Kategorie: Texte

28. August

Du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Jesaja 62,3

Kostbar sind die Schmuckstücke, kunstvoll gearbeitet, Zeichen königlicher Ehre und Würde «in der Hand des Herrn»: ein Loblied auf Zion, die Gottesstadt Jerusalem, und auf ihren Schöpfer und Liebhaber.
«Du wirst sein» – diese Verse wurden geschrieben als ein Versprechen für die Zukunft. Denn die Gegenwart sah anders aus für die Rückkehrer aus dem babylonischen Exil. Der Wiederaufbau der zerstörten Stadt war mühsam, der Alltag geprägt von Mangel und Sorgen, das Leben bedroht von eifersüchtigen Nachbarn, die selbst nicht genug hatten.
Aber Gott, der Schöpfer, sieht mehr als die mühselige Gegenwart. Er ist verliebt in diese Stadt und ihre Menschen und sieht in ihr jetzt schon, was sie einst sein wird: «Der Herr hat Gefallen an dir. Wie der Bräutigam sich an der Braut freut, so freut sich dein Gott an dir», heisst es in der Fortsetzung des Losungstextes.
Gott liebt seine Geschöpfe, sieht durch ihr Versagen hindurch die, die er geschaffen hat und die sie einst sein werden. Mir fällt dazu die Geschichte ein, die Jesus erzählt hat: vom jungen Mann, der mit dem Vater bricht, in die Welt hinauszieht und nach Jahren abgerissen und elend heimwärts stolpert. Und was macht der Vater? Schliesst ihn in die Arme, steckt ihm einen kostbaren Ring an den Finger und lässt ein Festessen auffahren.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. August

Der Vater sprach zum älteren Sohn: Feiern muss man jetzt und sich freuen, denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Lukas 15,32

In einem nicht allzu fernen Land erlebte ich vor ein paar Jahrzehnten mit, wie es ist, wenn die meisten Menschen kein Telefon zuhause haben. Dass dereinst Anrufe von unterwegs oder Whatsapp- und Signal-Nachrichten auf ein Mobiltelefon Alltag würden, konnte man sich überhaupt nicht ausmalen. Damals konnte es passieren, dass ein aus den Augen verlorener Verwandter oder eine Schar Freundinnen unvermittelt vor der Tür stand. Damals konnte es passieren, dass daraus ein ungeplantes Fest wurde. Feiern muss man jetzt und sich freuen!
So kann ich das Glück von Sportsfreunden nachvollziehen, die ausgelassen feiern, wenn ihr Team gewinnt, erst recht, wenn der Erfolg überraschend kommt. Es sind Freudenfeste, die man sich nicht im Voraus in die Agenda eintragen kann.
Und, ganz anders, können auch Trauerfeiern zu Feiern des Lebens werden, vorausgesetzt, der Mensch konnte lebenssatt sterben und das gemeinsame Abschiednehmen gelingt. Der Tod unterbricht den Alltag der Menschen rundherum jäh, durchkreuzt vorhandene Termine. In diesem unplanbaren Moment kann aus dem Sterben und der Trauer Lebendiges werden. Jetzt, unaufschiebbar.

Von: Matthias Hui

26. August

Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Psalm 121,5–6

Als unser Sohn noch ein Kind war, legte ich mich jeweils am Abend neben ihn. Ein kurzes, selbstgemachtes Lied beschloss unser Einschlafritual. Im Text kam der liebe Gott vor und auch mein Wunsch für eine gute Nacht und für einen nächsten glücklichen Tag. Die Melodie, die Wiederholung wiegte den Buben zuverlässig in den Schlaf.
In diesen Momenten geht es um Geborgenheit, das Vermitteln von Behütetsein. Es sind andere Menschen, es sind Erwachsene, die das Urvertrauen eines Kindes bewahren, stärken, nähren können. Sie tun es stellvertretend – auch für Gott, wie es benennen würde, wer in einer Glaubenssprache zuhause ist.
Es sind kleine und grosse Menschen, die einander zu spüren geben, dass sie aufeinander angewiesen sind, geliebt und auf dieser Erde gebraucht werden, hier willkommen und zuhause sind. Martin Buber sieht die Beziehung zwischen Kindern und den sie liebenden Erwachsenen als «nie abreissende Zwiesprache». Die Kinder beschreibt er in diesen Momenten am Abend – in ganz eigener Sprache – so: «Im Angesicht der einsamen Nacht, die einzudringen droht, liegen sie bewahrt und behütet, unverwundbar, im silbernen Panzerhemd des Vertrauens.» – Und die Kinder in Gaza?

Von: Matthias Hui

25. August

Wenn du auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, hörst: Gesegnet bist du in der Stadt, und gesegnet bist du auf dem Feld. 5. Mose 28,2–3

Wird hier das Fundament gelegt für das «Wohlstands-Evangelium»? Finden in diesem Vers jene braungebrannten und wortgewandten TV-Predigerinnen und -Evangelisten eine biblische Grundlage für ihre Verkündigung, die verspricht, Gott werde mit irdischen Gütern jene segnen, die so an ihn glauben, wie diese dubiosen Gestalten es vormachen? Ist das «Wenn», mit dem die Losung einsetzt, also als Bedingung zu verstehen, die aus dem Glauben einen «Deal» macht, eine Geschäftsbeziehung?
In unserer Welt, wo zunehmend nur noch danach beurteilt wird, ob Aufwand und Ertrag stimmen, finden leider derartige Stimmen Gehör. Ich aber höre aus unserem Vers die Einladung in eine Vertrauensbeziehung. In dem Mass, wie ich mich auf Gott einlasse, weil ich mich auf Gott verlasse, wird mein Leben gut. Es gewinnt Tiefe. Ich bekomme eine Perspektive. Ich verliere weder Hoffnung noch Mut, wenn ich Erfahrungen mache, die mich schmerzen, die keinen Sinn ergeben. Für das, was ich bin und tue, finde ich nicht mehr nur schlechte Worte; es steht nicht mehr unter einer «malédiction». Ich bin im Zusammenleben mit meinen Nächsten (in der Stadt) und in meiner Arbeit (auf dem Land) gesegnet; gut ist, was andere und ich selbst darüber sagen; es ist eine «bénédiction», ein Segen.

Von: Benedict Schubert

24. August

Jesus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Johannes 10,14

Es ist ein komplexes Bild, das Jesus entfaltet. Er benötigt dafür zwei Anläufe, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer zuerst «den Sinn seiner Rede nicht verstanden» (Johannes 10,6). Die Rede vom guten Hirten knüpft bei der alttestamentlichen Metapher an, mit der Gott selbst und herausragende Persönlichkeiten beschrieben werden. Jesus ergänzt sie, indem er sich auch als Tür bezeichnet, die nicht nur nach innen in die sicheren Stallmauern hineinführt, sondern auch den Weg nach draussen weist auf die nährende Weide.
Mit der Türmetapher weist Jesus darauf hin, dass nur ein adäquates Verständnis seiner Botschaft einen Zugang zur Gemeinschaft eröffnet. Erkenntnis ist auch der Schlüsselbegriff der Beziehung zwischen dem Hirten und seiner Herde: Er kennt sie, sie kennt ihn.
Freilich ist die Kenntnis der Person und der Botschaft Christi kein stabiler Zustand, sondern vollzieht sich vielmehr als ein dynamischer und vielstimmiger Prozess. Denn um die Erkenntnis, «wer Christus heute für uns eigentlich ist» (Dietrich Bonhoeffer), gilt es immer wieder neu zu ringen. Die Auseinandersetzung darf sich jedoch auf dem Boden des Vertrauens vollziehen, dass Christus als der gute Hirte uns erkannt hat und immer schon auf uns zugeht.

Von: Felix Reich

23. August

Jesus antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. Johannes 5,17

Indem Jesus den Kranken am Teich von Betesda zum Aufstehen bewegt, riskiert er den Konflikt. Und ich gerate mit dem Bibeltext in Konflikt. Ich lese weiter: «Da suchten die Juden erst recht eine Gelegenheit, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat auflöste, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich selbst Gott gleichmachte» (Johannes 5,18). Ich denke an die grausame Wirkungsgeschichte solcher Zeilen. Die Fratze des Antisemitismus begegnet mir bis heute in Hasstiraden und getarnt in verschwörerischem Geschwurbel.
Jesus antwortet auf den Vorwurf, er habe am Sabbat geheilt und das Gesetz missachtet. Er beruft sich auf Gott und seine eigene Göttlichkeit. Und vor allem gewichtet er die Menschlichkeit, die Notwendigkeit, sich dem leidenden Menschen zuzuwenden, höher als das Gesetz.
Die Liste der Menschen, die geächtet wurden, weil sie sich auf höhere Ideale beriefen und sich im Dienst der Menschlichkeit über Bürokratie und Gesetz hinwegsetzten, ist lang. Oft gehörten sie zu jenen, die sich dem christlich verbrämten Antisemitismus widersetzten. Vielleicht legt der Text auch diese Spur: Jesus, und damit Gottes Kraft in ihm, will, dass den Menschen, die für die Nächstenliebe mit den Konventionen brechen, keine Steine in den Weg gelegt werden.
Von: Felix Reich

22. August

Nehmt euch in acht bei eurem Tun, denn beim HERRN, unserem Gott, gibt es keine Ungerechtigkeit und kein Ansehen der Person und keine Bestechlichkeit. 2. Chronik 19,7

Dieser Tage wurde in Österreich ein früherer Finanzminister wegen Bestechung und Schmiergeldzahlung zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt – welch ein Skandal!
Gerechtigkeit ist ein hohes Ideal – aber wer von uns kann sicher sagen, dass er oder sie völlig unbestechlich sei? Wie leicht verfallen wir der Versuchung, Unterschiede zu machen: Wer ist mir sympathisch? Wer kann mir nützen? Schon beginnt das Abwägen.
Gott aber urteilt anders. Ohne Ansehen der Person. Ohne Vorurteil. Bei Gott zählt nicht, was wir scheinen: nicht Macht, nicht Herkunft, nicht Leistung, nicht Ruf.
Diese Gerechtigkeit ist unbequem – besonders dann, wenn wir merken, wo wir selbst voreingenommen sind oder Menschen übersehen, die uns nichts «bringen». Doch sie ist auch ein Kompass: Gottes Gerechtigkeit lädt uns ein, hinzuschauen, wo wir anders urteilen würden als er.
Der Satz aus der Chronik ist eine Erinnerung daran, dass es einen Massstab jenseits unserer Massstäbe gibt. Einen, der nicht korrumpierbar ist. Nicht von Angst, nicht von Gefälligkeit, nicht von Geld. Diese göttliche Unbestechlichkeit fordert uns heraus – und schützt zugleich unsere Würde. Denn vor Gott ist niemand bevorzugt. Aber auch niemand vergessen.

Von: Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. August

Gott spricht: Im Schweiss deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück. 1. Mose 3,19

Ich habe meine Kinder lange gestillt. Als sie das erste Mal anderes assen, hielt ich meine Wonneproppen im Arm und sinnierte: Alle 7000 Gramm sind durch meinen Körper gegangen – Fleisch von meinem Fleisch. Bald werden sie Karotten und Kartoffeln essen, gewachsen in Mutter Erde. Auch Brot und Fleisch stammen letztlich aus dem Boden – sei es das Getreide für Mehl oder das Gras, das Tiere fressen.
Doch wir haben den Ursprung unserer Nahrung oft aus dem Blick verloren. Statt Schweiss und Mühe sehen wir die geschönten Bilder der Werbung. Dabei ist Nahrung das, was uns tief mit der Erde verbindet. Und einst kehrt unser Körper zu ihr zurück – als Staub oder Asche. Das mag manchen Menschen Angst machen, mich tröstet es: Ich bin Teil eines grossen Kreislaufs – wunderbar eingerichtet!
Beim Essen bin ich auch mit allen Menschen verbunden: «Kumpane» kommt von com-panio – «der das Brot mit mir teilt». Nahrung verbindet uns mit denen, die sie essen – und mit denen, die sie herstellen. Auch wenn Maschinen heute viel Arbeit abnehmen: Viele Lebensmittel kommen aus weit entfernten Ländern, oft unter ausbeuterischen Bedingungen produziert. Auch das steckt in unserem Brot. Auch damit bin ich verbunden.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. August

Nur Hauch sind die Menschen, Trug die Sterblichen. Auf der Waage schnellen sie empor, allesamt leichter als Hauch.
Psalm 62,10

Der Psalm 62 setzt mit den Worten ein: «Zu Gott allein ist meine Seele still.» Welche Erfahrung geht diesen Worten voraus? Ich lese weiter und komme zum heutigen Vers. Er erinnert mich an die Psalmworte: «Wir sind nur ein Hauch» (Psalm 39,12), «haben kein Gewicht» (Psalm 62,10), «sind Staub» (Psalm 103,14). Sucht da eine mitten in der Vergänglichkeit ihres Lebens, mitten in der Fülle und den Abgründen, die einsam machen können, nach einem Gegenüber, das ihr Schwerkraft verleiht? Boden unter den Füssen gibt? Und sie dadurch still werden lässt?
Für alle, die noch nicht ganz ihre Bikinifigur erreicht haben, klingt das ja ziemlich verlockend. Leichter als ein Hauch. Und für alle, die sich so unendlich (schwerge-)wichtig nehmen, ist es der blanke Horror. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Leichtigkeit. Sie entwickelt sich in der Stille vor Gott. Weil mir da immer klarer wird, dass ich weder mein Körper noch meine Gefühle noch meine Gedanken bin. Vor Gott bin ich ganz Gottes. Das nimmt mir die Last und macht mich leicht und licht. So weht es mich sanft zu Gott hinüber.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

19. August

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 1. Korinther 13,10

Paulus war ein ganz ungewöhnlich gescheiter Mann, der mit seinem Verstand und seinem Willen Gott und die Welt in ihrem Wesen erkennen wollte. Aber auch er kam, wie wir alle, an die Grenzen des Verstehens. Sehr eindrucksvoll beschreibt er seine innere Rettung aus diesen Grenzen im 13. Kapitel des Briefs an die Korinther: Im Vers 9, der unserem heutigen Text vorangeht, sagt er: «Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt.» (Bibel in gerechter Sprache) Aber dafür haben wir von Gott die grossen Gaben Glauben, Liebe und Hoffnung erhalten. Sie tragen uns und befähigen uns zu einem erfüllten Leben.
Paulus gibt jedoch nicht auf, nach Erkenntnis und Verstehen zu suchen, aber er weiss – wie wir alle wissen –, dass wir auch mit aller ausgeklügelten Wissenschaft zu dieser vollen Erkenntnis nicht gelangen können. Und so reift bei ihm die Hoffnung auf «das Vollkommene», oder wie es in Vers 12 heisst: das Sehen von Angesicht zu Angesicht Gottes, der Mitmenschen und der Natur. Mich beeindruckt diese Hoffnung auf das endgültige Sehen. Ich glaube, weise Menschen, auch Mystiker, erleben es und geben es weiter: die tiefere Erkenntnis ist ein Sehen, das über ein rationales Analysieren hinausgeht und das allen Menschen zuteilwerden kann, nicht nur den Klugen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker