Kategorie: Texte

3. Januar

HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet? Jeremia 5,3

In Jerusalem sind die Strassen leer. Es sind nur Heuchler und Lügner zu finden. Gott hat sie geschlagen, aber es schmerzt sie nicht. Ihre Gesichter sind so hart wie Fels. Da hinein fragt der Prophet, ob Gottes Augen nicht auf Treue gerichtet seien. Die verstörenden Bilder beschreiben, wie das Volk von Gott abgefallen ist. Lange musste ich darüber nachdenken, welches Bild von Gott in diesem Text beleuchtet wird. Gott hat das Volk bestraft. Wieder kommen mir, wenn ich den Text weiterlese, verstörende Bilder entgegen, diesmal in der Rede Gottes, der Lebendigen. Sie fragt, ob sie das Volk nicht bestrafen soll. Und da finde ich in dieser Rede eine Antwort: Die Missetaten sollen geahndet werden. Die Ernte soll Einbussen haben, aber nicht vernichtet werden. Das ist der Weg, den die Lebendige dem Volk zumutet. Sie vernichtet nicht!
Gott, die Lebendige, mutet den Menschen schwierige Situationen zu, Situationen, die auch Fehler enthalten. Ich denke an die vielen Kriege, Verletzungen der Menschenrechte, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Auf Treue gegenüber der Lebendigen sind meine Augen gerichtet, denn sie vernichtet nicht. Und so wird die heutige Losung zu einem Hoffnungswort, Hoffnung auf Leben.

Danke, dass du nicht vernichtest, sondern die Menschen liebst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Januar

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort
mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.
1. Petrus 3,9

Der Brief an die frühchristliche Gemeinde, die als Minderheit Anfeindungen und der Verfolgung ausgesetzt ist, zeichnet nach innen ein harmonisches Bild. Voller Mitgefühl sollen die Menschen füreinander sein und in geschwisterlicher Liebe zusammenleben. Und sollte doch einmal Streit entstehen, dürfen keine Retourkutschen gefahren werden, stattdessen gilt es, Segen zu spenden.
Harmoniesucht überdeckt Gräben. Sie verhindert den gesunden Streit. Und das Zulassen von unterschiedlichen Meinungen, das Aushalten von Differenzen und die Debatte, in der nicht Einigkeit das Ziel ist, sondern der Austausch von Argumenten, sind Grundlagen des Zusammenlebens.
Aber vielleicht gilt es, Harmonie musikalisch zu verstehen: als Zusammenspiel unterschiedlicher Töne, das zuweilen auch Dissonanzen aushält. Der Apostel formuliert einen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich in weltanschaulichen Grabenkämpfen verliert. Ein Segenswort ebnet Differenzen nicht einfach ein, aber es setzt auf das, was eint, und nicht auf das, was trennt. Es richtet sich nach Gott aus und hält an der Geschwisterlichkeit aller Menschen fest. Unter Geschwistern lässt sich bekanntlich gut streiten.

Von: Felix Reich

1. Januar

Der HERR wird aufheben die Schmach
seines Volks in allen Landen.
Jesaja 25,8

Es ist eine opulente Vision der Hoffnung, die der Prophet ins Bild setzt. Gott wendet sich allen Völkern zu und bereitet ihnen auf dem Berg «ein fettes Mahl» (Jesaja 25,6). Die Menschen sollen sich nicht nur satt essen, Gott will sie auch befreien von der Schmach, die sie erlitten haben, und von der Angst vor dem Tod: «Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen.» (Jesaja 25,8)
Die aufscheinende Jenseitshoffnung leuchtet hell mitten ins Diesseits, ins Leben und in die Welt hinein. Sie will die dunkle Macht der Gewalt, der Vergeltung und des Todes brechen. Und sie verspricht all jene zu sättigen, die hungern nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Das Versprechen vom göttlichen Mahl, das den Hunger stillt und vom Joch der Unterdrückung befreit, ist das Bild, das all jene Menschen eint, die an der Gewissheit festhalten, dass eine andere Welt möglich ist: in der geteilt statt geraubt, versöhnt statt vergolten, Frieden gestiftet statt Zwietracht gesät wird. Der Weg auf diesen Gipfel ist weit; wer ihn geht, rutscht immer wieder ab. Doch Gott kommt entgegen und schenkt den Mut, weiterzugehen und sich von der Hoffnung immer wieder neu berühren und bewegen zu lassen.

Von: Felix Reich

31. Dezember

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden
Gottes Kinder heissen. Matthäus 5,9

Was für eine grossartige Zusage an Friedensstiftende! Und
wie nötig sind sie! An verschiedensten Orten der leidenden
Welt ist beim Schreiben dieses Textes alles andere als Frieden
in Sicht; im Nahen Osten, in der Ukraine, im Südsudan, in
den politisch zweigeteilten USA, für die Frauen in Afghanistan
oder im Iran. Die Liste ist lang.
Auf welche Friedensstiftenden setzen wir Hoffnung? Auf
die mächtigen Selbstinszenierer? – Kaum, sie sind gefangen
in ihrem Herrschaftswahn und ihrem Narzissmus. Auf die
Kirchen? – Sie sind zu marginal geworden. Auf die Demokratie?
– Auch sie ist mehrfach gefährdet! Oder hilft der Glaube?
Wir werden auf viele mutige Menschen zählen müssen, die
bereit sind, Frieden zu schaffen, wo sie können, Gesprächskultur
zu pflegen, zu geben und nicht nur zu nehmen. Das
beginnt auch bei uns selbst. Zum Schluss lasse ich für das
neue Jahr eines meiner Lieblingslieder aus dem Kirchengesangbuch
sprechen:
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern
Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit
deinem Segen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott, sei mit uns vor allem
Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns
zu erlösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns,
uns zu erlösen.

Von: Bernhard Egg

30. Dezember

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen
Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 2. Mose 33,17

Für mich ist die Klarheit, mit der hier der Dialog zwischen
Menschen und Gott dargestellt wird, stets eines der faszinierenden
Elemente jüdischen Glaubens. Die heutige Losung
ist in ihrem Vor- und Nachlauf eine deutliche Beschreibung
dafür. Mose debattiert mit Gott darüber, was Gnade für
ihn für Folgen hat. Was bedeutet, Gnade vor Gott gefunden
zu haben? Da ist das persönliche Angenommensein,
um das Mose weiss. Dies, verbunden mit der Aussage «Ich
kenne dich mit Namen», ist ihm zugleich Verlangen nach
mehr. Wenn Gott betont, dass er Mose im Blick hat und
dieser Gnade vor seinen Augen gefunden hat, dann, so Mose,
soll er sich ihm gefälligst zeigen. Mose fordert einen Beweis
für Gottes Gnade. Das ist uns nicht ganz unbekannt. Der
Ausgang der Geschichte aber ist bekannt: Gott verweigert
Sichtbarkeit. Vielmehr fordert er, dass sich Mose auf einmal
gemachte Zusagen einlässt. Dieses Einlassen ist es, was
für mich Vertrauen in Gott heisst. Die Passage, aus der die
Losung stammt, enthält einen weiteren, mich beeindruckenden
Aspekt. Gott verweigert Mose den Blick ins Angesicht,
er verweigert ihm aber nicht den Blick im Nachhinein. Dort,
wo erkennbar wird, dass Gott in unserem Leben vorübergegangen
ist, uns kennt und uns begleitet hat.
Wie war das 2025? Wie in unserem bisherigen Leben?

Von: Gert Rüppell

29. Dezember

Die Kraft des Herrn war in Jesus, dass er heilen konnte.
Lukas 5,17

Was für ein schöner, schlichter Satz! Er lässt ahnen, aus welcher
Quelle Jesus gelebt und gehandelt hat. Die Kunde vom
wunderheilenden Rabbi verbreitet sich in Windeseile. Er
ist ein Hoffnungsschimmer für ein Heer von Kranken, Blinden,
Gebrechlichen, Verkrüppelten in einer Zeit, in der es
kaum wirksame Mittel dagegen gibt, schon gar nicht für die
Armen. Sie kommen, weil sie krank sind. Aber sie bekommen
weit mehr als die Wiederherstellung der Gesundheit. Die
«Kraft des Herrn» weckt in ihnen Glauben, Freude, Frieden,
Gotteslob und Gottvertrauen.
Zwei Beispiele unmittelbar vor und nach dem Losungstext:
Der Aussätzige, der sich ja den Menschen gar nicht nähern
darf, mutet sich Jesus zu: «Herr, wenn du willst, kannst du
mich gesund machen.» «Ich will es, sei rein», sagt Jesus. – Die
Männer, die ihren gelähmten Freund durchs Dach hinunter
direkt vor Jesus hinlegen: Er staunt über ihren Glauben! Dem
Gelähmten spricht er Vergebung der Sünden zu, warum,
weiss wohl nur dieser selbst. Die anwesenden Pharisäer aber
sind empört. Sie können und wollen «die Kraft des Herrn,
die in Jesus war» nicht gelten lassen. Dass der Gelähmte
gesund wird, ist dann aber nicht zu widerlegen: «Steh auf»,
sagt Jesus, «nimm dein Bett und geh nach Hause!» Und der
steht auf, nimmt sein Lager und geht. Er hat verstanden, aus
welcher Kraft die Heilung kommt: Er preist Gott. Ich denke,
er hat auf dem Heimweg gesungen.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Dezember

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder
einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheisst
der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit. Psalm 133,1.3

Der kurze Psalm 133 ist mit «Wallfahrtslied» überschrieben.
Ich stelle sie mir vor, die Brüder, wie sie fröhlich singend nach
Jerusalem zum Tempelberg hinaufpilgern. – Ob sie etwas
von der Hochstimmung vom Fest mit nach Hause genommen
haben? Und wieder zu Hause, haben sie da «einträchtig
beieinander gewohnt»?
In einer Agrargesellschaft, in der jede Arbeitskraft zählt,
ist einvernehmliches Miteinander überlebenswichtig. Aber
selbstverständlich ist es deswegen noch lange nicht. Es fallen
mir mehr problematische, gar desaströse biblische Beispiele
ein als geglückte: Kain und Abel, da nahm das Verhängnis
seinen Anfang. Esau und Jakob. Die zwölf Söhne Jakobs, die
ihrem Vater so viel Kummer bereiteten (an dem er aber auch
beteiligt war).
Psalm 133 enthält keine Ermahnung, keine Zurechtweisung,
kein Gebot. Er erinnert eher an eine Seligpreisung: Glücklich
die Geschwister, die einander Gutes gönnen, die Gemeinsinn
vor Eigensinn stellen.
Paulus sprach die Gläubigen als «Brüder» an, die Schwestern
hatte er noch nicht im Blick. Auch unter ihnen ging
und geht es nicht immer «fein und lieblich» zu, ist Eintracht
nicht selbstverständlich. Aber sie ist es wert, gesucht zu werden,
denn sie hat ein Ziel und eine Verheissung: «Segen und
Leben bis in Ewigkeit».

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Dezember

Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN;
ich preise deine Gerechtigkeit allein. Psalm 71,16

In der christlichen Kirche beten wir die Psalmen der hebräischen
Bibel und der jüdischen Tradition mit. Ich stelle mir
vor, wie sich die christlichen Gemeinden in Gaza in schweren
Zeiten des Ausharrens, in der Sorge um die Allerschwächsten
der Gesellschaft und in grauenvollen Momenten der Vertreibung
in den Worten des Psalms 71 wiederfinden.
«Gott, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden
werden. Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf
mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein
starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt
hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.
Mein Gott, hilf mir aus der Hand des Gottlosen, aus der
Hand des Ungerechten und Tyrannen. (…) Du lässest mich
erfahren viel Angst und Not und machst mich wieder lebendig
und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.»
Als würde er auf Psalm 71 Bezug nehmen, sagt der
römisch-katholische Pater Gabriel Romanelli in Gaza: «Wir
werden hier mit grosser Einfachheit und Demut weitermachen.
Es ist nicht leicht, aber wir sind in Gottes Händen und
vertrauen darauf, dass all dies eines Tages mit der Hilfe vieler
guter Menschen auf der Welt ein Ende haben wird.»

Von: Matthias Hui

26. Dezember

Alle, die im Hohen Rat sassen, blickten auf Stephanus
und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.
Apostelgeschichte 6,15

Heute ist Stephanstag. Die Verlängerung der Weihnachtstage
ist willkommen. Aber was ist der Hintergrund des Feiertags?
Stephanus wurde in Jerusalem hingerichtet. So wurde er zum
ersten Märtyrer in der jungen christlichen Gemeinschaft, die
immer noch Teil der jüdischen Gesellschaft war. Stephanus
war begeisterter Anhänger von Jesus. Auch sich selbst verstand
er – so jedenfalls lesen wir in der Apostelgeschichte –
als in der prophetischen jüdischen Tradition verankert.
In den Augen von Stephanus steht die Befreiungsgeschichte
Gottes mit den Menschen Institutionen wie dem
Hohen Rat und religiösen Kulten gegenüber, die Menschen
Macht über andere verleihen. Diese Gegensätzlichkeit verläuft
mitten durch religiöse Traditionen. Es geht nicht um
Gräben zwischen scheinbar homogenen Religionen. Jedenfalls
so lange, wie nicht alle Anhänger:innen einer Religion
wegen ihrer Zugehörigkeit kollektiv verfolgt werden.
Die Figur Stephanus wurde oft für eine angeblich wesenhafte
Unvereinbarkeit von Christentum und Judentum missbraucht.
Von antijüdischen christlichen Lesarten der Bibel
erstrecken sich tödliche Linien bis zum Holocaust. Noch
immer gibt es christlichen Antijudaismus. Stephanus verkörpert
– ganz im Geist von Weihnachten – völlig anderes: den
Glauben an die Überwindung der Mächte des Todes. Auch
im Bereich der eigenen Religion.

Von: Matthias Hui

25. Dezember

Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder
heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters!
Klagelieder 5,21

Genau das tut Gott! Heute an Weihnachten feiern wir, wie
Gott es tut. Er bringt uns nicht zurück zu sich, sondern bringt
sich zu uns, bringt sich im Kindlein zur Welt. Die Klagenden
kehren nicht einfach in etwas zurück, das sie verloren haben.
Sie werden in ihrer Verlorenheit mit Licht beschenkt. Gott
füllt ihre Leere mit seiner Gegenwart. Und alles erscheint in
neuem Licht, weil nichts mehr gottfern und gottlos, sondern
alles gottvoll ist.
Alle Heimatlosen und Vertriebenen, alle Verlorenen und
Verirrten, alle Geplagten und Erschöpften, aber auch die
Satten und Stolzen, die Zufriedenen und Erfolgreichen – sie
alle bekommen diese Gottesgegenwart geschenkt. Manche
sind viel zu beschäftigt, das Geschenk entgegenzunehmen,
und sie lassen es achtlos irgendwo liegen.
Doch immer wieder begreift die eine oder der andere, was
sie da in Händen und im Herzen halten, und ihre Klage verwandelt
sich in den Weihnachtsjubel: Gott lässt uns nicht
im Alten, Bekannten, Abgenutzten sitzen, sondern – wie
wir im Weihnachtslied «Lobt Gott, ihr Christen allzugleich»
singen: «… heut schleusst er wieder auf die Tür zum schönen
Paradeis».

Von: Benedict Schubert