Schlagwort: Dörte Gebhard

18. Juli

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5,7

Wir haben nicht nur Sorgen – wir machen uns noch extra
Sorgen! Sie sind berechtigt, gross, manchmal sehr bedrohlicher
Art. Sorgen können uns plagen, quälen, in Angst versetzen, grösser
werden und sich auf tausend Weisen äussern: auf den Magen
schlagen, den Schlaf rauben und die Hoffnung vertreiben. Sorgen
werden uns auch von anderen bereitet.
Natürlich können wir Sorgen vorübergehend verdrängen,
beiseiteschieben, aus dem Bewusstsein verbannen. Aber
meist nehmen wir sie uns zu Herzen, grübeln wir, brüten
wir, bissich dieGedanken imKreise drehen,malen uns dieses
oder jenes Katastrophenszenario aus, zerbrechen uns den
Kopf oder zermartern uns sogar das Hirn.
Weniger geläufig, aber empfehlenswerter ist das Sorgenwerfen.
Man entfernt Sorgen damit nachhaltiger; vielleicht gehen sie
sogar zu Bruch und können nicht länger schaden.
Man bringt beim Werfen mehr Distanzzwischen die Sorgen
und sich selbst, als wenn man nur versucht, sie kurz zu vergessen.
Ausserdem geht es nicht nur um den Weitwurf, sondern um den
Zielweitwurf. Präzis bei Gott sollen die Sorgen
landen, nicht anderen im Weg. Vor allem aber geht es um
grossen Schwung, vielleicht vor lauter Wut, nicht nur um
das allseits gelobte, aber doch ohnmächtige «Loslassen» –
da fielen die Sorgen einem bloss selbst auf die Füsse. Aber
woher die Kraft für so einen grossen Wurf nehmen, wenn
nicht stehlen? Diese Kraft schenkt Gott; er sorgt sich um uns.

Von: Dörte Gebhard

19. Mai

Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,24

Recht und Gerechtigkeit sollen doch für alle Zeiten in Stein
gemeisselt sein, damit man im Streitfall festen Boden unter
den Füssen hat und weiss, was gilt. Ich gebe zu, auch ich hege
dieses Vorurteil immer wieder.
Der Prophet Amos erkennt die grossen Ungerechtigkeiten
seiner Zeit ohne jegliche juristische Zusatzausbildung und
wählt zur Besserung eine eigenwillige Metapher. Ich verlasse
also die Komfortzone meiner Vorurteile und tauche in sein
flüssiges Sprachbild ein. Für den erprobten Schafzüchter sind
Quellen und Bäche überlebenswichtig. Harten, staubigen
Grund meidet er mit seiner Herde bestimmt weiträumig,
weil es dort nichts Fressbares gibt. Amos fasst also in einem
Vers zusammen, was sonst nur die Lektüre aller biblischen
Schriften, aufgezeichnet über mehr als tausend Jahre, offenbart:
Damit die Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
geniessbar bleiben, damit sie wirklich Lebensmittel und
nahrhaftes Futter sind für Mensch und Tier, müssen sie im
Wandel der Zeiten immer wieder frisch diskutiert, bestritten,
geprüft und erneuert werden.
Unsere irdischen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
sind nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern eine Herausforderung
für jede neue Generation. Glauben Sie das nicht?
Dann stellen Sie sich vor, wie Amos gestaunt hätte, wenn Sie
ihm erklärt hätten, was eine «Rentenversicherung» ist.

Von: Dörte Gebhard

18. Mai

Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und
Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter
euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch
und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der
Leib nötig hat – was hilft ihnen das?
Jakobus 2,15–16

Nichts. Das ist die ehrliche Antwort auf diese sehr rhetorische
Frage. Gar nichts. Es ist sogar kontraproduktiv für die
Geschwister und den Frieden, in dem sie gehen sollen. Aber
damit ging es erst richtig los! Die Geschichte der Christenheit
kam mit Jakobus’ anstrengender Fragerei erstaunlich in
die Gänge. Eine ernste Frage ist es, ob sich das Christentum
wegen der alltäglichen gelingenden Diakonie ausgebreitet
hat oder wegen der interessanten dogmatischen Auseinandersetzungen
über das Gottesbild an Synoden. «Historisch
betrachtet verdankt sich die Kirchenbürokratie den Armen
und den Heiden. Denn am historischen Ursprung aller Kirchenverwaltung
stehen zwei Bücher: die Armenlisten und
die Taufmatrikeln. Schon in der Mitte des 3. Jahrhunderts
versorgte die römische Kirche jeden Tag über 1500 Witwen
und Hilfsbedürftige.» (Stefan Heid, kath. Kirchenhistoriker
und Archäologe)
Hilfreich war es für die Geschwister und für den Frieden,
die eigenen Grenzen zu überschreiten und auch den notleidenden
Übernächsten zu helfen, unabhängig von Herkunft,
Religion, Geschlecht, Nationalität oder Alter. So entstanden
Beziehungen, friedliche und «leibhaftige», wo vorher gar
keine waren.

Von: Dörte Gebhard

19. März

Zuflucht ist bei dem Gott, der von alters her ist. 5. Mose 33,27

Vertrauen in die Alten – das war den Alten vertraut.

Darum war aber früher nicht alles besser. Dieser Schluss liegt unmittelbar nahe, ist aber falsch. Alte Menschen überblicken die Zeiten und haben viel mehr Lebenserfahrung. Das ist wahr. Aber dieses kostbare Gut stammt überwiegend aus den selbst gemachten Fehlern, nicht weil damals alle es besser gewusst und gekonnt hätten.

Das wird zwar gern und vehement von jeder älteren Generation behauptet, ist aber ebenso falsch.

Vielmehr kommt es darauf an, Jugendlichkeit bei den Menschen als vorübergehenden Zustand zu erkennen, der lebenswichtig und unverzichtbar ist, die Jugend aber nicht anzubeten oder gar mit dem scharfen Skalpell in der Hand zu verteidigen. Die Jugend taugt genauso wenig für die Ewigkeit wie alle anderen unserer Lebensalter.

Wollten die Israeliten ihren Gott auch vor den Heiden loben, so betonten sie sein unvorstellbar hohes Alter, seine Erfahrung mit Zeit und Ewigkeit. Mit einem jugendlichen, eventuell sogar hippen Gott hätten sie niemanden beeindruckt.

Sie scherten sich nicht um die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Besatzungsmacht nach Events und Aufregungen aller Art. Sie erzählten sich lieber, wie oft Gott ihren Vorfahren schon geholfen hatte. Das half den Alten und den Jungen. Sie erkannten besser, wie oft Gott in der Gegenwart hilft.

Von: Dörte Gebhard

18. März

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Matthäus 7,12

Eine Weltreise, so lange sie auch dauert, wird an keinen Ort führen, an dem die Goldene Regel nicht in einer ihrer Varianten bekannt ist. Der geschichtliche Rückblick, so weit er auch zurückführt, wird aus allen uns bekannten Zeiten ein ähnliches Zitat zu Tage fördern. Diese so berühmte Anweisung ist natürlich nicht unwidersprochen geblieben. George Bernard Shaw meinte ironisch: «Behandle andere nicht, wie du möchtest, dass sie dich behandeln. Ihr Geschmack könnte nicht derselbe sein.»

Dabei geht es nie um harmlose Geschmacksfragen, sondern um das gefährliche Abenteuer, von sich aus mit der guten Behandlung anzufangen, auch wenn die anderen nicht oder noch nicht mitmachen. In der Bergpredigt fehlen realistischerweise alle naiven Versprechen, dass dann alle begeistert sein werden und auf jeden Fall auch gleich mitmachen und später ihrerseits bei anderen weitermachen. So verbreitet die Regel ist, so wenig wird sie erprobt und im Alltag gelebt. Jesus Christus gehört zu jenen, die die Goldene Regel konsequent umgesetzt haben, gegenüber Freunden, Fremden und Feinden. Auch deshalb wurde aus seiner Lebensgeschichte zuletzt eine grausame Leidensgeschichte. Denn mit seiner Feindesliebe machte er sich keine Freunde. Im Gegenteil: Er starb auch an den unmittelbaren Folgen der beherzigten Goldenen Regel. Dennoch ist sie nicht aus der Welt zu schaffen.  

Von: Dörte Gebhard

1. März

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Römer 8,31

Paulus ist ein alter Mann, als er den Römerbrief schreibt. Ob er deshalb so widersinnige Fragen stellt? Ist er müde und abgestumpft? Sieht er die Realität nicht mehr klar?

Er schreibt an «die Römer», wie wir gewöhnlich sagen. Das klingt sonntags, bei unseren Lesungen, immer grossartig und allumfassend. Es war aber eher ein überschaubarer Kreis, der den Brief, auch damals an einem Sonntag, erstmals vorgelesen bekam. Manche schätzen, es seien seinerzeit ungefähr 250 Christen und Christinnen in der Millionenstadt gewesen.

Paulus ist in seinem langen Leben mehr als genug herumgekommen. Die Widerstände gegen die Verbreitung des Evangeliums und die Widrigkeiten auf seinen Reisen passen nicht auf diese Seite: eine Giftschlange und mehr als Gegenwind, unzählige Male Hass und Hetze gegen ihn, Gefangenschaft und immer wieder Gefahr für Leib und Leben.

Er kann so fragen, weil er trotz allem alt geworden ist, weil er bewahrt wurde, sooft er den allzu frühen Tod vor Augen hatte. Er kann so trotzig sein, weil er nie genug Zeit hatte, um innerlich abzustumpfen. Er kann den wenigen Anfängerinnen und Anfängern im Glauben Mut machen, weil Gott ihn immer wieder auf den Boden seiner wunderbaren Tatsachen gestellt hat. Gefühlt «alle» mögen gegen uns sein. Der Augenschein kann diesen Gedanken geradezu aufzwingen. Aber Gott ist für uns – und für alle seine Geschöpfe. Widerstand ist zwecklos.

Von: Dörte Gebhard

19. Januar

Wir haben nichts in die Welt gebracht; darum können wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen. 1. Timotheus 6, 7–8

Nichts haben wir in die Welt gebracht.
Nichts von dem, was wir von Anfang an zum Leben brauchten. Andere haben für uns das Nötigste oder sogar das Beste zusammengetragen. Entweder konnten sie sehr grosszügig sein oder sie gaben sogar mehr als die Hälfte von dem, was sie selbst gut hätten gebrauchen können.
Nichts werden wir einst hinausbringen.
Nichts vom Aufgehäuften, nichts vom Verlorenen.
Nichts können wir ganz am Schluss aus der Welt schaffen. Wir hinterlassen alles, Grandioses und Unfug, Fertiges und Offenes. Andere leben gerne weiter mit unseren klugen Ideen und allem, was wir nicht nur gut gemeint, sondern richtig gut gemacht haben. Ebenso erben sie aber auch die Folgen unseres Fussabdrucks und unseren Müll, der erfahrungsgemäss nur langsam verrottet.
Timotheus verzweifelt darüber nicht. Er empfiehlt angesichts dieser Wahrheiten vergnügte Genügsamkeit.
Genug ist ihm zufolge, das Notwendigste zu haben und zu merken, dass Gott seine Gaben obendrein immer im Überfluss schenkt, nachzulesen in Psalm 23.
Für den Pessimisten ist das Glas halb leer.
Für den Optimisten ist es halb voll.
Für den Psalmisten läuft das Glas regelmässig über.

Von: Dörte Gebhard

18. Januar

Jesus spricht: Ihr könnt nicht Gott dienen und
dem Mammon.
Matthäus 6,24

Gläubiger oder Glaubende? Kredit oder Credo? Runde Münzen auf dem Tresen oder runde Hostien bei der Eucharistie? Die Reden von teuer und billig, vom Lösegeld und von Preisen allgemein sind einander fast zum Verwechseln ähnlich. Einerseits geht es um die Bank, andererseits um die Kirche. Daher gibt es seit der Erfindung des Geldes den Verdacht, man könne nicht nur Gott und dem Mammon dienen, sondern beides gleichzeitig erledigen.
Jesus widerspricht diesem Ansinnen entschieden.
So kommt die Alternative ans Licht: Wenn wir Gott dienen, können wir zugleich den Mammon beherrschen und benutzen, über ihn verfügen und ihn uns untertan machen.
Im Neuen Testament scheuen sich die Evangelisten nicht vor extremen Beispielen, was man alles mit Geld machen kann, wenn man es nicht anbetet.
Es gibt die originelle Aufforderung: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! (Lukas 16,9)
Meine persönliche Lieblingsstelle steht aber im 8. Kapitel bei Lukas. Unter den Frauen, die Jesus folgen, ist Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes. Auch sie «dient mit ihrer Habe». Woher hat sie das Geld? Vermutlich von ihrem Mann. Wie ist er dazu gekommen? Wohl nicht nur durch moralisch einwandfreies Tun. Selbst wenn das Geld auf problematische Weise aufgehäuft wurde, kann man es beherrschen, fröhlich und gut ausgeben.

Von: Dörte Gebhard

19. November

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. 1. Petrus 3,15

Rechenschaft ablegen müssen ist anstrengend, gelegentlich peinlich. Andere Menschen Rechenschaft ablegen lassen ist viel angenehmer, gelegentlich verleitet es zur Arroganz.
Die gegenwärtigen Zeitgeister evaluieren schneller, was ich mache, als es überhaupt getan ist. Das Seminar an der Uni ist noch gar nicht zu Ende, weil die Seminararbeiten noch nicht erdacht, geschweige denn geschrieben und bewertet sind, aber der Evaluationsbericht ist unterdessen längst fertig- und zugestellt. Als PDF-Datei in meinem Mailpostfach, unabänderlich, zum Abspeichern.
Im 1. Petrusbrief provoziert der Schreiber das Gegenteil, denn es geht ihm nicht um die Rechenschaft über die Zahlen von diesem oder jenem, was gelang oder missriet, was wurde und wo jemand versagte, sondern um die Rechenschaft über die Hoffnung, die jemand hegt.
Ich überlege mir, ob ich schon jemals nach irgendeiner Hoffnung gefragt wurde, wenn ich Rechenschaft ablegen sollte, wenn ich mich irgendwo zu verantworten hatte. Nicht einmal als ich mich um einen Vikariatsplatz bewerben musste, weil es damals viel zu wenige davon gab, wurde ich nach meiner Hoffnung gefragt. Wie immer ging es darum, was ich tat und wollte und konnte und hatte und schaffte. Eine kleine, private und ehrliche Evaluation ergibt: Im 1. Petrusbrief wird selten gelesen. Das ändert sich – hoffentlich.

von: Dörte Gebhard

18. November

Rosse helfen nicht; da wäre man betrogen; und
ihre grosse Stärke errettet nicht. Siehe, des HERRN Auge sieht auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen. Psalm 33,17–18

Nichts haben wir dabei. Nackt kommen wir zur Welt. Nichts nehmen wir mit. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Dazwischen aber häufen wir allerhand auf: viele Rosse oder Karossen mit vielen Pferdestärken und mehr oder weniger nachhaltigem Antrieb.
Wir umgeben uns mit Dingen, die nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Wir nennen unser Eigentum, was Gott, unser Schöpfer, uns freundlicherweise vorübergehend zur Verfügung stellt. Wir kaufen und verkaufen, aber zuletzt können wir uns nicht freikaufen von unserer Erdenschwere. Zuletzt hinterlassen wir merkwürdige Dinge, oft ein Sammelsurium alles Möglichen, manchmal auch eine unmögliche Unordnung für unsere Nachfahren. Jedenfalls haben wir uns auf all das Zeug ein Leben lang verlassen, etwa, dass alle dieses bunt bedruckte Spezialpapier wirklich für wertvoll halten, mit dem man Rosse und Karossen kaufen kann. Auf das Selbsterreichte sind wir sogar ein bisschen stolz, fühlen göttliche Freuden, wenn wir etwas fertigbringen.
Aber unsere eigene Grossartigkeit rettet uns nicht. Gott sieht uns schon ins Herz, ehe wir das erste Mal beten. Gott ist gross, bevor wir das erste Mal ehrfürchtig staunen. Wir kommen zur Welt – voller Hoffnung, die Gott in uns setzt. Hüten wir diese Hoffnung, dann sterben wir nicht ohne sie.

von: Dörte Gebhard