Autor: Jonas Meier

15. September

Wenn sie euch hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn
ihr seid’s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist. Markus 13,11

«Was ist Wahrheit?», fragt Pilatus Jesus im Verhör.

In Zeiten von halluzinierender KI und bewusst gestreuter Falschinformation ist diese Frage aktueller denn je.

Gibt es eine absolute Wahrheit oder geht es uns wie den Menschen, die in der Dunkelheit einen Elefanten betasten und sich uneinig über dieses rätselhafte Wesen sind, weil alle nur einen Teil davon begreifen?

Jesus wird diese Frage nach der Wahrheit in einer Situation grösster Bedrängnis gestellt. Und über die Stunde der Bedrängnis spricht Jesus auch im heutigen Lehrtext.

Er beruhigt seine Freund:innen: Die Sorge, im Voraus die richtigen Worte für die Wahrheit finden zu müssen, sei über-flüssig, denn die Heiliggeistkraft wird die Rede inspirieren. Die Wahrheit wird in der Situation zu Wort kommen.

Für das offene Reden, das nichts verschweigt oder verhüllt, gibt es den griechischen Begriff der Parrhesia: der Mut, die Wahrheit zu sagen – ohne Angst und ohne Manipulation.

Der Zuspruch von Jesus stärkt das Vertrauen: Du darfst mutig sein und in der prekären Welt um die Wahrheit ringen. Und du bist nicht allein: Die Heiliggeistkraft steht dir bei!

Von: Jonas Meier

15. Juli

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Johannes 3,16

In Jesus kommt Gott selbst zur Welt: verletzlich im Auftreten
und kraftvoll in der Botschaft. Gott ist dir nah, mitten
in deinem Alltag.
Bei Gott geht nichts und niemand verloren. Selbst wenn
du dich so verloren fühlst wie der «verlorene Sohn», darfst
du darauf vertrauen, dass Gottes Türe immer für dich offen
ist. Du darfst heimkehren. Und als «verlorenes Schaf», das
nicht mehr selbst zurückgehen kann, darf dir gewiss sein,
dass Gott 99 Schafe zurücklässt, um dich wiederzufinden.
Gottes Türe ist offen und Gott sucht dich.
Schon im Heute, nicht erst im Jenseits.
Denn ewiges Leben beginnt nicht erst am Ende. Es ist jetzt
schon da. Ein Leben in Liebe und Hoffnung ist möglich. Oder
mit Kurt Marti: «Lebensqualität in der unendlichen Zeit,
nicht Lebensquantität in einer endlosen Zeit».
Diese neue Lebensqualität rettet uns.
In einer Welt, die nah am Abgrund steht, ist das ewige
Leben in Gottes Liebe ein Widerspruch gegen das Verlorensein.
Du darfst jetzt schon leben: gehalten, gesucht, gefunden.
Mitten in deinem Heute.

Von: Jonas Meier

15. Mai

Kommt, wir wollen uns dem HERRN zuwenden
zu einem ewigen Bunde, der nimmermehr vergessen
werden soll! Jeremia 50,5

Gottes Versprechen nach der Sintflut im Zeichen des Regenbogens
ist nicht der einzige himmlische Bund. In Jeremia 31,33
kündigt Gott einen neuen Bund an: «Ich will mein Gesetz in
ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr
Gott sein und sie sollen mein Volk sein.»
Das «Gesetz im Herzen» ist die Auflösung der Dissonanz
zwischen göttlichem Gebot und menschlichem Wollen.
Wie quälend ist es doch, wenn du das Gute kennst, aber
trotzdem nicht danach handelst. Doch die Welt ist voller
Unwägbarkeiten und Irrwege!
Gott, du tragende Harmonie, lege mir das Gesetz in mein
Herz, damit ich das Gute auch tun will.
Es ist ein anspruchsvoller Losungsvers, und der dazugehörige
Lehrtext aus dem 2. Petrusbrief stellt noch höhere
Ansprüche: «Bemüht euch deshalb nach Kräften, dass zu
eurem Glauben das richtige Verhalten kommt.» Weiter ist
darin von Selbstbeherrschung und Standhaftigkeit die Rede.
Gott traut uns viel zu, das macht mir Mut.
Doch bin ich gleichzeitig dankbar für die göttliche Bundesvielfalt
in allen Farben des Regenbogens. Sie spricht uns
angesichts all der Ansprüche zu, dass ein göttlicher Neuanfang
jederzeit möglich ist.
Im ewigen Bund findet auch das Unstimmige seinen Klang.

Von: Jonas Meier

15. März

Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Matthäus 10,29.31

Jesus redet über Verhandlungen auf dem Markt: Wer einen Vogel hat, ist im Vorteil, denn dieser ist bares Geld wert!
Während bei Matthäus zwei Sperlinge einen Groschen kosten, gibt es in Lukas 12,6 Mengenrabatt: Dort kosten fünf Sperlinge zwei Groschen. Ob Lukas oder Matthäus – reich wird man im Vogelgeschäft nicht, denn Sperlinge sind keine Mangelware. Doch selbst die kleinen zwitschernden Mitgeschöpfe bieten eine Menge Potenzial für das Reden über Gott. In freier Umdichtung könnten wir singen: «Weisst du, wie viel Spatzen fliegen / weithin über alle Welt? / Gott, der Herr, hat sie gezählet, / dass ihm auch nicht einer fehlet …» Und Jesus sagt, dass keiner unserer kleinen zwitschernden Freunde ohne das Wissen Gottes auf die Erde fällt. In Lukas 12 hat Gott sogar unsere Haupthaare gezählt – eine mühselige Aufgabe, denke ich. Wie tröstlich, wenn wir uns in der Welt verloren fühlen und an unserem eigenen Wert zweifeln: Da ist Gott, der wie ein Vater oder eine Mutter sogar die auf dem Markt recht billigen Sperlinge auf ihrem Flug begleitet. Also dürfen wir uns der liebevollen Begleitung gewiss sein! Gerade wenn in der Welt Mächtige den Wert des Lebens missachten und Mensch und Natur ausbeuten.
Gott, du Lebendige, beflügle alle Menschen, die tagtäglich für einen liebevollen Umgang mit dem Leben einstehen.

Von: Jonas Meier

15. Januar

Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! Psalm 95,1

Kommt herzu!
Eine Freundin von mir reagiert zurückhaltend auf diesen Vers: «Es nervt mich, dass wir Gott immer loben sollen.»
Wir schauen auf die Welt und sehen viel Ambivalentes.
Geben wir dem «HERRN» nicht zu viele Vorschusslorbeeren, wenn wir «ihm» zujubeln? Wo ist der Frieden, den «er» uns verspricht? In unserem Herzen? Da hätte ich mir noch mehr erhofft!
Der Hort des Heils – mehr Sehnsuchtsort als Realität?
Wobei gerade ein Sehnsuchtsort sehr real sein kann. Der «Hort des Heils» wird in der Zürcher Bibel zum «Fels unserer Hilfe», ein Fels in der Brandung.
Ach, wie sehne ich mich nach diesem Felsen, Gott, in den Stürmen meines Lebens, im Tosen dieser Welt. Dass du da bist, tröstet mich, ich halte mich an dir fest, du Ewige.
Und ich bin nicht allein, da sind andere, die sind auch da und jauchzen vor Freude über die Erfahrung, dass sie gehalten werden. Sie halten mir die Hand hin und rufen: «Kommt herzu!»
Zögerlich stimme ich in den Gesang mit ein, lasse mich anstecken von der Freude, lege die Skepsis für einen Moment ab und frohlocke dir, Gott, du ewiger Fels in der Brandung, du Sehnsuchtsort und doch so nah.

Von: Jonas Meier