Kategorie: Texte

10.August

Der HERR segne dich und behüte dich. 4. Mose 6,24

Am Ende des Gottesdienstes empfängt die Gemeinde den Segen Gottes mittels einer Sprechhandlung, die mehr verspricht, als Menschen halten können: Schutz, Lebenskraft und Frieden! Mit dem Zuspruch kommt das Bild der göttlichen Zuwendung. Im aaronitischen Segen ist es das göttliche Angesicht, das über mir aufleuchtet und mich anstrahlt wie die Sonne. Aus der göttlichen Quelle fliesst es in mich hinein –
das göttliche Licht, das mich stark macht, lebendig und friedfertig. Und sättigt! Segen ist für mich auch ein Lebensmittel. Er nährt die Seele. Und unsere Seelen sind gefrässig.
Manchmal holen wir uns einen falschen Segen – hängen an der Flasche oder einem anderen Laster, das uns mehr nimmt als gibt. In seinen wunderbar gewitzten «Dienstanweisungen für einen Unterteufel» beschreibt C. S. Lewis das Gegenteil der göttlichen Segenskraft als ein Saugen, das uns leer macht. «Für uns», meint der Oberteufel, «bedeutet der Mensch hauptsächlich ein Nahrungsmittel; wir bezwecken, seinen Willen vollständig aufzusaugen in unseren Willen … Wir brauchen Vieh, das schliesslich zum Frass wird. Gott sucht Diener, die zuletzt zu Töchtern und Söhnen werden. Wir saugen sie aus. Er gibt sich her. Wir sind leer und wollen uns füllen. Gott besitzt die Fülle und fliesst über.»
Heute ist der Tag des Überfliessens, lassen Sie sich eine doppelte Ration Segen geben! Meinen haben Sie schon.

Von: Ralph Kunz

9. August

Tut von euch die fremden Götter, die unter euch sind, und neigt euer Herz zu dem HERRN. Josua 24,23

Josua bleibt nicht mehr viel Zeit. Er weiss, dass er bald sterben wird.
In einer grossen Rede erinnert er das Volk an die Abenteuer, die sie gemeinsam durchgestanden haben; er erinnert sie daran, dass alles, was gelang und auch was schiefging, mit ihrer Beziehung zu dem einen Gott zu tun hat. So fordert er seine Leute auf, sich nicht ablenken zu lassen von fremden Göttern. Das Erstaunliche geschieht: Alle sind einverstanden damit, einen Bund zu schliessen, der auf dem Grund des Glaubens an den einen Gott fusst. Josua kann sich beruhigt ins Grab legen.
Es ist eine eigentliche Sternstunde, die die Bibel uns hier schildert. Seltene Einigkeit herrscht. Alle verstehen in diesem Augenblick, worauf es wirklich ankommt. Sie schliessen ihre Reihen und sie verpflichten sich. Als Zeichen lässt Josua ein grosses Steinmal aufstellen. Diese Abmachung hielt nicht ewig, aber sie hielt erstaunlich lange.
Der Bericht im Josuabuch erinnert uns daran, wie wichtig es ist, manchmal Dinge abzumachen und festzuschreiben und ihnen eine sichtbare Form zu geben.
«In der Hauptsache Einheit, in den Nebensachen Vielfalt» ist ein Grundsatz, den zu beherzigen sich lohnt. Sie kennen bestimmt Situationen, in denen dieser Grundsatz umgekehrt wurde. Das daraus erwachsende Chaos macht die Menschen kaputt und verbaut die Zukunft. Der Glaube an den einen Gott kann die erstaunliche Kraft eines Klebstoffs entfalten, der alles zusammenhält.

Von: Heiner Schubert

8. August

Ich habe mir vorgenommen; Ich will mich hüten,
dass ich nicht sündige mit meiner Zunge. Psalm 39,2

Ja, die Zunge kann nicht nur «gepierct» werden, sie kann auch viel Leid anrichten – und viel Schönes bewirken.
Die Zunge bringt erst die Möglichkeit, Gott zu danken. Und die Zunge ist es auch, die Jesus in einer seiner Heilungen wieder zum Leben erweckt, sodass ein Stummer wieder reden kann. Zungenrede, tödliches Gift, mörderischer Pfeil, Tod und Leben, Lügenzunge … es finden sich ganz viele Texte zur Zunge in der Bibel. Gemäss Internet sollen es über hundertzwanzig Stellen sein! Wahnsinnig, aber verständlich.
Dank der Zunge können wir uns in einer Sprache ausdrücken, dank der Zunge können wir essen, und die Zunge ist es, die uns Süss, Sauer, Salzig, Bitter und Umami erfahren lässt. Und wer erinnert sich nicht an seine schönsten Zungenküsse …
Wenn uns Gott ein so wunderbares Organ schenkt, dann sollten wir auch Sorge dazu tragen, es angemessen nutzen und nicht zu viel damit plappern. Worte verletzen, Worte zerstören. Ist vielleicht deshalb so oft von der Zunge die Rede in der Bibel? Ich weiss es nicht, finde es aber sehr spannend: «hüte deine Zunge», «es liegt mir auf der Zunge», «etwas mit tausend Zungen predigen», «mit gespaltener Zunge reden» und viele weitere uns bekannte Aussagen.

Von: Markus Bürki

7.August

Jesus sprach: Weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allem Kraut und geht vorbei am Recht und an der Liebe Gottes. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Lukas 11,42

Weh euch Pharisäern! Die armen Pharisäer kommen schlecht weg. Nicht nur in diesem Bibeltext, Jesus zieht gerne über sie her. Verlogen, rechthaberisch, besserwissend, kurz, einfach anstrengend. In meiner Arbeit habe ich auch schon mehrmals den Ausdruck «Pharisäer» gehört – meistens nicht im guten Sinne, vielmehr für die Ungläubigen oder die, welche sich hinter Prunk und Worten und Ritualen verstecken müssen. Kleider machen Leute.
Bei «The Chosen» (Die Auserwählten – eine US-amerikanische Fernsehserie zum Leben von Jesus) kommen die Gelehrten immer schön angezogen und Jesus selbst in seinen einfachen Kleidern.
Ich finde, das sagt viel aus. Gerade in der evangelischen Tradition sollte es uns bewusst sein, dass Kleider, Bilder und auch schöne Kirchen nicht das Zentrum des Glaubens sind, sondern vielmehr ein Hilfsmittel, um in die richtige Stimmung oder den richtigen Herzschlag zu kommen.
Dennoch, Kleider machen Leute. Immer wenn ich in den Alters- und Pflegeheimen im T-Shirt den Gottesdienst abhalte, fühle ich mich ganz wohl, weil ich sonst schwitzen würde und weil es auch sonst nicht meine Art ist. Da halte ich es ganz mit Jesus und trage einfache Kleidung anstelle eines Kittels.

Von: Markus Bürki

6. August

Ich will dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben.
2. Mose 15,1

Noch einmal geht es um den Auszug aus Ägypten. Nun wird von den Israeliten erzählt, die den beschwerlichen Weg in die Freiheit unter die Füsse nehmen. Sie sollen keine Sklavenarbeit mehr leisten, sondern nur noch einem dienen – ihrem Gott. Ihnen hinterhergeschickt wird eine hochgerüstete Armee, die sie stoppen und zurückholen soll. Schnelle Pferdegespanne ziehen die ägyptischen Kriegswagen, auf denen schwer bewaffnete Kämpfer stehen. Zur Entscheidung kommt es, als die Israeliten am Rand einer Wasserfläche nicht mehr weiterkommen. Auf unerklärliche Art weicht das Wasser zurück, sodass man es zu Fuss durchqueren kann. Die schweren Kriegsgeräte dagegen bleiben im Meer stecken. An dieser Stelle ist ein Psalm in die Erzählung eingefügt, der für Gottes Hilfe dankt. Und gleich zweimal ertönt ein kurzes Siegeslied (Verse 1 und 21). Aber nicht ein Sieg in der Schlacht, sondern ein unerwartetes Naturereignis brachte die Rettung. Das Lied besingt nicht die Stärke der eigenen Kämpfer, sondern ein wunderbares Eingreifen von Gott. «Damals sangen Mose und die Israeliten dieses Lied: Singen will ich dem HERRN, denn hoch hat er sich erhoben. Pferde und Kriegswagenfahrer hat er ins Meer geworfen.» Das Lied drückt den Glauben aus: Gott zeigt seine Hoheit dadurch, dass er auf der Seite der Unterdrückten steht.

Von: Andreas Egli

5. August

Der HERR sprach zu Mose: Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde. 2. Mose 7,1.2

In der Erzählung vom Auszug aus Ägypten sind die Gegenspieler klar. Einerseits ist es der Pharao, der König des Grossreichs Ägypten. Er steht an der Spitze eines mächtigen Staatsapparats und wird in seinem Land wie ein Gott verehrt. Andererseits ist es der Gott eines kleinen Wüstenvolks, das in Ägypten Sklavenarbeit leistete und nun den Weg in die Freiheit sucht. Es scheint, dass die Überlegenheit klar beim Pharao liegt. Aber der Text kehrt die Verhältnisse um. An der Spitze steht der biblische Gott, der sich mit seinem Namen bekannt gemacht hat. Ihm untergeordnet ist Mose, der das göttliche Wort empfängt und weitergibt. Gegenüber dem Pharao bekommt er fast die Stellung eines göttlichen Wesens. Wieder eine Stufe tiefer steht Moses Bruder Aaron. Wie ein Prophet überbringt er die Botschaft, die er empfangen hat. Erst an unterster Stelle findet man den Pharao, für den die Nachricht bestimmt ist. Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung von Ägypten trägt er nicht einmal einen Namen. «Der HERR sagte zu Mose: Sieh, ich setze dich als göttliches Wesen für den Pharao ein. Und Aaron, dein Bruder, wird dein Prophet sein. Du wirst alles reden, was ich dir auftragen werde. Und Aaron, dein Bruder, wird es zum Pharao reden. Dann lässt er die Israeliten aus seinem Land ziehen.»

Von: Andreas Egli

4. August

Der HERR ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren!
Jesaja 30,18

Das Volk ist vom Weg abgekommen, hat Gewalt und Arglist eingesetzt. Die Lebendige lässt ihr Volk aber nicht fallen. Vielmehr mahnt sie zu Umkehr, Ruhe und Vertrauen (Vers 15).
Und sie wartet, wartet darauf, dass das Volk einsichtig wird. Dann will sie sich erbarmen und Brot und Wasser schenken. Das gibt Kraft und führt aus der Bedrängnis. Ich meine, dass uns in unserer Welt, die unter Kriegen und Ungerechtigkeit leidet, dieses Erbarmen Gottes zugesagt ist. Ruhe, Vertrauen, Recht, genau das brauchen die Menschen, die unter der Gewalt leiden.
Mir scheint, es sei wie eine Durststrecke, die die Welt durchläuft.
Die Lebendige wartet, und sie wartet nicht mit leeren Händen, sondern sie will die Menschen mit Brot und Wasser stärken. Wie lange dauert diese Durststrecke?
Ich kann einfach nur hoffen, dass die Menschen, die über die Gewalt und die Kriege entscheiden, nicht das letzte Wort haben, sondern Gott, die Lebendige, die auf uns wartet. Und ich kann diese Durststrecke füllen mit meinem Gebet, meinem Festhalten daran, dass Gerechtigkeit und Friede für alle möglich sind. Und ich kann hoffen und die Hoffnung mit anderen Menschen teilen. Denn Gott ist ein Gott des Rechts.
Danke, dass du auf die Umkehr der Menschen wartest und dich unser erbarmst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. August

Der HERR spricht: Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst. Psalm 32,8

Es kann sein, dass Gott den Psalmdichter direkt anspricht. Dieser braucht Gottes Beistand: «Denn schwer lag deine Hand auf mir Tag und Nacht, verdorrt war meine Lebenskraft.» (Vers 4) Und dann folgt das Schuldbekenntnis. Ich gestehe, dass mir diese Ausdrucksweise Mühe macht. Führt die direkte Ansprache aus der Tiefe ins Licht? Wie soll das gehen, wenn die Kraft doch einfach fehlt? Ich denke unweigerlich an die Menschen in Gaza, in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar. Sie brauchen immer wieder Kraft, unendlich viel Kraft, um ihren Alltag zu bestehen oder die Flucht in Angriff zu nehmen. Auch wenn der Psalm von einem einzelnen Menschen geschrieben wurde, Gottes Unterweisung steht allen zu, besonders den leidenden Menschen. So kann ich nur die Lebendige darum bitten, dass sie mit den Menschen unterwegs ist und ihnen die nötige Lebenskraft schenkt. Und ich kann darum bitten, dass ich das tue, was ich kann: mit diesen Menschen und mit Gott unterwegs sein, immer wieder neu darum bitten, dass Gerechtigkeit und Frieden Einzug halten. Und ich kann meinen Weg so gestalten, dass die Lebendige mich begleitet, auch dann, wenn meine Kraft zu schwinden droht.
Sei du bei den leidenden Menschen und mit uns allen auf dem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. August

Euch allen sage ich: Haltet in derselben Gesinnung zusammen
und habt Mitgefühl füreinander! Liebt euch gegenseitig als Brüder und Schwestern! Seid gütig und zuvorkommend zueinander! 1.Petrus 3,8

Psychologen, Hirn- und Trendforscher sagen uns: Der Zusammenhalt
schrumpft, die Beziehungsnetze werden löchriger, Einsamkeit
breitet sich aus, weil sie «ansteckend» (Manfred Spitzer) ist.
Eine Ärztin nennt sie «unerkannten Killer». Roger Staub, ehemaliger
Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana, mahnt in einem Interview:
«Wer unter Einsamkeit leidet, hat eine um zehn bis zwanzig Jahre tiefere
Lebenserwartung. Einsam zu sein, ist so schlecht für die Gesundheit wie
Alkohol, Rauchen und Übergewicht kombiniert.»
Kirchgemeinden kommen als gesundheitsförderlich in den
Blick, obwohl es dort wie überall stark menschelt: wenn
beim Kirchenkaffee nicht jede mit allen kann, wenn alle alles
besser wissen, aber niemand die Verantwortung und in die
Kirchenpflege will.
Auch unvollkommenes soziales Miteinander ist förderlicher
als selbstgewählte Isolation. Die von vielen angestrebte
Selbstbestimmung im Leben und im Sterben ist total überbewertet.
Lasst heute einander den Vortritt, sogar an der Kasse. Verschenkt
eine ganze Packung Taschentücher. Hört einander zu, auch wenn
ihr die Geschichte schon kennt. Fangt klein an und macht morgen
so weiter.

Von: Dörte Gebhard

1. August

Bist du es nicht, HERR, unser Gott, auf den wir hoffen?
Jeremia 14,22

Ohne Feuerwerk kein Nationalfeiertag. Daran ändert auch
grosse Waldbrandgefahr nichts. Denn in den Reden werden
Feuerwerke gezündet. Da glitzern für einen Moment Freiheit
und Föderalismus, Vielsprachigkeit und Demokratie mit
ihren weitreichenden Gestaltungsmöglichkeiten vor dem
dunklen Hintergrund der Weltgeschichte. Aber das Gesagte,
trotz aller Effekte, verglüht meistens schnell. Auch die
bedeutendsten Worte haben zu kämpfen mit Feinstaubbelastungen,
die die Geschichte auf sie gelegt hat. Ausserdem
erreicht gleichzeitig Cervelatduft die Nase. Die Schweizer
Werte und vieles mehr, was so genannt wird, machen sich
harte Konkurrenz an diesem Tag.
Für die Hoffnung auf Gott ist die Schweizer Nationalhymne
zuständig. Wenn man sie nicht auswendig kann, nimmt man
am besten das Gesangbuch mit: Nummer 519. Gott wird da –
in der Reihenfolge der vier Strophen – als Hocherhabener
und Herrlicher, Menschenfreundlicher und Liebender, Unergründlicher
und Ewiger, allmächtig Waltender und Rettender besungen. Bei jeder
Wetterlage, soll bedeuten bei jeder Weltlage.
Jeremia und seine Zeitgenossen kämpften unter anderem
mit falschen Propheten. So anders sind unsere Zeiten nicht.
Fromme und textsichere Seelen ahnen und hoffen daher
inständig, dass Gott auf gar keinen Fall nur im hehren Vaterland
wirkt, sondern grenzüberschreitend.

Von: Dörte Gebhard