ich mein tägliches «Ackern»
anschaue, frage ich mich: Wie will, wie wird Gottes
dynamis (griechisch für: Macht, Kraft, Einfluss, Vermögen)
mich heute wohl finden? Ich bin gespannt …

Von: Annegret Brauch

12. Mai

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen, spricht
der HERR.
Jeremia 29,13–14

Die heutige Losung ist aus dem Brief Jeremias an die Deportierten
in Babylon herausgeschnitten. Ich empfehle, den ganzen
Brief zu lesen; denn er markiert eine Wende in der Verkündigung
des Propheten. Ging es in den Kapiteln davor um
die Folgen der Entfremdung des Volkes von seinem Gott, um
die Konsequenzen der Missachtung der göttlichen Rechtsordnungen
durch die Mächtigen in Israel und Juda, also um
«Gottes Gericht», geht es hier um Zukunft und Hoffnung.
«Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe,
spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides,
dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.» (Vers 11) Gott
hat noch etwas vor mit seinem Volk. Vertreibung, Krieg und
Zerstörung haben nicht das letzte Wort, sie sind nicht das
Ende. Damals nicht – und auch heute nicht. Gott hat einen
anderen Plan: Frieden, Zukunft und Hoffnung. Und er bindet
seine Menschen auf zweifache Weise in seine Strategie ein:
«Suchet der Stadt (d. h. an eurem Ort) Bestes (Schalom)!»
(Vers 7) und «Sucht mich von ganzem Herzen, mit all eurer
Kraft!» (Verse 13 ff.). – Ja, es braucht den langen Atem, den
ganzen Mut, die sture Hoffnung und ein wagendes Vertrauen.
«Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und
Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis,
Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.»

Von: Annegret Brauch

11. Mai

Du sollst nicht stehlen. 2. Mose 20,15

«Du sollst nicht stehlen» steht in Stein gemeisselt. Eines der
Zehn Gebote, die absolut und apodiktisch gelten! Wer wagt
es zu widersprechen? Spätestens dann, wenn man bestohlen
wird, willigt man ein. Respekt vor dem Eigentum ist grundlegend
für ein friedliches Zusammenleben.
Ich wage dennoch, Einspruch zu erheben. Gibt es nicht den
grossen und den kleinen Diebstahl? Wie schwer wiegt der
Mundraub der Hungrigen? Was ist mit denen, die von ihren
diebischen Vorfahren profitieren? Vorfahren, die geplündert
und andere ausgenutzt hatten? Wo bleibt die Moral des Verbots,
wenn die Macht des Stärkeren zum obersten Prinzip
erklärt wird? Sie müssen nicht stehlen – sie nehmen es sich
einfach. Ist es nicht Diebstahl, wenn die Reichen immer reicher
und die Armen immer ärmer werden?
Was auf den Steintafeln steht, geht über das justiziable
Eigentumsdelikt hinaus. Das apodiktische «Du sollst nicht
stehlen» zielt nicht nur auf eine private Moral.
Wussten Sie, dass lateinisch «privat» auch die Bedeutung
«geraubt» haben kann? Andere nicht zu berauben, ist auch
eine Richtschnur für gesellschaftliche Gerechtigkeit. Der Respekt
vor dem Eigentum des Einzelnen muss sozial verträglich
sein. Denn mit dem Recht auf Besitz geht die Pflicht einher,
ihn zu teilen. Oder mit einer Prise religiös-sozialer Schärfe
gesagt: Der Raubkapitalismus kann uns gestohlen bleiben …

Von: Ralph Kunz

10. Mai

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR,
und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
Jeremia 23,23

Geht Gott auf Distanz? Nein, hier geht es nicht um emotionale
Nähe und Distanz. Das Wort richtet sich an falsche
Propheten. Der folgende Vers macht klar, was Gott ihnen
entgegnet: «Kann sich einer in Verstecken verstecken, und
ich würde ihn nicht sehen? Fülle ich nicht den Himmel und
die Erde?» Propheten waren zur Zeit des Jeremia, was wir in
unserer Zeit Meinungsmacher oder neudeutsch Influencer
nennen. Sie kommentierten das Tagesgeschehen und sagten
die Zukunft voraus. Die Berufskollegen von Jeremia beriefen
sich auf ihre Träume und weissagten so, dass es ihnen Einfluss
und Ansehen brachte. Gott hatte etwas anderes im Sinn. Ich
übersetze den alten Spruch in moderne Sprache. «Bin ich
etwa ein kurzsichtiger Gott, spricht der HERR, und nicht auch
ein Gott, der Fernsehen schaut? Mir könnt ihr nichts vormachen.
» Und was hören wir als Botschaft? Ich höre: «Bleibt
kritisch, wenn man euch das Blaue vom Himmel verspricht,
traut denen, die auf KI, Superwaffen und die Herrschaft der
Milliardäre bauen, nicht über den Weg, hört auf den wahren
Propheten und betet, dass sein Traum wahr wird.»
Nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen,
nämlich das Wort des Glaubens. Denn die Schrift sagt:
Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern.
(Römer 10,6.10)

Von: Ralph Kunz

9. Mai

Dein Volk spricht: «Der HERR handelt nicht recht»,
während doch sie nicht recht handeln.
Hesekiel 33,17

Wer entscheidet eigentlich, wie wir handeln sollen und
was gerecht ist? Hesekiel war ein Prophet, und es war seine
Absicht, die Herrlichkeit Gottes zu verkünden. Er legte dar,
dass dem, der Unrecht begeht, aber bereut und umkehrt, das
Unrecht nicht angerechnet wird. Dass aber auch jener, der
kein Unrecht tut, sich nicht auf seine Gerechtigkeit verlassen
kann. Auch er begeht irgendwann Unrecht.
Es steht uns nicht zu, zu urteilen, wer recht und wer unrecht
handelt. Und es steht uns schon gar nicht zu, zu verurteilen.
Was wir vom Leben anderer Menschen mitbekommen, sind
nur kleine Ausschnitte. Wir wissen nicht, was hinter ihren
Taten steckt. Und auch wenn wir es wüssten, stecken wir
nicht in ihrer Haut.
Und wie ist es mit dem Urteilen über Gott? Manchmal denken
wir: Gott handelt ungerecht. Wir trauern über kranke
oder verstorbene Angehörige, wir verstehen nicht, warum
Unschuldige leiden müssen. Sollte Gott nicht ein Leben in
Gerechtigkeit für alle möglich machen? Mit der Frage nach
Gerechtigkeit setzt sich die Philosophie seit vielen Jahren
auseinander. Dennoch haben wir keine definitive Antwort,
die für alle richtig ist. Wie bereits Hesekiel verkündet hat,
kann niemand immer gerecht handeln. Aber wir dürfen hoffen
und glauben, dass umfassende Gerechtigkeit unerwartet
und unverdient zur Wirklichkeit aller wird.

Von: Monika Britt

8. Mai

Jesus sprach: Ihr sollt nicht meinen, dass ich
gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten
aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen,
sondern zu erfüllen.
Matthäus 5,17

Dieser Vers führt uns mitten in eine Szenerie, die so etwas
wie die Essenz des Neuen Testaments ist. Die Bergpredigt,
aus der dieser Satz stammt, zeigt uns Jesus als eine Art
neuen Mose, der statt vom Sinai zum jüdischen Volk nun
von einem Berg zu seinen Jüngern spricht.
Fast etwas penetrant wiederholt sich zweimal hintereinander
die Formulierung «Ich bin nicht gekommen, aufzulösen
». Damit zielt Jesus auf die menschliche Neigung, lieber
alles über den Haufen zu werfen, statt einen Wandel zuzulassen.
Sich ganz zu trennen, scheint manchmal der einfachere
Weg zu sein, als etwas Bewährtes in eine neue Lebenssituation
zu übersetzen. Jesus betont in der Bergpredigt die ewige
Gültigkeit von Gottes Geboten, die unser Zusammenleben
regeln, und fordert, diese den sich wandelnden gesellschaftlichen
Umständen anzupassen. Die Weisungen aus alter Zeit
sind nicht falsch, sagt er. Es geht darum, ihren eigentlichen
Kern auch in veränderten Zeiten zu bewahren. Schauen wir
auf das aktuelle Miteinander auf unserem Planeten, kommt
uns diese Haltung besonders kostbar vor. Nehmen wir diesen
Appell an, indem wir die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander
nicht aufgeben und indem wir in unserem Alltag
an den Geboten des Respekts und des Anstands gegenüber
unseren Nächsten festhalten.

Von: Esther Hürlimann

7. Mai

Der HERR antwortete Hiob: Wo warst du, als ich
die Erde gründete und zum Meer sprach: «Bis
hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier
sollen sich legen deine stolzen Wellen!»?
Hiob 38,4.11

Seit ich an den Bolderntexten mitschreiben darf, habe ich
mir gewünscht, dass mir eines Tages ein Vers aus dem Buch
Hiob zugelost wird. Nicht nur weil es als literarisches Meisterstück
gilt, sondern weil uns heutigen Menschen Hiob in
seinem Hadern mit dem Glauben so nahesteht wie kaum
eine biblische Figur. Sein Ringen mit Gott und sein Sichdarüber-
Beschweren, was ihm alles an Leid zugemutet wird –
wie sehr können wir das nachvollziehen. Doch werden wir
in diesem Buch auch mit einem Gott konfrontiert, der Hiob
ständig zurück in seine Schranken weist und ihm klarmacht,
dass ein gottesfürchtiges Leben nicht automatisch Glück auf
Erden garantiert.
Im heutigen Vers holt Gott gegenüber Hiob zu seiner grossen
Rede aus, worin er seine Souveränität über die Schöpfung
deutlich macht und Hiob dessen Begrenztheit aufzeigt.
Gott erinnert daran, dass wir Menschen nicht alles verstehen
können und er über allem steht. Auch wenn es uns schwerfällt,
diese aus einer patriarchalen Welt stammende dominante
Geste anzunehmen, steckt in ihr eine Haltung der
Demut, die uns in unserer heutigen Zeit guttut. Wir können
nicht alles verstehen. Wir müssen unser Bedürfnis, in allem
einen Sinn zu sehen, manchmal loslassen, ohne aber Hiobs
rebellisches Wesen ausser Acht zu lassen.

Von: Esther Hürlimann

6. Mai

So hört nun, ihr, die ihr ferne seid,
was ich getan habe, und die ihr nahe seid,
erkennt meine Stärke!
Jesaja 33,13

Gott kann uns nah und fern sein. Wir können Gottes Hilfe
und seine Nähe in Situationen eigener Schwäche und Hilflosigkeit
spüren. Es kann auch Phasen geben, in denen wir
von Gottes Führung und Liebe überhaupt nichts merken.
Dann scheint sich Gott zu verbergen und ganz fern zu sein.
Leider ist das allzu oft die Realität, in der viele Menschen vor
sich hinleben. Sie fühlen sich von Gott alleingelassen, nach
dem Motto: Ich bin Gott egal, also ist mir Gott auch egal.
Nähe gibt Menschen Kraft. Nähe gibt Sicherheit und das
Gefühl, nicht allein zu sein.
Nahe kommt uns Gott überall, wo sein Wort laut wird und
Menschen ihre Erfahrungen mit ihm teilen: im Gottesdienst,
in der Hausandacht, im Bibelkreis, beim Hausbesuch, im Religionsunterricht,
in der geistlichen Abendmusik. Nähe ist ein
Weg, um Liebe zu zeigen und Liebe zu erleben.
Wir sind Gott lieb und wichtig. Er möchte uns immer wieder
nahekommen. Wir sollen seine Stärke erkennen.
1938 hat Jochen Klepper gedichtet: «Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht. Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht. Wie wohl hat’s hier der
Sklave, der Herr hält sich bereit, dass er ihn aus dem Schlafe,
zu seinem Dienst geleit.» Vielleicht schauen wir heute in
unser Gesangbuch und stimmen uns auf die Nähe Gottes ein.

Von: Carsten Marx

5. Mai

Der HERR verstösst nicht ewig; sondern er betrübt wohl
und erbarmt sich wieder nach seiner grossen Güte.

Klagelieder 3,31–32

Vier Monate und ein paar Tage ist das Kalenderjahr 2025
schon wieder alt. Gerade in den ersten Tagen eines neuen
Monats halte ich gerne Rückschau: Was war alles im Vormonat
los? Wann war der Kalender besonders dicht gefüllt bei
mir? Oft denke ich mir im Rückblick auf den Vormonat: Gib
dem, was dir wichtig ist, Termine und nicht den Terminen
die Wichtigkeit. Wenn alles so einfach wäre!
Auch Jeremia hält Rückschau. Allerdings ist das kein
Monats- oder Jahresrückblick. Es ist ein Rückblick auf die
jüngste Geschichte seines Volkes Israel mit Gott. Jeremia
erkennt dabei, dass Gott auch verstossen kann. Wie Israel in
die babylonische Gefangenschaft, weil es Gottes jahrzehntelange
Warnungen in den Wind geschlagen hatte. Gott
kann auch betrüben oder Menschen Lasten auferlegen. Jeremia
weiss aber: Der HERR verstösst nicht ewig, sondern er
erbarmt sich wieder nach seiner grossen Güte. Gott hat
Weitblick! Gott kennt immer einen Weg für uns Menschen.
Gott lässt uns nicht fallen. Der Glaube an den Gott, der Menschen
Schwierigkeiten zumutet, ihnen aber auch in diesen
Schwierigkeiten hilft, dieser Glaube trägt an guten und an
schweren Tagen. Gott hat unzählige Menschen getragen
und er trägt auch in der Zukunft unzählige Menschen. Das
glaube ich.

Von: Carsten Marx

4. Mai

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang
und ist mein Heil.
2. Mose 15,2

Die Zürcher Bibel übersetzt die Losung so: «Meine Kraft und
meine Stärke ist der HERR und er wurde mir zur Rettung.»
Dieser Lobgesang folgt auf die eindrückliche Schilderung des
Durchzugs der Israeliten durch das Schilfmeer. Gott schenkte
Mose und dem Volk die Kraft, nicht nur aufzubrechen aus
Ägypten, sondern weiterzuwandern. Das war die Rettung.
Die Kraft kam von der Lebendigen, dem Gott des Lebens.
Diese Kraft, diese Stärke ist auch uns heute geschenkt. Sie
lässt uns weiterwandern, auch dann, wenn uns die Kraft zu
fehlen scheint. Mose war mit Gott in einer engen Beziehung.
Gott hat die Kraft geschenkt.
Ich weiss nicht, ob ich mit der Lebendigen immer in einer
engen Beziehung bin. Wohl eher nicht. Aber wenn ich Kraft
und Stärke brauche, dann bitte ich darum und komme wieder
auf die Beine, damit ich weiterwandern kann auf meinem
Lebensweg. Und ich hoffe, bitte darum, dass ich die Kraft
nicht einfach als einzelne Frau erhalte, sondern dass sie allen
Menschen zuteilwird. Denn gerade in unserer Welt brauchen
wir die Lebendige, die uns den Weg zur Gerechtigkeit und
zum Frieden zeigt. An uns ist es, daran festzuhalten, dass sie
das tut.
Schenke du uns und allen Menschen deine rettende Kraft.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud