Kategorie: Texte

23. Mai

Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem
Knecht: Geh schnell hinaus auf die Strassen und Gassen
der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und
Blinden und Lahmen herein.
Lukas 14,21

Die Geschichte hat einen kleinen Schönheitsfehler: Der
Hausherr hat nämlich zuerst andere, wohlhabende Leute
eingeladen, die nun plötzlich nicht kommen können. Darüber
ist er wütend, öffnet dann aber sein Haus, in dem alles
schon bereitsteht, für die Randständigen. Dann hört die
Geschichte ohne weitere Erklärung auf. Man erfährt nicht,
wie dieses Gastmahl verlaufen ist, ob es eine einmalige
Begegnung war oder ob das gemeinsame Essen die Teilnehmenden
einander nähergebracht hat.
Trotzdem, eine schöne Geschichte, die ich noch in einer
anderen Version kenne, in «Michel aus Lönneberga» von
Astrid Lindgren. Dort lädt Michel mit Hilfe des Knechts
Alfred die Armen aus dem Armenhaus auf den Katthult-Hof
ein, nachdem er erfahren hat, dass die böse Vorsteherin alle
Würste, die Michels Mutter den Armen zu Weihnachten
geschickt hatte, selbst verspeist hat. Es wird ein grandioses
Weihnachtsfest!
Meine beiden Kinder haben den Film aber nicht so gerne
geschaut. Warum? Weil die Armen ungepflegt aussehen
und nicht schön essen. Ein unwichtiges Detail? Ich glaube
eher, ein Zeichen dafür, dass da ganz unterschiedliche Leben
zusammenkommen. Wie begegnet man sich da?

Von: Katharina Metzger

22. Mai

Die kanaanäische Frau fiel vor Jesus nieder und sprach:
Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist
nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und
werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch
essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer
Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr:
Frau, dein Glaube ist gross. Dir geschehe, wie du willst!
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 15,25–28

Hoppla! Das ist eine Geschichte, die gleich mehrere Fragen
aufwirft und Empörung in mir weckt. Ich möchte mich gerne
neben diese Frau stellen, die Arme in die Seiten stützen und
diesem Jesus zurufen: «Was soll denn das? Du willst also ein
Spezialbrot für ein paar Auserwählte sein? Und du bezeichnest
diese Frau und ihr Volk als Hunde? Du verweigerst ihr
deine Hilfe? Auf dieses Brötchen kann ich getrost verzichten!»
Nicht so die Frau: Sie reagiert nicht auf die schroffe Abweisung.
Im Gegenteil: Sie sagt, die Krümel von diesem Brot, die
unvermeidlich vom Tisch fallen, würde sie sowieso essen. Da
geschieht etwas mit Jesus, er anerkennt ihren grossen Glauben
und die Hoffnung, die sie in ihn setzt. Es ist, wie wenn
sich etwas weitet: Das heilsame Brot darf geteilt werden, die
Tochter wird gesund.
Hat die Frau Jesus verändert? Ich nehme jedenfalls dies
mit: Beide, die Frau und Jesus, haben sich bewegt, weg von
starren Positionen, weg vom Stolz. Eine heilsame Bewegung.

Von: Katharina Metzger

21. Mai

Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände
nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir,
ein starker Heiland.
Zefanja 3,16–17

Wenn wir bei den Ferienspielen – einem Angebot unserer
Kirchgemeinde für Kinder von der 1. bis 6. Klasse – mit den
Kindern eine Nachtwanderung machen, ist es auch für mich
etwas gruselig. Wir sind ohne Taschenlampe unterwegs. Im
Wald setze ich behutsam einen Fuss vor den anderen. Vorsichtig
ertaste ich meinen Weg durch die niedrig hängenden
Zweige. Ab und zu fragt ein Kind, ob es meine Hand halten
darf. Manchmal ist es draussen zu dunkel für einen allein.
Es ist gut, dass wir einander haben. Gegen die Unsicherheit.
Gegen die Angst. Danke, Gott, dass auch du da bist.

Vorgestern Abend – es war schon dunkel – traf ich mich
mit zwei Frauen in einer kleinen Kirche auf einem Berg. Wir
stimmten ein in den grossen Gesang des Friedens. Wir sangen
Lieder aus verschiedenen Religionen und Kulturen, erinnerten
uns im Gebet und in der Stille, dass wir Menschen
in Liebe und Mitgefühl miteinander verbunden sind. Ich
fühlte mich geborgen, getragen vom Ort und von den Stimmen.
Wenn ich nachts allein unterwegs bin, singe ich gerne
gegen die Angst an: «Bless the Lord, my soul, and bless God’s
holy name. Bless the Lord, my soul, who leads me into life.»
(Psalm 103,1–2)

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. Mai

So spricht der HERR: Ich habe dein Gebet gehört
und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund
machen.
2. Könige 20,5

Endlich! Gott hat mich gesehen. Meine Tränen, mein Leid.
Alles, was mich beschäftigt, was mir auf dem Herzen liegt. Ich
habe es vor Gott gebracht. Immer wieder. Und jetzt, endlich,
hat er mich gehört. Erhört. – Aber das heisst noch nicht, dass
es jetzt sofort besser wird. Ich werde wohl weiterhin Geduld
haben müssen. Meistens braucht es Heilungszeit. Das geht
nicht von jetzt auf gleich. Nach und nach werde ich gesund.
Langsam geht es besser. Doch selbst wenn die Wunden verheilen:
Narben bleiben.

Ich blättere gerade im Gedichtband «Ortlose Nähe» von
Erika Burkart, als deine Zeilen mich erreichen, lieber Lars.
Darf ich dir heute mit einem Gedicht von Erika Burkart antworten?
Es heisst «Die Häutung»:

Schale um Schale
und Haut um Haut.

Wie man litt zeitlebens
an seinem verborgensten
Korn.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

19. Mai

Jesus sprach zu den zweiundsiebzig Jüngern:
Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst:
Friede sei diesem Hause!
Lukas 10,2.5

den fuss
noch nicht einmal
auf der schwelle
dem haus
dahinter
frieden wünschen
und allen
die das haus
bewohnen
der blick
in die stube
verändert sich
das brot
auf dem tisch
bricht sich
so leicht


© Ruth Näf Bernhard: Meine Seele läuft barfuss dem Wort
hinterher. Das Lukasevangelium in Gedichten gespiegelt.
TVZ 2022

Von: Ruth Näf Bernhard

18. Mai

Der HERR kennt die Gedanken der Menschen:
Sie sind nur ein Hauch!
Psalm 94,11

Unsere Gedanken sind nur ein Hauch. Wie froh bin ich, dass
Gott das weiss. Dass er weiss, dass meine Gedanken sich
ändern. Und die meiner Mitmenschen auch. Nichts von
dem, was wir denken und sagen, bleibt in Stein gemeisselt.
Auch wenn wir es oft meinen. Alles Denken bleibt vorübergehend.
Wie froh bin ich, dass Gott das weiss. Wir dürfen
unsere Meinung ändern, ohne dafür verurteilt zu werden.
Leben heisst Veränderung. Auch das Scheitern gehört dazu.

Wenn ich auch denke: Jetzt wankt mein Fuss,
stützt mich doch, HERR, deine Gnade.
Wenn dunkle Gedanken in meinem Herzen mächtig werden,
erheitert dein Trost meine Seele.
(Psalm 94,18 f.)


Unsere Gedanken sind nur ein Hauch. Wie froh bin ich,
dass Gott das weiss. Wir brauchen Nachsicht, Gnade und
Trost. Denn manchmal ist es zum Verzweifeln. Weil wir den
Worten nicht trauen können. Nicht den eigenen. Und nicht
jenen der anderen. Auch sie dürfen ihre Meinung ändern,
ohne von mir verurteilt zu werden. Wir brauchen Nachsicht,
Gnade und Trost. Damit wir dennoch vertrauen können.
Dass etwas bleibt. Dass wir nicht verloren gehen. Dass wir
aufgehoben bleiben. Sie und ich. Nicht für immer in Stein
gemeisselt. Doch aufge

Von: Ruth Näf Bernhard

17. Mai

Die Gnade des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit
auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten.

Psalm 103,17–18

Der Psalm 103 ist das Hohelied von der Güte Gottes, die für
alle Geschöpfe rund um den Erdball gilt. Und das, obwohl
gerade die Menschen sehr «vorübergehende» Wesen sind:
Des Menschen Tage, meine Tage, sind wie Gras, ich blühe
wie eine Blume des Feldes – wenn der Wind darüberfährt,
bin ich dahin, und meine Stätte weiss nicht mehr von mir
(Verse 15 und 16.). Schon mit dem ersten Wort im nächsten
Vers wird dieser biologischen Gegebenheit meines kurzen
menschlichen Seins die unermessliche Grösse und Weite
von Gottes Zuwendung zu den Menschen gegenübergestellt:
Mit dem «aber» und «von Ewigkeit zu Ewigkeit»
wird eine Dimension angesprochen, die jenseits aller meiner
Vorstellungskraft ist. Das ist Gottes Dimension. Und diese
unbeschreibliche Zuwendung, die allen – uns allen! – von
Gott her zukommt, wird Gnade genannt. Ein letztlich unerklärbarer
Vorgang, der einzig dem Wollen Gottes entspringt.
Gott will, dass alle Menschen ein behütetes Leben führen
können. Unter seinem Schutz. Das ist der für mich spürbare
Ausdruck von Gottes Güte zu allem und allen, die den ganzen
Psalm durchdringt.
Und diese gilt an jedem einzelnen Tag!

Von: Hans Strub

16. Mai

Ich will hoffen auf den HERRN, der sein Antlitz
verborgen hat vor dem Hause Jakob.
Jesaja 8,17

Wenn die Mauern oder Pfeiler unserer Kirchen gefragt würden,
welches die Wörter sind, die hier drinnen am meisten
ausgesprochen werden, sie würden wohl antworten (wenn
sie denn könnten): Frieden, Glaube, Liebe, Hoffnung … Das
letztgenannte dürfte heutzutage gar überwiegen. In unserer
unvermittelt noch komplizierter gewordenen Welt braucht
es Hoffnung ganz besonders. Wer Hoffnung sagt, redet von
einer anderen Wirklichkeit. Sie ist verborgen, aber sie existiert.
Und sie wirkt in die Realität, die uns umgibt, von der wir
Teil sind und die uns manchmal den Atem nimmt. Hoffnung
ist wie Luft, die unerwartet von irgendwo herkommt und
uns, wenigstens für einen kurzen Augenblick, durchatmen
lässt. Das füllt nicht nur die Lungen, sondern erfüllt den
ganzen Menschen mit einem Kraftschub. Hoffnung schafft
Raum für Neues und bringt Energie. Wer hoffen mag, kann
mit einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse rechnen.
Mehr noch: darf daran glauben und darauf vertrauen.
Das meint wohl Jesaja, wenn er Unmut verspürt über seinen
Auftrag gegenüber einem Volk, das nicht hören will. Und
schon gar nicht umkehren, wie es Gottes Wille ist. Dass er
hofft, gibt ihm den Mut, sein Amt als Mittler zwischen Gott
und seinem Volk weiterzuführen. Weil er weiter zu hoffen
wagt – trotz allem, was rundherum ist –, kann er in Gottes
Dienst ausharren und immer wieder Luft holen.

Von: Hans Strub

15. Mai

Jesus sprach: Der Zöllner stand ferne, wollte auch
die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug
sich an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder
gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab
in sein Haus.
Lukas 18,13–14

Meine Studienzeit liegt schon ein paar Dekaden zurück,
vieles habe ich vergessen. Doch an eine Szene erinnere ich
mich noch gut: Im Rahmen eines Bibliodrama-Workshops
spielten wir das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner,
an dessen Ende der heutige Lehrtext steht. Mir kam die Rolle
des Pharisäers zu. Bei der Auswertung zeigte sich der Leiter
beeindruckt von meiner Performance. Das Kompliment
kam bei mir durchaus ambivalent an und war wohl auch so
gemeint. Da war so etwas wie der «Pharisäer in mir» zum
Vorschein gekommen, jener Pfaffe, von dem Zwingli sagt, er
sei «stolz wie Holz».
Passend zu dieser prägenden Erinnerung schreibt Eduard
Schweizer in seinem Kommentar, man soll sich «nicht
nur mit dem Zöllner identifizieren, sondern in sich selbst
auch etwas vom Pharisäer entdecken». Indessen ist auch
die Identifikation mit dem Zöllner interessant. In Bezug auf
ihn schreibt Schweizer: «Mit Minderwertigkeitsgefühlen ist
nichts erreicht; erst mit der Entdeckung des unvorstellbar
gnädigen Gottes.» Das Gleichnis befreie, lautet Schweizers
Fazit, aus Selbstgerechtigkeit und auch aus «Lebensuntüchtigkeit,
die um den mangelnden Selbstwert kreist».

Von: Andreas Fischer

14. Mai

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am
äussersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich
führen und deine Rechte mich halten.
Psalm 139,9–10

Das unfassbar schöne Bild von den «Flügeln der Morgenröte
» verweist vermutlich auf die Geschichte von der magischen
Flucht in einem uralten Märchen. Jedenfalls führt es
bis an die Grenzen im Osten, wo die Sonne aufgeht, während
das «äusserste Meer» die Ufer des Mittelmeers und mithin
die Ränder des Westens beschreibt. Es gibt also, dies das
Fazit, kein Entrinnen. Die Fluchtwege sind verschlossen.
Den deutschen Psychoanalytiker Tilmann Moser (1938–
2024) hat dies in seiner Anklageschrift «Gottesvergiftung»
zu zornigen Gebetszeilen verleitet: «Was meinst du, wieviel
Drohung und Unentrinnbarkeit unter der Oberfläche dieser
Lobpreisung liegen?» Man fragt sich, was für ein Gottesbild
Moser in seinem schon ein paar Jährchen zurückliegenden
Konf-Unterricht vermittelt worden ist. Bei «Drohung» und
«Unentrinnbarkeit» kommt mir selber nicht der biblische
Gott in den Sinn, sondern die Techmilliardäre. Und meine
Stimmung, wenn ich an sie denke, ist eher verzweifelt als
zornig. Der einzige Trost, der mir in diesen irren Zeiten bleibt,
ist das Vertrauen auf die führende und haltende Hand des
Ewigen. In einem alten Kommentar steht eine super Zusammenfassung
des 139. Psalms und der heutigen Losung:
«Das ist das Erste und das Letzte: Gott ist mir nahe.»

Von: Andreas Fischer