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26. November

Fürwahr, du bist ein verborgener Gott,
du Gott Israels, der Heiland.
Jesaja 45,15

Wo komme ich her? Warum bin ich auf der Welt? Warum
lebe ich an diesem Ort, mit diesen Eltern? Fragen, die sich alle
Menschen irgendwann stellen, besonders in der Pubertät und
in Zeiten der Krise. Als Mutter einer Pflegetochter weiss ich,
dass sich für Adoptivkinder diese Fragen besonders dringlich
stellen. Unsere Identität ist auch abhängig von den Menschen,
die uns in die Welt setzten. Doch: Selbst wenn ich meine Eltern
nicht kenne, heisst das nicht, dass es sie nicht gibt.
Wer in Gedanken noch tiefer geht, fragt nach dem Ursprung
des Lebens. Kann Gott zugleich verborgen und die Quelle,
der Retter meines Lebens sein? Natürlich, denke ich, kann
Gott unsichtbar helfend in unser Leben eingreifen. Doch wir
Menschen wollen mehr, mehr von Gott begreifen, erfahren.
Jesaja erzählt von seinen Erfahrungen mit Gott, obwohl er
ihn gleichzeitig als verborgen bezeichnet. Für ihn ist Gott
zum Retter geworden, weil er sein Volk aus dem Exil in Babylon
befreit hat. Er ist beides zugleich: ein verborgener Gott
und ein Heiland. Nicht sichtbar – und doch wirksam.
In Anlehnung an George MacLeod, den Gründer der Iona
Community, nenne ich es das «unsichtbare Sehen», das nur
mit den Augen des Glaubens möglich ist. Ganz schön wunderlich,
erstaunlich, ungewöhnlich – wunderbar!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. November

Paulus schreibt: Brüder und Schwestern, ihr seid
zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht
als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur
zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe.

Galater 5,13

Wir sind zur Freiheit berufen –
im Leben gilt Multiple Choice.
Wir haben vielerlei Wahl:
Hinsehen oder wegsehen?
Nur für uns selber gucken
oder auch an andere denken?
Helfen oder sich helfen lassen?
Alles selber machen wollen
oder anderen etwas zutrauen?
Verstummen oder es wagen,
die Gefühle wahrzunehmen,
in Worte zu fassen, zu beten?
Viele Wege stehen uns offen,
aber sicher nicht alle!
Wir sind gebunden in der Familie,
im Beruf, in der Gemeinschaft,
sorgen füreinander,
sind abhängig von anderen,
angewiesen auf ihre Zuwendung.
Darum ist unsere Freiheit beschränkt.
Und das ist gut so.

Von: Heidi Berner

24. November

Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit
habe ich dich beschwert? Das sage mir!
Micha 6,3

Manchmal ist es unverständlich,
wie die Leute, ja ganze Völker, ticken.
Wie viele hereinfallen auf billige Phrasen,
wie sie jenen alles nachplappern,
die ihnen Sündenböcke präsentieren,
ihnen suggerieren, immer die anderen
seien schuld an allem, was nicht gut ist.
Beispiele gibt es doch genug,
was herauskommt, wenn behauptet wird,
es gäbe nur Schwarz und Weiss,
egal ob rechts oder links.
Mir ist bange, wenn ich sehe,
wie an allen Ecken der Welt
Leute an die Macht kommen
oder kommen könnten,
die solchen Populismus pflegen.
Weshalb sind die Menschen so blind,
sehen die Konsequenzen nicht?
Wie bekommen wir endlich
mündige Bürgerinnen und Bürger?
Wie werde und bleibe ich wachsam
und kritisch gegen simple Parolen,
menschenfreundlich und zugewandt?
Das sage mir!

Von: Heidi Berner

23. November

Nicht werde jemand unter dir gefunden,
der Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste
oder Zauberei treibt. Denn wer das tut,
der ist dem HERRN ein Gräuel.
5. Mose 18,10.12

Wenn es im Gesetz des Moses heisst, etwas ist «dem Herrn
ein Gräuel», gilt es ernst. In der Losung ist die Rede von okkulten
Praktiken. Die Warnung ist überdeutlich! «Lass die Finger
davon – es ist gefährlich.» Warum diese Dringlichkeit? Es geht
um das erste Gebot. Dort heisst es ebenso apodiktisch: «Du
sollst neben mir keine anderen Götter haben.» (Exodus 20,3)
Wer sich in den geheimen Künsten versucht, bindet sich an
andere Mächte. Er oder sie traut Gott nicht über den Weg,
glaubt nicht an die Güte des Schöpfers und verlässt sich auf
ein Wissen, das Macht verspricht. Wer Magie treibt, macht
sich die unsichtbaren Mächte dienstbar, benutzt sie durch
Beherrschung – sei es um Gutes (weisse Magie) oder Böses
(schwarze Magie) zu bewirken. Oder wird von Mächten
benutzt und beherrscht. Es gilt die Warnung des Dichters, der
uns das Bild des hilflosen Zauberlehrlings geschenkt hat: «Die
ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.» Und ich denke an
die neuen Hexenmeister, die meinen, sie könnten die künstliche
Intelligenz beherrschen. Steckt hinter dem Künstlichen
am Ende die alte Kunst? Und werden wir die Geister noch
los, die wir schon gerufen haben? Eines weiss ich: Aberglauben
macht nicht frei – gleichgültig, ob er auf geheime oder
auf technische Magie setzt. Beides ist dem Herrn ein Gräuel.

Von: Ralph Kunz

22. November

Ihr werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,32

Diese Losung schmückt so manches Universitätsgebäude
und steht für das Ideal der Bildung, oft über dem Eingang in
Stein gemeisselt: veritas liberabit vos – natürlich in Latein,
wie es sich gehört. Die ursprünglichen Worte Jesu richteten
sich aber nicht an Gelehrte und Studierende, sondern an
eine Gruppe von Skeptikern, die seinem Zeugnis nicht trauten.
Die Wahrheit, von der Jesus spricht, ist unlösbar mit ihm
selbst verbunden. Bei anderer Gelegenheit sagt er: «Ich bin
der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt
zum Vater ausser durch mich.» (Johannes 14,6)
Und dieser Spruch eignet sich definitiv nicht als Leitwort
für eine weltanschaulich neutrale Bildungsinstitution! Zwei
verschiedene Wahrheiten und Freiheiten prallen aufeinander.
Da die Wahrheit, die Freiheit verspricht, weil sie an eine
Person gebunden ist, und dort die Wahrheit, die Freiheit
verspricht, weil sie Bindungen hinter sich lässt. In der säkularen
Gesellschaft, in der wir leben, gilt das eine als Religion
und das andere als Wissenschaft. Man kann Religion und
Wissenschaft wieder verbinden. Auf der Basis der Wissenschaft
heisst die Kombination «Religionswissenschaft», auf
der Basis des Glaubens «Theologie».
Ich bin Theologe und zwischen den beiden Wahrheiten
zuhause. Es ist gut, hat sowohl der Glaube als auch die Skepsis
einen Ort im Haus der Wissenschaft.

Von: Ralph Kunz

21. November

Wer im Finstern wandelt und wem kein Licht scheint,
der hoffe auf den Namen des HERRN!
Jesaja 50,10

Die Zürcher Bibel übersetzt den Vers so: «der stütze sich auf
Gott». Finsternis hat etwas Bedrohliches. Als Pfadimädchen
hatte ich den Auftrag, in der finsteren Nacht am Rheinfall
Wache zu stehen. Wie dankbar war ich für ein Mäuerchen,
das mir Halt verlieh, eine Stütze. Und wie froh war ich, auch
ein wenig stolz, dass ich nach zwei Stunden wohlbehalten ins
Bett sinken konnte. Auf das Mäuerchen war Verlass, es war
eine Stütze in der Finsternis.
Ich hoffe, dass Gott in der Angst bei mir ist. Das dritte
Gottesknechtlied spricht von den Schmähungen, die der
Diener Gottes erleiden muss. Doch er vertraut auf Gott und
ist zuversichtlich. Wenn ich heute die Zeitung aufschlage
oder Nachrichten höre, dann denke ich, unsere Welt ist
eine einzige Finsternis. Wir sind privilegiert hier, wo wir so
leben können, wie wir möchten. Was ist zu tun, damit all die
Millionen Menschen, die leiden, Licht erfahren? Ich bin keine
Prophetin. Aber ich kann beten, dass der Gott des Lebens
eine Stütze ist für die leidenden Menschen. Ich kann beten,
dass die Lebendige Licht bringt in diese Finsternis.
Schenke du Licht und sei den leidenden Menschen eine Stütze.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

Der HERR ist gnädig, barmherzig, geduldig und von
grosser Güte, und es reut ihn bald die Strafe.
Joel 2,13

Es ist ein wunderbarer Sommertag, der See ist glatt und
glänzt mit seiner grünen Farbe. Herz, was willst du mehr?
Und doch bin ich etwas melancholisch, wie immer, wenn das
Losungsbüchlein langsam, aber sicher das Ende des Jahres
ankündigt. In dieser Stimmung lese ich den heutigen Text
und den dazugehörigen Kontext. Der Prophet spricht von
einer grossen Plage, die alles zerstört. In dieser Zerstörung
ruft er das Volk auf, zu Gott zurückzukehren mit ganzem
Herzen. Sie sollen ihre Kleider zerreissen, nicht die Herzen.
Umkehr zu Gott, der Lebendigen, ist das Thema. In meinen
Augen braucht es keine Katastrophe, um über meine Beziehung
zu Gott nachzudenken. Das verstehe ich unter Umkehr.
Vielmehr tut es gut, in aller Ruhe zu der Lebendigen eine
Beziehung aufzubauen, um daraus Kraft zu schöpfen. Die
Möglichkeit, mit Gott verbunden zu sein, ist die Gnade, die
uns begleitet, ist die Barmherzigkeit und die Güte. Darauf
vertrauen, dass Gott mich stärkt, ohne Wenn und Aber. Es
ist die Lebendigkeit der Beziehung zu Gott, die das Vertrauen
und die Zuversicht ausmacht. Denn «Gott reut die Strafe».
Gerade heute, wenn mir etwas mulmig zumute ist, bin ich
dankbar für das Mit-mir-Sein der Lebendigen. Das Jahr geht
zu Ende, der Weg geht weiter.
Danke für deine Gegenwart.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. November

Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des
Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.

Psalm 124,7

Die Artenvielfalt ist bei der Freiheit sehr gross. Hier folgt
eine kleine, unvollständige Artenbestimmungshilfe, damit
man herausfindet, welche Freiheiten bei einem selbst schon
wachsen und welche besser gedeihen könnten.
Es gibt die Freiheit von allen möglichen Zwängen, aber
auch die Freiheit zu etwas. Bei diesem Tun und Lassen geht
es fast immer um Gut und Böse. Ich kann zum Beispiel helfen
und Hilfe verweigern; ich bin frei, um Hilfe zu bitten und sie
anzunehmen, oder kann dazu zu stolz sein und schweigen.
Es gibt Freiheiten, die ihre menschlichen Grenzen haben an
der Freiheit der anderen, und solch grosse Freiheiten, die nur
bei Gott zu finden sind, die wir als endliche Geschöpfe anstreben,
aber zuletzt nur mit Gottes Hilfe erreichen werden.
Es gibt Freiheiten, die äusserlich in den politischen und
gesellschaftlichen Umständen wurzeln, zum Beispiel Meinungs-
und Versammlungsfreiheit, und innerliche Freiheiten,
die Menschen in äusserlicher Unfreiheit dennoch haben
können. Viktor Frankl, jüdischer Psychologe, erprobte und
lehrte, wie man selbst im KZ innerlich frei bleiben kann.
Im Psalm geht es nicht um das Freisein, sondern um das
Freiwerden. Dazu muss ich, tendenziell auch wie ein Vogelfänger,
auf die Pirsch, um zu erkennen, wo ich gefangen
bin. Das selbsterrichtete Gefängnis meiner Vorurteile zum
Beispiel hat ziemlich dicke Mauern und sehr kleine Fenster.

Von: Dörte Gebhard

18. November

Freut euch immerzu, weil ihr zum Herrn gehört.
Philipper 4,4

Lieber Paulus
Du bist ein eifriger Briefschreiber, daher kommt heute, etwas
verspätet, Post von mir. Ob du dich selbst immerzu gefreut
hast, will ich wissen. Vor Gericht? In Seenot? Auf der Flucht?
Angesichts der Korinther und ihrer unnötigen Streitereien?
Ich glaube dir nicht, dass dich die Freude nie verliess. Wer es
heute versucht mit der permanenten Begeisterung, hat dann so
ein aufgesetztes Grinsen, das ich überhaupt nicht leiden kann.
Weder an Kirchtüren sonntags noch an Bankschaltern montags.
Ein paar Unentwegte strengen sich für die Dauerfreude
richtig an. Auch, weil Friedrich Nietzsche, ein Pfarrerssohn,
einmal befand, Christen müssten erlöster aussehen, wenn er an
ihren Erlöser glauben sollte. Manche stresst dieser provokante
Philosophenspruch. Mich nicht. Ich gucke lieber abwechslungsreich
in die Welt hinaus, denn Freud und Leid sind so nahe
beieinander, dass ich beides gelegentlich gleichzeitig empfinde.
Dann danke ich Gott innig und stelle ihm zugleich ein paar
ernste Fragen. Dann lache ich mit einem Auge und weine mit
dem anderen. Dann wird mir warm ums Herz, aber der Kopf
bleibt widerspenstig. Dann beginne ich zu hoffen, aber zweifle
im selben Moment. Ich halte es mit den Psalmisten: Sie haben
geklagt und geschrien, dann aber auch überschwänglich Gott
gelobt, von einem Vers auf den anderen.
Herzliche Grüsse von einer, die sich freut, so oft sie kann.

Von: Dörte Gebhard

17. November

Die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft
der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der
Kinder Gottes.
Römer 8,21

Der Brief an die Römer ist ein Meisterwerk des Paulus von
Tarsus. Schön geschrieben und gut zu lesen. Schön fromm
könnte ich auch sagen. Paulus schreibt klar, wer der Meister
ist und was wir erwarten dürfen, wenn wir denn die richtigen
Entscheidungen im Leben und im Glauben treffen. Eine ganz
klare Absicht scheint mir in den Zeilen rüberzukommen: Das
Evangelium des Jesus Christus ist Dreh- und Angelpunkt.
Alles andere bringt’s nicht!
Vor kurzem ist erneut ein Mensch verstorben, den ich sehr
schätzte und von dem ich vieles lernen durfte. Zu jung
gegangen und zu plötzlich. Immer wenn ich mit dem Tod
konfrontiert werde, merke ich, wie dünn doch mein Glaube
ist und wie brüchig. Ich kann einfach nicht so glauben, dass
mir solche Lebensschnitte nichts ausmachen. Es schmerzt
mich, es tut weh, es lässt mich zweifeln und macht mich
nervös. Was «verhebt» nun wirklich von dem, was ich
erfahren und gelesen habe? Was ist wirklich wasserfest und
unverwischbar? Was ist bei mir frei von der Knechtschaft
der Vergänglichkeit? Wo fühle ich mich frei als Kind Gottes?
Meine Pfarrkollegin hat in einer Geschichte einmal erzählt,
dass es vielleicht darum geht, «Sehnsucht nach der Sehnsucht
nach Gott zu haben». Ein wunderbarer Gedanke. Ich
wünsche uns allen Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Von: Markus Bürki