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19. Juni

Gott der HERR spricht: Ich will noch mehr sammeln
zu der Schar derer, die versammelt sind.
Jesaja 56,8

Das Kapitel 56 des Jesaja wird in diesem einen Satz gebündelt.
Gott will alle zu sich rufen: die Juden, die Fremden, die Nachkommen
der Fremden, alle von der Gemeinschaft Ausgestossenen,
wie die ausdrücklich genannten Unfruchtbaren –
das waren damals die Frauen, die keine Kinder bekommen
konnten. Alle sollen zum Haus Gottes dazugehören, jedenfalls
wenn sie sich zu Gott bekennen und damit zu diesem
Haus dazugehören wollen. Von Andersgläubigen ist hier
nicht die Rede; der Glaube an Gott und der Einsatz für seine
Gerechtigkeit sind der gemeinsame Bezug aller, die zu dieser
Gemeinschaft gehören – ihre Herkunft spielt keine Rolle und
ihre gesellschaftliche Stigmatisierung ebenso wenig.
Mir kommt diese grosszügige Geste vor wie ein Gegenpol
zu den gegenwärtigen Diskussionen um Migration und Integration.
Natürlich leben wir in einer anderen Zeit, und die
Religionszugehörigkeit spielt im Prinzip für die Integration
keine Rolle mehr. Das ist natürlich ein wesentlicher Unterschied
zu Jesaja. Dennoch empfinde ich die einladende Geste
Gottes in diesem Kapitel und die verheissene Gemeinschaft
aller als warm und stärkend. Lasst uns zusammenhalten,
aufeinander zugehen, die Fremden suchen und finden und
ein Gegenbild schaffen zu der zu oft geforderten «reinen»
und damit ausgrenzenden Gesellschaft.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Juni

Philippus und der Eunuch stiegen ins Wasser,
und Philippus taufte ihn. Als sie aus dem Wasser
herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des
Herrn fortgenommen. Der Eunuch sah ihn nicht
mehr. Aber er setzte seinen Weg voller Freude fort.

Apostelgeschichte 8,38–39

Es ist eine sehr schöne Taufgeschichte, die hier erzählt wird,
und natürlich hat sie einen Vorspann: Dieser Eunuch, ein
Hofbeamter aus Äthiopien, war aus Handelsgründen nach
Jerusalem gekommen und befand sich nun auf dem Heimweg.
In Jerusalem hatte ihn die jüdische Religion beeindruckt
und er las im Buch des Propheten Jesaja. Gleichzeitig befand
sich Philippus auf diesem Weg und näherte sich dem Wagen
des Reisenden. «Verstehst du denn, was du da liest?», fragte
er ihn, und auf die verneinende Antwort hin setzte er sich
zum Eunuchen und erklärte ihm, dass Jesaja Worte (siehe
Jesaja 53,4–8) auf das Leben und den Tod Jesu deuten, und
erzählte ihm dessen Geschichte. Das beeindruckte den Äthiopier
so sehr, dass er Philippus bat, ihn zu taufen. Das Leben
Jesu, sein Tod und seine Auferstehung erschienen ihm danach
wie eine Lebensquelle, die ihn aus seinen Grübeleien befreite.
Ich stelle mir vor, dass er in dieser glücklichen Stimmung
nach Hause kam und die politischen Aufgaben – er war ja
Hofbeamter – mit neuem Elan und Hoffnung auf eine gute
Entwicklung angehen konnte. Können wir uns von dieser
Geschichte in unseren politischen Turbulenzen anstecken
und befreien lassen?

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. Juni

Gott sprach zu Jakob: Ich bin Gott, der Gott
deines Vaters; fürchte dich nicht. Ich will mit dir
hinab nach Ägypten ziehen und will dich auch
wieder heraufführen.
1. Mose 46,3.4

Nach dem dramatischen Höhepunkt der Josefsgeschichte,
als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, wird jetzt
die ebenso dramatische Begegnung von Josef und seinem
Vater Jakob/Israel vorbereitet. Dazu reist der alte Mann nach
Ägypten und hat einen Traum. Darin sagt ihm Gott, dass
die Reise gut gehen wird. Dass er bei der Hinreise von Gott
begleitet werde und dass er wieder zurückkomme. Diese
Verheissung hat eine doppelte Bedeutung: für ihn selbst, der
in der Heimat beerdigt werden wird. Und für das Volk, das
aus seiner Familie hervorgeht: Es wird dereinst aus Ägypten,
wo es in Knechtschaft geraten ist, wieder heraufgeführt. Im
Übergang vom ersten zum zweiten Mosebuch (in dem dann
der Auszug Thema ist) wird gezeigt, dass das seinerzeitige
böse Handeln der Brüder an Josef nicht vergolten wird. Gott
ist bereit, begangene Fehler und auch Unrecht stehen zu
lassen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Darauf darf
ich hoffen. Was Vater Israel im Traumgesicht erfährt, ist diese
Zusage von Hoffnung. Der alte Mann fährt hinab und stellt
sich dem, was geschehen ist. Gott schenkt ihm nicht nur eine
gelungene und lange dauernde Wiederbegegnung mit dem
verlorenen (verkauften!) Sohn, sondern auch Rückkehr und
Rückführung für sein Volk. So ist Gott. Zu jeder Zeit!

Von: Hans Strub

16. Juni

Eine linde Antwort stillt den Zorn;
aber ein hartes Wort erregt Grimm.
Sprüche 15,1

Die ersten paar Verse dieses Sprüche-Kapitels lesen sich wie
ein aktueller Ratgeber für den guten Umgang miteinander.
Es sind Sätze, zu denen wir eigentlich bloss mit dem Kopf
nicken und «Ja, natürlich!» sagen können. Was wundert,
ist die krasse Gegensätzlichkeit, die zwischen den Akteuren
aufgerichtet ist: Auf der einen Seite stehen die Weisen, die
Gerechten, die Rechtschaffenen – auf der andern die Dummen,
die Toren, die Frevler, die Spötter. Und was noch mehr
wundert, ist die Heftigkeit, mit der diese «Ratgebersätze»
legitimiert werden: Wer sich nicht so verhält, riskiert sein
Leben! Und es gibt nicht irgendeine übergeordnete menschliche
Instanz, die richten wird, sondern Gott. Und diesem
Gott bleibt keine Abweichung von den zitierten Regeln verborgen:
«Totenreich und Abgrund liegen offen vor dem
Herrn – wie viel mehr die Herzen der Menschen.» (Vers 11)
Von dieser Stelle aus gesehen ist die Bezeichnung des Anfangs
als «Ratgeber» unhaltbar. Vielmehr wird deutlich gemacht,
dass sorgfältiger Umgang mit anderen nicht «nett»
ist, sondern «existentiell» für mein ganzes Menschsein.
Wer sich in Gottes Nähe bewegen möchte und gleichzeitig
andere kränkt, muss mit Gottes Zurechtweisung rechnen.
Oder andersherum gesagt: Gottesnähe und achtsames Handeln
gehören aufs Engste zusammen, das beginnt schon
beim kleinsten Wort …

Von: Hans Strub

15. Juni

Ein Diener des Herrn soll sich nicht streiten. Er soll
zu allen freundlich sein, ein guter Lehrer, der stets
geduldig bleibt. Diejenigen, die sich widersetzen, soll
er mit Freundlichkeit zurechtweisen. Vielleicht gibt
ihnen Gott die Möglichkeit, ihr Leben zu ändern.

2.Timotheus 2,24–25

Streite dich nicht mit Pferden – du ziehst mit Sicherheit
den Kürzeren. Pferde sind intelligent, stets auf der Hut und
stark. Nichts kannst du vor ihnen verbergen. Sie wittern die
geringste Unstimmigkeit und Gefahr – und stürmen bestenfalls
davon. Oder sie widersetzen sich – und das kann
recht unangenehm werden. Wenn du mit Pferden leben
und arbeiten willst, sollst du dich nicht streiten. Du sollst
zu allen Tieren freundlich sein, ein guter Pferdemensch, der
stets geduldig bleibt.
Vor fast zwanzig Jahren haben wir ein Pferd adoptiert. Die
Besitzer hatten Baron zum Schlachter gebracht, weil sich
kein Mensch dem Tier nähern konnte, ohne Gefahr zu laufen,
getreten oder gebissen zu werden. Viele Narben deuteten
darauf hin, dass er schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
Heute ist Baron 35 Jahre alt. Er kommt auf uns zu, wenn wir
ihn rufen, ist dankbar für jedes gute Wort und jede liebevolle
Berührung. In den vergangenen Jahren hat er unzählige Kinder
geduldig auf seinem Rücken getragen. Baron hat gelernt,
wieder Vertrauen zu schöpfen. Gott hat ihm die Möglichkeit
gegeben, sein Leben zu ändern – und so das Leben vieler
anderer Menschen und Tiere.

Von: Barbara und Martin Robra

14. Juni

Die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen
wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und
verlockend, weil er klug machte.
1. Mose 3,6

Die Frau ist klug – schon bevor sie den Apfel gegessen hat.
Sie schaut, sie spürt, sie weiss – auch im Zustand der träumenden
Unschuld. Ihre Augen sind gross und tief. Sie sehen
den Baum, dessen Früchte so verlockend sind und deren
Genuss Lust und Schmerz bringt. Um nichts im Paradies will
die Frau in ihrem unmündigen Zustand bleiben – und sie
weiss, warum und wozu. Sie will die Welt erleben, eigenständig
und mit allen Verpflichtungen und Unannehmlichkeiten,
wirklich und wahrhaftig leben in der weiten Welt, die Gott
geschaffen hat. Die Frau lässt das Patriarchat hinter sich, sie
übernimmt Verantwortung – für sich und für andere, für
ihr Tun und die Zukunft. Die Zukunft liegt in ihrer Hand.
Schmerz, Tränen, Trauer und Tod – nichts bleibt ihr erspart.
Was sie tut und was sie nicht tut – dafür wird sie gerade und
aufrecht stehen vor Gott und der Welt.
«Die andere Eva» lernten wir 1985 bei der gleichnamigen
Ausstellung zum Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf
kennen: provokant, lustvoll, leidenschaftlich, schrill, skandalös.
Mit ihr zu arbeiten, war eine Lust (nicht nur) für die
Augen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. Juni

Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? 1. Mose 18,14

Der Lehrtext für heute (Markus 16,14) kreist um den Unglauben
bezüglich Jesu Auferstehung. Da ich mit der Auferstehung
meine Mühe habe, habe ich die Losung gewählt.
Allerdings kann auch sie durchaus mit der Auferstehung
in Verbindung gebracht werden, denn «sollte dem HERRN
etwas unmöglich sein?». Vom Gefühl und von der Ahnung
her ist es mir eine angenehme Vorstellung, dereinst meine
lieben Verstorbenen wiederzusehen. Sehr oft erinnere ich
mich an sie, schliesse sie in meine Gebete ein. Mir sind aus
meiner Arbeit als Psychotherapeutin viele Träume bekannt,
in denen Verstorbene erscheinen und auf den Träumer, die
Träumerin im Jenseits warten.
In diesem Zusammenhang ist Auferstehung also durchaus
eine Möglichkeit und ist mir eigentlich selbstverständlich, so
selbstverständlich wie sie dem HERRN ist.
Laut einer «Spiegel»-Umfrage von 2019 glauben 58 Prozent
der Protestanten und 61 Prozent der Katholiken an die
Auferstehung, also halbe-halbe. Und so ist es auch bei mir,
halb kann ich es mir vorstellen und halb nicht.
Lieb ist mir das Bild des Gnadenstuhls. Da hält der auf dem
Thron sitzende Gottvater das Kreuz mit dem toten Jesus
und darüber schwebt die Taube. Ein Bild der Dreifaltigkeit
und ein Auferstehungssymbol. Und ebenso lieb ist mir der
Auferstehungs-Jesus im Isenheimer Altar in Colmar. Nur
unsere Bilder – oder etwa doch übersinnliche Wirklichkeit?
Was meinen Sie?

Von: Kathrin Asper

12. Juni

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass
ihr festhaltet am Wort des Lebens.
Philipper 2,15–16

Wenn ich an Licht denke und es mir bildlich vergegenwärtige,
ist Licht etwas, das an seinem Platz bleibt, als Flamme einer
Kerze, als Lichtbündel durch dunkle Wolken, als Leuchte
in einem Lampenschirm. Es ist also nicht etwas, das sich
bewegt, ist nicht zerstörerisch fressendes Feuer, sondern ist
ruhig, leuchtet still.
Nun sagt aber Paulus im obigen Text, dass wir uns bewegen
sollen inmitten eines «verdrehten und verkehrten
Geschlechts». Dieser Aufruf zur Missionierung, zu christlicher
Überzeugungsarbeit entspricht mir nicht. Vielmehr bin
ich der Ansicht, dass wenn uns stilles Leuchten und innere
Wärme geschenkt werden, wir Frieden mit unserem Leben
geschlossen haben, es aus uns heraus leuchtet. Wir müssen
nicht weibelnd herumgehen und andere für unseren Glauben
gewinnen, denn Menschen fühlen, sehen und spüren
dieses innere Licht selbst.
Dahin zu gelangen, ist indes schwierig, erfordert Arbeit an
sich selbst und bedingt, die eigenen Abgründe zu kennen.
Dann sind wir Lichter in der Welt. Das zu sein, ist ein
Geschenk, das Licht ist eine Gnadengabe, weil Gott uns
entgegenkommt. Allerdings fallen wir immer wieder daraus
heraus. Daran festzuhalten beziehungsweise wieder da
hinzufinden, ist notwendig. Auch das bleibt letztlich ein
Geschenk.

Von: Kathrin Asper

11. Juni

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN,
deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.
2.Mose 20,9.10

Ich muss gestehen, dass ich das Sabbatgebot, wenn ich es
wortwörtlich verstehe, nicht einhalte. Aber ich habe deswegen
kein schlechtes Gewissen. Das hat zum einen mit meinem
Beruf als Theologe zu tun, der in Gottes Namen auch
Sonntagsarbeit bedeutet. Überhaupt ist das so eine Sache
mit diesen Zeiten. Ich vermute, dass viele pensionierte Menschen
die Regel nicht strikte befolgen. Wer im reichen Norden
lebt, kann sich im Alter den Ruhestand leisten. Der
biblische Text stammt aus einer Kultur, die weder Ferien
noch Pensionierung kannte. Das Sabbatgebot passt nicht
mehr zu unserem modernen Verständnis von Arbeitszeit
und Freizeit. Und doch ist etwas dran am alten Rhythmus
von Schaffen und Ruhe. Es geht tiefer als unsere Life-Work-
Balance. Es geht um eine Freiheit, die wir uns gönnen sollten.
Damit wir nicht Sklaven der eigenen Betriebsamkeit werden.
Damit wir Konsum, Hobbys und Sport nicht wie goldene
Kälber anbeten. Positiv gewendet: «Gönn dir einen Tag in
der Woche, an dem du dich von ganzem Herzen, mit ganzer
Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand
Gott widmest.»


Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum
Besten dienen. (Römer 8,28)

Von: Ralph Kunz

10. Juni

Paulus schreibt: Der Herr stand mir bei und gab
mir Kraft. Denn die Verkündigung seiner Botschaft
sollte durch mich ihr Ziel erreichen: Alle Völker
sollten sie hören. Und ich wurde aus dem Rachen
des Löwen gerettet.
2. Timotheus 4,17

Die Heidenmission hat einen schlechten Ruf, schon das Wort
«Heiden» einen üblen Beiklang. Dabei bedeutet «Mission»
nichts anderes als Sendung und «Heiden» nichts anderes als
Völker. Gemeint sind alle Völker, die sich nicht zum Gottesvolk
zählen und andere Götter verehren. Sie, die vom Evangelium
noch nichts vernommen haben, sollen die Botschaft
ihrer Befreiung hören. Woher der schlechte Ruf? Dieser hat
weniger mit der Botschaft als mit dem Auftritt der Botschafter
in der Zeit des Kolonialismus zu tun. Sie brachten
mit dem Evangelium auch ihre Kultur und Sprache und das
Bewusstsein der überlegenen Eroberer mit.
Die postkoloniale Missionstheologie weiss um das geschehene
Unrecht. Was bei einer kritischen Musterung der biblischen
Ursprungstexte auffällt: Wenn der Völkerapostel von
seiner Mission spricht, ist sein pharisäisches Erbe, sein Status
als römischer Bürger oder seine Nationalität kein Thema. Er
spricht von der Ablehnung, die er erdulden, dem Hass, den
er erfahren und den Schlägen, die er einstecken musste –
und von der Kraft zum Aushalten, die ihm verliehen wurde.
Es gibt keinen einzigen Text im Neuen Testament, der eine
koloniale Mission stützen würde. Und wenn es einen gäbe,
gehörte er in den Rachen des Löwen.

Von: Ralph Kunz