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21. November

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid
ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit
erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,31–32

Das ist einer meiner Lieblingsverse! «Die Wahrheit wird dich
frei machen.» Und wenn es dich nicht frei macht, ist es nicht
die Wahrheit! So einfach ist das. Freiheit ist das Kriterium für
alle Wahrheitsansprüche. Und daran scheitert vieles, was mir
als Wahrheit verkauft wird. In den sozialen Medien wird mir
erklärt, wie ich mein Leben ändern muss. Diese Wege der
Optimierung führen mich aber nur in neue Abhängigkeiten.
Jesus spricht von einer Freiheit, die immer mit Verantwortung
gekoppelt ist. Wie das geht, zeigt das Wort Gottes.


Ich kann deinen Gedanken gut folgen. Die Freiheit ist wohl
das Wertvollste, was ein Mensch erreichen kann, und sie
ist nicht das Ziel. Sie ist gekoppelt mit Verantwortung und
Gebot. Gottes Wort hören heisst in einem zweiten oder dritten
oder zehnten Schritt auch Gottes Wort tun. Dies kann
nun aber – je nach Situation – doch ziemlich schwierig sein.
Spricht Jesus also von einer schwierigen Freiheit?

So habe ich das nie empfunden. Eher als Ermutigung! Mach
dein Ding. Lös die Fragen des Lebens auf deine Art. In Rückkopplung
mit dem Wort. Augustin hat das mal ganz schön
gesagt: «Liebe, und dann tu, was du willst.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. November

Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir;
sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich im
Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und
sich für mich hingegeben hat. Galater 2,20

Was muss in einem Menschenleben geschehen sein, dass
einer so einen Satz sagen kann? «Nicht mehr ich lebe, sondern
Christus lebt in mir.» Da muss Aussergewöhnliches
geschehen sein. Die Apostelgeschichte deutet drei Mal in
unterschiedlichen Versionen an, was mit Paulus vor Damaskus
geschehen ist. Er selbst beschreibt in 2. Korinther 12 vorsichtig
die Erfahrung eines Menschen, den er «kennt». Nach
der überwältigenden Erfahrung ist eines klar: Mein «Ich» ist
nicht mehr so wichtig. Meine Identität hat sich verändert. Ich
fange noch mal neu an.


Mir kommt zu deiner Frage nach der Erfahrung des Paulus
eine Talmudstelle in den Sinn: «Niemals ist Gott zum Sinai
herabgestiegen, niemals ist Mose zum Himmel hinaufgestiegen.
Sondern Gott faltete den Himmel wie eine Decke,
breitete ihn über den Sinai und befand sich somit auf der
Erde, ohne je den Himmel zu verlassen.»
Was mir an diesem Bild gefällt: Der Gott des Himmels
ist zugänglich, ohne etwas von seiner Grösse einzubüssen,
aber auch ohne die Freiheit des Gläubigen zu negieren. Für
Mose ist Gott auf dem Berg Sinai zugänglich, für Paulus vor
Damaskus.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. November

Weh denen, die Unheil planen,
weil sie die Macht haben! Micha 2,1

Auch zur Zeit des Propheten Micha missbrauchten reiche
und einflussreiche Leute ihre Macht, um Land und Häuser
der Schwachen an sich zu reissen. Oh, wie ist uns das vertraut!
Unheil beginnt oft nicht mit grossen Plänen und Machtdemonstrationen,
sondern mit kleinen Entscheidungen.
Manchmal sehen die Planenden es nicht einmal – sie glauben,
Gutes zu tun, verfolgen aber Ziele, die am Ende andere
verletzen, ausschliessen oder unterdrücken. Macht ist
gefährlich, wenn sie blind macht für die Folgen. Sie verführt
dazu, das eigene Wohl über das der anderen zu stellen.
Doch Macht ist nicht nur ein politisches Instrument – wir
alle haben sie: in unseren Worten, in unseren Entscheidungen,
in dem, wie wir andere behandeln.
Gott liebt uns zu sehr, um uns nicht zu warnen. Er macht
deutlich, dass er dies nicht gutheisst. Er möchte, dass wir
Macht nicht dem «bösen Feind» überlassen, sondern sie
bewusst und positiv einsetzen: zum Schutz der Schwachen,
zur Förderung des Friedens, zur Heilung von Beziehungen.
Wahre Grösse zeigt sich nicht in Dominanz, sondern in der
Macht der Liebe, die nicht zerstört, sondern Leben schützt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

18. November

Wo keine Hoffnung war, hat Abraham auf Hoffnung
hin geglaubt, auf dass er der Vater vieler Völker werde.
Römer 4,18

Wenn es um bleibenden Ruhm und weltweite Bekanntheit
geht, ist Erzvater Abraham seit Jahrtausenden eine gute
Adresse. Die Propheten im Alten Testament, Lukas und Paulus
im Neuen erinnern sich an ihn genau wie Mohammed
und wir: immer noch und immer wieder. Dabei leben wir
schätzungsweise im 41. Jahrhundert nach Abraham. Er ist
unvergessen.
Auch wenn nicht jeder so nachhaltig berühmt werden
kann, ist doch Abrahams Hoffnung auf Gott nachahmenswert.
Niemand muss dafür künftig als Beduinenfürst leben,
viel Vieh anschaffen oder gar auswandern.
Abraham wird berühmt bleiben wegen seines Gottvertrauens
gegen den Augenschein. Denn er lebte in beständiger
Gefahr, nicht nur durch einen autokratischen Willkürherrscher.
Ein grosses Lebensrisiko war nur schon seine lange
Kinderlosigkeit und dann seine winzige Familie. Weder eine
vertraute Heimat noch gesicherte materielle Verhältnisse
boten Grund für irgendwelche bescheidenen Hoffnungen.
Als Gott Aufbruchstimmung verbreitete, zog er in die eine
Fremde und als Wirtschaftsflüchtling wegen einer Hungersnot
weiter nach Ägypten in die nächste Fremde.
Abraham hoffte weit über sein eigenes Leben hinaus. Er vertraute
Gott über alle Massen. Heute haben wir, anders als er,
allen Grund zur Hoffnung, denn wir sehen im Rückblick Gottes
Treue und wie berechtigt Abrahams Hoffnungen waren.

Von: Dörte Gebhard

17. November

Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue
für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.
Psalm 25,10

Der Psalm 25 ist eine lange Reihe von Gebets- und Glaubenssätzen.
Der Vers von heute bildet eines der Zentren, auf das
etliche andere Sätze zulaufen und da die Gewissheit finden,
dass Gott wirklich beschützt, in jeder Situation, gegenüber
allem und jedem. Seine Bedingung ist allerdings unübersehbar:
Ich selbst soll mich verpflichten, meinem Gott treu zu
bleiben. Ich soll mich dem anzuschmiegen versuchen, was
von ihm ausgegangen ist und weiter ausgeht an Zusagen,
an Bezeugungen seiner Liebe, aber auch an Werbung um
meine Zuverlässigkeit im Glauben an seine Kraft und Güte.
Auch wenn ich so zu leben versuche und ernst nehme, was
ich hier lese: Ich weiss, wie oft es nicht gelingt. Wie oft mich
eigene Wege und eigene Ziele, eigenes Besserwissen und
eigene Weltsicht behindern – und ich mich von ihnen auch
beeinflussen lasse. Gerade die letzten Verse wissen darum:
Wende dich zu mir … führe mich hinaus … vergibt mir …
bewahre mein Leben und errette mich …, denn ich hoffe
auf dich (Verse 16–21). Es sind tröstliche Verse, nicht nur
weil sie zeigen, wie fragil die menschlichen Lebensentwürfe
sind. Sondern weil sie zeigen, wie es immer wieder einen Weg
zurück oder eine Kurve gibt, die neue Schritte in die richtige
Richtung ermöglichen. Denn «Gottes Wege sind lauter Güte
und Treue …». Dieser Satzteil gibt Halt und stützt, auch
wenn so vieles nicht gelingt.

Von: Hans Strub

16. November

Der HERR sah ihre Not an, als er ihre Klage hörte,
und gedachte um ihretwillen an seinen Bund.
Psalm 106,44–45

Wie oft muss und will Gott Gnade walten lassen trotz allem
Ungehorsam seines Volkes! Der Psalm 106 erinnert in mehreren
Strophen an bekannte und unbekanntere Szenen aus
der Geschichte seit dem Auszug aus Ägypten – und immer
wieder heisst es dann: Er aber rettete sie … er gab ihnen …
viele Male befreite er sie … und ebenso im heutigen Vers.
Eine ungebrochene Kette von Verschuldung und Erlösung!
Wenn ich in mein eigenes Leben schaue, dann erkenne ich
das gleiche Muster oft und oft – ich entferne mich von Gott,
merklich und unmerklich, und ich werde zurückgeholt. In
aller Güte und Barmherzigkeit.
Eigentlich sollte ich dann jeweils meinen eigenen Psalm
beten und Danke sagen. Manchmal gibt es Ansätze dazu
oder gar mehr, aber es kommen neue Steine auf meinem
Weg, die mich stolpern machen. Und wieder spüre ich dann
Gottes starken Arm, der mir entgegengestreckt wird auf die
eine und andere Weise, ich kann mich halten oder an ihm
aufziehen – und mich bedanken, dass es «noch einmal» gut
gegangen ist. Eine endlose Abfolge von Zuwendung trotz
allem. Eine Erfahrung des Gehaltenseins und letztlich der
grossen Gnade. Es gibt Momente, da beschämt mich, was
gerade passiert – aber bald kommt wieder etwas … Deshalb
bringt mich das Lesen dieses Psalms zum Danken. Das will
ich tun, so lange ich kann: Danke, Gott, für diese Gnade!

Von: Hans Strub

15. November

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen
und fröhlich sein unser Leben lang. Psalm 90,14

«Fülle uns frühe», heisst es in der Lutherbibel mit schöner
Alliteration. Die genaue Übersetzung lautet: «Sättige uns
am Morgen.» Hier wird der Bezug zu Vers 6 im selben Psalm
deutlich: «Am Morgen blüht das Gras, doch es vergeht, am
Abend welkt es und verdorrt.» Der Morgen gehört dort
zur Vergänglichkeit, die als schwermütiger Grundton den 90. Psalm durchzieht. Doch hier, im 14. Vers, der heutigen
Losung, ändert sich die Metaphorik des Morgens. Er ist, wie
auch sonst oft in der Bibel, die Zeit Gottes: «All Morgen ist
ganz frisch und neu des Ew’gen Gnad und grosse Treu; sie
hat kein End den langen Tag», heisst es in einem Morgenlied.
«Unser Leben lang» lautet genau übersetzt «all unsere
Tage». Der Basler Alttestamentler Klaus Seybold (1936–2011)
vermutet, dass ursprünglich an einen Frühgottesdienst
gedacht war, der den ganzen Tag über seelisch nährt.
Tatsächlich ist dies die Überzeugung des Psalmbeters:
Die Gnade Gottes nährt. Es sind keine konkreten irdischen
Güter, um die er bittet, nicht Reichtum, nicht Macht, nicht
ein langes Leben. Nur die Zuneigung Gottes erbittet er, die
«Erfahrung Gottes selber» (A. Weiser). Sie sättigt uns, wie
das Manna in der Wüste, an diesem Tag. Und alle Tage unseres
Lebens.

Von: Andreas Fischer

14. November

Jesus spricht: Mein Vater, der sie mir anvertraut hat,
ist mächtiger als alle. Niemand kann sie aus seiner Hand
reissen. Johannes 10,29

Die Übersetzung der Zürcher Bibel unterscheidet sich – aufgrund
einer anderen Lesart des Urtexts – deutlich von jener
des heutigen Lehrtexts: «Was mein Vater mir gegeben hat,
ist grösser als alles, und niemand kann es der Hand des Vaters
entreissen.» – Zwei Unterschiede fallen auf:

  1. Im Lehrtext ist von «sie» die Rede, was im Zusammenhang
    von Johannes 10 die «Schafe» beziehungsweise die
    Anhänger:innen Jesu im Gegensatz zu den «Juden» meint.
    Die Übersetzung der Zürcher Bibel hingegen spricht von
    «es». Damit könnte auch Innerseelisches gemeint sein, etwa
    jene «Kraft in der Seele», die im Gegensatz zu den Egokräften
    «grösser als die ganze Welt» sei, wie der deutsche
    Mystiker Meister Eckhart (1260–1328) sagt.
  2. Dass Gott «mächtiger als alle» sei, klingt, wie es in einem
    Kommentar heisst, «allzu banal». Dass hingegen mein wahres
    Wesen – wie die Liebe (1. Korinther 13,13) – in den Augen
    Gottes «grösser» als alles sei, grösser als Macht und Mammon,
    das ist eine überraschende Aussage. Sie lässt meinen
    Seelenfunken aufleuchten, meine bedingungslose Würde,
    die nichts und niemand der liebenden Hand Gottes entreissen
    kann, kein Wolf, wie es im Kontext heisst (Vers 12),
    nicht das Schreckliche, das in dieser Welt geschieht, nicht
    die Egomanen, die sie derzeit regieren, und auch nicht die
    eigene Gier.

Von: Andreas Fischer

13. November

Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt
durch unsern Herrn Jesus Christus! 1. Korinther 15,57

Es ist ein Lied gegen den Tod, das Paulus hier anstimmt.
Der Tod hat nicht das letzte Wort; auch wenn er allgegenwärtig
ist im Leben der Menschen, damals in Korinth und
auch heute – in Krieg und Gewalt, in Armut und Hunger, in
«Todesstrukturen», die leichtfertig das Leben zukünftiger
Generationen aufs Spiel setzen. «Verschlungen ist der Tod
in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? …
Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren HERRN
Jesus Christus.» (Verse 55 ff.)
Paulus geht es nicht um Leben und Tod im physischen
Sinn, auch wenn er deren harte Realität schmerzlich am
eigenen Leib spürt. Ihm steht eine andere, tiefere Wirklichkeit
vor Augen: die Realität des Auferstandenen, der den
Tod überwunden hat; dessen verwandelnde Kraft die Todesmacht
durchbricht, auch in unserem Leben (Verse 51 ff.).
Dorothee Sölle hat dafür folgende Worte «Gegen den
Tod» gefunden: «ich muss sterben / aber das ist auch
alles / was ich für den tod tun werde / alle andern ansinnen
/ seine beamten zu respektieren / seine banken als menschenfreundlich
/ seine erfindungen als fortschritte der wissenschaft
/ zu feiern werde ich ablehnen … / sterben muss
ich / aber das ist auch alles / was ich für den tod tu / lachen
werd ich gegen ihn / geschichten erzählen / wie man ihn überlistet
hat / und wie die frauen ihn / aus dem land trieben / singen
werd ich / und ihm land abgewinnen / mit jedem ton.»
(aus: zivil und ungehorsam. gedichte. 1990)

Von: Annegret Brauch

12. November

Ihr sollt richten ohne Ansehen der Person,
den Kleinen sollt ihr anhören wie den Grossen,
und ihr sollt euch vor niemandem fürchten,
denn es ist Gottes Gericht. 5. Mose 1,17

Zu Beginn seiner Abschiedsrede ruft Mose die Erfahrungen
und Stationen der langen Wanderung durch die Wüste noch
einmal in Erinnerung. Dazu gehört auch die Einsetzung von
fähigen Leuten als Richter:innen für das Volk. Sie sollen Mose
entlasten und Mitverantwortung für ein gerechtes und gutes
Miteinander übernehmen. (vgl. auch 2. Mose 18)
Ein modernes Beispiel für solche Mitverantwortung sind
vielleicht die sogenannten Schülergerichte. Dort urteilen
Jugendliche über Jugendliche, die Straftaten begangen
haben, und ersetzen in vielen Fällen eine Verhandlung vor
dem Jugendrichter. Die Erfahrungen sind weitgehend positiv,
die Rückfallquote ist deutlich geringer, dazu kommt eine
Entlastung der Gerichte. Die Gründe: Gleichaltrige begegnen
einander eher auf Augenhöhe; sie kommen leichter ins
Gespräch, auch über die schwierigen Fragen; zudem können
sich jugendliche «Richter:innen» besser in Lebenssituation
und Lebenswelt der straffällig Gewordenen hineinversetzen.
Ein Grundsatz: «Wir akzeptieren dich als Mensch, lehnen
aber die Tat massiv ab.»
«Die Person» wird dabei sehr wohl gesehen, aber ohne
sie zu bewerten, ihre Würde wird geachtet. Ermöglicht wird
so, Schuld anzuerkennen und Verantwortung für das eigene
Tun zu übernehmen.

Von: Annegret Brauch