Kategorie: Texte

16. März

Ich sprach, als es mir gut ging: Ich werde
nimmermehr wanken. Aber als du dein Antlitz
verbargst, erschrak ich.
Psalm 30,7.8

Ich verstehe ihn. Eine Krankheit untergräbt manchmal das Selbstbewusstsein, wie hier bei dem Menschen, der von seiner Krankheit genesen war. Rückblickend stellte er fest, dass die Krankheit – wir erfahren nicht, um welche es sich gehandelt haben könnte – ihn tief erschüttert hatte. Auch spirituell, denn er empfand sie als eine unerwartet gottferne Zeit. Er sei heftig erschrocken, als ihn seine Kräfte verliessen – und er sich auch von Gott verlassen fühlte. Er nahm das so wahr, dass Gott ihm zürnte. Sein Gebet imponiert mir – er «rechtet» mit Gott und kämpft um dessen erneute Zuwendung (Verse 9–11). Und Gott lässt sich auf diese Form von Gebet tatsächlich ein und macht ihn gesund (Verse 12 und 13)! Im Erschrecken erkennt er, wie sehr er auf Gottes Gnade und Erbarmen angewiesen ist. Darum ringt er dann – erfolgreich. Er musste erfahren, dass alle seine Stärken und Kompetenzen plötzlich sehr eingeschränkt waren. Dass er, der sich kraftvoll und mächtig gesehen hatte, im Nu fallen könnte. Umso tiefer seine (meine?) Dankbarkeit, als er merkte, dass Gott ihn auffängt. «Denn sein Zorn währt einen Augenblick, ein Leben lang seine Gnade; am Abend ist Weinen, doch am Morgen ist Jubel.» (Vers 6) Das ist sein Jubel, der bis zu mir und uns erschallt: Gott ist da und hört auf meine Notrufe. Ich kann mit Gott reden, wie mir zumute ist. Er verlangt nicht irgendwelche Formen, nur Offenheit!

Von: Hans Strub

15. März

Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden! 2. Korinther 5,17

Albert Schweitzer, dessen Geburtstag sich 2025 zum 150. Mal jährt, hat ein faszinierendes Buch mit dem Titel «Die Mystik des Apostels Paulus» geschrieben. Darin befasst er sich mit der sogenannten Rechtfertigungslehre von Paulus. Diese gilt der evangelischen Kirche als «articulus stantis et cadentis ecclesiae», als Grundsatz, mit dem die Kirche steht und fällt. Schweitzer hingegen vertritt die These, dass die «Rechtfertigung allein aus Glauben und nicht durch Werke des Gesetzes» nur ein «Nebenkrater» des paulinischen Denkens sei, der sich im «Hauptkrater der Mystik des Seins in Christus» gebildet habe.
Tatsächlich scheint es bei Paulus zwei Konzepte von Erlösung zu geben, die nicht deckungsgleich sind. Da ist auf der einen Seite die Rechtfertigungslehre, die mit juristischer Begrifflichkeit zum Ausdruck bringt, dass ich, unabhängig von meinen Taten, von Gott «gerechtfertigt» bin. Von Paulus stammen aber auch andere Aussagen, wo die Sprache keine juristische ist. Da geht es um Verbundenheit, Verwandlung, da ist keine Gerechtsprechung von aussen, sondern Transformation des «inneren Menschen».
Das ist es, was Schweitzer mit «Mystik des Seins» meint. Einer der «Sprüche paulinischer Mystik», die er seinem Buch voranstellt, ist der heutige Lehrtext.

Von: Andreas Fischer

14. März

Es ist über alle derselbe Herr, reich für alle,
die ihn anrufen.
Römer 10,12

Der christkatholische Theologe Ernst Gaugler (1891–1963), den ich nicht nur deshalb schätze, weil er einst Pfarrer im Fricktal war, wo ich heute lebe, schreibt in seinem im Zwingli-Verlag erschienenen Kommentar zum Römerbrief zu unserem Vers: Das Anrufen ist nicht einschränkend gemeint: Nur für die, die Seinen Namen anrufen. Sondern entschränkend: Nicht nur für die durch das Gesetz Gerechten, sondern für alle, Juden und Heiden in gleicher Weise, ist jetzt dieser Schatz göttlicher Gnade zugänglich, wenn sie ihn bloss «anrufen».
Weiter: Es ist nicht gemeint, dass zauberhaft-plötzlich, wenn wir nur «anrufen», automatisch die Errettung eintrete. Hinter dem Anrufen steht selbstverständlich das ganze Geheimnis der göttlichen Führung. Es ist dieses Geheimnis, welches wahrhaftiges Anrufen allererst bewirkt.
Und schliesslich: Der Reichtum Christi ist allen in gleicher Weise zugänglich. Kein Gesetz, keine menschliche Methode, kein religiöses Training steht mehr zwischen Ihm und uns, dem Reichtum seiner Liebe und unserer Armut.
Anruf genügt, ist man im Anschluss an Gaugler etwas salopp, aber zutreffend, zu sagen geneigt.
Nicht einschränkend, sondern entschränkend: Gauglers Lesart des heutigen Lehrtextes ist, wie mir scheint, uneingeschränkt zuzustimmen.

Von: Andreas Fischer

13. März

Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. 1. Petrus 2,9

Angesprochen sind hier zuerst Gemeinden in Kleinasien; Menschen, die Christus nachfolgen, sich haben taufen lassen –
und die deshalb bedrängt und verfolgt werden. Ein riesiger Kontrast zu ihrer Alltagserfahrung! Aber der 1. Petrusbrief ist nichts für Sarkasmen oder Zyniker. Die Verfasser wissen um die Not und das Leiden der Geschwister im Glauben. Und sie tragen mit, stärken und unterstützen die Bedrängten, indem sie sie geistlich-seelisch aufrichten: «Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk …».
Das heisst nicht einfach: «Kopf hoch! Wird schon …» Die Bedrängten werden als die angeredet, die sie sind: Gottes Kinder, auserwählt, königlich, in Gottes Licht gestellt, zu Christus gehörend. Diese Realität hat eine Kraft, die auch in der Schwachheit mächtig ist (vgl. 2. Korinther 12,9). Sie widersteht dem Bösen, sie befähigt zur Verantwortung und zur Bereitschaft, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die unser Leben trägt und ausrichtet (Vers 3,15).
Ich denke an die Kontraste unserer Zeit und versuche, die Anrede auf mich zu beziehen: Gotteskind, auserwählt, königlich, in Gottes Licht gestellt, zu Christus gehörend – fühlt sich gut an! Ich lächle und stehe aufrecht.

Von: Annegret Brauch

12. März

Zur selben Zeit und in jenen Tagen wird man die Missetat Israels suchen, spricht der HERR, aber es wird keine da sein, und die Sünden Judas, aber es wird keine gefunden werden; denn ich will sie vergeben. Jeremia 50,20

Bei Hannah Arendt findet sich in ihrem philosophischen Hauptwerk, «Vita activa oder Vom tätigen Leben», ein erhellendes Kapitel über «Die Unwiderruflichkeit des Getanen und die Macht zu verzeihen». Darin entfaltet sie, was beim Vergeben und Verzeihen genau geschieht: Ausschlaggebend ist vielmehr, dass in der Verzeihung zwar eine Schuld vergeben wird, diese Schuld aber sozusagen nicht im Mittelpunkt der Handlung steht; in ihrem Mittelpunkt steht der Schuldige selbst, um dessentwillen der Verzeihende vergibt.
Nicht das getane Unrecht wird vergeben, sondern denen, die es begangen haben. Was geschehen ist, ist geschehen und kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber der Schatten des Vergangenen soll nicht die Zukunft verdunkeln. Es ist ein Akt der Befreiung, der einen Neuanfang ermöglicht.
Für die Deportierten im babylonischen Exil ist das der Hoffnungsanker: Gott hält seinem Volk die Treue; um seiner (des Volkes) selbst willen, vergibt der Ewige. Das Volk wird eine Zukunft haben, weil Gott es will, weil die Ewige sich an ihr Volk bindet. – Und wir dürfen in dieser Hoffnung mitbeten: «Unsere Hilfe steht im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat, der Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände.»

Von: Annegret Brauch

11. März

Brüder und Schwestern, bemüht euch umso eifriger, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr niemals straucheln, und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. 2. Petrus 1,10–11

Vor ein paar Monaten bin ich gestrauchelt und habe seither einen Schmerz im rechten Knie. Er macht sich beim Knien bemerkbar. Der Lehrtext macht einen Vorschlag zur Prophylaxe, der sozusagen beim Knien ansetzt. Christenmenschen sollen hineinknien, damit sie nicht straucheln. «Bemüht euch», sagt der Autor, «eure Berufung und Erwählung festzumachen.» Es ist der Sound der Pastoralbriefe. Glaube wird als eine Lebensform im eigentlichen Sinn des Wortes verstanden. Damit der Glaube das Leben formen kann, muss man ihn leben, und wer in Topform ist, übt sich im Knien, um nicht zu stolpern.
Ich kenne Evangelische, die bei solchen Mahnungen auf dem falschen Fuss erwischt werden. Sie denken, es sei gesetzlich. Aber eigentlich betonen sie nur stärker, was schon Paulus sagt. Er spricht dann und wann vom Rennen und Ringen im Glauben. Am Anfang des 2. Petrusbriefs hört es sich auch so an – wie eine Aufforderung zum Training: «So wendet allen Fleiss daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis.»
Ist das gesetzlich? Ich denke: lieber ein wenig Prophylaxe als Physiotherapie in der Reha!

Von: Ralph Kunz

10. März

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Psalm 4,9

Als ich klein war, sang meine Mutter am Bett ein Abendlied, das zum Mitsingen einlud. Die Strophe ist in der ersten Person Singular – ziemlich raffiniert! Es lullt das singende Kind ein. «Ich ghööre es Glöggli, es lüütet so hell. Im Bett tuen ich bätte und schlaafe dänn ii, de lieb Gott im Himmel wird au bi mir sii.»
Eigentlich ist es ein Psälmlein, das mich meine Mama lehrte. Gott wird als Immanuel, als Dritter, der «auch bei mir ist», an- und aufgerufen. Das «auch» gefällt mir! Es ist kindgemäss. Schliesslich sitzt die Vorsängerin auf dem Bettrand. Zu ihr kann ich jederzeit gehen, sie kann ich immer rufen. Sie ist jetzt bei mir – warm, weich und stark. Und Gott wird auch bei mir sein in der Nacht. So lässt es sich schlafen.
Der Psalm ist kein Wiegenlied. Der Vorsänger liegt und schläft ruhig, weil er sich darauf verlässt, dass allein Gott ihm hilft. Niemand singt ihn in den Schlaf. Er ist auch kein Kind mehr. Es singt David, der Kämpfer, König und Vorsänger, und er singt allein. Er singt in der ersten Person Singular. Aber wir sind zum Mitsingen eingeladen – wir alle, die wir schlaflose Nächte haben, weil der Friede nicht einkehren will. Wenn uns die Ängste plagen und wir uns fragen, wie sicher wir wohnen. Und dann beten wir vielleicht Davids Psalm, bis uns die Augen zufallen.

Von: Ralph Kunz

9. März

Es freue sich das Herz derer,
die den HERRN suchen!
Psalm 105,3

Ein Psalm des Lobes. Darin werden die Wohltaten aufgezählt, die Gott den Israeliten im Lauf ihrer Geschichte geschenkt hat. Am Anfang steht die Aufforderung, Gott zu suchen. Mit der Erinnerung an die Ereignisse auf dem Weg mit Gott wächst die Freude im Herzen. Die geschichtlichen Ereignisse dienen als Modell für die Gegenwart. Sie gehören zum kollektiven Gedächtnis eines ganzen Volkes und tragen zu dessen Identitätsstiftung bei.
Es ist gut, Gott zu suchen und zu loben. Loben wir aber auch einander. Dazu müssen wir erkennen, was Menschen um uns herum Gutes und Schönes tun. Wir denken vielleicht, das sei alles selbstverständlich und nichts Besonderes. Und doch blühen wir alle auf, wenn uns jemand ein echtes, ernst gemeintes Lob ausspricht.
Loben ist danken für das Schöne und Gute. Wenn ich jemanden lobe, sehe ich, dass dieses Schöne und Gute nicht selbstverständlich ist. Ich sehe, dass sich ein Mensch Mühe gibt. Sei es, dass er bei sich selbst seine natürliche Schönheit zur Geltung bringt, sei es, dass jemand etwas Schönes hergestellt hat oder einem Mitmenschen hilft.
Durch Loben freut sich das Herz des Gelobten und des Lobenden. Wenn wir einander loben, loben wir auch Gott und erinnern uns an seinen Weg mit uns. Der Wunsch, sein Wort im Alltag umzusetzen, nimmt so Gestalt an.

Von: Monika Britt

8. März

Simon Petrus sprach zu Jesus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Johannes 6,68

«Wohin sollen wir gehen?» Welch eine simple Frage eigentlich, die aber oft gar nicht so einfach zu beantworten ist. Kennen wir nicht die endlosen Diskussionen, die bei der Ferienplanung aufkommen? Oder wo wir unseren Wochenendeinkauf oder Sonntagsspaziergang machen sollen? Das Angebot an möglichen Destinationen für alltägliche Erledigungen ist so riesig geworden, dass unser Tag manchmal einem Parcours voller Entscheidungen gleicht. Dazu kommen die noch viel gravierenderen Wohin-Fragen, wie jene nach dem passenden neuen Wohnort, wenn das Haus nach dem Auszug der Kinder zu gross geworden ist. Oder wenn uns ein Schicksalsschlag zu einer neuen Orientierung im Leben zwingt. Wie gerne hätten wir dann wie Petrus einen Freund, auf dessen Ratschlag Verlass ist. Das ist wohl auch das, was wir meistens tun: Wir fragen bei folgenschweren Entscheidungen einen Vertrauten, der sich auskennt. Der uns mit seinen Fragen dorthin führt, wohin es uns tatsächlich zieht. Der uns vielleicht auch aufzeigt, dass wir in unseren Entscheidungen nicht nur das Naheliegende betrachten, sondern über uns hinausdenken sollten. Dorthin, wo sich für uns Unbekanntes verbirgt. Dorthin, wo es Mut und Vertrauen braucht. Dorthin, wo wir unsere eigenen Grenzen ausweiten. Auf dass wir heute in unseren Entscheidungen etwas Neues wagen!

Von: Esther Hürlimann

7. März

Wo viel Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug. Sprüche 10,19

Wir kennen diese biblischen Worte in der etwas kompakteren Version «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold», deren Urheberschaft nicht gesichert ist. Ein möglicher Autor ist der heilige Benedikt, der mit seinen Regeln das Zusammenleben der Mönche und Nonnen regelte und Hilfestellungen für das geistliche Leben formulierte. Zwar ist «Lippen im Zaum halten» nicht ganz dasselbe wie «Schweigen». Unabhängig davon stellt sich die Frage: Was soll besser daran sein, wenn wir weniger reden, statt unseren Worten einfach freien Lauf zu lassen? Benedikt dachte an die Stille, die der Gottsuche oder auch dem inneren Frieden im Schweigen mehr freien Raum lässt. Vermutlich aber dachte er auch an das Vermeiden von Konflikten, die mit Worten ausgetragen werden. Wir heutigen Menschen aber sind zum Glück mit der Devise aufgewachsen, dass es oft besser ist, die Dinge aus- oder anzusprechen, als sie in uns hineinzufressen. Trotzdem sehnen wir uns nach Momenten des Schweigens. Unsere vernetzte Welt sorgt dafür, dass wir ungefragt und ständig mit den Meinungen anderer konfrontiert werden. Daher sind wir mehr denn je gefordert, uns die Zeiten des Schweigens wie auch des Redens bewusst einzuteilen. Denn wir brauchen beides: Momente, in denen wir still sind und nach innen horchen, und Momente, in denen wir uns ausdrücken und im Reden mit anderen Menschen verbinden. Schätzen wir uns dann klug, wenn uns heute diese Balance gelingt.

Von: Esther Hürlimann