Schlagwort: Hans Strub

3. April

Ich habe den HERRN allezeit vor Augen. Psalm 16,8

Erst auf einen zweiten Blick fällt auf, dass es sich bei diesem
Jubelpsalm um den Dank eines Menschen handelt, der
unter dem schweren Vorwurf stand, vom Glauben abgefallen
zu sein und der gar von einem Todesurteil bedroht war
(Vers 10). Weil er seinen Gott «allezeit» vor Augen hat und
hatte und weil dieser Gott ihn nicht im Stich liess («mir zur
Rechten steht», Vers 8b), steht er heute wieder aufrecht
da. Und kann er seinen Gott loben und ihm dankbar sein.
Er muss erfahren haben, dass sein Leben und sein Schicksal
(sein «Los», Vers 5) nicht mehr in seiner Hand lagen, dass
er also dem Urteil anderer ausgeliefert war. Aber da habe er,
so bekennt er, gespürt, wie dieses «Los» in Gottes Händen
lag. Wie er darauf vertrauen musste und durfte, dass Gott
ihn nicht aus seinen Händen fallen lässt. Auch wenn es zum
Glück nicht immer gleich um Weiterleben oder Sterben
geht, ist mir die Erfahrung sehr bekannt, dass plötzlich eine
Situation eintreten kann, in der ich nicht mehr selbst über
meine Zukunft entscheiden kann. In der ich auf die Hilfe von
Gott und seinen Schutz existentiell angewiesen bin. Als sie
dann kam, habe ich im Gebet «Danke» gesagt. Aber laut
und gar in einer gewissen Öffentlichkeit, wie es der Psalmsänger
hier tut, machte ich dies kaum je. Für ein nächstes Mal
nehme ich mir die Abwandlung eines bekannten Bonmots
vor: «Erfahre Gutes und rede davon!» Gott laut danken
und seine/ihre Güte preisen (Vers 7) – das sollten wir tun …

Von: Hans Strub

11. März

Mose sprach: Siehe, ich lege euch heute vor den Segen
und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den
Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute
gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen
werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes. 5. Mose 11,26–28

Bevor in der grossen und langen Abschiedsrede des Mose
alle Gesetze dem Volk ein weiteres Mal präsentiert werden,
hört es hier gewissermassen Einleitung und Überschrift: Gott
erbittet, erhofft und erwartet, dass das Volk ihn als den einzigen
Gott ernst nehme, dass es sich bewusst mache, was alles
dieser Gott seinem Volk an Gutem beschert hat und wie
er ihm in Kürze ein gesegnetes, fruchtbares Land schenken
wird ennet der Wüste und dem Jordan. Wenn es alles, was
Gott erwartet und erhofft und auch fordert (das hebräische
Verb bringt auch etwas von Gottes «Werben» um sein Volk
zum Ausdruck) – wenn es also das befolgt, dann wird Gottes
Segen über ihm sein, die ganze Zeit. Gott rechnet damit, dass
es auf sein Werben eingeht, dass es für alle Zeit den Segen
erhalten wird. Dennoch soll es sich stets auch des Abgrunds
bewusst bleiben, in den es bei andauernder und bewusster
Nichtbefolgung stürzen könnte. Es ist die Grundhaltung
Gottes, in der anschliessend die vielen Satzungen formuliert
werden: das Wohlwollen und das Zutrauen, das Volk werde
seine Nähe bewahren. So «behütet» Gott sein Volk! Damals
wie heute und in alle Zukunft! So ist unsere Welt heute und
morgen behütet.

Von: Hans Strub

10. März

Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Psalm 121,4

Eine wunderschöne Erweiterung des alten und weiterhin
gebräuchlichen «Bhüeti Gott!» – ein Reisesegen, wohl für
einen Wallfahrer. Nicht von «irgendwem» von den Bergen
herab ist Hilfe oder Schutz zu erwarten (Vers 1), sondern
einzig von Jahwe, deinem Gott! Oder, wie es in unserem heutigen
Vers heisst, vom Gott ganz Israels. Er ist der «Hüter»,
er behütet in jeder Situation. Fünfmal im kurzen Psalm
erscheint dieses Wort, fünfmal zeigt es an, wie Gott behütet
(vor Sonnenstich etwa oder vor allem Bösen, Verse 5–8).
Bei Tag und bei Nacht, ohne Unterbruch. Gott ist da und
braucht keine Pause. Sein Behüten ist dauerhaft, sein Schutz
ist grenzenlos. Er gilt dem einzelnen Menschen wie dem
ganzen Volk. Im Alltag verwenden wir diesen feinen Begriff
vor allem, wenn es um kleine Kinder geht: Eine umsichtige
ältere Person sorgt dafür, dass dem kleinen Menschen nichts
zustösst, dass er sich nicht verletzt, dass er nicht irgendwo
hingerät, wo ihm ein Sturz oder anderes «Ungfehl» droht.
Genauso wie ein kleines Kind nicht wissen kann, was für es
gefährlich werden könnte, kann man es auf einer Reise nicht
im Voraus wissen. Umso zuversichtlicher macht ein Reisesegen.
Da wird mir bewusst, dass ich begleitet bin. Was der/
dem Einzelnen zugutekommt, gilt für das ganze Volk. Gott
behütet seine Menschen, wohin sie auch gehen, in welche
ungewisse Zukunft sie unterwegs sind! Danke, Gott, für
diese Gnade! «Bhüetech Gott!»

Von: Hans Strub

4. Februar

Jakob gelobte Gott: Von allem, was du mir gibst,
will ich dir den Zehnten geben.
1. Mose 28,22

Jakobs Gelöbnis steht am Ende seines berühmten Traums, in
dem er eine Treppe (oder Leiter) sieht von der Erde bis in den
Himmel und von der herab Gott ihm Land, Nachkommen,
Zukunft und zuletzt Segen zuspricht (Vers 15): «Und siehe,
ich bin mit dir und behüte dich, wohin du auch gehst, und
ich werde dich in dieses Land zurückbringen; denn ich verlasse
dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe.» Ob
dieser umfassenden und grenzenlosen Verheissung erwacht
Jakob im Heiligtum von Beth-El (Haus des El, Haus Gottes).
Und er gelobt seinerseits, dass dieser ihm erschienene
Gott für alle Zeiten sein Gott sein soll. Und er ihm dienen
will und danken, eben mit dem Zehnten. Auch wenn
die Verzehntung schon früher im Genesisbuch vorkommt
(1. Mose 14,20), wirkt sie hier fast etwas unbeholfen und
wenig passend zu dem, was ihm im Traum widerfahren ist.
(Man geht deshalb davon aus, dass die letzten Verse ein
späterer Zusatz sind.) Aber sie soll zeigen, dass Jakob den
göttlichen Segen nicht nur dankend entgegennimmt, sondern
auch an seinem Platz etwas tun will dafür. Nicht einmalig,
sondern wiederkehrend, weil auch der Segen für immer
wirkt. Jakobs «Gelöbnis» ist eine Selbstverpflichtung, weil er
weiss, was ihm Gott Gutes getan hat. Dieser Segen hält bis
auf den heutigen Tag – und weit über ihn hinaus! Gilt das
für unsere Selbstverpflichtung auch …?

Von: Hans Strub

3. Februar

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer
gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister:
Er hat mich nicht gemacht!, und ein Bildwerk spräche
von seinem Bildner: Er versteht nichts!
Jesaja 29,16

Gott sieht alles und durchschaut alles. Gott weiss, worauf
Menschen im Verborgenen sinnen, was im Untergrund
geplant wird, wo Wahrheit ins Gegenteil verkehrt wird,
wo Fake News das Feld beherrschen, wo sich Menschen
über andere erheben und besser sein wollen als jene. Wo
Geschichte umgeschrieben wird, damit sie instrumentalisiert
werden kann. Wo Zusammenhänge zwischen Schöpfer
und Geschöpf umgekehrt werden, wie hier zwischen Töpfer
und Ton oder zwischen Maler und Bild. So handle das Volk,
lässt Gott Jesaja sagen (Verse 1–15) – und man muss erwarten,
dass nun als Strafe dafür das grosse Unheil verkündet
wird. Doch dann folgt unerwartet das grosse Aber. Auch
wenn nichts von all dem bösen Tun Gott verborgen ist,
sagt er dennoch: Siehe, ich werde an diesem Volk weiterhin
wundersam handeln, wundersam und überraschend …
Und dann folgen weitere Gottessätze dieser Art, dass man
nur staunen kann (Verse 17–24)! Da stellt Gott wieder in
den Senkel, was schief war, da wird Hoffnung ganz konkret
genährt, da zeigt sich Gott als vergebender Gott, der das
Leben schenkt. Weil er es will. Für alle in allen Zeiten, wie
immer sie auch sind, was immer sie auch tun …

Von: Hans Strub

11. Januar

Der HERR hört mein Flehen; mein Gebet nimmt
der HERR an.
Psalm 6,10

So endet ein verzweifeltes Gebet um Erlösung von Krankheit
oder Unheil oder Depression. Erschöpft sei er, schwach und
matt und bedrängt. Er fühlt sich am Ende seiner Kräfte. Und
da geschieht etwas Unerwartetes, plötzlich wird er laut und
klar: «Weicht von mir, ihr Übeltäter, denn Gott hat mein
lautes Weinen gehört.» (Vers 9) Mit einem Mal erwächst
ihm Kraft zum Aufbegehren, zum Widerstand. Und er nennt
gleich den Grund dafür: Gott hat mich gehört und mein
Gebet angenommen. Das Eingeständnis der Schwäche gibt
Kraft! Verzweiflung und Erschöpfung zuzugeben, verändert
vieles. Weinen oder gar Flehen ist gesund und befreit die
Seele und den Körper aus dem (angeborenen) Drang, es
aus eigener Kraft schaffen zu wollen. Was da und dort in
populären Ratgebern zu lesen ist, wird hier in aller Offenheit
und Klarsicht vorgelebt: Es ist eben nicht ein Zeichen von
Schwäche, sein Schwachsein zuzugeben und auszusprechen.
Wer dazu steht, dass sie / er am Ende der eigenen Möglichkeiten
angelangt ist, schafft Raum für Hoffnung, kann Hilfe
annehmen. Der Mensch, der hier betet, kann aufstehen, weil
er ehrlich genug ist, seinen Zustand zu benennen. Aus seinem
rückhaltlosen Gebet erwächst ihm Kraft. Gott wird in
der Schwachheit mächtig. Er ermächtigt auch mich. Das ist
Gnade.

Von: Hans Strub

10. Januar

Mose sprach zu Gott:
Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und
führe die Israeliten aus Ägypten? Gott sprach:
Ich will mit dir sein.
2. Mose 3,11–12

Wer bin ich denn, dass gerade ich einen solchen Auftrag
erhalte? Vielen von uns ist diese Redewendung vertraut, wir
haben sie oft selbst gebraucht oder mindestens gedacht.
Und oft brauchte es dann bei mir viel Überredung, bis ich
meinen Mut zusammennahm und den ungesuchten Auftrag
anpackte. Mose, hier noch ein einfacher Viehhüter, reagiert
genauso. Darauf sagt Gott bloss einen einzigen Satz mit fünf
Wörtern, aber einen, der es in sich hat: Ich will mit dir sein.
Damit ist von Gott her alles gesagt, auch wenn Mose später
noch mehrfach zur Verweigerung ansetzt. Am knappen
Gotteswort prallen alle Unsicherheiten ab. Denn Gott will
sein Volk befreien aus der Sklaverei im fremden Land. Gott
will den Israeliten eine neue Zukunft eröffnen, er will ihnen
Land und Frieden geben. Und deshalb will und wird er mit
dem ausgewählten Anführer sein. Weil Gott genau diesen
Menschen beauftragt – und eben dann nicht allein lässt.
Gott bleibt bei Mose und seinem Volk, was immer kommt
(und es kommt viel und auch Schlimmes)! «Ich will bei dir
sein» soll ermutigen und stärken. Ich bin nicht auf mich
allein gestellt, ich kann darauf bauen, dass bei Gott und mit
Gott nichts unmöglich ist. Auch heute und hier …

Von: Hans Strub

11. Januar 2022

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!     Prediger 5,6

Das Predigerbuch (hebräisch Kohelet) beleuchtet kritisch und grundsätzlich die Situation der Menschen und ihr Verhalten, gerade auch in religiösen Dingen. Da wird zu viel «gemacht» (Opferdarbringung) und zu viel geredet (Gebete!), sagt er. Und wo das Oberhand hat, bleibt zu wenig oder gar kein Raum für das Entscheidende, das Hören. Die Gottesfurcht, die sich einstellen kann in der Ruhe, in der Achtsamkeit, in der Stille. Beim Reden und Handeln oder gar Träumen riskiert man, die Realität zu verlieren. Und merkt dabei nicht, wie alles andere «Nichtigkeit» ist – ein Wort, das im Predigerbuch immer wieder vorkommt und sehr klar zusammenfasst, worum es geht: dass die Menschen Gott in ihrem Leben, auch im Alltagsleben, Platz geben.

Auf Gott hören, auf Gottes Resonanz im grossen Raum der Welt oder im kleinen Raum meines täglichen Umfeldes. Beide Räume durchhallt Gottes Klang. Ein feiner Ton, ein leiser Hauch, ein Wort. Gott lässt sich erfahren in seiner/ihrer ganzen Grösse und Weite als liebende Kraft, die vergibt und schützt (Vers 5b). Gott gibt sich dem hörbereiten Menschen zu erkennen. Darum sei es wichtig, wird hier gesagt, sein Reden und Handeln immer wieder kritisch zu prüfen, ob es denn diesen Resonanzraum befördert oder ihn beschneidet. Oder aber Gottes Stimme durch eigene Laute übertönt. Das meint er mit dem missverständlichen Wort der Gottesfurcht.

Von: Hans Strub

10. Januar 2022

Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden!  
Psalm 19,13

Etwas, was dem Psalmsänger sehr wichtig ist, scheint gefährdet durch «vermessene Menschen» (Vers 14). Vor ihnen sucht er Schutz beim Schöpfergott. Diesen lobt er in einer langen Einleitung (Verse 1–7 und 8–13), die er möglicherweise aus schon bekannten Liedern zitiert. Das grosse Schöpferlob einerseits, das täglich vom Himmel erzählt und gesungen und von der Sonne unablässig um die ganze Erde herum verbreitet wird, und das tiefe Vertrauen in Gottes Wort, das in geschriebener Form überliefert ist, schaffen den Boden für seine Bitte und seine Hoffnung, dass er verschont werden möge von der Bedrohung, die über ihm schwebt. Er bezeichnet sich als «Diener» mit Verfehlungen gegenüber der Thora, die ihm vielleicht angerechnet werden könnten … Aber wer ist schon ohne Fehler, fragt er. Wer ist denn in der Lage, gegenüber dieser alle Vorstellungen übersteigenden Kraft Gottes fehlerlos zu bleiben – es ist ja gar nicht möglich, den kostbaren Gottesgesetzen zu entsprechen! Worauf er vertraut, ist das Gebet (Vers 15). Im Gebet anerkennt er seine Fehlerhaftigkeit, auch seine «verborgenen Sünden», und anerkennt so gleichzeitig die Grösse Gottes und seine Möglichkeit, ihn vor der Bedrohung zu retten. Im Gebet zeigt er sich als «Diener», nicht unterwürfig, sondern einsichtig, nicht kleinlaut, sondern demütig, nicht schuldbewusst, sondern erlösungsbereit. Das ist seine Form, um Verzeihung zu bitten und sie zu erhoffen.

Von Hans Strub