Seite 14 von 157

11. November

Fürchte dich nicht und verzage nicht! Josua 8,1

Die Formel «fürchte dich nicht» findet man oft in der Bibel.
Sie geht an Einzelne, die eine göttliche Ermutigung brauchen
– in der heutigen Losung ist es Josua, der ermuntert
wird. In der Regel finde ich das erbaulich. Die Geschichte,
die in Josua 8 erzählt wird, ist aber eher verstörend. Es geht
um eine Schlacht, in deren Verlauf die Stadt Ai vernichtet
wird. Josua vollstreckt an den Bewohnern den Bann. Alle
werden getötet, hingeschlachtet im Namen des Herrn. Ehrlich
gestanden: Solche Geschichten machen mir Angst! Ich
denke an fanatische Siedler im Westjordanland, an das Massaker
der Hamas, an Rache und Vergeltung, an die endlose
Spirale der Gewalt …
«Fürchte dich nicht und verzage nicht!», heisst es. Und ich
denke: Es gibt sogenannte Führer, die sich zu wenig fürchten.
Die Welt wäre besser dran, wenn sie Schiss hätten. Weil sie
verantwortungslos und respektlos handeln – ohne Weitsicht,
nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einer Ideologie
verpflichtet, von Rache und Vergeltung getrieben … Und
dann gibt es andere, die Ermutigung brauchen. Weil sie die
Verantwortung spüren und um die Schuld wissen, die sie
auf sich laden, wenn sie ihre Interessen und die ihres Volkes
rücksichtslos durchsetzen würden. Es gibt eine heilige
Furcht und es gibt einen heiligen Mut – und die Hoffnung,
dass die Gerechten nicht verzagen und der Bann der Gewalt
gebrochen wird.

Von: Ralph Kunz

10. November

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist
den Gemeinden sagt! Offenbarung 2,7

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes,
ist bildreich und geheimnisvoll. Ich bin öfter auf Samos in
den Ferien. Das ist nur drei Schiffsstunden von Patmos entfernt,
wo Johannes seine Visionen niederschrieb. Noch näher
liegt Ephesus – oder das, was von der antiken Stadt übrig
geblieben ist. Wo heute nur noch Ruinen sind, war einmal
eine vitale christliche Gemeinde, ein Zentrum der Mission,
die zuerst Kleinasien und später Europa erreichte. Johannes
hat für Ephesus und sechs andere Gemeinden Botschaften
in Form von Sendschreiben. Sie bekommen Lob und Tadel.
Ephesus schneidet vergleichsweise gut ab. Die Gemeinde hat
einen falschen Lehrer ausgewiesen – sie ist orthodox, doch
ihr mangelt es an der ersten Liebe. Was für ein merkwürdiger
und eindrücklicher Tadel! Was geschieht mit der Gemeinde,
wenn der Glaube nur noch korrekt, ihre Hoffnung mechanisch
und ihre Liebe herzlos wird? Sie funktioniert noch, aber
läuft Gefahr, innerlich zu vertrocknen oder auszubrennen
und irgendwann abzusterben.
Was ist meiner Kirche? Sie funktioniert. Sie lebt. Aber liebt
sie mit der ersten Liebe? Hofft sie mit lebendiger Hoffnung?
Glaubt sie leidenschaftlich? Und hat sie Ohren, zu hören, was
der Geist ihr sagen will?

Von: Ralph Kunz

9. November

Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft
und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt,
wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen
Werken ersehen. Römer 1,20

Es geht hier um den Glauben, und doch spielt dabei die
Vernunft offenbar eine wichtige Rolle. Mit Vernunft wahrnehmen,
geht das? Wahrnehmen mit Hilfe des Denkens?
Nur wenn wir Gottes Werke mit Vernunft wahrnehmen,
sehen wir darin sein unsichtbares Wesen. Gottes Wesen spiegelt
sich in der Schöpfung. Dies vergessen wir oft. Unsere
Welt ist Heimat unendlich vieler Lebewesen, doch wir nutzen
sie als unser Verbrauchsmaterial. Als Menschen haben
wir eine Verantwortung für die Welt, beziehungsweise die
Schöpfung, und sollten sie hegen und pflegen im Wissen,
dass jedes Leben, unabhängig von unseren Ansprüchen, sein
Lebensrecht hat.
Die Welt, in der wir leben, ist auch in unserem Inneren, und
wenn sie zerstört wird, leiden wir mit. Verdrängen wir das
Leiden der Welt und unsere Mitschuld daran, schaden wir
also auch uns selbst.
Was wir eigentlich wissen, müssen wir mit Hilfe der Vernunft
anerkennen. Erst dann erkennen wir in der Schöpfung
auch Gottes unsichtbares Wesen. Erst dann finden wir einen
sorgsameren Umgang, sind wacher für unsere Umwelt und
ziehen Konsequenzen aus unserem Umgang mit ihr.
So werden Umkehr und Neuanfang möglich.

Von: Monika Britt

8. November

Jesus sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir
nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben. Johannes 8,12

Wir nähern uns der Jahreszeit, da die Tage immer kürzer
werden, und die Zeit, die wir im Finstern verbringen, wächst.
Klar, wir haben das elektrische Licht oder wir geniessen es
sogar, die früh eindunkelnden Abende mit Kerzen oder
Lichtschmuck zu verschönern, die uns die Dunkelheit etwas
vergessen lassen. Aber ersetzen diese künstlichen Lichtquellen
die Helligkeit eines Sommertages oder die Strahlkraft
der Sonne?
Diese Worte sprach Jesus anlässlich des Laubhüttenfests.
Es ist das letzte Fest im Jahr, das an die Wüstenwanderung
Israels und den Auszug aus Ägypten erinnert. Die Erzeugung
von Licht, das die Feuersäule symbolisiert, die dem jüdischen
Volk die Richtung zeigte, ist ein wichtiger Bestandteil des
Zeremoniells. Dazu wurden im Tempel grosse Leuchter aufgestellt,
die in ganz Jerusalem sichtbar waren.
Jesus will sagen: Das göttliche Licht ist mehr als das. Er identifiziert
sich mit diesem Licht, das die Dunkelheit vertreibt
und Orientierung im Leben gibt. Wer ihm folgt, «der wird
nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des
Lebens haben». Ich wünsche uns allen auch in dieser düsteren
Jahreszeit eine Lichtquelle, die Klarheit, Halt und Wärme
in unser Leben bringt.

Von: Esther Hürlimann

7. November

Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle,
die nach dir fragen. Psalm 40,17

Dieser Vers steht aufs Erste etwas allein, ja fast nichtssagend
da, denn wie soll das gehen: sich einfach so freuen und fröhlich
sein aus dem Nichts? So nahm ich die Bibel hervor, um zu
begreifen, was denn dem Autor Anlass gibt, sich so an Gott
zu freuen. Es muss doch einen Grund geben! Doch bevor ich
nach dem Psalm zu suchen begann, bemerkte ich, dass mir
ein unauffälliges Detail entgangen war: Die gute Laune gilt
all jenen, «die nach dir fragen». Reicht das wirklich, einfach
nur nach Gott zu fragen? Kein Lobpreisen, kein Danken, kein
Anbeten, ja auch kein Studieren und Suchen nach Antworten!
Sich einfach nur am Fragen freuen.
Ich muss unweigerlich an Bob Dylans bekannten Song
«Blowin’ in the Wind» denken. Ein Lied aus lauter Fragen wie
etwa: «Wie oft muss ein Mensch in den Himmel schauen,
bis er den Himmel sehen kann?», «Wie viele Jahre muss ein
Berg existieren, bevor er ins Meer gespült wird?», aber auch:
«Wie oft müssen die Kanonenkugeln fliegen, bevor sie für
immer verboten werden?» Fragen, die uns teils unsinnig vorkommen,
aber auch Fragen, die uns Anlass zur Verzweiflung
geben und mit dem Refrain erwidert werden: «The answer
is blowin’ in the wind.»
Wieso also die grossen Fragen heute nicht einfach mal
etwas leichter, ja vielleicht fröhlicher nehmen und alle möglichen
Antworten dem Wind überlassen? Ich werde es probieren.

Von: Esther Hürlimann

6. November

Um meines Namens willen halte ich meinen Zorn
zurück, und um meines Ruhmes willen bezähme ich
mich zu deinen Gunsten, dass ich dich nicht ausrotte.
Jesaja 48,9

Wer stark ist, kann den Zorn spüren. Wer weise ist, hält inne.
Macht schützt, wenn gelernt wird, sie zu zügeln.
Stärke soll dem Guten dienen, nicht der Vernichtung. Ruhm
soll nicht zum Eigenlob, sondern zum Dienst an anderen
werden.
Ich muss meine Kraft erkennen können. Ich muss mir klar
werden, wie ich meine Kraft einsetzen kann. Möge ich mit
meiner Kraft immer wieder Spuren der Gnade hinterlassen
können.
Gott, hilf mir, meinen Zorn zu zügeln und meinen Stolz zu
zähmen. Schenke mir Demut, damit mein Handeln Leben
aufbaut und nicht zerstört.
Gott, führe mich zu Wegen der Versöhnung, der Gerechtigkeit
und des Schutzes der Schwachen. Leite mich, damit Ruhm
zu einer Dienstgemeinschaft wird.

Möge der, der uns stärkt, uns helfen, mit Barmherzigkeit zu
handeln und aus dem Zorn Heil zu schaffen. Amen.

Von: Carsten Marx

5. November

Lasst uns unsere Wege prüfen und erforschen, und lasst
uns zurückkehren zum HERRN. Klagelieder 3,40

Heute werde ich aufgerufen, ehrlich und genau hinzuschauen:
auf meine Wege, meine Entscheidungen und meine
Motive. In Not- und Krisenzeiten sagt mir der Vers: Umkehr
ist kein Zufall, sondern eine bewusste Wendung zu Gott.
Wenn ich innehalte und prüfe, erkenne ich, wie Gott auch
in schweren Zeiten treu sein will.
Die Prüfung unserer Wege kann unangenehm sein. Vielleicht
entdecke ich da bei mir selbst: Oh, da habe mich verrannt.
Da sitzen alte Muster fest, sodass gar nichts Neues
wachsen kann. Vielleicht habe ich mich auch so vergaloppiert,
dass ich Gott nicht mehr wahrnehme?
Ich gönne mir heute eine Zeit der Stille. Ich lade Gott ein,
meine Wege zu prüfen. Ich notiere mir drei Bereiche, in
denen Umkehr nötig ist, und wähle konkrete Veränderungen
für heute. Stopp! Warum nur für heute? Ich muss das öfter
tun. Und: Ich suche mir Versöhnung und einen notwendigen
Schritt der Liebe in einer Beziehung. Wenn ich jemanden
verletzt habe, bitte ich ihn um Verzeihung.
Herr, prüfe meine Wege heute und erforsche mein Herz. Zeige
mir, wo ich mich von dir entfernen wollte, und hilf mir, den
Weg der Rückkehr zu dir zu gehen. Stärke mich, damit mein
Wandel und meine Veränderung sichtbar werden. Amen.

Von: Carsten Marx

4. November

h werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen. Psalm 116,9

Die Zürcher Bibel übersetzt die heutige Losung so: «Ich darf
einhergehen vor dem Herrn im Lande der Lebenden.» Der
Dichter oder die Dichterin hat Gerechtigkeit erfahren von
Gott. Das stärkt und öffnet den Blick für das Leben. «Gott,
die Lebendige, behütet die Einfältigen; bin ich schwach, so
hilft er mir.» (Vers 5)
Mit den Lebenden sind wir auf dem Weg. Manchmal, so
denke ich, gehöre ich einfach zu den Einfältigen des Glaubens,
weil ich ohne grosse Umschweife die Lebendige um
ihren Beistand bitte, ihr danke, dass ich zu ihr beten darf,
um dann den Weg weiter zu gehen. Wir sind umgeben von
einer wachsenden Kultur des Todes. All die Kriege, die Verletzungen
der Menschenrechte, das Machtdenken, welches
das Denken an die Menschen verhindert.
Sollen wir da noch vom Lande der Lebenden reden, wir in
unserer privilegierten Situation? Ja, das sollen wir. Wir sollen
für die Leidenden bitten, an sie denken, sie in unserem
Herzen tragen.
Das Land der Lebenden auf der ganzen Welt ist in Gottes
Hand, denn die Lebendige ist barmherzig und gerecht. In
diesem Beten sind auch unsere Zweifel und Gefühle der
Ohnmacht aufgehoben. Aber wir gehen mit Gott.
Sei du bei allen Menschen, deren Leben bedroht ist, schenke
ihnen deine Barmherzigkeit.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. November

Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel,
und mein Fürsprecher ist in der Höhe. Hiob 16,19

Hiob ist im Gespräch mit Elifas, seinem Freund. Es ist eine
Klage. Hiob hat alles verloren, was das Leben ausmacht. Er
ist krank und verfolgt von seinen Feinden. In dieser aussichtslosen
Situation fühlt er sich auch von Gott verlassen,
ja noch mehr: Er ist der Überzeugung, dass Gott nicht mehr
zu ihm hält. Er fragt nicht, was er falsch gemacht habe. Er
entwickelt auch keine Aktivität, schmeisst den Bettel nicht
hin. Vielmehr sagt er zu seinem Freund, dass er im Himmel
einen Fürsprecher hat. Vielleicht ist es ein Engel. Ein Fürsprecher
schaut genau hin, damit er sich für seinen Klienten
einsetzen kann. Und ein Zeuge schaut ebenfalls genau hin,
denn auf ihn soll Verlass sein. Die Situation ist nach wie vor
schwierig. Doch Hiob lässt nicht locker. Er weiss, dass sowohl
der Fürsprecher als auch der Zeuge mit ihm unterwegs sind.
Aushalten, beharrlich sein, der Schwierigkeit nicht davonlaufen,
nicht in Aktivismus verfallen, von alledem erzählt Hiob.
Und er bleibt im Gespräch sowohl mit seinem Freund als
auch mit Gott.
Und noch etwas: Er bittet nicht um Kraft, sondern vertraut
darauf, dass sie irgendwann wiederkommt. Von Hiob lerne
ich, nicht wegzulaufen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und
ich lerne, dass es nicht bloss um das Aushalten geht, sondern
um das Aufbauen von Vertrauen.
Sei du auch ein Zeuge für uns.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. November

Es sollen viele Völker sich zum HERRN
wenden und sollen mein Volk sein. Sacharja 2,15

Geht es hier um den Völkerfrieden im Namen Gottes, oder
erinnert uns der Satz an den Sieg «im Zeichen des Kreuzes
», der den römischen Kaiser Konstantin zum Christentum
brachte, an die kolonialistischen Begleit- oder gar Hauptmotive
der Völkermission? Nicht zu bestreiten ist das negative
Potenzial der Weltreligionen, von den Kreuzzügen über die
gewaltsamen Abtreibungsgegner in den USA, den islamistischen
Terror und den Terror der radikalen Siedler im Westjordanland
bis zu den Gewalttaten extremistischer Hindus
in den letzten Jahren. Machtstreben, Kriege, gesellschaftliche
Konflikte haben nur zu oft einen religiösen Hintergrund
oder missbrauchen Religion als Mobilisierungsmittel. Aktuell
müssen wir an die schändliche Unterstützung des kriminellen
russischen Kriegs in der Ukraine durch den Moskauer
Patriarchen erinnern.
Dabei haben alle Religionen ein Friedenspotenzial: Das
Alte Testament hofft auf die «Völkerwallfahrt» und das
Umschmieden von Schwertern zu Pflugscharen, Jesus preist
die Friedensstifter selig, seriösen Muslimen gilt der Islam
als Religion des Friedens, und nach der jüdischen Tradition
rettet die ganze Welt, wer einen einzigen Menschen rettet.
Kritische Auseinandersetzung mit der eigenen und den
anderen Religionen, auch mit Fragen, die man einander im
guten Sinne stellt, muss der Weg zu der im Prophetenwort
gezeichneten Vision sein.

Von: Andreas Marti