Kategorie: Texte

2. Juli

Der HERR ist hoch und sieht auf den Niedrigen
und kennt den Stolzen von ferne.
Psalm 138,6

Der Höchste, der Erhabene, der Allmächtige, «Grosser Gott» –
solche Gottesbezeichnungen sind oft kritisiert worden
als «Majestätsparadigma», das die hierarchischen Gesellschaftsordnungen
religiös überhöht und legitimiert. Wer
aber bei den Wörtern stehenbleibt, hat nur die Hälfte der
biblischen Sprache aufgenommen. Gerade unser heutiges
Losungswort zeigt dies, weil es nach dem majestätischen
Einstieg ja noch weitergeht. Allein damit, dass Gott von hoch
oben auf die Niedrigen schaut, ist es nicht getan. Das Gefälle
von oben und unten, die hierarchische Grundvorstellung
wäre damit lediglich bestätigt. Der Schluss des Psalmverses
geht darum noch einen Schritt weiter. Wenn Gott den Stolzen
von ferne erkennt, meint das ja nicht, dass er ihn einfach
zur Kenntnis nimmt. Vielmehr denken wir hier an den Vers
aus dem Lobgesang der Maria, dem Magnificat: «Er stösst
die Gewaltigen vom Stuhl.» Auf diese Weise kann und soll
das «Majestätsparadigma» gelesen werden, als grundsätzliche
Kritik an menschlicher Majestät, als eine Quelle der
Zuversicht angesichts immer schamloserer Machtansprüche
von egomanischen Autokraten weltweit. Wenn wir Gott als
den Höchsten und Allmächtigen loben, bezeugen wir, dass
er über allen vergänglichen Möchtegernallmächtigen steht.
«Lasst uns lachen über Grössen, die keine sind», heisst es in
einem Studentenlied. Gott lacht mit uns.

Von: Andreas Marti

1. Juli

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist
du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein
Teil.
Psalm 73,26

«Alles wird gut, bleib positiv, nur Mut.» Nein, es wird nicht
alles gut. Manchmal bei uns selbst, und noch unendlich viel
häufiger bei anderen Menschen sehen wir, dass es eben nicht
gut kommt, dass die Geschichte wirklich erst dann zu Ende
ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen
hat, wie Friedrich Dürrenmatt es in seiner Dramentheorie
zum Stück «Die Physiker» formuliert hat. Wenn Leib und
Seele verschmachten, ist vielleicht keine Rückkehr ins Glück
im Blickfeld, ist nichts mehr zu beschönigen. Für den Menschen,
der diese Psalmworte spricht, besteht der Trost nicht
in einer Hoffnung auf bessere Zeiten. Er hat aber etwas, das
ihm das schlimmste Unglück nicht nehmen kann. Gott ist
allezeit sein Teil, er gehört unverbrüchlich zu seinem Leben.
Er fragt nicht einmal nach dem Warum, vermeidet die quälende
und unbeantwortbare Frage, warum Gott denn das
Verschmachten zulässt. Er stellt dies nur eben fest, in einer
Art der Klage, die nur benennt, was die Situation ist. Kein
Hilferuf, keine Aussicht auf Rettung, eine Extremsituation, in
der nur eines bleibt, ein unzerstörbarer Kern der Existenz –
die Zugehörigkeit zu Gott, die alles, wirklich alles überdauert.

Von: Andreas Marti

30. Juni

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und
Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen
nach dem Tod, doch er kommt nicht?
Hiob 3,20–21

Mit einem Schrei der Verzweiflung solidarisiert sich Hiob
mit allen Verbitterten und mit allen, die am Leben verzweifeln.
Mehr noch, er sieht sich selbst in ihnen. Wie oft ist der
Mensch versucht, in so aussichtslosen Situationen selber den
Lebensfaden durchzuschneiden. Hier aber begegnet uns eine
andere Lösungsmöglichkeit: der Kampf gegen einen Gott,
den man als ungerecht erfährt; ein Nichtloslassen des Dialogs,
ein Nichtaufhören des «Warum-Schreis»!
Diese uns aus der Hiobsgeschichte bekannte Haltung des
Menschen, der davon ausgeht, dass ihm das verlorene Wohlergehen
künftig wieder zusteht, wird in der Erzählung radikal
hinterfragt. Auch Leiden ist Teil des göttlichen Lehrstücks für
uns. Das soll uns nicht begeistern, aber verdeutlicht unsere
Verwundbarkeit in jeder Lebensstufe. Alle haben wohl schon
Menschen kennengelernt, die mit dieser Verwundbarkeit
kreativ umgehen können. Die aus ihrem Glauben heraus
den Dialog mit dem Lebendigen nicht aufgegeben haben,
sondern ihr Leiden als Teil eines Lebensplans verstehen. Bis
zum Ende. «Eli, eli lama asaftani?» (Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?), rief Jesus auf Golgatha.
Auch wenn man seinen Geist in die Hände Gottes legt, darf
man verzweifeln. Aber den Dialog sollen wir uns bewahren.
Hierfür wünsche ich uns gemeinsam viel Kraft.

Von: Gert Rüppell

29. Juni

Gamaliel sprach: Lasst ab von diesen Leuten und
lasst sie gehen! Denn wenn das, was hier geplant und
ins Werk gesetzt wird, von Menschen stammen sollte,
dann wird es zerschlagen. Wenn es aber von Gott
kommt, dann werdet ihr sie nicht aufhalten können.

Apostelgeschichte 5,38–39

Im Hohen Rat in Jerusalem ist die Stimmung aufgeheizt.
Mehrmals sind die Wortführer dieser neuen Sekte ins Gefängnis
gesteckt worden, und kaum sind sie frei – man weiss
nicht, wie –, predigen sie wieder im Tempel, trotz Redeverbot.
«Als sie [im Hohen Rat] dies hörten, wurden sie rasend vor
Zorn und wollten sie töten.» (Apostelgeschichte 5,17–42)
Erstaunlich, mit welcher Gelassenheit Gamaliel argumentiert.
Erstaunlich, dass der Rat ihm folgt.
Zürich 1525: Die Reformation ist seit drei Jahren beschlossene
Sache, und hier nimmt auch die Täuferbewegung ihren
Anfang. Den Revoluzzern geht Zwingli zu wenig weit. Sie
halten sich kompromisslos an die Bibel, taufen Erwachsene,
widersetzen sich der Autorität des Staates. Wie ist mit ihnen
umzugehen? Jetzt hätte der Zürcher Rat einen Gamaliel
nötig gehabt. In den folgenden hundert Jahren werden die
Täufer vertrieben, eingesperrt, getötet. Viele wandern aus
nach Holland oder Amerika, wo sie geduldet werden.
Am Auffahrtstag, 29. Mai 2025, haben sie in Zürich (!) fünfhundert
Jahre weltweite Täuferbewegung gefeiert. Es gibt sie
immer noch, Gamaliel hat recht behalten.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Juni

Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande.

Jesaja 11,4

Auf dem Sockel des Gerechtigkeitsbrunnens in der Berner
Altstadt steht Justitia mit verbundenen Augen, in der Rechten
das erhobene Schwert, in der Linken die zweischalige
Waage. Dieser Brunnen hat mich als Kind sehr beeindruckt.
Die verbundenen Augen irritierten mich. Wie kann Justitia
richten, wenn sie nichts sieht? – Zu ihren Füssen sind weitere
Personen dargestellt: Papst, Kaiser, Sultan, Schultheiss, eine
erlauchte Gesellschaft. Erst später habe ich verstanden, was
«Richten ohne Ansehen der Person» heisst. Justitia soll sich
von der Macht der Mächtigen nicht blenden lassen, ob sie
Papst, Kaiser, Sultan oder auch Schultheiss heissen.
Recht ist erst Recht, wenn auch die Armen und Schwachen
zu ihrem Recht kommen. Der kommende Friedensherrscher
im Lied von Jesaja 11 «urteilt nicht nach dem Augenschein
und entscheidet nicht nach dem Hörensagen. Er ist gerecht
und sorgt dafür, dass die Schwachen zu ihrem Recht kommen.
Er ist aufrichtig und trifft Entscheidungen zugunsten
der Armen im Land.» (Verse 3 und 4, Basisbibel)
Ich stelle mir vor, wie die Alleinerziehenden und ihre Kinder,
die Obdachlosen, die Schwierigen und die Vergessenen,
die Kriegsvertriebenen und Versehrten um den Gerechtigkeitsbrunnen
tanzen und singen vor Freude.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Juni

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir,
so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder
sterben, so sind wir des Herrn
. Römer 14,8

Menschen im hohen und höchsten Alter in meinem Umfeld
bedeuten mir viel. Sie stehen ganz unterschiedlich am Übergang
vom Leben zum Sterben. Eine Person hat sich in letzter
Zeit stark verändert und ihre Gelassenheit verloren. Sie
fürchtet sich in dunklen Momenten davor, verfolgt, bestohlen
oder gar um die Ecke gebracht zu werden. Eine andere
Person fühlt sich von der Welt, für deren Wohlergehen sie
zeitlebens so gekämpft hat, öfter mal im Stich gelassen.
Zwischendurch spürt sie doch grossen Trost, wenn sie sich
Gedanken macht zu ihrer eigenen Trauerfeier: Nur von der
Liebe und vom Reich Gottes soll dann die Rede sein. Und
einer dritten Person sind alltägliche Anlässe – der Vogelgesang
vor dem Fenster, ein irritierendes Bild in der Zeitung,
eine zufällige Begegnung auf der Strasse vor dem Altersheim
– grosse Inspirationen: Sie öffnen Schleusen für Erinnerungen
und lassen sie gleichzeitig ganz in der Gegenwart
präsent sein.
Ich wünschte allen, dass sie voller Vertrauen einstimmen
könnten in den Satz «Wir leben oder sterben, so sind wir
des Herrn» und dann ins Lied: «Du bringst mich doch zum
Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände
und führe mich, bis ich den Lauf vollende und ewiglich.»

Von: Matthias Hui

26. Juni

Der HERR sprach zu Mose: Versammle mir das Volk,
dass ich sie meine Worte hören lasse und sie mich
fürchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden und
ihre Kinder lehren.
5. Mose 4,10

Was sind es für «Worte», mit denen Gott sich an sein Volk
richten will? Auch wenn alles in dieser biblischen Passage
nach Grossem und Gewichtigem klingt: Ich glaube, es sind
keine Worte «von heiliger Ordnung, von ewiger Wahrheit,
reiner Lehre und Enge in der Brust» gemeint, sondern es
geht um «Weite und Wind». So formuliert es Jacqueline
Keune in einem Gedicht in ihrem neuen Band «Es werden
wieder Tage sein».
Bei Gott oder «am Anfang», wie sie weiterschreibt, sind
«nirgendwo abgelaufene Silben, abgedroschene Phrasen,
sondern eben erst zur Welt gekommene Worte»; diese
seien lebensgefährlich, sie zielten mitten ins Herz. Und was
beschreiben diese Worte wohl? Ich schliesse mich der Vermutung
von Jacqueline Keune aus demselben Gedicht an:
Inhalte werden «Gerechtigkeit und Friede, die sich in den
Armen liegen, die grossen Taten Gottes – Auszug und Aufstand
–, die Stadt aus Licht in allen Mundarten und Muttersprachen
» sein.
Das klingt nach einer Gegenerzählung zu den breitspurigen
und alles plattwalzenden Worten der Herren unserer
Tage, die ebenfalls den Anspruch haben, zum «Volk» zu
sprechen.

Von: Matthias Hui

25. Juni

Jene, die fern sind, werden kommen und
am Tempel des HERRN bauen.
Sacharja 6,15

Wir bleiben nicht unter uns. Unsere Gemeinschaft, unsere
Kirche, das Haus Gottes wird nicht mehr bloss von denen
gebaut, die so sind wie wir, die ähnlich aussehen und Gott
und die Welt ähnlich sehen wie wir.
Der Prophet Sacharja war sicher, dass Gott schon an alle
Menschen dachte, als er Abraham und Sara versprach, aus
ihnen ein grosses Volk zu machen. Israels Erwählung war kein
exklusives Recht für das kleine Volk, sondern sollte schliesslich
der ganzen Welt die Erfahrung von Gnade zugänglich
machen. Doch schon Sacharja konnte nicht all diejenigen
überzeugen, die meinten, Heil liege in der Abgrenzung, in
der ängstlichen Verteidigung des Eigenen und Vertrauten.
Die Fernen sind uns fremd. Sie leben unter anderen Bedingungen,
deshalb auch mit einer anderen Perspektive, mit
anderen Vorstellungen als die Nahen. Sie halten Dinge für
normal und richtig, die uns irritieren oder Angst machen.
Es sei denn, wir erkennen, was für einen Reichtum sie mit
sich bringen, wie gesund es ist, Dinge anders zu sehen, als
wir es gewohnt sind.
Das gilt auch für unsere Kirchen: Es ist ermutigend, wenn
wir Kirchen in der weiten Welt wahrnehmen und uns von
ihnen inspirieren lassen. Von ihnen, die ganz anders – und
meist mit viel weniger Mitteln – leben als wir.

Von: Benedict Schubert

24. Juni

Jesus sprach zu Petrus: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst,
wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine
Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten
und führen, wo du nicht hinwillst.
Johannes 21,18

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen können,
eigenständige Entscheidungen fällen, für sich selbst sorgen
können, die eigene Persönlichkeit entfalten dürfen: Das ist
die grosse Freiheit. Sie ist kostbar. Und sie soll eben gerade
nicht das Privileg der Jungen, Fitten, Starken sein. Deshalb
ist es die Aufgabe der Gesellschaft, möglichst vielen Menschen
ein Leben in Eigenverantwortung zu ermöglichen,
unabhängig von ihrem sozialen Status oder körperlichen
Einschränkungen. Auf dass Menschen selbst bestimmen
können, welchen Weg sie gehen.
Ausgeliefertsein und Bedürftigkeit gehören zur menschlichen
Existenz: Sie beginnen mit der Geburt. Krankheit, Unfall
und Alter können Menschen in diesen Zustand zurückwerfen.
Das ist ungeheuer schmerzhaft. Doch selbst wer die
Autonomie verliert, behält seine Würde. Die Menschenwürde
erschöpft sich nicht in der Selbstbestimmung. Hilfe
annehmen, sich dem Unverfügbaren ausliefern, die eigene
Bedürftigkeit nicht verstecken ist Ausdruck der Stärke, die
in den Schwachen wohnt. Das Einüben einer Haltung, die
Selbstverantwortung und Demut verbindet, ist eine Lebensaufgabe.

Von: Felix Reich

23. Juni

Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich
aller seiner Werke.
Psalm 145,9

Das Gute und Schöne zu erkennen, ist eine überwältigende
Erfahrung. Einzutauchen in die Schönheit der Schöpfung,
ist ein Geschenk: sich nicht satt sehen zu können an den
schroffen Felswänden und den im Sonnenlicht leuchtenden
Bergspitzen, oder nicht genug bekommen vom kopfüber
Hineinspringen in den im Abendlicht glitzernden See. Die
Natur wird zum Spiegelbild der Grösse und Güte Gottes.
Die «mächtigen Taten» (Psalm 145,12) zeigen sich oft auch in
der zwischenmenschlichen Begegnung. Ein Wort, das guttut,
ein Gespräch, das ermutigt, ein Zuspruch zur rechten Zeit,
eine Handlung, die hilft. In solchen Momenten potenzieren
sich die Güte und die Barmherzigkeit Gottes und es leuchtet
jene Verheissung, die im Zentrum der biblischen Botschaft
steht und an der sich das Handeln im Namen der guten
Nachricht zu messen hat: Gott «stützt alle, die fallen, und
richtet alle Gebeugten auf.» (Psalm 145,14)
Beides, die überwältigende Erfahrung der Schönheit der
Schöpfung und der Anspruch, die Güte Gottes in Wort und
Tat zu verkündigen, gehört zusammen. Das Fest, die Freude
und der Jubel über die Schönheit der Schöpfung geben die
Kraft, sich selbst in den Dienst der göttlichen Barmherzigkeit
zu stellen.

Von: Felix Reich