Kategorie: Texte

12. Juli

Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit,
jetzt ist er da, der Tag der Rettung.
2. Korinther 6,2

Bedenkt man die Streitigkeiten, die damals in der Gemeinde
in Korinth ausgefochten wurden, und die Anfeindungen, die
Paulus von seinen Gegnern ertragen musste, dann ist das ein
erstaunliches Wort: «Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt
ist er da, der Tag der Rettung.» Paulus unterstreicht damit,
was er zuvor über die verändernde, weltbewegende Kraft
der Versöhnung geschrieben hat, die mit und in Christus
in die Welt gekommen ist: «Ist jemand in Christus, so ist
er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues
ist geworden.» (Vers 17) Gott hat durch und in Christus
«das Wort von der Versöhnung» unter uns aufgerichtet
(Vers 19). Damit ist die Welt, wie wir sie kennen, sozusagen
auf den Kopf gestellt – oder auf neue Füsse. (vgl. Vers 21) Die
Botschaft von der Versöhnung ist – mit einem Begriff aus
der Organisationsberatung – eine «paradoxe Intervention»
Gottes. Sie stellt die Mechanismen, Regeln und Gesetzmässigkeiten
von Erfolg, Einfluss und Macht auf den Kopf, führt
sie ad absurdum. Sie zeigt: Nicht im «immer mehr vom
Gleichen» (mehr Waffen, mehr Quote, mehr Erregung und
Aufmerksamkeit usw.) liegt die Lösung für die Welt und ihre
Rettung, sondern in der paradoxen, schwierigen, fröhlichen,
beharrlichen Arbeit an der Versöhnung als Botschafter:innen
an Christi Statt (Vers 20). Wo das geschieht, wie klein
und unscheinbar auch immer, «ist sie da, die ersehnte Zeit».

Von: Annegret Brauch

11. Juli

HERR, wenn ich an deine ewigen Ordnungen denke,
so werde ich getröstet.
Psalm 119,52

Der Psalmist erfährt Trost, wenn er an die ewigen Ordnungen
Gottes denkt. Gemeint sind die Gebote und Weisungen
der Tora. Sie sind denen, die sich daran halten, «ein
Licht auf dem Weg» und Quelle der Zuversicht. Der Psalmist
wird nicht müde, seine Freude darüber auszudrücken.
Ein wenig irritiert es den protestantischen Freiheitsliebhaber,
der die ewige Unordnung auf seinem Schreibtisch
betrachtet. Warum ist die Ordnung so wichtig? Weil es das
ist, was den Betern von Gott geblieben war, als weit und
breit keine Schlachtopfer oder Chöre für die religiöse Versorgung
bereitstanden. Im Exil hatte die Metzgerei geschlossen.
Darum das überschwängliche Lob des Wortes. Psalm 119 ist
nicht nur der längste aller Psalmen im Psalter. Was hier von
A bis Z durchbuchstabiert wird, ist ein trotziges Bekenntnis
zum Wort. Im Trost ist auch ein Trotz. Ist Gott noch im Regiment?
Es sieht nicht so aus. Andere blasen sich auf. Aber das
Gottesvolk hat die Erinnerung an das Ursprungswort und
hält sich an das Versprechen seiner kommenden Herrschaft.
Sich an der Erinnerung festhalten und auf die Zukunft ausrichten
öffnet den Glauben für die Gegenwart des Ewigen.
Aufgespannt und gehalten vom Wort, wächst die Hoffnung.
Ohne seinen Trost läuft der Trotz ins Leere und ohne das
tägliche Trotzen gegen die falschen Herrschaften wird der
Trost zur Vertröstung.

Von: Ralph Kunz

10. Juli

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und
mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm
kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Johannes 14,23

«Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst
und nicht der Welt?» So fragt Judas. Der heutige Lehrtext
zitiert die Antwort Jesu. Sie ist einfach zu verstehen. Jesus
spricht zu denen, die ihn lieben. Dass er sie liebt, wissen
sie. Er wäscht ihnen die Füsse (Johannes 13,1–17), nennt sie
Freunde (Johannes 15,15). Aber lieben sie ihn? Liebt Judas
ihn? Eigentlich ist es seltsam, wie Jesus antwortet. «Wer mich
liebt, hält sich an mein Wort.» Die Umkehrung würde mehr
Sinn machen. Wer sein Wort hält, der wird von ihm geliebt.
Wer tut, was er sagt, findet Gnade. Die Umkehrung verschiebt
etwas, rückt die Beziehung in den Vordergrund. Ist
das die Antwort, auf die Judas hofft? Vielleicht hat er etwas
Pompöseres, ein Machtwort, eine Demonstration der göttlichen
Herrlichkeit erwartet, die alle überzeugt? Und jetzt
beharrt Jesus auf die Liebe zu ihm und verspricht die Liebe
des Vaters, die durch ihn kommt und als Geist einwohnt.
Die Liebe ist das Entscheidende. Jetzt sollen seine Freunde
verstehen, was die Welt nicht verstehen kann. Die Offenbarung
des Christus für die Welt folgt – aber nicht so, wie es
sich Judas vorgestellt hat. Das Kreuz ist der Beweis der Liebe
Jesu zum Vater. Er hält sich an sein Wort. Und später wird er
Petrus fragen: «Liebst du mich?» Vielleicht dachte Jesus an
Judas. Ich glaube, er hätte Ja gesagt.

Von: Ralph Kunz

9. Juli

Erschienen ist die Gnade Gottes, allen Menschen zum
Heil. Sie erzieht uns dazu, der Gottlosigkeit und den
Begierden der Welt abzuschwören und besonnen,
gerecht und fromm zu leben in dieser Weltzeit.

Titus 2,11–12

Zwei Verse aus dem Brief an Titus, in denen es um den
im Alltag gelebten Glauben geht. Paulus möchte in diesem
Brief dazu beitragen, in Korinth eine geordnete Gemeinde
aufzubauen.
Im ersten Vers wird uns Freude geschenkt. Wir dürfen uns
entspannen und loslassen, denn die Gnade Gottes ist allen
Menschen zum Heil erschienen. Aber bereits im zweiten
Vers wird die Freude über das Loslassendürfen getrübt. Die
Gnade Gottes erzieht uns. Das tönt nach Anstrengung. Wir
sollen dazu erzogen werden, besonnen, gerecht und fromm
zu leben. Das wollen wir zwar alle, schaffen es aber nicht
immer. Soll es dank der Erziehung durch die Gnade Gottes
möglich sein?
Ja, wir können diesen Vers positiv betrachten: Wenn wir
ein Kind erziehen, begleiten wir es. Wir zeigen ihm, wo es in
Sicherheit spielen kann und wo es etwas zum Lernen gibt.
Wir führen es zur Ruhe, bereiten ihm ein Nest der Geborgenheit,
wo es die vielen Eindrücke des Tages verarbeiten und
sich entspannen kann. Erziehung bietet einen Schutz- und
Lernraum und ermöglicht, in der Stille zu sich selbst zu finden.
Die Flut von Reizen, Begierden und Informationen darf
ruhen. Dank der Gnade Gottes, die uns erzieht.

Von: Monika Britt

8. Juli

Gott offenbart, was tief und verborgen ist. Daniel 2,22

Wenn ich mit Menschen darüber rede, welche Rolle die
Religion in unserem Leben eigentlich noch spielt, kommt
das Gespräch über viele Umwege meist dahin, dass wir sie
am ehesten noch dort beanspruchen, wo wir mit unserem
Verstand, unserem Wissen, aber auch über alle Angebote,
die unsere Gesellschaft uns an Rat und Dienstleistung zur
Verfügung stellt, nicht hinkommen. Obwohl in unserer säkularen
Welt die Kirche aus dem Leben der meisten Menschen
verschwunden ist und wir ihre einstigen Kernkompetenzen
wie Seelsorge, Spiritualität und die Rituale zur persönlichen
Einkehr und Lebensabschnittsgestaltung individuell organisieren,
geht es eigentlich immer noch um das genau Gleiche:
Wir suchen nach einer Instanz, die uns das Nicht-Greifbare
und Nicht-Offensichtliche erklärt: Was kommt nach dem
Tod? Wie überstehe ich eine Lebenskrise? Wie gestalte ich
einen schicksalhaften Moment in meinem Leben? Aber
auch: Wie lerne ich, meinen Alltag mit allen Herausforderungen
zu bewältigen? «Gott offenbart, was tief und verborgen
ist.» Wie einfach und doch klar, dieser Vers, der
uns eine Inspiration sein kann zum Innehalten in unserem
tagtäglichen Leben. Statt uns nur an den äusseren Pflichten
und Leitplanken zu orientieren, können wir uns vornehmen,
immer mal wieder eine Pause einzulegen und nach innen zu
horchen und dort nach dem Verborgenen zu suchen.

Von: Esther Hürlimann

7. Juli

Der HERR dachte an uns, als wir unterdrückt waren,
denn seine Güte währet ewiglich.
Psalm 136,23

Psalm 136, aus dem dieser Vers stammt, spielt in der jüdischen
Tradition eine bedeutende Rolle. Er wird am Sederabend,
der den Auftakt zum Pessachfest bildet, gesungen.
Dabei geht es um die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten
und das damit verbundene Lob und die Dankbarkeit für
Gott. Wesentlich für mich ist daran das Wort «ewiglich»,
weil der Gott, der in diesem Psalm gelobt und gepriesen wird,
ein Gott ist, der nicht nur in der Befreiung an unserer Seite
ist, sondern auch in der Unterdrückung. Im selben Psalm
kommt mehrfach der uns vertraute Glaubenssatz «denn
seine Güte währet ewiglich» vor. In manchen Lebensphasen
mag uns das vielleicht zynisch erscheinen, doch ist dieses
Vertrauen auf etwas ewig Gütiges wie die Schöpfung nicht
eine Urkraft, auf die wir täglich bauen? Ich schreibe diesen
Text in einem Moment, da es draussen regnet und stürmt.
Und doch spriesst die Natur, die ein paar wenige Tage zuvor
Sonne getankt und sich bei strahlendem Licht Energie geholt
hat. «Nach em Räge schint d’Sunne» heisst ein berühmtes
Lied, das Marthely Mumenthaler und Vrenely Pfyl 1945 nach
den Worten des Komponisten Artur Beul sangen. Es wurde
zum Erfolgshit vielleicht gerade deshalb, weil es nach dem
Zweiten Weltkrieg jene Hoffnung besang, dass nach schwierigen
Zeiten bessere kommen. Diese Hoffnung, die auf eine
ewigliche Güte baut, möchte ich aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann

6. Juli

Der Übeltäter lasse von seinen Gedanken und bekehre
sich zum HERRN, denn bei ihm ist viel Vergebung.

Jesaja 55,7

Meinen Schlüssel suche ich in der Regel in der Hosentasche.
Meine Brille liegt meistens auf dem Schreibtisch. Meine
Hausschuhe sind oft im Wohnzimmer beim Sofa zu finden,
dort, wo sie am Abend kurz vor dem Einschlafen stehen
geblieben sind. Aber wo finde ich Gott?
Gott steht eben nicht einfach bei mir im Bücherregal. Das
wäre viel zu einfach.
Das Hauptproblem bei der Suche nach Gott ist, dass ich
ihn eigentlich gar nicht finden kann. Gott sprengt unsere
Wahrnehmung und existiert in einer anderen Dimension.
Gott legt Spuren für mich. Er stellt mir Wegbegleiter an die
Seite und lockt mich, zieht mich – mitten ins Leben hinein
und zu sich. Manchmal macht Gott das automatisch. Gott
lässt sich an seiner Wirkung erkennen. Gott wird für manche
zum Trost, zum Beispiel am Grab oder im Gebet. Kirchgemeinden,
Vereine und Einzelpersonen öffnen ihre Häuser
und Wohnzimmer, um Kaffee, Tee, Zeit, Energie und Wärme
zu teilen. Gott wird für manche in der Gemeinschaft spürbar.
Wie finde ich Gott? Menschen vor über 2500 Jahren
brauchten diese Frage genauso wie wir heute. Jesaja sagte
den Israeliten damals ins Gesicht: Die Suche nach Gott
lohnt sich. Macht euch auf den Weg. Bei Gott bist du, lieber
Mensch, die Nummer eins.

Von: Carsten Marx

5. Juli

Die Frau sprach: Kommt, seht einen Menschen,
der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er
nicht der Christus sei!
Johannes 4,29

Offenbar sind da der Frau am Jakobsbrunnen die Augen
geöffnet worden. Sie überlegt hin und her und stellt sich
die Frage: War das jetzt der Messias, dem ich begegnet bin?
Wow, da ist etwas passiert in dem Gespräch. Jesus sitzt am
Brunnen. Er spricht dich an. Er reicht dir die Hand.
Ich denke an eine Begebenheit anlässlich eines Geburtstagsbesuchs
bei einer 86-jährigen Dame. Ein Besuch, der
mir erneut Mut gemacht hat, bei dem zu bleiben, was unser
Kerngeschäft als Pfarrpersonen ist: Beten, Gott loben, und
das möglichst nicht im stillen Kämmerlein. Gemeinschaft
ermöglichen. Singen. Abendmahl feiern. Die Hand reichen.
Für die da sein, die es allein nicht mehr schaffen, in unserer
Gesellschaft klarzukommen: Kinder, Alte, Kranke, Gestrandete.
Auch ein Ohr für diejenigen zu haben, die nicht mit
allem einverstanden sind, was die Institution Kirche so
macht.
Was hat Jesus am Jakobsbrunnen gemacht? Er hat Durst
und hat die Frau um Wasser gebeten. Er hat diese Frau als
gleichwertig angesehen. Er hat die Frau respektiert und ihre
Meinung, ihre Bedürfnisse und Gefühle wertgeschätzt.
Ich freue mich heute ganz besonders auf viele unterschiedliche
Begegnungen.

Von: Carsten Marx

4. Juli

Du bist mein Schutz und mein Schild;
ich hoffe auf dein Wort.
Psalm 119,114

Und was, wenn das Wort einfach zugeschüttet ist von
schlechten Nachrichten, von Betriebsamkeit, von Ungeduld,
von Arbeit, von der Pflege der alten Eltern? Mit Schilden
kann ich nichts anfangen, aber Schutz brauche ich. Ich will
nicht, dass die Kraft, die mir die Lebendige durch ihr Wort
schenkt, zugeschüttet ist. Ich will mich nicht verirren in den
Verwirrungen unserer Welt.
Gott wird direkt angesprochen: «Du bist.» Vielleicht sitzt
in mir die Hoffnung auf Gott. Vielleicht kann ich daraus
Kraft schöpfen und wieder zu mir und damit zu Gott finden.
Und das ist es, was mich verbindet mit den Menschen, auch
mit denjenigen, die an einen anderen Gott glauben als ich.
Sie alle sind mit der Hoffnung unterwegs, sie alle hoffen auf
Gerechtigkeit und Frieden, sie alle sind weise und gehen den
Weg des Lebens, auch wenn dieser lang und beschwerlich ist.
Wenn mir jemand ein Lächeln schenkt im Zug oder mich
freundlich anschaut, tut mir das gut. Und: Kann es sein, dass
hie und da Gottes Wort da ist, offen, klar, zukunftsorientiert?
Dann atmen wir durch und gehen weiter, spüren, wie befreiend
dieses Wort ist. Daraus entsteht Hoffnung und Kraft.
Schenke du uns und allen Menschen immer wieder neu die
Kraft deines Wortes.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16,9

Als Kind war ich einmal mit meiner Mutter unterwegs im
Wald. Wir hatten nur einen schmalen Fussweg, den wir
immer wieder suchen mussten. Das machte mir Angst. Da
erblickte ich in der Ferne ein mir vertrautes Haus, und ich
konnte wieder sicheren Schrittes weitergehen. Es war unser
Weg. Wir gingen ihn in der Hoffnung, unser Zuhause wiederzufinden.
Das heutige Losungswort macht mir Mut und
schenkt uns Hoffnung. Denn Gott, die Lebendige, lässt mich
meinen Weg gehen. In der komplexen Welt von heute ist
das gar nicht einfach. Es gibt so viele verschiedene Wege
in der Berufswahl der jungen Menschen, im Gestalten des
Alltags, in der Frage, was in meinem Handeln der Klimakrise
entgegenwirkt und was nicht. Gott lässt mich meinen Weg
gehen. Ich kann ihn gehen, kann straucheln und wieder aufstehen,
denn ich kann mit der Gegenwart der Lebendigen
rechnen. «Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt.»
(Sprüche 16,6)
Gemeint sind meine Güte und meine Treue, Güte zu den
Menschen, mit denen ich hier und weltweit unterwegs bin,
und Treue zum Gott des Lebens. Auch das mag manchmal
gelingen und manchmal nicht. Aber Gott geht den Weg mit
mir – mit uns.
Danke, Gott des Lebens, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud