Kategorie: Texte

9. Juni

Und wenn man euch abführt und vor Gericht stellt,
dann sorgt euch nicht im Voraus, was ihr reden sollt,
sondern was euch in jener Stunde eingegeben wird,
das redet. Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern
der Heilige Geist.
Markus 13,11

Letztes Jahr erbte ich aus dem Nachlass eines verstorbenen
Kollegen das Buch «Du hast mich heimgesucht bei Nacht».
Es versammelt viele Zeugnisse aus den letzten Lebensstunden
von Opfern der Nationalsozialisten. Was genau sie
sagten, als sie vor dem für seine Hasstiraden gefürchteten
NS-Richter Roland Freisler standen, steht nicht im Buch.
Die meisten ihrer Briefe und Tagebuchaufzeichnungen sind
getragen von einer tiefen Zuversicht auf die Hilfe, von der
Jesus im Markusevangelium spricht. Alle haben, zum Teil
schon sehr früh, die Gottlosigkeit des Regimes erkannt und
alle haben sich auf die eine oder andere Weise dagegengestellt.
Lange las ich die Markusstelle so, als verspreche Jesus Hilfe,
wie jemand durch geschicktes, von Gott eingegebenes Argumentieren
in letzter Sekunde den Kopf aus der Schlinge
ziehen kann. Jesus versprach Hilfe, sich nicht selbst abhandenzukommen,
auch unter grösstem Druck.
Keiner der im Buch Vorgestellten überlebte. Nicht Hoffnung
auf Rettung begründete ihre Zuversicht, sondern das
Wissen, im Leben und im Sterben vom Auferstandenen
selbst getragen zu sein.

Von: Heiner Schubert

8. Juni

Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte,
wo sie versammelt waren; und sie wurden alle
vom Heiligen Geist erfüllt und redeten das
Wort Gottes mit Freimut.
Apostelgeschichte 4,31

Und sie bemerkten, dass alles, was sie beteten, irgendwann
auch tatsächlich wahr wurde. Und so beteten sie weiter und
«bestellten» sich schöne Dinge im Himmel, schon bald ohne
Rücksicht auf Verluste. Und sie beteten sich das Paradies
auf die Erde zurück, und Gott bemerkte es, und so sassen
sie wieder im Garten Eden und alles ging von vorne los …
Wie oft fallen wir in alte Muster und kehren wieder an den
leidigen Anfang zurück? Oft braucht es viele Wiederholungen,
bis etwas sitzt und passt. Die Psychologie redet von
Verhaltensänderungen. Mit dem Rauchen aufhören; mehr
Gemüse essen; Velo statt Auto nehmen; positiv statt negativ
denken; dankend und nicht bestellend beten. Alte Muster
über Bord werfen und sich jetzt für das Neue entscheiden.
Wir haben dieses eine Leben geschenkt bekommen und
wir sollten alles darangeben, es für uns und unsere Mitmenschen
so gut und liebevoll wie möglich zu gestalten.
Wenn der Heilige Geist weht, dann einfach zulassen und den
Moment aufsaugen.

Von: Markus Bürki

7. Juni

Sie trieben Jesus aus Nazaret hinaus – bis an den
Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war. Dort
wollten sie ihn hinunterstürzen. Aber Jesus ging mitten
durch die Menge hindurch und zog weiter.
Lukas 4,29–30

In diesem Abschnitt des Lukasevangeliums wird spürbar,
wie mächtig die Kraft von Jesus ist. Wie schön ist doch das
Bild, wenn wir uns in der heutigen Zeit vorstellen, dass dieser
kräftige Jesus einfach alle Machthungrigen und Besessenen
von ihren Übeltaten befreit und sie kurzum zu Mitarbeitenden
für eine lebenswerte Zukunft macht. Das Reich
Gottes schreit – Trump, Musk und viele andere schreien
lauter. Jesus war meiner Meinung nach ein Randständiger
ohne Master in Theologie, er hatte keinen festen Wohnsitz,
kein fettes Bankkonto und kein Smartphone. Geschrien hat
er auch selten. Wie kann so einer so berühmt und für so viele
Menschen so wichtig werden? Wie kann er einfach mitten
durch die Menge gehen, ohne dass ihm jemand was anhaben
kann? Seine Macht schien unendlich und doch wissen
wir, wie es gekommen ist. Andere schrien noch lauter und
schon war es vorbei mit der Glückseligkeit. Der Erlöser starb.
Wie geht es weiter? Für mich kann es unmöglich Zufall sein,
dass Jesus berühmt geworden ist. Zufall und Christianisierung
hätten diese Geschichte nie im Leben zur Nummer
eins der Weltliteratur machen können. Was steckt da genau
dahinter? Das ist es, was mich seit Jahren antreibt, diesem
Jesus auf der Spur zu blieben. Ich kann es nur empfehlen.

Von: Markus Bürki

6. Juni

Um Jerusalem her sind Berge, und der HERR ist um
sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.
Psalm 125,2

Wenn israelitische Pilger in biblischer Zeit für ein Fest nach
Jerusalem reisten, stiegen sie hinauf ins Bergland von Judäa.
Die Stadt lag nicht ganz am höchsten Punkt, sondern in einer
leichten Senke. Sie war umgeben von Hügeln, die noch etwas
höher waren. Ganz in der Nähe befand sich der Ölberg mit
seinen drei Kuppen. Weiter entfernt waren andere, noch
höhere Erhebungen. Um sie alle zu sehen, musste man sich
beim Tempel einmal um die eigene Achse drehen. Mit dem
Stichwort «rings um» – gemäss hebräischer Wurzel – macht
der Psalmvers einen bildhaften Vergleich. Wie Jerusalem von
Bergen umgeben ist, so erhoffte sich die Stadt Schutz durch
Gottes Gegenwart und seine lebensfreundliche Macht.
«Jerusalem: Berge sind rings um es. Und der HERR ist rings
um sein Volk.» Dieses Bekenntnis drückte eine Hoffnung
aus, die aber keine Garantie war. Denn es war nicht vergessen,
dass man den gleichen Ausdruck brauchen musste, um
den Aufmarsch feindlicher Armeen zu beschreiben. Sie hatten
sich «rings um» Jerusalem aufgestellt, um die Stadt zu
belagern und schliesslich zu erobern. Neben das Vertrauen
auf Gott stellt der Psalm eine Warnung: Die Menschen sollen
sich nicht an ungerechten Machenschaften beteiligen. Und
am Schluss steht ein grosser Wunsch, der bis heute aktuell
ist: «Friede über Israel.»

Von: Andreas Egli

5. Juni

Gott spricht zum Frevler: Was redest du von
meinen Geboten und nimmst meinen Bund in
deinen Mund, da du doch Zucht hassest und
wirfst meine Worte hinter dich?
Psalm 50,16–17

Wie von einem Propheten hört man im Psalm ein Gotteswort
in direkter Rede. Was ist ein rechter Gottesdienst? Was
ist ein guter Umgang mit den göttlichen Geboten? Zwar
sollen die Israeliten viel von ihnen reden (5. Mose 6,7). Aber
ebenso wichtig ist die Frage, ob sie auf den Alltag eine Auswirkung
haben. Der eine kann ein Wort im Mund führen –
und es dann doch hinter sich werfen, sodass es wirkungslos
liegen bleibt. Dann tritt er zwar wie ein frommer Mensch
auf, ist aber eigentlich das genaue Gegenteil: ein Frevler, ein
Bösewicht. So sagt es der Zwischentitel, der vermutlich später
eingefügt wurde. Der andere geht so mit einem Bibelwort
um, dass er bestrebt ist, von ihm etwas zu lernen. Das ist
das positive Anliegen des Losungsverses. Der altertümliche
Ausdruck «Zucht» ist heute schwer verständlich. Zugänglicher
ist der Begriff, der in der griechischen Bibelübersetzung
gebraucht wird: paideia. Es geht um Erziehung, Bildung,
Unterweisung im Feld der Ethik. Im Leben soll ein Lernprozess
stattfinden, der das Verhalten prägt. Die folgenden
Psalmverse beziehen sich auf die Gebote im zweiten Teil der
Zehn Gebote. Sie halten Werte fest, die für das Verhältnis zu
den Mitmenschen grundlegend sind.

Von: Andreas Egli

4. Juni

Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort
meines Heils.
Psalm 89,27

Die heutige Losung ist einem Weisheitslied entnommen. Es
erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen
hat. Die Zürcher Bibel spricht im heutigen Vers vom Felsen.
Gott als Felsen, Vater und Mutter. Im Altwerden erinnere
ich mich an Situationen, in denen meine Mutter und mein
Vater für mich ein Felsen waren. Etwa dann, wenn ein Elternteil
ernsthaft krank war und der andere der Felsen war. Zu
diesem Felsen gehört das Vertrauen. Vertrauen in Gott, die
Lebendige. Und so spricht der Psalm auch von Gnade. Vater
und Mutter können zuhören, können einen Konflikt wieder
wegstecken. Das ist vielleicht das wichtigste Merkmal des
Felsens, dass er oder sie uns annimmt, mit allem, was Leben
ausmacht. An uns ist es, immer wieder neu dieser Gnade,
von der auch der Psalm spricht, zu vertrauen. So können wir
Schweres überwinden und neue Kraft sammeln. Ich meine,
das gehört zur Weisheit.
Und noch etwas: Der Bund, den Gott mit seinem Volk
geschlossen hat, ist nicht eine Zusage an einen einzelnen
Menschen, sondern an das Volk. Also sind wir eingeladen,
auch von uns wegzuschauen hin zu den Menschen, die uns
hier und weltweit umgeben.
Dein ist der Himmel, dein auch die Erde. (Vers 12)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6,3

Jesaja hat eine Vision im Tempel. Er sieht den HERRN auf
seinem Thron und über ihm stehen Serafim, die einander
zurufen: «heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!» Im Kommentar
lese ich, dass Jesaja ein Prophet war, auf den niemand
hören wollte. Denn eines seiner Ziele war, die Menschen zur
Umkehr zu bewegen. Aber was bedeutet «Umkehr»? Vertraute
Wege verlassen und neue Ziele erreichen? Mein Leben
ändern? Ganz einfach nachdenken und mir bewusst werden,
wo ich stehe. Zur Umkehr gehört auch, die Gemeinschaft
der Menschen hier und weltweit anzuschauen und sich zu
fragen, wie wir die Gemeinschaft gerecht gestalten können.
Und das wiederum bedeutet, aufzubrechen, die Stimme zu
erheben, selbst wenn scheinbar niemand sie hören will. Es ist
wohl etwas hoch gegriffen, wenn ich von den prophetischen
Stimmen spreche. Aber eines wünsche ich mir: dass die Kirchen
ihre Stimme erheben und Stellung beziehen zugunsten
der Menschen, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der
Schöpfung. Dass sie Menschen mitnehmen auf den Weg der
Umkehr, hin zum Nachdenken darüber, was der Prophet uns
sagen will. Dann singen wir gemeinsam Lieder und stimmen
das Lob Gottes, der Lebendigen, an, denn sie ist es, die uns
die Kraft schenkt, um den Weg weiterzugehen.

Danke, dass wir auf deine Stimme hören dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Juni

Jesus sprach zu Zachäus: Heute ist diesem Hause
Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.
Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen
und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,9–10

Jesus war nicht wählerisch beim Essen. Er hatte oft Hunger.
Heute und hierzulande sind wohl die meisten heikler als er.
In Lenzburg läuft noch bis Ende Oktober «Hauptsache
gesund. Eine Ausstellung mit Nebenwirkungen». Gesundheit
und Heilung von allen möglichen Krankheiten sind die
grossen Versprechen unserer Zeit. Sie erreichen bei manchen
Menschen die Stufe des Religionsersatzes. Dafür tun
sie fast alles. Dann kommen nur Superfood und perfekt
abgestimmte Spurenelemente auf den Tisch.
Zu naschen gibt es auf dem interaktiven Parcours im Stapferhaus
entweder Schoggi, völlig geschmacklose Vitaminpillen
oder fein gewürzte Heuschrecken wie seinerzeit bei
Johannes dem Täufer (Markus 1,6), leider ohne Honig.
Die Seligkeit hängt gerade nicht an dem, was auf den Tisch
kommt. Zachäus lernt, dass es auf den Gast ankommt, der
sich da so frech selbst eingeladen hat. Aber viele Gäste
zu haben, ist gesundheitsförderlich: «Der Fokus auf hundert
Prozent physiologische Gesundheit isoliert uns. Wir
unterschätzen den Einfluss der gemeinsamen Mahlzeit auf
die soziale Gesundheit. Dort wo die Leute besonders gesellig
leben, werden sie auch besonders alt.» (Prof. Gunther
Hirschfelder, Kulturwissenschaftler)

Von: Dörte Gebhard

1. Juni

Hanna betete: Ach, HERR Zebaot, sieh das Elend
deiner Magd an! Denk doch an mich und vergiss
deine Magd nicht! Schenk deiner Magd einen Sohn!
Dann will ich ihn dem HERRN überlassen sein
ganzes Leben lang.
1. Samuel 1,11

Hanna hat zum Leben zu wenig: kein Kind und damit keine
eigene Zukunft, kein Ansehen bei der anderen Frau ihres
Mannes und nach vielen Jahren keine Lebensfreude mehr.
Hanna hat zum Sterben zu viel: die wahrhaftige Liebe ihres
Mannes trotz ihrer Unfruchtbarkeit, das innige Gebet zu
Gott und ihre grosse Weisheit.
Sie hat schon als kinderlose Frau von Kindererziehung
mehr verstanden als viele Eltern. Denn kein Mensch kann
ein Kind haben. Es gehört den Eltern nicht. Ein Kind ist ihnen
von Gott anvertraut. Es ist eine Lebensaufgabe, eine Herausforderung,
ein Grund, täglich innig zu beten, aber niemals
Besitz. Hanna weiss das von vornherein. Vielleicht lässt sich
Klugheit von Erziehungsberechtigten zu allen Zeiten daran
messen, wann sie Hannas Weisheit zu verstehen beginnen:
wenn die Kinder das erste Mal auswärts übernachten, wenn
sie in die Schule kommen, wenn sie beginnen zu pubertieren
oder wenn sie von zu Hause ausziehen.
Hannas Weisheit wäre allerdings zu nichts nütze ohne ihr
Gottvertrauen. Sie wird den Sohn nicht irgendwann dem
Getümmel der Welt überlassen, sondern legt ihn Gott ans
Herz, schon bevor er ihr geboren wird. Aber auch wenn schon
Grosskinder auf der Welt sind, ist es dafür nicht zu spät.

Von: Dörte Gebhard

31. Mai

Die Reichen sollen Gutes tun, reich werden an
guten Werken, freigebig sein und ihren Sinn auf
das Gemeinwohl richten. So verschaffen sie sich eine
gute Grundlage für die Zukunft, die dazu dient,
das wahre Leben zu gewinnen.
1. Timotheus 6,18–19

Diese Sätze könnten geradezu von den Juso stammen.
Kritische junge Menschen haben in der Schweiz ein Volksbegehren
formuliert und es – ganz in der Sprache des Timotheusbriefs
– «Initiative für eine Zukunft» benannt. Weil
aber nur ein frommer Appell «Die Reichen sollen Gutes tun,
freigiebig sein und ihren Sinn auf das Gemeinwohl richten»
wohl wenig Veränderungen bewirken würde, wollen die Juso
ihr Anliegen verbindlich in die Verfassung schreiben. Die
Jungpartei fordert eine Erbschaftssteuer, damit der Reichtum
von wenigen zur guten Grundlage für die Zukunft aller
werden könne. Sie schlägt einen Steuersatz von 50 Prozent
ab einem Freibetrag von 50 Millionen Franken vor.
Die Einnahmen sollen sozial gerechten Klimaschutzmassnahmen
und dem ökologischen Umbau der Wirtschaft dienen.
Gerade die Superreichen tragen mit ihren Yachten und
Privatflugzeugen, mit ihren Spekulationen und Geschäftspraktiken
enorm zur Klimakatastrophe bei. Es geht beim
Vorschlag weder um Neid noch um Zwang. Es geht darum,
das wahre, gute Leben zu gewinnen. Und dies nicht erst im
Himmel, wenn es für die Bewahrung der Erde zu spät ist.

Von: Matthias Hui