Kategorie: Texte

21. Juli

Friede, Friede denen in der Ferne und denen in
der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.

Jesaja 57,19

Endlich Frieden. Sofort. Ich wäre dabei! Du auch, oder? Das
ist ja eine uralte Sehnsucht. Und wir schaffen es doch nicht.
Es scheint so schwer, in Frieden miteinander zu leben. Im
Kleinen wie im Grossen. In der Nähe wie in der Ferne. Dabei
wissen doch alle Beteiligten nach den Erfahrungen der vergangenen
Kriege: Es wird keinen Sieger geben. Selbst auf der
Seite der angeblichen Gewinner gibt es unzählbare Opfer zu
beklagen. Was ist nur los mit uns? Kriegen wir es wirklich
nicht hin, in Frieden miteinander zu leben? Und wie kann
Gott uns heilen? Hast du eine Idee, Chatrina?


Nein, Lars. Ich habe keine Idee. Aber ein Lied kommt mir in
den Sinn. Da fragt einer weiter: Warum gibt es unsere Erde?
Warum kreist um sie der Mond? Warum dreht sie um die
Sonne ihre Bahn? Warum hat der Mensch das Glück, dass er
auf dieser Erde wohnt? Warum fühlen wir inneren Frieden,
wenn wir Kinder schlafen sehen? Warum ist ein Tag am Meer
so tröstend schön? Warum rührt Musik uns oft zu Tränen?
All das würde ich so gerne mal verstehen. Warum nutzt
man Religionen für den Terror und die Angst, wo sie eigentlich
doch für den Frieden stehen? Ich kann es beim besten
Willen nicht verstehen.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. Juli

Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heissen
nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Jeremia 14,9

Die grosse Dürre steht Jeremia vor Augen. Alles dürstet,
Mensch, Tier, Erde. Und alles, was da wachsen möchte. Und
im Ächzen und Stöhnen flehen sie zu Gott. Mir scheint, das
ist heute auch unsere Situation in der Kirche. Die Dürre ist
gross. Die Ratlosigkeit auch. Das Losungsbuch der Herrnhuter
Brüdergemeine führt mit Zinzendorf, ihrem Gründer und
«Erfinder» der Losungen, zum Gebet: «Du inniglich geliebtes
Haupt, wir wolln dich etwas bitten, du hast’s den Deinen
ja erlaubt, ihr Herz dir auszuschütten: Mach uns zu deiner
treuen Schar und lass die Welt erkennen, dass wir uns doch
nicht ganz und gar mit Unrecht Christen nennen.»


Ich staune immer wieder über Jeremias Vertrauen – trotz
allem. Er fleht, klagt, seufzt und bezeugt gleichzeitig: «Du
bist ja doch unter uns, Herr, und wir heissen nach deinem
Namen!» Da dreht sich einer nicht resigniert um und lässt
alles den Bach runtergehen, sondern erhebt seine Stimme.
Ob wir, um der Dürre und Ratlosigkeit in unserer Kirche
zu entkommen, zu einem pietistischen Gebet greifen sollten?
Mir ist das zu steil. Etwas klarer und deutlicher unsere
Stimme erheben und verständlich Farbe bekennen reicht
mir fürs Erste.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. Juli

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Psalm 62,2

Wir wissen, dass Stille uns guttut. Nur haben wir dafür keine
Zeit. Wir haben doch alle Hände voll zu tun. Zuerst dies und
das. Danach noch jenes. Das Tun nimmt kein Ende.
Meine Seele ist stille zu Gott. Erst dann, wenn ich am Ende
bin? Oder darf es schon etwas früher sein?
Da ist etwas in mir, das still sein will. Das sich nicht länger
stören lässt. Die Stille hat einen Ort in mir. Da kann ich mich
zur Ruhe setzen. Ich bin in Gott in mir daheim.
Geborgen, geliebt und gesegnet,
gehalten, getragen, geführt
erkennen wir Gott. Er begegnet,
wenn Schweigen den Schweigenden spürt.
Geborgen, geliebt und gesegnet,
gehalten, getragen, geführt
besingen wir Gott. Er begegnet
im Wort, das uns heute berührt.

Diese Liedstrophen, die der Theologe Georg Schmid zu
Psalm 62 gedichtet hat, mögen uns heute stille werden lassen.
Stille zu Gott, der uns hilft. Bevor all das getan ist, von
dem wir meinen, dass es heute getan werden müsste.

Von: Ruth Näf Bernhard

18. Juli

Unsre Abtrünnigkeit steht uns vor Augen,
und wir kennen unsre Sünden: abtrünnig sein
und den HERRN verleugnen.
Jesaja 59,12–13

Abtrünnigkeit. Abtrünnig sein. Oder anders gesagt: untreu
werden. Sich absondern und flüchten. Vom Glauben abfallen.
Heimatlos werden. Abtrünnigkeit. Was hat dieses Wort
mit mir zu tun? Schon steht mir ein Beispiel vor Augen.
Als frischgebackene Pfarrerin besuchte ich mit meinem
Mann und einem befreundeten Paar einen Tanzkurs. Wenn
der Tanzlehrer mit einer der Kursteilnehmerinnen eine Figur
vorzeigte, fragte er als Erstes nach ihrem Beruf. Also entschied
ich mich kurzerhand, für die Dauer dieses Kurses
Verkäuferin zu sein, und bat meinen Mann und das andere
Paar, mich darin zu unterstützen. Ich wollte mir fragende
Blicke und Diskussionen über Sinn und Unsinn von Glauben
und Kirche ersparen. Dass ich mit dieser Lüge nicht nur
Gott, sondern auch mich selbst verleugnete, wurde mir erst
später klar. Ich habe etwas gelernt. Über das Tanzen hinaus.
Bis heute.
Ich fülle ein Formular aus vor einem chirurgischen Eingriff.
Beim Beruf zögere ich. Pensioniert oder Pfarrerin? Ich entscheide
mich für Pfarrerin. Damit jene, die für mich sorgen
werden, wissen, dass ich daran glaube, dass für mich gesorgt
ist. Über diesen Eingriff hinaus. Ich entscheide mich für Pfarrerin.
Damit auch ich nicht vergesse, was ich glaube.

Von: Ruth Näf Bernhard

17. Juli

Heile du mich, HERR, so werde ich heil;
hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17,14

Jeremia, der so wortstarke Prophet, hadert. Er spricht im
Namen Gottes, aber er ist plötzlich unsicher, ob ihn dieser
Gott auch in Schutz nimmt vor den bösen Worten, die er
entgegennehmen muss (Verse 14–18). Er bittet Gott um
Hilfe, dass es ihm besser gehe. Seine fast verzweifelten Worte
machen klar, dass diese Hilfe nur noch von Gott kommen
kann. Er selbst hat getan, was er tun konnte – gegen die
Anwürfe seiner Gegner fühlt er sich allein, ja, eigentlich
im Stich gelassen. Das gipfelt dann im Ausruf «Werde mir
nicht zum Schrecken», den er aber gleich etwas zurücknimmt
und Gott ermahnt, ihm Heilung zukommen zu lassen
(Vers 17). Und im Vers 18 setzt er dann zum ultimativen
Wort-Schlag an: Zerschmettere sie mit doppelter Wucht. Es
muss schlimm aussehen in seiner Seele, aber er hofft und
bittet, fleht geradezu um Hilfe. Und braucht dabei die etwas
merkwürdige Formulierung: Hilf mir, damit mir geholfen ist.
Er bittet um Kraft für Standhaftigkeit, für Widerständigkeit
zum Durchhalten dieser schwierigen Periode.
Es gibt Zeiten, da spricht mir Jeremia aus dem Herzen;
auch wenn ich es möchte, reichen die eigenen Kräfte oftmals
nicht, um auszuhalten, was mich bedrängt. Jeremia ermutigt,
in solchen Momenten Gott anzurufen und zu vertrauen,
dass Gott hört und erhört.

Von: Hans Strub

16. Juli

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.
Psalm 127,1

Dreimal steht «umsonst» am Anfang dieses kurzen Weisheitslieds.
Umsonst sind meine Bemühungen um einen
naturnahen Lebenswandel oder um einen Hausbau oder gar
für eine sichere Bewachung meiner Stadt, wenn nicht Gott
dabei ist. Wenn nicht Gott dieses Bemühen stützt und segnet.
Wenn nicht Gott will, dass das, was ich unternehme, gut
kommt. Oder andersherum: wenn ich nicht Gott in mein
Handeln miteinbeziehe, wenn ich nicht darüber nachdenke,
wie das, was ich im Sinn habe, in Gottes Augen aussehen
könnte. Die eingängigen Bilder haben Wirkung. Weil ich nicht
möchte, dass das, was ich tue, umsonst ist, plane ich mit Gott.
Wie aber stelle ich sicher, dass Gott das, was ich möchte,
auch will? Darauf gibt es keine sichere Antwort und keine
eindeutige Botschaft vom Himmel her. Ich verspüre in solchen
Situationen, wenn ich ehrlich bin und es zulasse, eine
Art von diffusem Unbehagen oder schwerem Herzen, Signale,
die mir eigentlich kaum entgehen, die ich aber gar nicht
immer annehmen will. Im Gegenteil: Ich suche nach Ausflüchten
oder schiebe Entscheidungen auf in der Hoffnung,
dass «es» etwas später dann «irgendwie geht» … Denn ich
möchte ja nicht, dass mein Planen umsonst ist.
Mach mich frei, Gott, zum Wahrnehmen dessen, was «recht»
ist vor dir, und gib mir die Kraft, es dann zu tun.

Von: Hans Strub

15. Januar

Die Stunde kommt, und sie ist jetzt da, in der die
wahren Beter in Geist und Wahrheit zum Vater beten
werden.
Johannes 4,23

Als Rabbi Jischmael sich aufmachte, um Gott in Jerusalem
anzubeten, begegnete ihm ein Samaritaner und fragte ihn:
«Wäre es nicht besser für dich, auf diesem gesegneten Berg
zu beten als auf jenem Misthaufen?» Mit dem «gesegneten
Berg» meinte er den Garizim, den heiligen Berg der Samaritaner.
Der Jerusalemer Tempelberg hingegen war aus samaritanischer
Sicht ein «Misthaufen». – Der kleine interreligiöse
Dialog macht deutlich, wie tief der Graben zwischen Juden
und Samaritanern damals war. Dass der jüdische Mann Jesus
in der Szene, aus der der heutige Lehrtext stammt, mit einer
samaritanischen Frau in Dialog tritt, ist eine Grenzüberschreitung
sondergleichen.
Nichtsdestotrotz bleibt Jesus der Mensch jüdischer Herkunft,
der er ist: «Das Heil», sagt er, «kommt von den Juden»
(Vers 22). Doch dann transzendiert er diese chauvinistische
Position, transferiert sich selber in jenes grenzenlose Drüben,
das in ihm hier schon, heute schon angebrochen ist. Dass das
Gebet «in Geist und Wahrheit» vollzogen wird, setzt den
Ich-Tod voraus, in dem alle personalen, lokalen, nationalen
Eigeninteressen überwunden sind. Im Johannesevangelium
wird dieser Ich-Tod symbolisiert durch das «Weggehen»
Jesu Christi: Wenn er gehe, sagt er selbst, entstehe Raum für
den «Geist der Wahrheit», der kommt (Johannes 16,7–13!).

Von: Andreas Fischer

14. Juli

Meine Geliebten, flieht die Verehrung
der nichtigen Götter!
1. Korinther 10,14

Derzeit planen wir in unserer Kirche die Erstellung eines
Mandalas durch tibetische Mönche. Doch es gibt Einwände.
Sie entsprechen dem paulinischen Appell: Wir sollen in
unserem christlichen Gotteshaus keinen fremden Göttern
huldigen. Theologisch vermag ich mich gegen das Totschlagargument
nicht zu wehren. Doch mich beeindrucken die
Mönche, die ich von früheren Mandala-Aktionen her kenne,
ihre Einfachheit, ihr Humor, ihre Demut. Ich wünschte, ich
könnte selber aus derartigen spirituellen Quellen schöpfen.
Ausserdem hat mich das Schlussritual tief berührt: Wie sie
das Mandala, an dem sie eine Woche lang konzentriert gearbeitet
hatten, verwischten und den Sand dem nahegelegenen
Rhein übergaben.
In anderem Zusammenhang ist der paulinische Appell
für mich durchaus persönlich bedeutsam: Wenn mit den
«nichtigen Göttern» der Mammon gemeint ist oder woran
sich das menschliche Herz sonst noch so hängen mag, dann
leuchtet mir der urbiblische Befehl ein, keine anderen Götter
neben der einen Gottheit zu haben. Gerade hier aber ist
die Schlusszeremonie der tibetischen Mönche eine wegweisende
spirituelle Praxis. Sie entspricht den Worten des
christlichen Mönchs und Mystikers Meister Eckhart:
«Wer sich selber gelassen und nichts für sich behalten hat,
der hat alles; denn nichts haben, das ist alles haben.»

Von: Andreas Fischer

13. Juli

HERR, von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.

Jesaja 26,9

In der Zürcher Übersetzung lautet der Vers, treuer dem Originaltext
folgend: «Mit meiner Seele verlange ich nach dir in
der Nacht, ja ich suche nach dir mit meinem Geist in meinem
Innern.» Er gehört zu einem Jubellied, in dem Dankbarkeit,
Hoffnung und Vertrauen auf Gott in ausdrucksstarken Bildern
besungen werden (Kapitel 26). Unser Vers nun stimmt
einen anderen Ton an. Eine sehr persönliche, fast intime Szene
wird uns vor Augen gemalt: ein Mensch in der Dunkelheit der
Nacht, allein mit sich und seinen Gedanken, vielleicht unruhig
und verzagt, umgetrieben von Sorgen und Ängsten …
Was hilft, was rettet «im Dunkel unserer Nacht»?
Eine Patientin im Krankenhaus erzählt: «Verse und
Gedichte helfen mir, die alten Lieder, die ich mir still vorsage
…» Eine andere sagt: «Ich bete jeden Abend. Das beruhigt
mich.» Meine eigenen Versuche, das Dunkel mancher
Nächte zu bestehen, sind so ähnlich: Lieder, Psalmen, Beten:
«Mit meiner Seele verlange ich nach dir in der Nacht, ja ich
suche nach dir mit meinem Geist in meinem Innern.»
Wie die sehnsüchtige Suche des Beters/der Beterin gestillt
wird, bleibt offen. Vielleicht ist ja die inständige Suche, das
sich Ausrichten von Herz, Seele und Geist auf Gott, die
Ewige, den Weg. «So ihr mich von ganzem Herzen suchet,
so will ich mich finden lassen, spricht unser Gott», klingt es
im «Elias» von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Von: Annegret Brauch

12. Juli

Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit,
jetzt ist er da, der Tag der Rettung.
2. Korinther 6,2

Bedenkt man die Streitigkeiten, die damals in der Gemeinde
in Korinth ausgefochten wurden, und die Anfeindungen, die
Paulus von seinen Gegnern ertragen musste, dann ist das ein
erstaunliches Wort: «Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt
ist er da, der Tag der Rettung.» Paulus unterstreicht damit,
was er zuvor über die verändernde, weltbewegende Kraft
der Versöhnung geschrieben hat, die mit und in Christus
in die Welt gekommen ist: «Ist jemand in Christus, so ist
er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues
ist geworden.» (Vers 17) Gott hat durch und in Christus
«das Wort von der Versöhnung» unter uns aufgerichtet
(Vers 19). Damit ist die Welt, wie wir sie kennen, sozusagen
auf den Kopf gestellt – oder auf neue Füsse. (vgl. Vers 21) Die
Botschaft von der Versöhnung ist – mit einem Begriff aus
der Organisationsberatung – eine «paradoxe Intervention»
Gottes. Sie stellt die Mechanismen, Regeln und Gesetzmässigkeiten
von Erfolg, Einfluss und Macht auf den Kopf, führt
sie ad absurdum. Sie zeigt: Nicht im «immer mehr vom
Gleichen» (mehr Waffen, mehr Quote, mehr Erregung und
Aufmerksamkeit usw.) liegt die Lösung für die Welt und ihre
Rettung, sondern in der paradoxen, schwierigen, fröhlichen,
beharrlichen Arbeit an der Versöhnung als Botschafter:innen
an Christi Statt (Vers 20). Wo das geschieht, wie klein
und unscheinbar auch immer, «ist sie da, die ersehnte Zeit».

Von: Annegret Brauch