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29. Juni

Gamaliel sprach: Lasst ab von diesen Leuten und
lasst sie gehen! Denn wenn das, was hier geplant und
ins Werk gesetzt wird, von Menschen stammen sollte,
dann wird es zerschlagen. Wenn es aber von Gott
kommt, dann werdet ihr sie nicht aufhalten können.

Apostelgeschichte 5,38–39

Im Hohen Rat in Jerusalem ist die Stimmung aufgeheizt.
Mehrmals sind die Wortführer dieser neuen Sekte ins Gefängnis
gesteckt worden, und kaum sind sie frei – man weiss
nicht, wie –, predigen sie wieder im Tempel, trotz Redeverbot.
«Als sie [im Hohen Rat] dies hörten, wurden sie rasend vor
Zorn und wollten sie töten.» (Apostelgeschichte 5,17–42)
Erstaunlich, mit welcher Gelassenheit Gamaliel argumentiert.
Erstaunlich, dass der Rat ihm folgt.
Zürich 1525: Die Reformation ist seit drei Jahren beschlossene
Sache, und hier nimmt auch die Täuferbewegung ihren
Anfang. Den Revoluzzern geht Zwingli zu wenig weit. Sie
halten sich kompromisslos an die Bibel, taufen Erwachsene,
widersetzen sich der Autorität des Staates. Wie ist mit ihnen
umzugehen? Jetzt hätte der Zürcher Rat einen Gamaliel
nötig gehabt. In den folgenden hundert Jahren werden die
Täufer vertrieben, eingesperrt, getötet. Viele wandern aus
nach Holland oder Amerika, wo sie geduldet werden.
Am Auffahrtstag, 29. Mai 2025, haben sie in Zürich (!) fünfhundert
Jahre weltweite Täuferbewegung gefeiert. Es gibt sie
immer noch, Gamaliel hat recht behalten.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Juni

Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande.

Jesaja 11,4

Auf dem Sockel des Gerechtigkeitsbrunnens in der Berner
Altstadt steht Justitia mit verbundenen Augen, in der Rechten
das erhobene Schwert, in der Linken die zweischalige
Waage. Dieser Brunnen hat mich als Kind sehr beeindruckt.
Die verbundenen Augen irritierten mich. Wie kann Justitia
richten, wenn sie nichts sieht? – Zu ihren Füssen sind weitere
Personen dargestellt: Papst, Kaiser, Sultan, Schultheiss, eine
erlauchte Gesellschaft. Erst später habe ich verstanden, was
«Richten ohne Ansehen der Person» heisst. Justitia soll sich
von der Macht der Mächtigen nicht blenden lassen, ob sie
Papst, Kaiser, Sultan oder auch Schultheiss heissen.
Recht ist erst Recht, wenn auch die Armen und Schwachen
zu ihrem Recht kommen. Der kommende Friedensherrscher
im Lied von Jesaja 11 «urteilt nicht nach dem Augenschein
und entscheidet nicht nach dem Hörensagen. Er ist gerecht
und sorgt dafür, dass die Schwachen zu ihrem Recht kommen.
Er ist aufrichtig und trifft Entscheidungen zugunsten
der Armen im Land.» (Verse 3 und 4, Basisbibel)
Ich stelle mir vor, wie die Alleinerziehenden und ihre Kinder,
die Obdachlosen, die Schwierigen und die Vergessenen,
die Kriegsvertriebenen und Versehrten um den Gerechtigkeitsbrunnen
tanzen und singen vor Freude.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Juni

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir,
so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder
sterben, so sind wir des Herrn
. Römer 14,8

Menschen im hohen und höchsten Alter in meinem Umfeld
bedeuten mir viel. Sie stehen ganz unterschiedlich am Übergang
vom Leben zum Sterben. Eine Person hat sich in letzter
Zeit stark verändert und ihre Gelassenheit verloren. Sie
fürchtet sich in dunklen Momenten davor, verfolgt, bestohlen
oder gar um die Ecke gebracht zu werden. Eine andere
Person fühlt sich von der Welt, für deren Wohlergehen sie
zeitlebens so gekämpft hat, öfter mal im Stich gelassen.
Zwischendurch spürt sie doch grossen Trost, wenn sie sich
Gedanken macht zu ihrer eigenen Trauerfeier: Nur von der
Liebe und vom Reich Gottes soll dann die Rede sein. Und
einer dritten Person sind alltägliche Anlässe – der Vogelgesang
vor dem Fenster, ein irritierendes Bild in der Zeitung,
eine zufällige Begegnung auf der Strasse vor dem Altersheim
– grosse Inspirationen: Sie öffnen Schleusen für Erinnerungen
und lassen sie gleichzeitig ganz in der Gegenwart
präsent sein.
Ich wünschte allen, dass sie voller Vertrauen einstimmen
könnten in den Satz «Wir leben oder sterben, so sind wir
des Herrn» und dann ins Lied: «Du bringst mich doch zum
Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände
und führe mich, bis ich den Lauf vollende und ewiglich.»

Von: Matthias Hui

26. Juni

Der HERR sprach zu Mose: Versammle mir das Volk,
dass ich sie meine Worte hören lasse und sie mich
fürchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden und
ihre Kinder lehren.
5. Mose 4,10

Was sind es für «Worte», mit denen Gott sich an sein Volk
richten will? Auch wenn alles in dieser biblischen Passage
nach Grossem und Gewichtigem klingt: Ich glaube, es sind
keine Worte «von heiliger Ordnung, von ewiger Wahrheit,
reiner Lehre und Enge in der Brust» gemeint, sondern es
geht um «Weite und Wind». So formuliert es Jacqueline
Keune in einem Gedicht in ihrem neuen Band «Es werden
wieder Tage sein».
Bei Gott oder «am Anfang», wie sie weiterschreibt, sind
«nirgendwo abgelaufene Silben, abgedroschene Phrasen,
sondern eben erst zur Welt gekommene Worte»; diese
seien lebensgefährlich, sie zielten mitten ins Herz. Und was
beschreiben diese Worte wohl? Ich schliesse mich der Vermutung
von Jacqueline Keune aus demselben Gedicht an:
Inhalte werden «Gerechtigkeit und Friede, die sich in den
Armen liegen, die grossen Taten Gottes – Auszug und Aufstand
–, die Stadt aus Licht in allen Mundarten und Muttersprachen
» sein.
Das klingt nach einer Gegenerzählung zu den breitspurigen
und alles plattwalzenden Worten der Herren unserer
Tage, die ebenfalls den Anspruch haben, zum «Volk» zu
sprechen.

Von: Matthias Hui

25. Juni

Jene, die fern sind, werden kommen und
am Tempel des HERRN bauen.
Sacharja 6,15

Wir bleiben nicht unter uns. Unsere Gemeinschaft, unsere
Kirche, das Haus Gottes wird nicht mehr bloss von denen
gebaut, die so sind wie wir, die ähnlich aussehen und Gott
und die Welt ähnlich sehen wie wir.
Der Prophet Sacharja war sicher, dass Gott schon an alle
Menschen dachte, als er Abraham und Sara versprach, aus
ihnen ein grosses Volk zu machen. Israels Erwählung war kein
exklusives Recht für das kleine Volk, sondern sollte schliesslich
der ganzen Welt die Erfahrung von Gnade zugänglich
machen. Doch schon Sacharja konnte nicht all diejenigen
überzeugen, die meinten, Heil liege in der Abgrenzung, in
der ängstlichen Verteidigung des Eigenen und Vertrauten.
Die Fernen sind uns fremd. Sie leben unter anderen Bedingungen,
deshalb auch mit einer anderen Perspektive, mit
anderen Vorstellungen als die Nahen. Sie halten Dinge für
normal und richtig, die uns irritieren oder Angst machen.
Es sei denn, wir erkennen, was für einen Reichtum sie mit
sich bringen, wie gesund es ist, Dinge anders zu sehen, als
wir es gewohnt sind.
Das gilt auch für unsere Kirchen: Es ist ermutigend, wenn
wir Kirchen in der weiten Welt wahrnehmen und uns von
ihnen inspirieren lassen. Von ihnen, die ganz anders – und
meist mit viel weniger Mitteln – leben als wir.

Von: Benedict Schubert

24. Juni

Jesus sprach zu Petrus: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst,
wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine
Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten
und führen, wo du nicht hinwillst.
Johannes 21,18

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen können,
eigenständige Entscheidungen fällen, für sich selbst sorgen
können, die eigene Persönlichkeit entfalten dürfen: Das ist
die grosse Freiheit. Sie ist kostbar. Und sie soll eben gerade
nicht das Privileg der Jungen, Fitten, Starken sein. Deshalb
ist es die Aufgabe der Gesellschaft, möglichst vielen Menschen
ein Leben in Eigenverantwortung zu ermöglichen,
unabhängig von ihrem sozialen Status oder körperlichen
Einschränkungen. Auf dass Menschen selbst bestimmen
können, welchen Weg sie gehen.
Ausgeliefertsein und Bedürftigkeit gehören zur menschlichen
Existenz: Sie beginnen mit der Geburt. Krankheit, Unfall
und Alter können Menschen in diesen Zustand zurückwerfen.
Das ist ungeheuer schmerzhaft. Doch selbst wer die
Autonomie verliert, behält seine Würde. Die Menschenwürde
erschöpft sich nicht in der Selbstbestimmung. Hilfe
annehmen, sich dem Unverfügbaren ausliefern, die eigene
Bedürftigkeit nicht verstecken ist Ausdruck der Stärke, die
in den Schwachen wohnt. Das Einüben einer Haltung, die
Selbstverantwortung und Demut verbindet, ist eine Lebensaufgabe.

Von: Felix Reich

23. Juni

Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich
aller seiner Werke.
Psalm 145,9

Das Gute und Schöne zu erkennen, ist eine überwältigende
Erfahrung. Einzutauchen in die Schönheit der Schöpfung,
ist ein Geschenk: sich nicht satt sehen zu können an den
schroffen Felswänden und den im Sonnenlicht leuchtenden
Bergspitzen, oder nicht genug bekommen vom kopfüber
Hineinspringen in den im Abendlicht glitzernden See. Die
Natur wird zum Spiegelbild der Grösse und Güte Gottes.
Die «mächtigen Taten» (Psalm 145,12) zeigen sich oft auch in
der zwischenmenschlichen Begegnung. Ein Wort, das guttut,
ein Gespräch, das ermutigt, ein Zuspruch zur rechten Zeit,
eine Handlung, die hilft. In solchen Momenten potenzieren
sich die Güte und die Barmherzigkeit Gottes und es leuchtet
jene Verheissung, die im Zentrum der biblischen Botschaft
steht und an der sich das Handeln im Namen der guten
Nachricht zu messen hat: Gott «stützt alle, die fallen, und
richtet alle Gebeugten auf.» (Psalm 145,14)
Beides, die überwältigende Erfahrung der Schönheit der
Schöpfung und der Anspruch, die Güte Gottes in Wort und
Tat zu verkündigen, gehört zusammen. Das Fest, die Freude
und der Jubel über die Schönheit der Schöpfung geben die
Kraft, sich selbst in den Dienst der göttlichen Barmherzigkeit
zu stellen.

Von: Felix Reich

22. Juni

Der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule,
um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht
in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.
2. Mose 13,21

Unlängst war ich mit einer Freundin auf einer Rundreise in
Kuba. Wir erlebten oft nächtliche Stromausfälle. Wie dankbar
waren wir über die Stirnlampe, die wir immer dabeihatten.
Sie half uns, nachts in einer fremden Stadt zurück ins
Quartier zu finden.
Wie oft wünschen wir uns in unserem Leben solch eine verlässliche
Orientierung – ein Licht, das uns den richtigen Weg
weist. In der Bibel lesen wir von der Wolken- und Feuersäule,
die das Volk Israel begleitete. Heute erleben wir Gottes Führung
oft weniger offensichtlich. Manchmal müssen wir uns
im Dunkeln vorantasten, ohne eine leuchtende Säule oder
ein anderes sichtbares Zeichen vor uns.
Doch das bedeutet nicht, dass wir allein sind. Gottes Gegenwart
zeigt sich auf andere Weise – durch Menschen,
die uns begleiten, durch innere Überzeugungen oder durch
Momente, in denen wir spüren: Hier geht es weiter. Manchmal
erkenne ich diese Begleitung erst sehr viel später. Diese
Erfahrungen lehren mich: Auch wenn ich keine Feuersäule
sehe, keine Notfall-Stirnlampe dabeihabe, darf ich darauf
vertrauen, dass Gott mich nicht im Dunkeln allein stehen
lässt. Kennen Sie auch solche Erfahrungen?

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Juni

Danket dem Herrn aller Herren, der allein grosse
Wunder tut, denn seine Güte währet ewiglich.

Psalm 136,3.4

Nicht immer ist mir zum Danken zumute. Gleich fallen mir
all die kleineren und grösseren Probleme ein: die Beschwerden
des Älterwerdens, der Ärger mit Mitarbeiter:innen, die
Probleme mit der zunehmenden Digitalisierung. Das Leben
auf diesem Planeten ist oft voll Mühsal und Plage. Dabei geht
es mir insgesamt doch gut.
Dennoch – das Danken bleibt meine bewusste Entscheidung.
Wenn ich innehalte und meine Gedanken nicht nur
um das kreisen lasse, was mir Sorgen bereitet, erkenne ich:
Es gibt so vieles, wofür ich dankbar sein kann. Die Gesundheit,
die ich noch habe. Die Menschen, die mich begleiten.
Die kleinen Freuden des Alltags: ein Sonnenstrahl, ein Vogelzwitschern,
ein freundliches Wort, ein gutes Gespräch …
Gerade in schwierigen Zeiten will ich mich durch den
Psalm 136 daran erinnern lassen, dass Gottes Güte beständig
ist. Auch wenn ich mich mutlos fühle, bleibt Gott derselbe:
treu, gütig, voller Liebe. Vielleicht hilft es mir, den Blick
immer wieder auf das Gute zu lenken, das er mir schenkt –
nicht als Ignoranz gegenüber dem Schwierigen, sondern als
ein Akt des Vertrauens. Danken verändert meine Perspektive.
Es macht mir bewusst, dass ich nicht allein bin, dass
Gottes Wunder – grosse und kleine – mich umgeben, auch
wenn ich sie nicht immer sofort erkenne. Im Danken öffnet
sich mein Herz für neue Kraft, neue Hoffnung und Freude.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. Juni

Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
denn ich bin einsam und elend.
Psalm 25,16

Knapp eine halbe Millionen Menschen in der Schweiz sind
einsam. Sie leiden darunter. Verlieren den Mut, haben irgendwann
Angst, die Wohnung zu verlassen. Da hilft es
nicht, ihnen viele Angebote aufzuzeigen, die sie besuchen
könnten. Sie schaffen es nicht. Die Schwelle ist zu hoch. Helfen
würde, sie einzuladen und zu sagen: «Komm, das ist eine
tolle Sache. Da gehen wir zusammen hin. Ich hole dich ab.»
Und dann auch tatsächlich da sein. Mitgehen. Sie vielleicht
vorher noch mal sicherheitshalber anrufen und sagen: «Ich
komme gleich. Und ich freue mich, dich zu sehen.»

Ein ehrenwerter Vorsatz, lieber Lars. Ja, wir müssen etwas
tun alle zusammen. Lass mich trotzdem nochmals zur Klage
zurückkehren. Was mich für sie einnimmt, ist, dass da ein
Mensch an Gott festhält. Auch im Dunkel und im Rätsel
der Verlassenheit schickt er Worte «aus der Tiefe» in den
Himmel. Neben den Mitmenschen, der Hundertschaft an
Therapeuten und Seelsorgerinnen wünsche ich mir diese
Tiefe, diese trotzige, widerständige Zuversicht biblischer
Klage zurück: «Hey, warum hast du mich verlassen? Wende
dich zu mir, sei mir gnädig. Das ist schliesslich dein Job.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz