Kategorie: Texte

21. Januar

Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Psalm 119,116

Seine Psalmen seien keine Lieder, schreibt der Schriftsteller Uwe Kolbe. Und auch keine Gebete, fügt er an. Kolbe nennt seine Dichtungen: «Worte eines Heiden, der Gott verpasste, weil keiner bei dem Kinde ging, der sagte, hörst du die Stimme?» Ein Gedicht trägt die Überschrift «an dich». Es erinnert mich an unsere heutige Losung: «Du hast mich gemacht, du kannst mich zerstören. Du hast mich aufgemacht, du kannst mich wieder schliessen. Es gibt nichts zu murren, nicht dass du das meinst. Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, an deiner Hand zu Ende gehen.»


«Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, an deiner Hand zu Ende gehen.» Stark! Die Hand Gottes, die uns greifbar ist, ist sein Wort, oder? Das Wort des Lebens. Das Wort, von dem Gott empfiehlt, dass wir es uns zu Herzen nehmen (5. Mose 6,6). Dort entwickelt es seine Kraft. Und dieses Wort sollen wir unseren Kindern weitergeben (5. Mose 6,7). Also weitergeben, was uns selbst so überlebenswichtig ist. Unsere Kinder mit hineinwachsen lassen in die Hoffnungsgemeinschaft, die Gott seinen Kindern eröffnet. Selig ist der Mensch, der in den dürren Zeiten seines Lebens Teil so einer Hoffnungsgemeinschaft ist. Manchmal bleiben nur noch Gott und ich, wir zwei.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

20. Januar

Der HERR wird dein ewiges Licht und dein Gott
wird dein Glanz sein.
Jesaja 60,19

Was für eine überwältigende Zuversicht. Eindringlich kommt mir entgegen: Gott wird dein Licht und dein Glanz sein. Dem Volk Israel vor zweieinhalbtausend Jahren zugesagt. Elementare Worte des Trostes, eine lichte Stimme der Hoffnung. Nach der Verwüstung des Landes durch ein fremdes Heer, der Deportation von Dutzenden, nach der Gefangenschaft die Zusage: Gott wird dein Licht und dein Glanz sein. Magst du dich von diesen starken Worten des Propheten Jesaja anstecken lassen, Lars?


Sehr gerne! Und mich fasziniert auch die erste Hälfte des Verses, den die Losung ausgespart hat: «Nicht mehr wird die Sonne für dich Licht sein am Tag, und nicht der Mond wird als Lichtglanz für dich leuchten.» Das Licht, das Gott uns bringt, ist ein anderes Licht, als wir es im Alltag kennen. So leuchtet auch keine noch so moderne Lampe. Es ist das Licht, das Gott ganz am Anfang gemacht hat (1. Mose 1,3) und das Licht, das in der Verklärungsgeschichte (Markus 9,3) leuchtet. Ich sehne mich nach diesem Licht, das alles verändert und mir die Augen öffnet für Gottes Wirklichkeit, die mich ins Leben ziehen will. Was für Zion gilt, wird doch auch für uns gelten. Das legt die Losung nahe. Gott ist mein ewiges Licht. Gott wird mein Glanz sein.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

19. Januar

Unser Gott hat ein Herz voll Erbarmen. Darum kommt uns das Licht aus der Höhe zu Hilfe. Es leuchtet denen, die im Dunkel und im Schatten des Todes leben. Es lenkt unsere Füsse auf den Weg des Friedens. Lukas 1,78–79

Worte aus dem Lobgesang des Zacharias. Er hat nicht daran geglaubt, dass er in seinem hohen Alter noch Vater werden kann. Es verschlägt ihm die Sprache, als er davon hört. Er bleibt stumm bis über die Geburt seines Sohnes hinaus. Seine Zunge löst sich erst dann wieder, als er dessen Namen auf eine kleine Tafel schreibt: Johannes.
Unser Gott hat ein Herz voll Erbarmen. Zacharias weiss, wovon er spricht. Er hat es am eigenen Leib erlebt, was es bedeutet, wenn das Licht aus der Höhe zu Hilfe kommt. So, dass nach langen Nächten des Schweigens am frühen Morgen Lobgesang wird.
Viele Menschen beten diesen Text des Zacharias jeden Morgen. So sicher und hell soll der Tag beginnen. Wir hüllen uns ein in Gottes Erbarmen. Damit auch wir warmherzig bleiben. Nicht nur dann, wenn wir am Bettchen eines Säuglings stehen. Sondern auch dann, wenn uns Kinder entgegentrotzen. Und erst recht dann, wenn sie alle erwachsen sind. Schreiben wir dann ihre Namen auf eine Tafel. Und spüren wir, wie die Sonne aufgeht.

Von: Ruth Näf Bernhard

18. Januar

Du sollst heute wissen und zu Herzen nehmen,
dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten
auf Erden und sonst keiner.
5. Mose 4,39

die stimme
die
zum himmel schreit
das sehnen
das
vom himmel fällt
der säugling
der
nach himmel duftet
das alles
hat
mit gott zu tun
oder könnte es
jedenfalls
wenn man
so möchte

Von: Ruth Näf Bernhard

17. Januar

Eines jeden Wege liegen offen vor dem HERRN. Sprüche 5,21

«Gott sieht alles von dir!» war ein gern gebrauchter Spruch meiner verehrten Grossmutter. Das ängstigte den kleinen Buben nicht etwa, sondern es schien ihm völlig normal; so wurde ihm von Gott erzählt. In Vers 23 wird in diesem Zusammenhang von fehlender Unterweisung gesprochen, was ein lebensbedrohlicher Mangel sei. Denn um einen alle menschlichen Vorstellungen übersteigenden Gott zu wissen, sei notwendig für einen guten und «richtigen» Lebenswandel. Dazu gehört, wie in den vorangegangenen Versen eindrücklich mit dem Bild vom Fremdgehen (Verse 1–20) illustriert wird, den eigenen Wurzeln und den Quellen der eigenen Kultur treu zu bleiben. Also konkret dem lebendigen Gott, dem Schöpfer allen Lebens. Und dem, welcher über jeden Lebensweg wacht. Nicht mein individuelles Fehlverhalten soll sanktioniert werden: Gott will nicht, dass ich mich an untauglichen Lebenslehren orientiere oder an vermeintlich attraktiven Gottheiten zugrunde gehe. Dadurch, dass Gott jeden Lebensweg kennt, wird keine Drohung aufgerichtet, sondern Gottes Sorge um jedes Menschenleben zum Ausdruck gebracht. Lasst euch nicht verführen von irgendwelchen Weisheiten! Kümmert euch vielmehr, Gottes Weisheit zu erfahren und diese Erkenntnis für eine Lebensgestaltung zu nutzen, die seit ewig gültig ist! So auch für mich und dich und euch! Darin besteht die lebensspendende Unterweisung (Vers 23).

Von: Hans Strub

16. Januar

Alle hoffärtigen Augen werden erniedrigt, und
die stolzen Männer müssen sich beugen; der HERR
aber wird allein hoch sein an jenem Tage.
Jesaja 2,11

«Warte nur – es kommt der Tag, an dem sie büssen müssen für alle Ungerechtigkeit!» So sagte meine Grossmutter, wenn ich ihr klagte, wie böse eben wieder einige Schulkameraden mit dem Beat vom Talhof umgegangen waren. Ich stellte mir diesen Tag damals in schrecklichen Farben vor. Und durchaus mit gemischten Gefühlen, neben Angst war da auch eine gewisse Schadenfreude …
Von einem solchen Tag, dem «Tag des Herrn», ist hier und an etlichen Stellen in der Bibel die Rede. «Sich beugen» müssen sich dann nicht unflätige Schüler, sondern all jene, die ihren Halt im Leben bei Götter- oder Gottesbildern suchen, die sie selbst geschaffen haben – weil sie ihnen dienlich sind und sie in ihrem selbstgefälligen Lebenswandel unterstützen und rechtfertigen. Es ist eine heftige Drohung, die hier gleich am Anfang des langen Jesajabuchs formuliert ist. Und es folgt keine rasche Beruhigung, im Gegenteil: «Vergib ihnen nicht», bittet der Prophet (Vers 9b). Deutlicher kann er die Unbedingtheit seiner Verkündigung nicht ausdrücken. Es ist der dringliche Ruf nach Umkehr, nach Zuwendung zum lebendigen und Leben schenkenden Gott, weg von allen mir selbst genehmen Vorstellungen und Prinzipien. Gott will nicht nur der Grösste und Einzige sein – er ist es auch und verschafft sich Nachachtung!
Noch können wir uns besinnen.

Von: Hans Strub

15. Januar

Der Mann soll seine Frau nicht vernachlässigen,
ebenso nicht die Frau ihren Mann.
1. Korinther 7,3

Was hier mit «nicht vernachlässigen» übersetzt ist, bedeutet gemäss dem griechischen Urtext eigentlich: «die Pflicht erfüllen». Dies wiederum ist Euphemismus, beschönigende Rede für den Geschlechtsverkehr. Im nächsten Vers wird diese Pflicht zur Pflichterfüllung begründet: «Die Frau verfügt nicht über ihren Körper, sondern der Mann; ebenso verfügt auch der Mann nicht über seinen Körper, sondern die Frau.» Man denkt – umso mehr, als in der Zeit, in der ich diesen Text schreibe, in Frankreich der Pélicot-Prozess stattfindet – dass solchen Behauptungen ein klares «Nein ist Nein» oder auch «Ja ist Ja» vorzuziehen sei.
Immerhin fällt die «partnerschaftliche Argumentation» (Luise Schottroff) bei Paulus auf. Sie ist im Frauen diskriminierenden antiken Umfeld ungewöhnlich und ein Hinweis darauf, dass es Paulus nicht um Missbrauch und Ausbeutung geht. Wenn die unverbrüchliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper vorausgesetzt ist, werden die Überlegungen des Paulus für einen mystischen Weg interessant. Denn dieser besteht seinem Wesen nach in der Hingabe des eigenen Ich. Dorothee Sölle schreibt in ihrem Buch «Mystik und Widerstand»: «Die Entmachtung des Ich, die die Mystik braucht, setzt das selbständige, entscheidungsfähige Ich voraus. Es muss ein Ich da sein, wo ein Ich-los-Werden versucht wird.»

Von: Andreas Fischer

14. Januar

Jesus sprach zu dem jungen Mann: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Matthäus 19,21

Kürzlich skizzierte ich einem Ökonomen die These, die der katholische Pastoraltheologe Jan Loffeld in seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» entfaltet (und die betrüblicherweise meiner eigenen Erfahrung als Pfarrer entspricht): dass, salopp gesagt, viele Menschen ohne jeden Bezug zum Himmel ganz zufrieden sind mit ihrem Dasein auf Erden. Da ist keine Sehnsucht, kein unruhiges Herz, keine noch so leise Ahnung davon, dass es doch mehr als alles geben muss. Nach kurzem Nachdenken verwies mich der Ökonom auf Dorothee Sölle. Diese erwähnt in ihrem Buch «Mystik und Widerstand» ein Kind, das dreissig Puppen besitzt und darüber den emotionalen Bezug verliert, den es zu einer einzelnen Puppe hätte: Es würde sie kämmen, ihr einen Namen geben, sie lieben. Durch die anonyme Masse an Puppen entsteht ein emotionaler Hunger, der nach immer mehr Puppen ruft, durch diese aber gerade nicht gestillt wird. Sölle plädiert für eine neue Askese: «Sie muss ansetzen bei der als Autonomie und freie Auswahl deklarierten Abhängigkeit des Ich von der Warenwelt.» Mit dieser neuen Askese, erklärte mir der Ökonom, würde die Kirche an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen. Die Kirche, sagte er, soll Schätze im Himmel sammeln.

Von: Andreas Fischer

13. Januar

Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge
lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.
Lukas 11,34

«So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei.» Der folgende Vers 35 gehört für mich unbedingt zu diesem Bildwort dazu. Wenige Verse zuvor weist Jesus das Ansinnen der Menschen zurück, die ein Zeichen, also einen sichtbaren Beweis seiner Macht von ihm fordern (Vers 29), und erklärt: Schaut vielmehr auf euch selbst, auf das, was euch gegeben ist: Licht und Leben; schaut auf die Gaben und Möglichkeiten, die ihr habt. Wofür nutzt ihr eure Sinne, euren Verstand, euer Herz …?
Jesu Rede changiert zwischen Zumutung und Zutrauen. Mir gefällt, dass Zumutung mit Mut und Zutrauen mit «trau dich!» zu tun hat. Jesus mutet seinen Zuhörer:innen – also auch uns – zu, Mut zu fassen, unseren Mut zusammenzunehmen. Und gleichzeitig traut er uns, unseren Möglichkeiten, etwas zu.
Wie schaue ich in die Welt? Was sehe ich? Und was übersehe ich? Was rührt mich an und bewegt mich? Und was lasse ich erst gar nicht an mich herankommen? Ist mein Blick auf die Welt und auf die Menschen, die mir begegnen, offen, klar, wohlwollend, also lauter oder getrübt, verdunkelt durch Ängste, Befürchtungen, versteckte Interessen? Wie nutze ich heute meine Möglichkeiten und was traue ich mich?

Von: Annegret Brauch

12. Januar

Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle
Übertretungen zu.
Sprüche 10,12

Wie in unserem Vers sind viele Spruchweisheiten in diesem biblischen Buch kurz und knapp gehalten. Sie bündeln Lebenserfahrung, wollen Orientierung für ein gutes, gelingendes Leben geben. Oft formulieren sie dabei einen Gegensatz und spannen so den weiten Bogen der Möglichkeiten auf, wie Leben gestaltet werden kann, zum Beispiel zwischen Hass und Liebe.
«Hass erregt Hader.» Die toxische Realität dieses Satzes wird uns täglich in Nachrichten, in sozialen Medien, manchmal auch in konkreten Begegnungen vor Augen geführt. Bei Hermann Cohen, Professor für Philosophie in Marburg, der sich auch intensiv mit dem Talmud beschäftigt hat, lese ich: «Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. … Der Hass ist grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung des Gemütes gesprochen werden kann. Es gibt keinen Grund zu Hass. Jeder scheinbare Grund ist ein Irrtum und eine Verirrung. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er hasst, so wird sein Dasein vergeblich.» Cohen schrieb dies 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.
Hass verletzt die Würde des Nächsten und meine eigene. «Der Mensch ist zum Lieben da.» Alle Kraft, alle Kreativität und Geistesgaben müssen dahin fliessen, um Schaden zu verhüten, um achtsamer zu werden für die kleinen Verletzungen, um den Schmerz der anderen zu begreifen. Liebe (ein-)üben als produktive, verändernde Macht!

Von: Annegret Brauch