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8. Juli

Gott offenbart, was tief und verborgen ist. Daniel 2,22

Wenn ich mit Menschen darüber rede, welche Rolle die
Religion in unserem Leben eigentlich noch spielt, kommt
das Gespräch über viele Umwege meist dahin, dass wir sie
am ehesten noch dort beanspruchen, wo wir mit unserem
Verstand, unserem Wissen, aber auch über alle Angebote,
die unsere Gesellschaft uns an Rat und Dienstleistung zur
Verfügung stellt, nicht hinkommen. Obwohl in unserer säkularen
Welt die Kirche aus dem Leben der meisten Menschen
verschwunden ist und wir ihre einstigen Kernkompetenzen
wie Seelsorge, Spiritualität und die Rituale zur persönlichen
Einkehr und Lebensabschnittsgestaltung individuell organisieren,
geht es eigentlich immer noch um das genau Gleiche:
Wir suchen nach einer Instanz, die uns das Nicht-Greifbare
und Nicht-Offensichtliche erklärt: Was kommt nach dem
Tod? Wie überstehe ich eine Lebenskrise? Wie gestalte ich
einen schicksalhaften Moment in meinem Leben? Aber
auch: Wie lerne ich, meinen Alltag mit allen Herausforderungen
zu bewältigen? «Gott offenbart, was tief und verborgen
ist.» Wie einfach und doch klar, dieser Vers, der
uns eine Inspiration sein kann zum Innehalten in unserem
tagtäglichen Leben. Statt uns nur an den äusseren Pflichten
und Leitplanken zu orientieren, können wir uns vornehmen,
immer mal wieder eine Pause einzulegen und nach innen zu
horchen und dort nach dem Verborgenen zu suchen.

Von: Esther Hürlimann

7. Juli

Der HERR dachte an uns, als wir unterdrückt waren,
denn seine Güte währet ewiglich.
Psalm 136,23

Psalm 136, aus dem dieser Vers stammt, spielt in der jüdischen
Tradition eine bedeutende Rolle. Er wird am Sederabend,
der den Auftakt zum Pessachfest bildet, gesungen.
Dabei geht es um die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten
und das damit verbundene Lob und die Dankbarkeit für
Gott. Wesentlich für mich ist daran das Wort «ewiglich»,
weil der Gott, der in diesem Psalm gelobt und gepriesen wird,
ein Gott ist, der nicht nur in der Befreiung an unserer Seite
ist, sondern auch in der Unterdrückung. Im selben Psalm
kommt mehrfach der uns vertraute Glaubenssatz «denn
seine Güte währet ewiglich» vor. In manchen Lebensphasen
mag uns das vielleicht zynisch erscheinen, doch ist dieses
Vertrauen auf etwas ewig Gütiges wie die Schöpfung nicht
eine Urkraft, auf die wir täglich bauen? Ich schreibe diesen
Text in einem Moment, da es draussen regnet und stürmt.
Und doch spriesst die Natur, die ein paar wenige Tage zuvor
Sonne getankt und sich bei strahlendem Licht Energie geholt
hat. «Nach em Räge schint d’Sunne» heisst ein berühmtes
Lied, das Marthely Mumenthaler und Vrenely Pfyl 1945 nach
den Worten des Komponisten Artur Beul sangen. Es wurde
zum Erfolgshit vielleicht gerade deshalb, weil es nach dem
Zweiten Weltkrieg jene Hoffnung besang, dass nach schwierigen
Zeiten bessere kommen. Diese Hoffnung, die auf eine
ewigliche Güte baut, möchte ich aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann

6. Juli

Der Übeltäter lasse von seinen Gedanken und bekehre
sich zum HERRN, denn bei ihm ist viel Vergebung.

Jesaja 55,7

Meinen Schlüssel suche ich in der Regel in der Hosentasche.
Meine Brille liegt meistens auf dem Schreibtisch. Meine
Hausschuhe sind oft im Wohnzimmer beim Sofa zu finden,
dort, wo sie am Abend kurz vor dem Einschlafen stehen
geblieben sind. Aber wo finde ich Gott?
Gott steht eben nicht einfach bei mir im Bücherregal. Das
wäre viel zu einfach.
Das Hauptproblem bei der Suche nach Gott ist, dass ich
ihn eigentlich gar nicht finden kann. Gott sprengt unsere
Wahrnehmung und existiert in einer anderen Dimension.
Gott legt Spuren für mich. Er stellt mir Wegbegleiter an die
Seite und lockt mich, zieht mich – mitten ins Leben hinein
und zu sich. Manchmal macht Gott das automatisch. Gott
lässt sich an seiner Wirkung erkennen. Gott wird für manche
zum Trost, zum Beispiel am Grab oder im Gebet. Kirchgemeinden,
Vereine und Einzelpersonen öffnen ihre Häuser
und Wohnzimmer, um Kaffee, Tee, Zeit, Energie und Wärme
zu teilen. Gott wird für manche in der Gemeinschaft spürbar.
Wie finde ich Gott? Menschen vor über 2500 Jahren
brauchten diese Frage genauso wie wir heute. Jesaja sagte
den Israeliten damals ins Gesicht: Die Suche nach Gott
lohnt sich. Macht euch auf den Weg. Bei Gott bist du, lieber
Mensch, die Nummer eins.

Von: Carsten Marx

5. Juli

Die Frau sprach: Kommt, seht einen Menschen,
der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er
nicht der Christus sei!
Johannes 4,29

Offenbar sind da der Frau am Jakobsbrunnen die Augen
geöffnet worden. Sie überlegt hin und her und stellt sich
die Frage: War das jetzt der Messias, dem ich begegnet bin?
Wow, da ist etwas passiert in dem Gespräch. Jesus sitzt am
Brunnen. Er spricht dich an. Er reicht dir die Hand.
Ich denke an eine Begebenheit anlässlich eines Geburtstagsbesuchs
bei einer 86-jährigen Dame. Ein Besuch, der
mir erneut Mut gemacht hat, bei dem zu bleiben, was unser
Kerngeschäft als Pfarrpersonen ist: Beten, Gott loben, und
das möglichst nicht im stillen Kämmerlein. Gemeinschaft
ermöglichen. Singen. Abendmahl feiern. Die Hand reichen.
Für die da sein, die es allein nicht mehr schaffen, in unserer
Gesellschaft klarzukommen: Kinder, Alte, Kranke, Gestrandete.
Auch ein Ohr für diejenigen zu haben, die nicht mit
allem einverstanden sind, was die Institution Kirche so
macht.
Was hat Jesus am Jakobsbrunnen gemacht? Er hat Durst
und hat die Frau um Wasser gebeten. Er hat diese Frau als
gleichwertig angesehen. Er hat die Frau respektiert und ihre
Meinung, ihre Bedürfnisse und Gefühle wertgeschätzt.
Ich freue mich heute ganz besonders auf viele unterschiedliche
Begegnungen.

Von: Carsten Marx

4. Juli

Du bist mein Schutz und mein Schild;
ich hoffe auf dein Wort.
Psalm 119,114

Und was, wenn das Wort einfach zugeschüttet ist von
schlechten Nachrichten, von Betriebsamkeit, von Ungeduld,
von Arbeit, von der Pflege der alten Eltern? Mit Schilden
kann ich nichts anfangen, aber Schutz brauche ich. Ich will
nicht, dass die Kraft, die mir die Lebendige durch ihr Wort
schenkt, zugeschüttet ist. Ich will mich nicht verirren in den
Verwirrungen unserer Welt.
Gott wird direkt angesprochen: «Du bist.» Vielleicht sitzt
in mir die Hoffnung auf Gott. Vielleicht kann ich daraus
Kraft schöpfen und wieder zu mir und damit zu Gott finden.
Und das ist es, was mich verbindet mit den Menschen, auch
mit denjenigen, die an einen anderen Gott glauben als ich.
Sie alle sind mit der Hoffnung unterwegs, sie alle hoffen auf
Gerechtigkeit und Frieden, sie alle sind weise und gehen den
Weg des Lebens, auch wenn dieser lang und beschwerlich ist.
Wenn mir jemand ein Lächeln schenkt im Zug oder mich
freundlich anschaut, tut mir das gut. Und: Kann es sein, dass
hie und da Gottes Wort da ist, offen, klar, zukunftsorientiert?
Dann atmen wir durch und gehen weiter, spüren, wie befreiend
dieses Wort ist. Daraus entsteht Hoffnung und Kraft.
Schenke du uns und allen Menschen immer wieder neu die
Kraft deines Wortes.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16,9

Als Kind war ich einmal mit meiner Mutter unterwegs im
Wald. Wir hatten nur einen schmalen Fussweg, den wir
immer wieder suchen mussten. Das machte mir Angst. Da
erblickte ich in der Ferne ein mir vertrautes Haus, und ich
konnte wieder sicheren Schrittes weitergehen. Es war unser
Weg. Wir gingen ihn in der Hoffnung, unser Zuhause wiederzufinden.
Das heutige Losungswort macht mir Mut und
schenkt uns Hoffnung. Denn Gott, die Lebendige, lässt mich
meinen Weg gehen. In der komplexen Welt von heute ist
das gar nicht einfach. Es gibt so viele verschiedene Wege
in der Berufswahl der jungen Menschen, im Gestalten des
Alltags, in der Frage, was in meinem Handeln der Klimakrise
entgegenwirkt und was nicht. Gott lässt mich meinen Weg
gehen. Ich kann ihn gehen, kann straucheln und wieder aufstehen,
denn ich kann mit der Gegenwart der Lebendigen
rechnen. «Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt.»
(Sprüche 16,6)
Gemeint sind meine Güte und meine Treue, Güte zu den
Menschen, mit denen ich hier und weltweit unterwegs bin,
und Treue zum Gott des Lebens. Auch das mag manchmal
gelingen und manchmal nicht. Aber Gott geht den Weg mit
mir – mit uns.
Danke, Gott des Lebens, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Juli

Der HERR ist hoch und sieht auf den Niedrigen
und kennt den Stolzen von ferne.
Psalm 138,6

Der Höchste, der Erhabene, der Allmächtige, «Grosser Gott» –
solche Gottesbezeichnungen sind oft kritisiert worden
als «Majestätsparadigma», das die hierarchischen Gesellschaftsordnungen
religiös überhöht und legitimiert. Wer
aber bei den Wörtern stehenbleibt, hat nur die Hälfte der
biblischen Sprache aufgenommen. Gerade unser heutiges
Losungswort zeigt dies, weil es nach dem majestätischen
Einstieg ja noch weitergeht. Allein damit, dass Gott von hoch
oben auf die Niedrigen schaut, ist es nicht getan. Das Gefälle
von oben und unten, die hierarchische Grundvorstellung
wäre damit lediglich bestätigt. Der Schluss des Psalmverses
geht darum noch einen Schritt weiter. Wenn Gott den Stolzen
von ferne erkennt, meint das ja nicht, dass er ihn einfach
zur Kenntnis nimmt. Vielmehr denken wir hier an den Vers
aus dem Lobgesang der Maria, dem Magnificat: «Er stösst
die Gewaltigen vom Stuhl.» Auf diese Weise kann und soll
das «Majestätsparadigma» gelesen werden, als grundsätzliche
Kritik an menschlicher Majestät, als eine Quelle der
Zuversicht angesichts immer schamloserer Machtansprüche
von egomanischen Autokraten weltweit. Wenn wir Gott als
den Höchsten und Allmächtigen loben, bezeugen wir, dass
er über allen vergänglichen Möchtegernallmächtigen steht.
«Lasst uns lachen über Grössen, die keine sind», heisst es in
einem Studentenlied. Gott lacht mit uns.

Von: Andreas Marti

1. Juli

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist
du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein
Teil.
Psalm 73,26

«Alles wird gut, bleib positiv, nur Mut.» Nein, es wird nicht
alles gut. Manchmal bei uns selbst, und noch unendlich viel
häufiger bei anderen Menschen sehen wir, dass es eben nicht
gut kommt, dass die Geschichte wirklich erst dann zu Ende
ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen
hat, wie Friedrich Dürrenmatt es in seiner Dramentheorie
zum Stück «Die Physiker» formuliert hat. Wenn Leib und
Seele verschmachten, ist vielleicht keine Rückkehr ins Glück
im Blickfeld, ist nichts mehr zu beschönigen. Für den Menschen,
der diese Psalmworte spricht, besteht der Trost nicht
in einer Hoffnung auf bessere Zeiten. Er hat aber etwas, das
ihm das schlimmste Unglück nicht nehmen kann. Gott ist
allezeit sein Teil, er gehört unverbrüchlich zu seinem Leben.
Er fragt nicht einmal nach dem Warum, vermeidet die quälende
und unbeantwortbare Frage, warum Gott denn das
Verschmachten zulässt. Er stellt dies nur eben fest, in einer
Art der Klage, die nur benennt, was die Situation ist. Kein
Hilferuf, keine Aussicht auf Rettung, eine Extremsituation, in
der nur eines bleibt, ein unzerstörbarer Kern der Existenz –
die Zugehörigkeit zu Gott, die alles, wirklich alles überdauert.

Von: Andreas Marti

30. Juni

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und
Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen
nach dem Tod, doch er kommt nicht?
Hiob 3,20–21

Mit einem Schrei der Verzweiflung solidarisiert sich Hiob
mit allen Verbitterten und mit allen, die am Leben verzweifeln.
Mehr noch, er sieht sich selbst in ihnen. Wie oft ist der
Mensch versucht, in so aussichtslosen Situationen selber den
Lebensfaden durchzuschneiden. Hier aber begegnet uns eine
andere Lösungsmöglichkeit: der Kampf gegen einen Gott,
den man als ungerecht erfährt; ein Nichtloslassen des Dialogs,
ein Nichtaufhören des «Warum-Schreis»!
Diese uns aus der Hiobsgeschichte bekannte Haltung des
Menschen, der davon ausgeht, dass ihm das verlorene Wohlergehen
künftig wieder zusteht, wird in der Erzählung radikal
hinterfragt. Auch Leiden ist Teil des göttlichen Lehrstücks für
uns. Das soll uns nicht begeistern, aber verdeutlicht unsere
Verwundbarkeit in jeder Lebensstufe. Alle haben wohl schon
Menschen kennengelernt, die mit dieser Verwundbarkeit
kreativ umgehen können. Die aus ihrem Glauben heraus
den Dialog mit dem Lebendigen nicht aufgegeben haben,
sondern ihr Leiden als Teil eines Lebensplans verstehen. Bis
zum Ende. «Eli, eli lama asaftani?» (Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?), rief Jesus auf Golgatha.
Auch wenn man seinen Geist in die Hände Gottes legt, darf
man verzweifeln. Aber den Dialog sollen wir uns bewahren.
Hierfür wünsche ich uns gemeinsam viel Kraft.

Von: Gert Rüppell

29. Juni

Gamaliel sprach: Lasst ab von diesen Leuten und
lasst sie gehen! Denn wenn das, was hier geplant und
ins Werk gesetzt wird, von Menschen stammen sollte,
dann wird es zerschlagen. Wenn es aber von Gott
kommt, dann werdet ihr sie nicht aufhalten können.

Apostelgeschichte 5,38–39

Im Hohen Rat in Jerusalem ist die Stimmung aufgeheizt.
Mehrmals sind die Wortführer dieser neuen Sekte ins Gefängnis
gesteckt worden, und kaum sind sie frei – man weiss
nicht, wie –, predigen sie wieder im Tempel, trotz Redeverbot.
«Als sie [im Hohen Rat] dies hörten, wurden sie rasend vor
Zorn und wollten sie töten.» (Apostelgeschichte 5,17–42)
Erstaunlich, mit welcher Gelassenheit Gamaliel argumentiert.
Erstaunlich, dass der Rat ihm folgt.
Zürich 1525: Die Reformation ist seit drei Jahren beschlossene
Sache, und hier nimmt auch die Täuferbewegung ihren
Anfang. Den Revoluzzern geht Zwingli zu wenig weit. Sie
halten sich kompromisslos an die Bibel, taufen Erwachsene,
widersetzen sich der Autorität des Staates. Wie ist mit ihnen
umzugehen? Jetzt hätte der Zürcher Rat einen Gamaliel
nötig gehabt. In den folgenden hundert Jahren werden die
Täufer vertrieben, eingesperrt, getötet. Viele wandern aus
nach Holland oder Amerika, wo sie geduldet werden.
Am Auffahrtstag, 29. Mai 2025, haben sie in Zürich (!) fünfhundert
Jahre weltweite Täuferbewegung gefeiert. Es gibt sie
immer noch, Gamaliel hat recht behalten.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann