Autor: Annegret Brauch

26. August

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit  Psalmen,  Lobgesängen  und  geistlichen  Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Kolosser 3,16

Als es nach langen Monaten der Pandemie wieder erlaubt war, im Gottesdienst (mit Maske) zu singen, traten mir beim ersten Lied die Tränen in die Augen. Ich weiss nicht mehr, welches Lied wir gesungen haben, aber ich erinnere mich, dass mich meine Reaktion überraschte: Ich war gleichermassen ergriffen, bewegt, froh und dankbar. Das gemeinsame Singen nach so langer Zeit hatte etwas von Nachhausekommen, das Vertraute, das ich schmerzlich vermisst hatte, war wieder da. Seither singe ich aus vollem Herzen, so gut ich kann, mit oder ohne Tränen in den Augen und freue mich über die tröstende und stärkende Kraft des gemeinsamen Singens, das uns als ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt.

Um die heilsam-heilende Wirkung des gemeinsamen Singens wussten auch die frühen Gemeinden. Ja, es gab auch in Kolossä Streit und Unstimmigkeiten darüber, wie das Leben von Christenmenschen auszusehen hat; was gelten soll und was nicht; wie der «richtige» Weg ist; wie streng oder grosszügig die Weisungen auszulegen sind. Es gab und gibt eben nicht die eine richtige Weise. Aber es gibt Einen, der trotz und in allen Unterschieden Verbindung und Gemeinschaft stiftet: Christus. Darum «lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen» – und singt, singt gemeinsam!

Von Annegret Brauch

25. August

Ich will zu Gott rufen, und der HERR wird mir  helfen. Psalm 55,17

Was für ein Vertrauen kommt in diesem Vers zum Ausdruck! Es wächst in Bedrängnis und Angst; es versiegt nicht, trotz Anfeindung und Verrat der Freunde; es wird stark im Mut und im Wagnis, das Leben der EWIGEN in die Arme zu werfen. Der Psalmbeter, die Psalmbeterin kennt die Schrecken, die Menschen einander zufügen können, kennt die Verzweiflung und das Grauen in Todesangst, das Entsetzen über Lüge und Verrat. Er und sie rufen und klagen, flehen um Rettung, ringen mit sich und mit Gott – und sie halten stand, auf wundersame Weise: «Ich aber will zu Gott rufen, und der HERR wird mir helfen.»

In einer für sie schwierigen und bedrängenden Lebenslage schrieb Hilde Domin diesen Vers in ihr Tagebuch: Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug.

Da ist es wieder dieses wundersame Vertrauen, das, fragil und doch kräftig, angefochten und doch stark, Menschen in Not und Bedrängnis zuwächst und sie trägt.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. (Dietrich Bonhoeffer)

Von Annegret Brauch

26. Juni

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.        Johannes 14,27

Jesus nimmt Abschied von den Seinen. Er bereitet sie darauf vor, dass es eine Zeit geben wird, in der er nicht mehr leibhaftig unter ihnen sein wird. Aber er lässt sie nicht allein:

«Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.» (Vers 26f.)

Wie zeigt sich der Friede Christi heute in unserer durch Krieg und Gewalt, durch Leid, Angst und Tod verstörten Welt?

Ich glaube, er zeigt sich im Mut der Menschen, die sich weigern, im Bruder den Feind zu sehen, in der Kraft der Mitmenschlichkeit, in der Beharrlichkeit im Willen zum Frieden, in der Hoffnung, die nicht aufgibt.

Wo Frieden werden soll, kommt es auf die Menschen an, auf jede und jeden einzelnen, auf uns.

Mach uns zu Werkzeugen deines Friedens, unerschrocken und ohne Furcht, stärke unser Vertrauen auf deine Friedensmacht und lenke unsere Schritte auf den Weg des  Friedens.

Von Annegret Brauch

25. Juni

Jesus spricht: Ein Beispiel habe ich euch  gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.        Johannes 13,15

Jesus wäscht den Seinen die Füsse. Er, ihr Herr und Meister, ihr Lehrer und Rabbi, übernimmt den Dienst, der sonst nur den Sklaven zugemutet wird. Allen wäscht er die Füsse, auch dem, der ihn wenig später verraten wird. Das ist sein Beispiel. Es ist eine paradoxe Intervention, was er tut: unerwartet, überraschend, anders als bisher gekannt oder vertraut. Dass Petrus verstört reagiert, verwundert nicht: «Nimmermehr sollst du mir die Füsse waschen!» (Vers 8)

Eine paradoxe Intervention bricht vermeintliche Regeln, durchbricht den gewohnten Lauf der Dinge und gelernte Vorstellungen von Normalität. Sie zeigt, es geht auch anders: Der Meister übernimmt den Sklavendienst. Die produktive Kraft der Liebe gestaltet das Miteinander in der Gemeinschaft nicht als Herrschaft der einen über die anderen (vgl. Verse 34 f. und Mk 10,42 ff.).

Das Beispiel ist zugleich Jesu Vermächtnis an die Seinen:

«… damit ihr tut, wie ich getan habe.»

Wie viel Unerwartetes, Überraschendes, Anderes… trauen wir uns zu in der Nachfolge Jesu? Wie gross ist unser Zutrauen in die produktive, verändernde, manchmal paradox intervenierende Kraft der Liebe Christi, die unter uns wirksam ist? Wie wirkt Jesu Beispiel in meinem Leben?

Von Annegret Brauch

26. April

Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben
in Christus Jesus, unserm Herrn.

Römer 6,23

«Alles hat seinen Preis!» ist ein beliebter Ausspruch einer Freundin. Mal klingt er ein bisschen resignativ, meist dann, wenn der «Preis» – für was auch immer – gefühlt zu hoch ist; mal fröhlich, wenn sie etwas Schönes erstanden hat; mal pragmatisch-abgeklärt: So ist es halt im Leben. Alles hat seinen Preis!

Bei Paulus geht es um Tod oder Leben. Der Preis für ein Leben unter der Sündenmacht ist ihm zu hoch. Im 6. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Rom argumentiert er mit aller Kraft für den Weg zum Leben – rhetorisch kunstvoll, aber für uns Heutige nicht ganz leicht verständlich. Denn, so das Fazit seiner Rede: «Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus.»

Bei Matthäus klingt es für mich einfacher, wenn Jesus sagt: «Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.» (Matthäus 5,24)
Es ist also meine, Ihre, unsere Entscheidung – als Einzelne und als Gemeinschaft, welchen Weg wir einschlagen, woran wir uns orientieren und unser Leben, unsere Lebensweise ausrichten, jeden Morgen neu. Das hat einen hohen Preis:

«Wir sind teuer erkauft!» (vgl. 1. Korinther 7,23)

Von Annegret Brauch

25. April

Es freue sich der Himmel, und die Erde sei fröhlich, und man sage unter den Völkern, dass der HERR regiert!
1. Chronik 16,31

Jede Zeit, jede Generation erzählt Geschichte neu. Die Gegenwart und ihre Lebensumstände prägen den Blick auf das Vergangene, das nun in neuer Weise verstanden wird. Dabei sagen die neuen Erzählungen und Texte häufig mehr über die Zeit ihrer Entstehung aus als über die Zeit, von der sie berichten. So auch die Bücher der Chronik, die nach der Rückkehr aus dem Exil in Babylon die Geschichte des Volkes Israel von Anfang an noch einmal ganz neu erzählen.

Alles auf Anfang also?!
Am Anfang dieses Liedes, zu dem unser Vers gehört, stehen Lob und Dank: «Danket dem HERRN, ruft seinen Namen an, tut kund unter den Völkern sein Tun! Singet und spielet ihm, redet von allen seinen Wundern!» (Verse 8 und 9).
Alle sollen sich mitfreuen, sogar Himmel und Erde und das Meer, Felder und Bäume (Verse 32 f.); und auch all die Menschen und Nationen, die nicht zum Volk Israel gehören. Was für ein Neuanfang!

Das passt gut zu dieser Woche, die vom Sonntag Quasimodogenitit (= wie die neugeborenen Kinder) herkommt: Etwas Neues ist geworden und ist im Werden! Wir dürfen gespannt sein und uns freuen – mit Himmel und Erde, mit Gottes Volk Israel, mit allen Menschen unter Gottes Himmel, als Töchter und Söhne, die zu Gott gehören!
Von Annegret Brauch

26. Februar

Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?

Psalm 27,1

Wie schön, mit diesem Psalmvers den Tag zu beginnen! Kraftvoll und ermutigend, wie ein heller Sonnenstrahl auf dem Frühstückstisch, lädt er ein, sich zu erheben, sich aufzurichten zur ganzen eigenen Grösse und Schönheit. «Gott, der HERR, ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Gott, die EWIGE, ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?» Was wie eine Selbstermunterung des Beters, der Beterin klingt, ist tief verwurzelt in einer innigen Gottesbeziehung. Das betende Ich will Gott ganz nah sein: Gottes Freundlichkeit schauen und singen, Gottes Güte loben und gesegnet unterwegs sein unter Gottes Angesicht. (vgl. Vers 4 ff.)Und doch gibt es auch die anderen Erfahrungen: Angst, Einsamkeit, Verlassenheit, Bedrohung durch Feinde (Verse 9 ff.). Auch sie gehören zu (m)einem Leben, haben Raum im Gebet vor Gottes Angesicht – und verlieren ihren Schrecken: «Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte Gottes, des EWIGEN, im Lande der Lebendigen.» (Vers 13)

Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der/die Geduldige, und wer Gott hat, hat alles. Gott allein genügt. – Nada te turbe … Solo Dios! Basta!
(Teresa von Avila)

Von Annegret Brauch

25. Februar

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.

Matthäus 5,6

Während ich schreibe, tagt die Weltklimakonferenz in Glasgow. «Klimagerechtigkeit» ist das Wort der Stunde. Wie kann die fortdauernde Erderhitzung gestoppt oder zumindest so reduziert werden, dass auch in Zukunft Leben auf dieser Erde möglich ist?
Schon vor 50 Jahren prognostizierte der Club of Rome in «Die Grenzen des Wachstums»: «Wenn die derzeitige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unvermindert anhält, werden die absoluten Grenzen des Wachstums auf der Erde in den nächsten hundert Jahren erreicht.»

Fünfzig davon sind jetzt um!

Eigentlich ist es einfach: Wenn die Menschheit sich selbst retten will, muss ein Systemwandel her! Das heisst eine Welt ohne den Zwang zum Wachstum, ohne den Druck von Börsenmärkten und Investoren, ohne den Raubbau an Natur und Geschöpfen – eine Utopie?
«Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit», die sie mit ganzem Herzen, mit aller ihrer Kraft suchen, sich nach ihr verzehren und sie auch tun – «sie sollen satt werden».

Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen;
dein Reich komme, Gott, dein Reich komme.
Dein Reich in Klarheit und Frieden,
Leben in Wahrheit und Recht…

Von Annegret Brauch