Kategorie: Texte

19. Oktober

Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Lukas 22,49

«Die Botschaft der Gnade, sie gilt Jung und Alt: Wählt Leben und Frieden statt Tod und Gewalt!» BG 92,6 (Gesangbuch der Herrenhuter Brüdergemeine)
Das 22. Kapitel des Lukas, aus dem der heutige Lehrtext stammt, beschreibt höchst dramatisch das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, sein inständiges Gebet am Ölberg, den Verrat des Judas und die Festnahme Jesu. Seine Jünger wollen ihn schützen und ihre erste Frage ist so typisch menschlich: Sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Es hätte ja nichts genützt, sondern wäre in ein schreckliches Töten und Sterben ausgeartet, so wie es in allen mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikten geschieht. Jesus verwehrt ihnen diese Reaktion, hält sie zurück und stellt sich den Hohepriestern und Hauptleuten mit den Worten: «Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.» Die Macht der Finsternis ist übermächtig gegenüber der unbedingten Gewaltlosigkeit. Sie führt Jesus in den Tod. Das ist erschütternd.
Können wir Jesus in dieser radikalen Haltung folgen, wie er uns aufgetragen hat? Das scheint oft zu schwer. Aber der Gewaltverzicht ist unerlässlich für Verhandlungen und Kompromisse zur Erhaltung oder Wiedergewinnung des Friedens. Ach, wäre er nur erfolgreich auch in unseren Zeiten! Ich möchte die Hoffnung darauf nicht verlieren.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Oktober

In Jesus Christus haben wir die Erlösung
durch sein Blut, die Vergebung der Sünden,
nach dem Reichtum seiner Gnade.
Epheser 1,7

Dieser Satz klingt wie die Zusammenfassung des Christusglaubens von Paulus. Unsere Rettung aus unseren Sünden geschah und geschieht durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
Mir selbst bleibt diese Interpretation auch im Alter nicht leicht nachvollziehbar. Und so habe ich noch einmal bei Hannah Arendt nachgelesen, deren Verständnis der Botschaft Jesu mir ganz unmittelbar einleuchtet:
Entdecker (der Unvorhersehbarkeit unseres Handelns) ist Jesus von Nazareth, der aus der Erfahrung des «Denn sie wissen nicht, was sie tun» die Konsequenz zog, … dass die Menschen einander verzeihen müssen, siebenmal und siebenmal siebzigmal, also eigentlich unaufhörlich; und zwar durchaus deswegen, weil sie ohne dies Verzeihen sich dauernd in den von ihnen selbst losgelassenen Prozessen, die nun automatisch weiterrollen, verfangen und sich also infolge ihres Handelns um die Fähigkeit bringen würden, in Freiheit weiter zu handeln.
Das Geschenk Gottes für uns Menschen: verzeihen, vergeben zu können – eine grosse Herausforderung und gleichzeitig eine ebenso grosse Chance für einen verheissungsvollen, befreiten Neuanfang. Eine Gottesgabe, die Jesus uns verstehen und umsetzen hilft.
Dafür immer wieder: Danke!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. Oktober

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 1. Mose 32,27

Es ist wohl die geheimnisvollste Geschichte im hebräischen Teil der Bibel, aus der unser Vers zum Segen stammt: Der in sein Heimatland zurückkehrende Isaak-Sohn Jakob wird am Flussübergang zu einem Ringkampf herausgefordert, der eine ganz Nacht dauert. Es wird lange nicht gesagt, wer ihn in diesen Kampf verwickelt hat, aber es ist offensichtlich Gott selbst! Unerwartet bleibt das stundenlange Ringen «bis zur Morgenröte» unentschieden, und als sein «Gegner» aufhören will, sagt Jakob den berühmten Satz von heute. Und er erhält den Segen; er wird hineingestellt in diese «positive Machtsphäre» (Bibelkommentar). Mehr noch: Er erhält seinen künftigen Namen «Israel» (El/Gott möge streiten)! Denn «du hast mit Gott und den Menschen gestritten und hast gesiegt» (Vers 29). Anstelle einer Antwort, wer der andere denn sei, erhält Jakob den geforderten Segen. So kann er bei Tagesanbruch weitergehen und sich der Wiederbegegnung mit seinem Bruder Esau stellen, den er vor seiner Flucht um den Vatersegen für den Erstgeborenen betrogen hatte (Kapitel 27). Dass dieser Mensch trotz schamloser List und schwerem Kampf am Jabbok im Segen leben konnte, ist unerhört! Die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Gottes Segen nicht an Vorleistungen gebunden ist. Sondern dass er auf eine gute Zukunft gerichtet ist. In dieser Haltung können auch wir den erbetenen Segen Gottes empfangen, wo immer wir sind.

Von: Hans Strub

16. Oktober

Fürchte dich nicht, denn ich bin mir dir
und will dich segnen.
1. Mose 26,24

Wem Segen zugesprochen wird, der wächst und gedeiht. Sein und Tun, Haus und Hof – alles, was Gesegnete sind und machen, was zu ihnen gehört, was sie planen und hoffen. Segen ist wie eine Schutzhülle, in der sich Leben entfalten kann, wo Gewissheit wächst, gehalten und getragen zu sein, wo Mut geschöpft wird für das, was nachher kommt. Dieser Segen kommt von Gott, der sich damit in besonderer Weise einem Menschen, einer Situation, einem Volk, seiner Schöpfung zuwendet und sie vor Unheil und Unsicherheit bewahrt. Von Gesegneten strahlt dann diese geschenkte Kraft weiter zu anderen im Umfeld. Gottes Segen ist immer ein Geschenk. Im heutigen Zusammenhang ergeht er an Isaak, der sich im fremden Land niedergelassen hat und dessen Knechte Brunnen graben – erst der dritte bleibt unumstritten (Verse 12–22). Bevor er weiterzieht, erscheint ihm Gott und spricht ihm diesen umfassenden Segen zu. Dass er für Isaak unmittelbar gute Folgen hat, wird in den folgenden Versen berichtet: Isaak darf am neuen Ort bleiben und gedeihen! Genau dieser Gottessegen wird auch uns zugesprochen, immer wieder neu. Ich brauche ihn, und ich danke Gott dafür!
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden! (4. Mose 24)

Von: Hans Strub

15. Oktober

Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden
geleitet werden.
Jesaja 55,12

You shall go out with joy … Weltweit wird dieses Lied nach dem Text des Propheten Jesaja mit der Melodie Stuart Dauermanns gesungen:
Mit Freuden ziehst du aus, und Frieden leitet dich,
Und es ziehn voran mit Jauchzen Berge und Hügel –
Freude jubelt laut, und es klatschen im Feld die Bäume
in die Hand.
Die Kapellentür öffnet sich. Singend und klatschend ziehen die Studentinnen und Studenten in den Garten des ökumenischen Instituts Château de Bossey mit seinem weiten Blick auf Genfersee, Alpenkette und die Bäume der Allee, die vom See heraufführt – für alle ein Moment der Lebensfreude und des Glücks, den sie nie vergessen werden. Für wie viele Studentinnen und Studenten ist Bossey zu einem Ort des Lebens und geteilter Hoffnung geworden! – So, wie für andere Boldern und seine Linde.
Wir brauchen diese Orte, an denen wir Gottes Geistkraft begegnen und neuen Mut fassen können, Orte, die uns im wahrsten Sinne des Wortes inspirieren, Orte des Friedens in Zeiten von Krieg und Verzweiflung.
Danke für alle, die sie bewahren und ihnen mit ihrer Freude und Kreativität immer wieder Leben einhauchen!

Von: Barbara und Martin Robra

14. Oktober

Du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge
von den Tränen, meinen Fuss vom Gleiten.
Psalm 116,8

Ausgleiten und stürzen am Berg kann das Leben kosten. Alle, die sich auf schmale Klettersteige im Fels wagen, wissen das genau. Sie achten deshalb sorgfältig auf jeden Tritt und sichern sich wechselseitig mit einem Seil. Gott sei Dank, wenn der drohende Sturz von der Seilschaft aufgefangen wird!
Gefangen in Trauer, Depression oder Schmerz, kann nichts die Flut der Tränen trocknen. Wo alles zusammenbricht, bleibt keine Lebensfreude und oft auch keine Hoffnung. Doch Gott wird abwischen alle Tränen, verspricht Johannes von Patmos in seiner Offenbarung.
In der grössten Gefahr, in endloser Verzweiflung und tiefer Traurigkeit gilt glaubende Gewissheit: Gott rettet meine Seele vor dem Tod. Meine Seele, mein Leben, mein ganzes Ich wird nicht ausgelöscht und zunichtegemacht. Auch wenn die ganze Welt vergeht, lebt meine Seele in Ewigkeit. Die Macht des Todes ist gebrochen. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Darauf kannst du vertrauen! Amen, Amen, das ist wahr!

Von: Barbara und Martin Robra

13. Oktober

So spricht der HERR: Dein Schaden ist verzweifelt böse, und deine Wunden sind unheilbar. Doch ich will dich wieder gesund machen und deine Wunden heilen. Jeremia 30,12.17

Gerade dann, wenn wir uns so fühlen, wie es Gott in obiger Losung sagt, gerade dann sind wir angenommen, schrieb einst Paul Tillich. Ich weiss nicht mehr, wo die Aussage steht. Wichtig indes ist, dass sie mir im Gedächtnis geblieben ist. Darüber hinaus allerdings ist mir die Erfahrung geschenkt worden, dass die Losungszeilen stimmen und ich sie in schweren Zeiten als tragfähig erlebt habe.
Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Das ist der ultimative Trost, und er trägt einen durch manches hindurch, auch wenn wir dies im Moment nicht glauben können.
Da hat einer Schaden genommen und unheilbare Wunden. Ob sie selbstverschuldet oder von aussen zugefügt worden sind, geht aus der Losung nicht klar hervor. Indes erlebt der Beschädigte und Verwundete Schuld. Ja, auch wenn der Schaden von aussen kam, durch ein Trauma, eine Naturkatastrophe oder ein von Menschen oder vom Schicksal zugefügtes schlimmes Ereignis, ist es menschliche Eigenart, sich dafür schuldig zu fühlen. Und die Betroffenen sind fest überzeugt, dass der herbe Schlag nicht eingetreten wäre, wenn sie sich nur anders verhalten hätten. Oft dauert es lange, bis sich die tröstliche Gewissheit einstellt, dass man trotz allem aufgehoben und getragen ist.

Von: Kathrin Asper

12. Oktober

Seine Macht ist ewig und vergeht nicht,
und sein Reich hat kein Ende.
Daniel 7,14

Kürzlich beim Spazierengehen an dem Ort, wo ich meinen Lebensabend verbringe, überraschte mich das Gefühl der Dauer, des Ewigen. Ich fühlte mich geborgen, und das Gefühl versprach anzudauern. So muss es sein, dachte ich, um zufrieden und im Einklang leben zu dürfen.
An dieses Gefühl schloss sich die Erinnerung an die Kindheit an, das gleiche Gefühl hatte ich damals, fast achtzig Jahre zuvor! Der Unterschied allerdings ist: Damals wusste ich noch nicht, dass ein ganzes Leben vor mir lag, mit Änderungen, Verlusten und Hoffnungen, Neuanfängen wie plötzlichen Richtungsänderungen. Die Vorstellung dafür fehlte mir damals und ich war aufgehoben im Gefühl ewiger – allerdings illusorischer – Dauer.
Von Gott heisst es in der Losung, er sei ewig und sein Reich ohne Ende. Wie tröstlich ist das. Im Alter, wo einen aller Vorstellung nach nicht mehr vieles erwartet. Es ist beruhigend und tröstlich, an das Göttliche zu denken als ewig und über den eigenen Tod hinausgehend. Ja, den eigenen Tod in dieser Ewigkeit aufgenommen und getragen zu wissen.

Von: Kathrin Asper

11. Oktober

Jesus spricht: Ihr werdet meine Zeugen sein in
Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und
bis an das Ende der Erde.
Apostelgeschichte 1,8

Das Wort des Auferstandenen ist eine Zusage, die eine Zumutung enthält, die wir leicht überlesen. Jesus verspricht seinen Jüngerinnen und Jüngern zwar, dass sie den Heiligen Geist empfangen werden, aber er nennt Jerusalem als ersten Ort, wo sie ihren Glauben bezeugen sollen. Ausgerechnet! In Jerusalem wurde Jesus von den Römern verhaftet, verhört, gefoltert und gekreuzigt. Jerusalem ist der Ort der Schande für den Messias und auch der Ort der Schuld seiner Anhänger. Sie liessen ihn allein, flohen und verleugneten ihn. Und jetzt diese Anweisung. Es beginnt hier, von hier soll es weitergehen! Das war bestimmt nicht leicht. Jesus wanderte ins Zentrum der religiösen und politischen Macht hinein – eine Pilgerfahrt, die er mit seinem Leben bezahlte. Jetzt soll es wieder hinausgehen, bis ans Ende der Erde. Jerusalem steht für das Ende und den Neuanfang, für Kreuz und Auferstehung, für Schmerz und Freude, für Schuld und Vergebung, für Verzweiflung und Hoffnung der Jesusbewegung.
Bis heute heisst Zeuge für Jesus zu sein, den Gang durchs dunkle Tal mitzugehen, nicht zu fliehen, hierzubleiben und zu wachen – und dann die Kehrtwende im Nullpunkt zu erleben. Das ist bis heute kein leichter Gang. Ohne den Heiligen Geist schafft das niemand.

Von: Ralph Kunz

10. Oktober

Ich hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten, wilden Weinstock? Jeremia 2,21

In unserem Garten steht ein Quittenbaum. Im Frühling blüht er jeweils wunderbar, und im Sommer sollten die Früchte reifen. Aber entweder bleiben die Quitten hart und grün oder sie faulen am Baum. Der Gärtner hatte uns einen edlen Quittenbaum versprochen, bekommen haben wir einen schlechten! Was machen? Ich habe im Familienrat dafür plädiert, den Baum zu fällen. Schliesslich hatte er sieben Jahre lang Zeit, uns seine Quitten für das beste Gelee der Welt zu liefern –
und blieb fruchtlos. Jetzt sind wir quitt. Andere Familienmitglieder sind gnädiger und geduldiger, fast hätte ich gesagt edler. Wir kaufen weiterhin das feine Quittengelee unserer Lieblingsmarke im Laden, und der Baum lebt weiter.
Im Jeremiawort geht es um einen Weinstock – ein Bild für das erwählte Volk. Die Erwählung hat nichts gefruchtet. Es gibt (brutale) Gerichtsansagen, die eine Verwüstung des Weinbergs androhen, Stimmen im göttlichen Rat, die für einen Abbruch der Beziehung plädieren. Aber es gibt Gott sei Dank auch eine Stimme, die gnädig, gütig und geduldig ist. Sie sagt: «Ich bin der Weinstock!» Und sie sagt auch: «Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht.» (Johannes 15,15) – Echt edel!

Von: Ralph Kunz