Kategorie: Texte

3. Mai

HERR, neige mein Herz zu deinen Zeugnissen
und nicht zur Habsucht.
Psalm 119,36

Welch eine Aufforderung in einer Welt, in der die Reichen
immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Ich
kann zwei Anliegen des Psalmschreibers erkennen: Zum
einen geht es darum, darüber nachzudenken, was meine
Beziehung zu Gott, der Lebendigen, ausmacht. Ist es die
Erfahrung von Gottes Zuwendung zu den Menschen in der
ganzen Schöpfung? Ist es das Ringen darum, diese Zuwendung
wahrnehmen zu können? Ist es die Frage, was ich
dazu beitragen kann, dass diese Beziehung lebendig ist?
Zum andern lese ich das Anliegen, dass diese Beziehung zur
Lebendigen mich stark macht, um mich für eine gerechtere
Verteilung der Güter dieser Erde einzusetzen. Denn es ist
meine feste Überzeugung, dass wir das tun sollen. Wie aber
gehe ich um mit der Ohnmacht, die unweigerlich in mir
aufsteigt, wenn ich lese und höre, wie Reichtum und Macht
oft den Menschen und seine Würde vernachlässigen, gar
einfach übersehen?
Der Psalmschreiber hat den längsten Psalm der Bibel
geschrieben, um immer wieder mit einer anderen Erfahrung
auf die Lebendige und die Beziehung zu ihr aufmerksam zu
machen. Das ist zwar noch kein Weg aus der Ohnmacht,
wohl aber einer, der mich nachdenken lässt und auch Wege
aufzeigt, wie ich mein Leben gestalten kann auf Gerechtigkeit
und eine lebendige Beziehung zur Lebendigen hin.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Mai

Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
Josua 1,5

Aus dem Anfang des Josuabuchs stammt dieser Satz. Er gibt
wieder, was Gott zu Josua sagte, als er ihm den Auftrag gab,
die Nachfolge von Mose anzutreten und das Volk Israel in
das versprochene Land zu führen. Dieses Volk ist bekanntlich
eher störrisch, nicht leicht zu führen, und das Land ist ja
keineswegs unbewohnt – es droht Streit mit den ansässigen
Stämmen. Keine leichte Aufgabe also, und Josua mag sehr
wohl erhebliche Bedenken gehabt haben, auch wenn davon
in dieser Erzählung nicht die Rede ist. Da hat es solch einen
Zuspruch schon gebraucht: als Ermutigung zur Übernahme
dieser Aufgabe.
Und so können wir ihn immer noch lesen: als Ermutigung
zur Nachfolge, zur Übernahme dessen, was uns aufgetragen
ist, und dies auch, wenn Widerstand zu erwarten ist.
Unsere Aufgabe ist zum Glück nicht die Eroberung eines
Landes, vielleicht aber die Eroberung der Herzen, damit wir
das Land, die menschliche Gesellschaft für Gottes guten
Willen gewinnen. Vergleichbare «Berufungsszenen» finden
wir recht zahlreich in der Bibel, so etwa in der Geschichte
vom Fischzug (Lukas 5): Ein scheinbar sinnloses Unterfangen,
nach einer erfolglosen Nacht, in gefährlichem Terrain, dort,
wo es tief ist, bringt Erfolg. Simon Petrus und seine Begleiter
haben es auf das Wort Jesu gewagt, und zum Ende der
Geschichte sagt Jesus sein «Fürchte dich nicht».

Von: Andreas Marti

1. Mai

All sein Tun ist Wahrheit, und seine Wege sind recht,
und wer stolz einherschreitet, den kann er demütigen.

Daniel 4,34

Meist steht im Hebräischen für «Wahrheit» ein Wort, das
auch Treue oder Zuverlässigkeit bedeutet, speziell diejenige
Gottes gegenüber den Menschen – hier steht ein seltener
gebrauchtes. Es benennt, was richtig, sauber, in Ordnung
ist, und zwar gesprochen von König Nebukadnezar. Es ist
damit mindestens so sehr politisch wie religiös zu verstehen
und geht unsere Zeit direkt an. Die Politik wird zunehmend
dominiert vom Widerstreit zwischen Fakten und Fakes, zwischen
Wahrhaftigkeit und Lüge. Dabei werden schamlose
Lügen als «alternative Fakten» präsentiert.
Auf Lügen, auf Halbwahrheiten, auf dem Verschweigen
werden politische Programme gebaut, wird das Zusammenleben
vergiftet und werden auch bei uns Abstimmungskämpfe
geführt.
Anfang dieses Jahres haben Social-Media-Plattformen den
Faktencheck abgeschafft. Jetzt können Lügen noch dreister
verbreitet werden. Aber Gottes Tun ist Wahrheit, und wenn
wir seinem Willen folgen, ist Faktencheck Christenpflicht:
Protestieren gegen Fakes, gegen Diffamierungen, gegen
Lügen, auch wenn sie immer wieder daherkommen. Nicht
müde werden, zu sagen, was richtig, sauber, in Ordnung ist.
Man mag ja niemandem etwas Schlechtes wünschen, aber
wenn alle, die stolz mit ihren Lügen einherschreiten, durch
die Wahrheit gedemütigt würden …

Von: Andreas Marti

30. April

Dein, HERR, ist die Grösse und die Macht und die
Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit. Denn alles im Himmel und auf Erden ist dein.
1. Chronik 29,11

Dieser Schluss des Kollektengebets Davids ist von zentraler Bedeutung. Er dankt für die Unmengen an Gold und Silber, die die Gemeinde zusammengetragen hat, um den Tempel zu finanzieren. Die Losung bietet eine interessante Retrospektive angesichts klammer Kassen unserer Landeskirchen und Gemeinden. Wie viel von ökumenischer, die weltweite Herrlichkeit Gottes betonender Tätigkeit wird gerade in den Kirchen gestrichen! Gestrichen, weil in schrumpfenden Mitgliederzahlen sich ausdrückt, dass Gold und Silber, wie es David noch aufzutreiben vermochte, in den Gemeinden weniger werden. Und doch, ist es das, was den Wohlstand unserer Gemeinden ausmacht? Werden wir nicht vielmehr davon getragen, dass Gold und Silber unserer Gemeinden sich in der Arbeit der vielen ausdrückt, die sich umeinander kümmern, einander die Liebe Christi und den Geist Gottes im täglichen Leben zum Ausdruck bringen? In dieser Zuwendung, dieser Praxis, kommt sie zur Geltung, die Grösse und die Macht und die Herrlichkeit, der Ruhm und die Hoheit Gottes in der Welt. Zuwendung, die Heil und Heilung ausdrückt. Diese Geschichte vom Tempelbau erinnert mich an 1. Petrus 2,4, wo es heisst:
Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein … Das, so glaube ich, ist unsere Gabe zum Bau von Gottes Heiligtum in unserer Welt.

Von: Gert Rüppell

29. April

Wenn ihr alles getan habt, was Gott euch befohlen hat, dann sagt: Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur getan, was uns aufgetragen war. Lukas 17,10

Auf den ersten Blick wirkt dieser Vers schroff. «Diener – weiter nichts!» Ist es nicht so, dass wir irgendwo im Verborgenen eine geheime Rechnung führen: dass mir meine Guttaten (wenn es denn welche sind) angerechnet werden. Dass ich ebenso in Sorge bin, es könnte nicht reichen. Muss man sich am Ende das Himmelreich doch irgendwie verdienen?
Auf den zweiten Blick ist es eben gerade keine Rechnung. Tun, was Gott euch befohlen hat, Gottesdienst also, ist Leben: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst.» (Lukas 10,27)
In einem Radio-Interview über Hoffnung und ein sinnvolles Leben sagte der Historiker und Publizist Philipp Blom: «Wir brauchen einen Horizont, der grösser ist als das eigene Leben. Die Welt ist veränderbar, und ich habe einen Beitrag. Ich bringe meinen Beitrag, weil ich weiss, dass es richtig ist, nicht weil es Erfolg verspricht.» Das «Richtige», das, was uns aufgetragen ist, kann Mut oder Verzicht oder Ansehen oder Geld oder Schweiss kosten und ist vor Zweifeln nicht gefeit. Aber ob es gelingt oder nicht, es hat den Lohn in sich selbst.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. April

Eile, mir beizustehen, HERR, meine Hilfe. Psalm 38,23

Warten ist schwer. In der Not muss Hilfe kommen, und zwar schnell! Wenn nötig mit Blaulicht und Martinshorn. Bei Unfällen oder akuter Krankheit dehnen sich die Warteminuten zu Ewigkeiten.
Aber auch in einer Not, die das Leben nicht unmittelbar bedroht, ist es schwer, nichts tun zu können, den Schmerz, die ungelöste Situation, den Verlust aushalten zu müssen. Was «nicht zum Aushalten» ist, muss manchmal noch lange ertragen werden.
Psalm 38 liest sich wie ein Hilfeschrei. Der Psalmdichter deutet seine Krankheit als wohlverdiente Strafe Gottes, als Züchtigung: «Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn! … Meine Vergehen kommen über mein Haupt, sie erdrücken mich wie eine schwere Last.»
Magisches Denken? Es ist uns auch heute nicht allzu fern, trotz Aufklärung und nüchterner Ratio. «Womit habe ich das verdient?» und «Warum gerade ich?», fragen wir, wenn uns ein schweres Schicksal trifft. Meistens gibt es darauf keine Antwort.
Manchmal kommt die Hilfe auf leisen Füssen, fast unbeachtet, wie das erste Dämmerlicht des Tages. Erst rückblickend merken wir: Ich habe überlebt, überwunden, bin weitergekommen. Wie ist das geschehen? Vielleicht, wie Jakob bezeugt: «Fürwahr, der Herr war an dieser Stätte und ich wusste es nicht.» (Genesis 28,16)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. April

Jesus erzählt im Gleichnis: Der Schuldner warf sich
vor ihm nieder und bat: Hab doch Geduld mit mir!
Ich will dir ja alles zurückzahlen. Da bekam der Herr Mitleid; er gab ihn frei und erliess ihm auch noch die ganze Schuld.
Matthäus 18,26–27

Vor ganz genau fünfhundert Jahren erhoben sich in weiten Teilen Deutschlands und verschiedenen Regionen der heutigen Schweiz Untertanen gegen die Herrschaft. Es waren die kurzen Monate des «Bauernkriegs». Sehr viele Menschen, gerade auf dem Land, nahmen die Gedanken von Luther und Zwingli und anderen Reformatoren begierig auf. In ihren beschwerlichen Lebensumständen verstanden sie «Die Freiheit eines Christenmenschen» oder «Göttliche und menschliche Gerechtigkeit» als befreiende Botschaften.
Reformatorische Flugschriften und lokale Prediger liessen sie erkennen, was tatsächlich in der Bibel steht. Zum Beispiel in den Gleichnissen Jesu, wo Schuld und Schulden die umwerfende Alternative von Schuldenerlass und Gottes Gnade gegenübergestellt wird. Sie erkannten in den Texten ihre eigene Abhängigkeit von adliger, klösterlicher, städtischer Obrigkeit. Sie teilten einen, bald von Gewalt und Macht niedergerungenen, Moment der Utopie vom Ende ungerechter Herrschaft. Ein Geist von Gemeinschaftlichkeit und biblischer Spiritualität erfüllte die Massen, wie dies in der europäischen Geschichte kaum je der Fall war. Bis heute. Deshalb ist die Erinnerung daran kostbar.

Von: Matthias Hui

26. April

Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt,
und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen
davon haben.
Prediger 5,9

Wir sitzen in einem Bergrestaurant und tauschen uns über die Weltlage aus. Die Stimmung verdüstert sich rasch. Jemand in der Runde erwähnt Elon Musk. Er verfüge über vierhundert Milliarden Dollar Vermögen, sei im Besitz strategisch wichtiger, global tätiger Unternehmen und lege einen missionarischen Eifer zutage, die Machtergreifung von rechtsextremen Kräften zu alimentieren. Er sei der aktuelle Beweis in Person, dass Reichtum von politischem und gleichzeitig persönlichem Nutzen ist. Musk gegenüber läuft der biblische Prediger mit seinen frommen Sprüchen ins Leere. Geld regiert die Welt.
Gerade weil diese Tatsache im Moment zu oft unverrückbar erscheint, brauchen wir eine andere Vision der Welt. Eine, in der Mächtige wieder vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht werden. Eine, in der Hungrige beschenkt werden und Reiche leer ausgehen.
Wir erzählen einander am Tisch Geschichten von Menschen, die ohne grosse Ressourcen Mutmachendes wagen. Zum Beispiel die Bergbevölkerung am Ort mit ihrem Solarskilift, mit ihrem kleinen Hospiz für alte und kranke Menschen, mit kreativem Anbau alter Getreide- und Kartoffelsorten, von denen Menschen satt werden. Wir löffeln unsere Gerstensuppe aus und bezahlen. Die junge Kellnerin trägt ein Designer-T-Shirt mit dem Aufdruck «Gast auf Erden».

Von: Matthias Hui

25. April

Die Israeliten sprachen zu Samuel: Lass nicht ab,
für uns zu schreien zu dem Herrn, unserm Gott,
dass er uns helfe.
1. Samuel 7,8

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden gebeten, sie oder er möchte doch bitte für Sie beten? (Ich hoffe nicht, dass jemand für sie hätte zu Gott schreien müssen!)
Wir lernen, es sei erstrebenswert, möglichst autonom zu sein. Freiheit heisst für uns: «Ich kann tun und lassen, was ich will.» Sogar die klassische Einschränkung, dass die Freiheit meiner Nächsten meiner Freiheit eine Grenze setze, wird inzwischen von manchen in Frage gestellt.
Und so ist der Verlust der Unabhängigkeit für viele Menschen in unserem Land etwas vom Schlimmsten, was sie sich vorstellen können. Entsprechend schwierig wird es, wenn sie –
wie viele alte Menschen es erleben – nicht mehr die Kraft haben, ein unabhängiges Leben zu führen, sondern angewiesen sind auf die Unterstützung und Betreuung durch andere.
Wir Menschen sind von Anfang an auf Gemeinschaft, auf gegenseitige Abhängigkeit angelegt. Wir sind aufeinander angewiesen. Wie erbärmlich wäre mein Leben, wenn ich es allein und aus eigener Kraft leben müsste. Wie gut, dass ich Verwandte, Nachbarinnen, Freunde, Kollegen habe, denen ich nicht egal bin und die umgekehrt mir nicht gleichgültig sind. Und was für ein Privileg, dass wir füreinander beten können.

Von: Benedict Schubert

24. April

Sie wunderten sich über die Massen und sprachen:
Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.
Markus 7,37

Jesus nimmt den Taubstummen, der zu ihm gebracht wird, beiseite, «weg aus dem Gedränge» (Markus 7,33). Vielleicht liegt in dieser ersten Geste bereits eine Bedingung zur Heilung. Jesus löst den einzelnen Menschen aus der Menge, ermöglicht die persönliche Begegnung, nimmt sich Zeit.
Die tatsächliche Heilung vollzieht sich durch Berührung. Jesus legt seine Finger in die Ohren des Taubstummen, berührt dessen Zunge mit seinem Speichel. Doch die Kraftübertragung allein genügt nicht, Jesus blickt zum Himmel, bevor er sagt: «Tu dich auf!» (Markus 7,34) Das Wunder der Heilung ereignet sich in einem Dreieck: Zuwendung, Berühren und Berührtwerden, Hinwendung und Sich-Öffnen für Gott.
Die Zeuginnen und Zeugen der Heilung ignorieren den Befehl Jesu, das Gesehene für sich zu behalten. Ihre Verwunderung und ihr Wille, es zu erzählen, sind zu gross. Die frohe
Botschaft, die sie verbreiten, geht über das Wunder der Heilung eines Einzelnen hinaus. Denn die Tauben hören und die Sprachlosen reden zu machen, ist Auftrag und Hoffnung zugleich. So oft haben wir es nötig, die eigene Taubheit zu überwinden und auf unerhörte Stimmen zu hören. Und so vielen Sprachlosen fehlt Zuwendung in dieser Welt.

Von: Felix Reich