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16. November

Das Volk, das ihm voranging und nachfolgte,
schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids!
Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!
Hosianna in der Höhe!
Matthäus 21,9

Das Volk schreit, einer kommt in dem Namen des Herrn. Ich
stelle mir die Szenerie gewaltig vor. Laut und schrill, arm und
reich, staubig, sonnig, aufbruchsgewaltig! Alle sehen sich auf
einmal um den Einen versammelt und sie jubeln ihm zu, weil
sich seine wortgewaltige Botschaft in kurzer Zeit durch die
Quartiere und Gegenden der damaligen Zeit «gestreamt»
hat. Er kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der
Höhe!
Und heute? «Gestreamt» wird wahrlich viel mehr auf
Netflix als in der Bibel. Geschrien wird an vielen Orten auf
der Welt. Aus Unglück und Glück und überhaupt, immer mal
wieder treffe ich auf Menschen, die wild um sich schreien im
Zug oder auf der Strasse. Vom Sohn Davids habe ich noch
keinen schreien hören. Wo sind die, die dem Sohn Davids
nachfolgen und aus Freude schreien? In der Kirche am Sonntag?
Ich höre keine Schreie. Im «Wort zum Sonntag»? Ich
höre keine Schreie. Im Theologiekurs? Ich höre keine Schreie.
In einer kirchlichen Gruppierung? Auf einem Tagesausflug
mit Seniorinnen und Senioren? Ich höre kein Schreien. Nein,
ich höre kein Schreien. Ich sehe Angst um Zukunft, Angst um
Geld und Reichtum, leere Gedanken und Luftschlösser, ich
sehe viel Zaghaftigkeit und wenig Visionäres. Wo bleiben die
Aufschreie! Wo ist Glaube?

Von: Markus Bürki

15. November

Du hast gesehen, wie dich der HERR, dein Gott,
getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf
dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid.
5. Mose 1,31

Es wird getragen in dieser Bibelpassage, wie schön. Gott wird
mit einem Mann verglichen, der seinen Sohn trägt. Ich stelle
mir vor, dass dieses Kind schon ein bisschen grösser ist. Der
Mann trägt es eine lange Zeit. Sie wandern zusammen. Auch
Frauen tragen Kinder. Sie tragen sie bereits vor der Geburt.
Kleine wachsende Wesen in ihrem Bauch. Mit ihnen sind sie
neun Monate unterwegs. Frischgeborene werden auch gerne
von Frauen getragen, gestillt, gehalten. Töchter und Söhne.
Später dann, wenn die Kinder etwas grösser sind, kommen
auch die Väter zum Einsatz.


Einspruch! Mangels Gebärmutter habe ich meine Kinder
zwar nicht vor der Geburt getragen, aber schon unmittelbar
danach. Gerne und oft. Nicht erst später. Ich weiss noch gut,
wie ich meinen Sohn im Tragetuch hatte. Manchmal über
Stock und Stein. Manchmal so lange, bis er sich wieder beruhigt
hatte. Ich habe ihm vorgesungen. Alle sieben Strophen
von «Der Mond ist aufgegangen». Diese Momente der Nähe
waren und sind mir wichtig.
Und ich liebe dieses Bild, dass Gott mich trägt. Dass ich
bei Gott geborgen bin. Und ich stelle mir vor, für Gott ist das
ähnlich schön wie für mich damals. Selbstverständliches
Dasein. Unmittelbare Nähe. Herz an Herz.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. November

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel
und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist
des HERRN, deines Gottes.
5. Mose 10,14

«Der Himmel und aller Himmel Himmel sind deines
Gottes.» So viel Himmel, Lars. Kannst du dir diese Himmel
in der Mehrzahl vorstellen? Martin Buber übersetzt: «Die
Himmel und die Himmel ob den Himmeln». Mir gefallen
diese Verstärkungen im Hebräischen. Sie bedeuten doch:
Alles, wirklich alles, was ist, ist Gottes – ist sein. Kann ich
dies irgendwie begreifen? Eine Kurzgeschichte von Hugo
von Hoffmannsthal kommt mir in den Sinn. Das kluge Kind:
«Kannst du einen Stern anrühren?», fragt man es. «Ja», sagt
es, neigt sich und berührt die Erde.

Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen. Ein Aha-Erlebnis
war für mich aber, dass Gott im ersten Vers der Bibel die (!)
Himmel und die Erde erschafft. Himmel sind in der Überzahl!
Paulus war ein Himmelsreisender, der mehr hätte erzählen
können. Er hat es immerhin bis in den dritten Himmel
geschafft (2. Korinther 12,2). Ob das im oder ausserhalb des
Leibes geschehen ist, will er nicht verraten. Es reicht ihm,
dass Gott es weiss.
Wie weit wir auch reisen, ob in den Himmeln, auf der Erde
oder in die Tiefen der Erde: Es ist alles Gottes. Und nichts
davon wird uns trennen von Gottes Liebe. Da nimmt uns
unser Reiseführer Paulus die Angst (Römer 8,38 f.).

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. November

Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und
die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
1. Samuel 2,4

Wer gewalttätig den Bogen überspannt, wird ihn früher oder
später zerbrechen. Das gilt im Kampf, im Sport und in der
Religion. So ist der zerbrochene Bogen ein Bild für den Zorn
Gottes über die Macht der Gewalttätigen. Keine menschliche
Stärke kann sich mit Gott messen. Anmassung wird
zerstört.
Stärke schenkt Gott den Schwachen, die Schutz und Hilfe
brauchen.
Das weiss Hanna, die ihren Sohn Samuel, den Nachfolger des
Priesters Eli, in ihren Armen hält. In ihrer Schwangerschaft
umgürtete Gott sie mit seiner Stärke und hielt sie schützend
umfangen. Hanna blickt zuversichtlich in die Zukunft. Sie
hat es erfahren: Sie und ihr Sohn sind aufgehoben in Gottes
liebevoller Umarmung.
Gott, schenke uns das Gottvertrauen und die Hoffnung
Hannas. Schütze das bedrohte Leben und umgürte es mit
deiner Stärke. Lass deinen Willen geschehen wie im Himmel
so auf Erden. So beginnt dein Reich mitten unter uns – dein
Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Amen

Von: Barbara und Martin Robra

12. November

Durch Stillesein und Vertrauen
würdet ihr stark sein.
Jesaja 30,15

«Ich bin stark!», sagt das Kind. «Ja, das bist du. Du hast
keine Angst. Du hast Vertrauen in die Welt und in dich. Das
ist gut so!»

Wir haben zu Hause einen grossen Gong. Er leuchtet wie die
Sonne am Himmel. Meist schwebt er beinahe bewegungslos
an einer Halterung vor der Wand. Doch hin und wieder gibt
es bei uns ein Gong-Gewitter. Bei sehr sanften Schlägen des
weichen Schlägels in einem bestimmten Rhythmus erschallt
zunächst ein sanfter, leiser Klang – wie ein Windhauch. Mit
weiteren Schlägen schwillt der Ton an, wird lauter und voller.
Dann plötzlich, wie eine Welle am Strand, überschlägt sich
der Klang des Gongs. Er tobt wie ein Wasserfall. Weiter gibt
der Schlägel den Rhythmus vor. Der Gong vibriert und zittert
vor Spannung und Energie … Lauter und immer lauter, kaum
auszuhalten wird das Gong-Gewitter – bis der Schlägel zur
Ruhe kommt.
Der ganze Raum, mein Ohr, mein ganzer Körper bebt. Die
Lautstärke schwillt langsam ab. Leiser und immer leiser wird
es im Raum, in mir. Ich höre auf den letzten leisesten Klang –
bis auch dieser vergeht.
Ich höre die Stille. In mir. In der Stille ist Gott. Das ist gut so!

Von: Barbara und Martin Robra

11. November

Die Israeliten werden umkehren und den HERRN, ihren
Gott, suchen, und werden mit Zittern zu dem HERRN
und seiner Gnade kommen in letzter Zeit.
Hosea 3,5

«… und den Herrn, ihren Gott, suchen. Und in fernen Tagen
werden sie zitternd zum Herrn kommen und zu seiner
Güte.» Die Zürcher Übersetzung lässt noch etwas deutlicher
diese schwache Spur einer positiven Entwicklung des
Volkes am Horizont erahnen. Vorher aber wird Israel (Hosea
meint das abgespaltene Nordreich, das 722 endgültig aus
der Geschichte getilgt wird) wegen seines Abfalls von Gott
und der Zuwendung zu anderen Göttern Schweres erleiden
müssen. In den folgenden Kapiteln werden die Gottesstrafen,
die über die Menschen kommen, präzis benannt
und in ihrer ganzen Heftigkeit beschrieben. In der Düsterkeit
seiner Reden an das Volk hat es ein paar kleine «Wolkenlöcher
», durch die etwas Himmelsblau wenigstens kurz zu
sehen ist. Gott hat sein Volk nicht einfach ganz verlassen –
eine Rest-Hoffnung bleibt ihm. Und an die können sich die
Menschen klammern … In einer verdunkelten Welt haben
solche «Durchblicke auf Zukunft» eine sehr hohe Bedeutung.
Auch der ziemlich unbarmherzige Prophet lässt ein
Stück Hoffnung zu. Er zeigt aber ebenso deutlich, dass das
Volk gut daran tut, die Nähe Gottes intensiv zu suchen. Gott
lässt sich finden, auch wenn es manchmal anstrengend ist.
Das zu hören, ist wichtig, gerade in Zeiten wie jetzt: Auch da
leuchtet Gottes Gnade oft durch Wolkenlöcher.

Von: Hans Strub

10. November

Meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er
hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit
dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.
Jesaja 61,10

Ein Mensch, strahlend vor Freude und von Gott erfüllt,
wünscht, dass alle Menschen, die am Wiederaufbau des
zerstörten Jerusalem beteiligt sind, so empfinden und mit
dieser Gewissheit leben können: Gott verwandelt die Menschen,
die ihm folgen, und schenkt ihnen eine neue und
gute Zukunft. Das Kleid gibt mir neue Kraft, Zuversicht und
Mut («Heil»), der Mantel darüber macht mich zu einem
«Agenten der Gerechtigkeit», zu jemandem also, dem es
zentral wichtig ist, dass niemand mehr Unrecht ausgesetzt
ist, sondern in Würde, Ruhe und Frieden ein selbstverantwortetes
Leben leben kann. In geradezu poetischen Bildern
wird dem Volk, das sich neu finden muss, eine Verheissung
gegeben und ein Auftrag. Dieser ist im ersten Vers des vorangehenden
Kapitels formuliert: «Mache dich auf, werde licht!
Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist
aufgestrahlt über dir». (Vers 60,1) Die Verheissung wird in
Vers 61,11 nochmals deutlich gemacht: «So wird Gott, der
Herr, Gerechtigkeit spriessen lassen …». Verheissung und
Auftrag sind heute wieder sehr aktuell und herausfordernd:
Wir alle, die diesen Vers hören, bekommen im kleinen oder
im grossen eigenen Umfeld diese «Kleider des Heils» angezogen
– und werden dadurch zum Heil für andere.

Von: Hans Strub

9. November

Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten
seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Psalm 103,22

Der 103. Psalm ist einer der berühmtesten und berührendsten
biblischen Texte. Viele, vielleicht auch Sie, kennen
die ersten vier Verse auswendig. Falls nicht und Sie einen
Moment Zeit haben, lesen Sie sie nach. Sie sind von grosser
Schönheit und Tiefe.
Lange schon ist der Forschung aufgefallen, dass das Unservater
Motive aus diesen Versen aufnimmt – den heiligen
Namen, das Vergeben der Schuld, die Sättigung. Später im
Psalm kommen noch die Bilder von Gott als Vater (Vers 13)
und als Himmelskönig (Vers 19) hinzu.
Der «Vater im Himmel» ist zugleich nah wie ein Vater beziehungsweise
eine Mutter (im erwähnten Vers 13 ist vom «Erbarmen
» die Rede; das Wort im hebräischen Urtext ist verwandt
mit «Mutterschoss») und weltumspannender Pantokrator.
Entsprechend stehen in der heutigen Losung Weltall und
Seele parallel: Der ganze Kosmos erhebt seinen Lobgesang,
und auch mein Innerstes lobt Gott.
Wer weiss, vielleicht sind beide, Seele und Welt, gar nicht
voneinander getrennt, so wie auch Gottes intime Nähe und
kosmische Weite eins sind. Meister Eckhart sagt:
«Es ist eine Kraft in der Seele, die ist weiter als die ganze
Welt.»

Von: Andreas Fischer

8. November

Bist du neidisch, weil ich so grosszügig bin? So werden
die Letzten die Ersten sein.
Matthäus 20,15–16

Der heutige Lehrtext steht am Ende der Parabel Jesu von
den Arbeitern im Weinberg. Es lohnt sich, die Story wieder
einmal – möglichst unvoreingenommen – zu lesen. Dann,
scheint mir, zeigt sich: Die Güte des Gutsherrn hält sich in
engen Grenzen. Statt seine eigene Grosszügigkeit hervorzuheben
und den enttäuschten Taglöhnern vorzuwerfen,
dass sie neidisch seien, könnte er ihnen wenigstens erklären,
dass er im Moment nicht mehr übrighabe und in erster
Linie gewährleisten wolle, dass alle irgendwie durchkommen.
Stattdessen stösst er die armen Arbeiter vor den Kopf – und
mit ihnen irgendwie auch uns.
An diesem Punkt, wo man ratlos stehenbleibt, hilft die
grossartige Auslegung der Parabel durch den Schweizer
Theologen Leonhard Ragaz (1868–1945) weiter: In unserem
menschlichen Bewusstsein, sagt Ragaz sinngemäss, ist die
Vorstellung tief eingeprägt, dass ich einen Anspruch auf den
von mir erworbenen Besitz habe. Diese Vorstellung mag in
dieser Welt ihr relatives Recht haben.
Die Parabel aber zeigt, dass vor Gott eine andere Wirklichkeit
gilt: Der einzige Gutsbesitzer im Himmel und auf Erden
ist Gott. Wir Menschenkinder sind allesamt Taglöhner, die
ihren täglichen Denar empfangen. Wir alle empfangen –
unverfügbar, frei von Verdienst – unser Leben sola gratia,
allein aus Gnade, Atemzug für Atemzug als Geschenk.

Von: Andreas Fischer

7. November

Hilf uns, HERR, unser Gott;
denn wir verlassen uns auf dich.
2. Chronik 14,10

Was für eine Ansage!
Der Chronist betrachtet die Zeit der Könige Judas ab Salomon
und gibt seine persönlichen Bewertungen ab.
Es sei ihm gegönnt!
Angesichts von Politik- und Regierungshandeln in allen
Gesellschaften ist der Ausruf, den wir hier vor Augen haben,
nur zu verständlich. Auch in den Beziehungen zwischen
gleichen oder verschiedenen Geschlechtern kommt uns
dieser Ausruf wohl das eine oder andere Mal in den Sinn.
Ich frage mich allerdings, was macht denn Verlässlichkeit
in meinen Augen eigentlich aus? Es ist doch meine Erfahrung
mit anderen Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen.
Die Erfahrung, dass Wort und Tat übereinstimmen. Die
Erfahrung, dass Loyalität bedingungslos gewährt wird. Die
Erfahrung, dass Kritik mit Liebe und Verständnis geübt wird.
Sich auf jemanden verlassen ist eine Mischung aus Erfahrung
und Gefühl. Alle, die in einer Partnerschaft leben, wissen
nur zu gut darum.
So ist es auch mit der grossen Politik: Erfahrung und Gefühl!
Hier wie dort muss sich die Verlässlichkeit täglich neu
beweisen und erntet Vertrauen und Sicherheit.
Und so kann dann dieser Vers auch leicht abgewandelt
werden: «Du darfst dich auf mich verlassen, aber leben und
deinen Weg gehen musst du schon selbständig!»

Von: Rolf Bielefeld