Kategorie: Texte

20. August

Nur Hauch sind die Menschen, Trug die Sterblichen. Auf der Waage schnellen sie empor, allesamt leichter als Hauch.
Psalm 62,10

Der Psalm 62 setzt mit den Worten ein: «Zu Gott allein ist meine Seele still.» Welche Erfahrung geht diesen Worten voraus? Ich lese weiter und komme zum heutigen Vers. Er erinnert mich an die Psalmworte: «Wir sind nur ein Hauch» (Psalm 39,12), «haben kein Gewicht» (Psalm 62,10), «sind Staub» (Psalm 103,14). Sucht da eine mitten in der Vergänglichkeit ihres Lebens, mitten in der Fülle und den Abgründen, die einsam machen können, nach einem Gegenüber, das ihr Schwerkraft verleiht? Boden unter den Füssen gibt? Und sie dadurch still werden lässt?
Für alle, die noch nicht ganz ihre Bikinifigur erreicht haben, klingt das ja ziemlich verlockend. Leichter als ein Hauch. Und für alle, die sich so unendlich (schwerge-)wichtig nehmen, ist es der blanke Horror. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Leichtigkeit. Sie entwickelt sich in der Stille vor Gott. Weil mir da immer klarer wird, dass ich weder mein Körper noch meine Gefühle noch meine Gedanken bin. Vor Gott bin ich ganz Gottes. Das nimmt mir die Last und macht mich leicht und licht. So weht es mich sanft zu Gott hinüber.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

19. August

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 1. Korinther 13,10

Paulus war ein ganz ungewöhnlich gescheiter Mann, der mit seinem Verstand und seinem Willen Gott und die Welt in ihrem Wesen erkennen wollte. Aber auch er kam, wie wir alle, an die Grenzen des Verstehens. Sehr eindrucksvoll beschreibt er seine innere Rettung aus diesen Grenzen im 13. Kapitel des Briefs an die Korinther: Im Vers 9, der unserem heutigen Text vorangeht, sagt er: «Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt.» (Bibel in gerechter Sprache) Aber dafür haben wir von Gott die grossen Gaben Glauben, Liebe und Hoffnung erhalten. Sie tragen uns und befähigen uns zu einem erfüllten Leben.
Paulus gibt jedoch nicht auf, nach Erkenntnis und Verstehen zu suchen, aber er weiss – wie wir alle wissen –, dass wir auch mit aller ausgeklügelten Wissenschaft zu dieser vollen Erkenntnis nicht gelangen können. Und so reift bei ihm die Hoffnung auf «das Vollkommene», oder wie es in Vers 12 heisst: das Sehen von Angesicht zu Angesicht Gottes, der Mitmenschen und der Natur. Mich beeindruckt diese Hoffnung auf das endgültige Sehen. Ich glaube, weise Menschen, auch Mystiker, erleben es und geben es weiter: die tiefere Erkenntnis ist ein Sehen, das über ein rationales Analysieren hinausgeht und das allen Menschen zuteilwerden kann, nicht nur den Klugen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. August

Machet kund unter den Völkern sein Tun,
verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Jesaja 12,4

Bei dieser Ermutigung zum Reden von Gott und zur Verbreitung seiner Taten für uns und für seine gesamte Schöpfung denke ich an den Vers «… und sie werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden und zu Tische sitzen im Hause des Herrn» (Lukas 13,29).
Vor unserm inneren Auge entstehen die beiden Richtungen: hinaus in die Welt mit der guten Botschaft und das Zusammenkommen aller Menschen bei Gott.
Das Missionsverständnis hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ich zitiere dazu einen entscheidenden Satz aus einem Bericht des Weltrats der Kirchen: «Gott ist da, bevor wir kommen (Apostelgeschichte 17). Mission hat daher in einem pluralistischen Kontext nicht die Aufgabe, Gott ‹mitzubringen›, sondern den Gott zu bezeugen, der bereits da ist.» In diesem Sinn ist das Verkündigen des Namens und der Taten Gottes eine Begegnung im Namen Gottes mit den Menschen anderer Kulturen und anderer Glaubensformen. Ein gemeinsames «zu Tische sitzen im Hause des Herrn» und ein gemeinsames Engagement für ein erfülltes Leben. Die Hierarchien sind darin abgebaut, die Güter unserer Erde werden gerecht geteilt, die wunderbare Schöpfung geschützt, es gewinnt der Friede. Eine Vision, aus der wir in unserer polarisierten Welt viel Hoffnung schöpfen können!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. August

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Psalm 90,10

Dass die Tage kürzer zu werden scheinen mit zunehmendem Alter und dass die Jahre schneller dahinflögen als früher, gehört auch heute zum festen Bestand der wiederkehrenden Klage von Menschen jenseits der Pensionierung. Und dass so viel Lebenszeit vor lauter Arbeiten und Mühen ungenutzt davongelaufen sei … «Mühsal und Trug» gar sei sie, übersetzt die Zürcher Bibel. Als ein Mensch in genau der hier genannten Lebensphase kenne ich dieses Klagen gut – weiss aber auch tief im Herzen, dass das undankbar ist: Es gab so unendlich vieles, was einzigartig, grossartig, geschenkt, wunderbar war (und weiterhin ist!). Natürlich denke ich oft, was noch viel besser und ruhiger und schöner hätte gemacht werden können, wenn nicht so viel anderes ebenfalls auf die Realisierung gewartet hätte. Aber: Meistens habe ich selber die Entscheidung darüber getroffen, was jetzt gerade am wichtigsten sei. Die Klage über «das Leben» wird dann eigentlich zur Klage über meine falschen Prioritäten. Mit denen muss ich leben …, aber mit dem vielen anderen darf ich leben! Darf ich mich über das freuen, was war – und was noch kommen kann und kommen wird! Denn mein Leben ist mein Gottesgeschenk. Dafür bin ich dankbar. Darauf möchte ich mein Augenmerk richten – ganz besonders darauf!

Von: Hans Strub

16. August

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 1. Mose 4,7

Vielen dürfte das, wie mir selbst, besonders aus der Kinderzeit vertraut sein: Wenn ich das Gefühl habe, etwas sei «krumm» gelaufen, dann fällt es schwer, jenem Menschen in die Augen zu blicken, der mich darauf anspricht. Ich habe, wie man das weitherum so nennt, ein «schlechtes Gewissen». Nicht nur, weil ich mich ärgere, mich schäme oder aufgebracht bin – auch, weil ich darüber sinne, wie ich aus dieser Sache einigermassen unbeschadet wieder herauskomme. So erging es Kain, zu dem in der frühen Legende Gott spricht. Weil er seinen Zorn und wohl auch die Rachegefühle erkannt hat gegenüber dem Bruder, dessen Brandopfer mehr Beachtung gefunden hatte. Gott weist ihn nicht zurecht, sondern eröffnet ihm die Chance, dem geplanten Brudermord zu entsagen. Er zeigt Verständnis für seine dumpfen Gefühle, ermahnt ihn aber, diese von sich aus zu beherrschen. Erst danach begeht Kain die Schreckenstat. Im vollen Bewusstsein. Mir kommen eigene Geschichten in den Sinn, in denen ich sehenden Auges den falschen Ausgang aus einem vertrackten Konflikt gewählt habe …
Das geradezu liebliche Mahnwort Jahwes möchte ich mir unübersehbar an meine inneren Wände heften, dass es mich jedes Mal zu einem Innehalten bewege – vor einer Tat.

Von: Hans Strub

15. August

Ich will dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben. Psalm 63,5

Sie warf die Arme vor Freude in die Luft und rief laut: «Ich hab’s geschafft! Ich habe es nicht geglaubt: Ich bin geritten!»
Ein lang gehegter Traum ist für die Zwanzigjährige Wirklichkeit geworden. Ihr Anderssein, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, schienen unüberwindbare Hindernisse: Übergewicht, Muskelschwäche, Höhenangst.
Aber sie gab nicht auf. Der Weg war lang und mühsam. Und dann war es endlich so weit: Sie sass auf dem Pferd und konnte eine Runde reiten. Konzentriert und versunken in den Moment gleichermassen genoss sie die wiegende Bewegung auf dem Pferderücken.
Dieser Moment wurde zur wunderbaren, unvergesslichen Ewigkeit. Immer wieder rief sie: «Ich habe es nicht geglaubt!» Sie warf die Arme in die Luft. Dann umarmte sie das Pferd, dann uns alle, die wir dabei waren und geholfen hatten.
Und wir wurden von ihrer unbändigen Freude angesteckt und lobten Gott.

Von: Barbara und Martin Robra

14. August

Der HERR sprach: Ich habe vergeben, wie du es erbeten hast. 4. Mose 14,20

Wunder gibt es immer wieder … und Vergebung ist ein Wunder. Vergebung passiert, wenn sie erbeten wird – bei Gott und unter Menschen. Und wenn nicht sofort, dann vielleicht später – wir dürfen beten und hoffen.
«Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein», dichtete
Paul Gerhardt 1653.
Fast alle Religionen kennen Vergebung als Voraussetzung eines friedlichen, solidarischen Miteinanders in einer Gemeinschaft. Aber Vergebung ist nicht nur ein religiöses, spirituelles Phänomen. Philosophie, Psychologie, Medizin, Soziologie und Politik … wann immer Leben gefährdet, Miteinanderleben verwehrt und keine gemeinsame Zukunft möglich scheint – kann es doch einen Neuanfang geben durch wahrhaftige Vergebung. Die Gruppe der «Elders» mit Nelson Mandela und Desmond Tutu bezeugen das mit ihrem Leben und Handeln: Vergebung ist Voraussetzung für einen Neuanfang, für Menschlichkeit und Freiheit – und deshalb das Ende von Hass und Gewalt.
Vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Das dürfen wir beten und hoffen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. August

Gottes Wahrheit ist Schirm und Schild. Psalm 91,4

Da können wir gleich weiterfahren, wo wir gestern aufgehört haben!
Nicht Fels, sondern Schirm und Schild kann Gott sein. Also etwas, das wir mitnehmen zu unserem Schutz und unserer Verteidigung. Wenn ich mich von Gott geschützt und behütet fühle, geht es mir besser. So einfach ist das, nur ist es nicht immer so. Es gibt Zeiten, wo ich mich ungeschützt und verwundbar fühle, unsicher und ohne festen Grund. Oh, wie wünscht man sich dann, schnell wieder in Sicherheit zu sein. Doch so schnell geht das allemal nicht, es kann Tage, Wochen, manchmal Jahre dauern, bis sich diese Überzeugung wieder oder zum ersten Mal einstellt. Die Zeit läuft und das Leben geht weiter, ohne diesen Schutz und diesen Schirm. Wo ist dann Gottes Wahrheit? Im Nachhinein und wieder auf festem Grund, kann ich mir dann sagen, dass Gott mich hindurchgetragen hat und ich nicht zuschanden geworden bin. Gott hilft einem hindurch.
Ein Gedicht von Margaret Fishback Powers erzählt von dieser Wahrheit. Eines Nachts hatte sie einen Traum. Da ging sie mit einem Herrn am Strand. Während des Gehens zogen viele Stationen ihres Lebens vorbei. Dann schaute sie zurück und sah, dass gerade in den schwierigen Zeiten ihres Lebens nur eine Spur zu sehen war. Sie fragte den Herrn, warum er sie allein gelassen habe. Der HERR antwortete: «Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.»

Von: Kathrin Asper

12. August

Der HERR lebt! Gelobt sei mein Fels! Psalm 18,47

Dieser Psalm besingt das persönliche Verhältnis eines Gläubigen zu seinem Gott, der ihn liebt, sich zu ihm herablässt und ihn aufrichtet.
Gott lebt und ist mein Fels, ist Gegenwart, ewig und unverrückbar. Wann brauche ich diese Zusicherung?
Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht und ich im Loch der Verzweiflung stecke, wenn nichts mehr sicher ist und sich keine Zukunft zeigt. Dann benötige ich diese Zusicherung. Wer gibt sie mir, wenn ich sie mir nicht selber geben kann? Ist es ein Aussenstehender, empfinde ich dies wie Hohn und kann es nicht glauben. – Tut sich aber langsam die Dunkelheit auf und kommt von innen her ein Lichtstrahl, dann beginne ich zu hoffen. Hat sich dann mein Leben wieder eingerenkt und stehe ich auf festem Grund, bin ich dankbar. Dann muss ich anerkennen, dass die Hilfe nicht von mir kam, dann kann ich loben und preisen. Denn Gott hat sich lebendig gezeigt und ich kann den Felsen, die Unverrückbarkeit Gottes loben, so wie es David in diesem Dankeslied tat.
Es gibt eine Wahrheit, die immer stimmt und verschiedenste Quellen hat, so auch König Salomon. Sie lautet: «Nichts ist von Dauer. Alles geht vorüber.» Auch das ist, wie die heutige Losung, Trost in schweren Zeiten.
Und der am Ostermontag verstorbene Papst Franziskus betonte immer wieder: «Niemand kann sich selber retten.»

Von: Kathrin Asper

11. August

Wer des HERRN Namen anrufen wird, der soll errettet werden. Joel 3,5

«In Gottes Namen» ist eine Floskel, ein Stossseufzer, der Schicksalsergebenheit ausdrückt. Begleitet vom Bekenntnis: «Es ist so, wie es ist.» Wenn es schlimm kommt, folgt vielleicht ein «um Gottes willen!».
So oder so – wer geistlos von Gott daherredet, verspricht sich nicht viel von seinem Namen. Der Prophet gibt denen, die den Namen Gottes anrufen, ein ganz anderes Versprechen. Wer ihn ruft, wird gerettet! Was gibt uns die Zuversicht, dass es kein leeres Versprechen ist? Es hört sich ein klitzeklein wenig nach Magie an, nach Simsalabim oder sonst einem Zauberwort. Und ist da nicht das harte Wort Jesu, «dass nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! in das Reich der Himmel eingehen wird, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut» (Matthäus 7,21).
Nein, Joel verspricht nicht Magie, sondern Pneumatologie! Es heisst: «Ich will meinen Geist ausgiessen über alles Fleisch.» (Joel 3,1) Wer den Geist hat, ruft Gott, und wer Gott ruft, bekommt den Geist. Und der Name? Der bürgt dafür. Gott heisst nicht «es ist, wie es ist», sondern «ich bin, der ich bin» (Exodus 3,14). Der Name ist nicht Schall und Rauch, Gott ist nicht anonym, kein Es, sondern Du. Im Namensanruf wird Gott gegenwärtig. Und wenn ich daran zweifle? Dann halte ich mich an den, der im Namen Gottes verspricht, dass der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist schenken wird, die ihn darum bitten (Lukas 11,13). Amen!

Von: Ralph Kunz