Kategorie: Texte

24. Dezember

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit
als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Nicht mit einem Wort kommt Gott in die Welt, sondern
mit einem Schrei. Weihnachten ist das Fest des Wunders der
Geburt. Mit dem Schrei der Bedürftigkeit kommt das Kind
in die Welt, ausgeliefert und verletzlich. Es ist darauf angewiesen,
dass es auch ohne Worte verstanden wird.
Lange bevor es eigene Worte findet, erfährt das Kind die
Kraft der Worte. Es erkennt, dass Worte Zuwendung bedeuten
können und wie heilsam gutes Zureden sein kann. Es
lauscht dem Durcheinander der Stimmen. Es beobachtet,
wie Worte hin und her fliegen können, wie sie verletzen und
versöhnen, verhöhnen und stärken, klären und verwirren
können.
Jenes Kind, das im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen
ist, findet später eigene Worte. Seine Worte rütteln auf
und provozieren, lassen Wahrheiten aufscheinen, stärken
den Glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Sie heilen,
schenken Hoffnung und lassen das Himmelreich anbrechen,
indem sie Menschen bewegen und dazu ermutigen, sich in
Liebe einander zuzuwenden, Grenzen zu überwinden, Frieden
zu stiften. Mit jedem Wort.

Von: Felix Reich

23. Dezember

Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR,
und arbeitet! Denn ich bin mit euch. Haggai 2,4

Der Wideraufbau des Tempels benötigt Kraft und Mut. Es
sind unsichere Zeiten, die Welt ist im Umbruch, die politische
Situation unbeständig. Im Volk wächst der Widerstand
gegen das Bauprojekt. Der Prophet Haggai redet gegen die
Skepsis an und versucht den Einwand zu zerstreuen, dass der
Neubau nicht an die Herrlichkeit des alten Tempels heranreichen
werde.
Kirchen werden zurzeit kaum neu gebaut. Zumindest nicht
hierzulande. Einige Kirchen erscheinen inzwischen gar zu
gross, sind vielleicht sogar überflüssig geworden. Ideen für
eine neue Nutzung gibt es zwar viele. Oft aber scheitern sie
am fehlenden Mut und an der Nostalgie. Denn eine Kirche
loszulassen, schmerzt. Und eine Nutzung zu finden, die keine
Risiken mit sich bringt, ist eigentlich unmöglich.
Vielleicht braucht es deshalb vermehrt Prophetinnen und
Propheten, die gegen Verlustängste und Verzagtheit anreden.
Und dazu ermutigen, die Zeit des Umbruchs, in der
die Institution Kirche steckt, mit jener Zuversicht, die der
Prophet Haggai einfordert, anzugehen. So wächst das Vertrauen,
dass für jede Kirche gilt, was Gott für den neuen
Tempel verspricht: «Und an dieser Stätte werde ich Frieden
schenken!» (Haggai 2,9)
Kirchen, Moscheen, Synagogen als Orte des Friedens: Das
genügt als Nutzungsbedingung.

Von: Felix Reich

22. Dezember

Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut –
wie lange wird’s währen? Habakuk 2,6

In Zeiten politischer und moralischer Krisen nehmen Gewalt,
Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu. Menschen häufen
Reichtum, Macht oder Vorteile auf unrechtmässige Weise
an – damals in den Tagen Habakuks, genau wie heute.
«Wie lange wird’s währen?» Diese Frage erklingt als Weckruf,
als Warnung an die Täter und gleichzeitig als Hoffnungszeichen
für die Opfer. Wer sich auf Kosten anderer bereichert,
hat auf Sand gebaut. Die scheinbare Macht und der
angehäufte Besitz der Gewalttäter sind vergänglich – Gottes
Gerechtigkeit wird sie einholen, so sicher, wie der nächste
Morgen einer dunklen Nacht folgt!
Dieser Vers richtet den Blick auch auf uns selbst. Er fragt nach
unserer Haltung und Lebensweise:
Wo lebe ich vielleicht von «fremdem Gut» – nicht nur
materiell, sondern auch, indem ich mir Anerkennung, Zeit
oder Ideen anderer aneigne, ohne zu geben?
Bin ich dankbar und zufrieden mit dem, was Gott mir
anvertraut hat, oder treibt mich ein ständiges «Mehrhaben-
Wollen»?
Die Worte des Propheten laden uns ein, nicht auf den
kurzfristigen Vorteil zu setzen, sondern auf Gottes bleibende
Gerechtigkeit zu bauen.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Dezember

Meine Hand hat alles gemacht, was da ist,
spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden
und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und
der erzittert vor meinem Wort. Jesaja 66,2

Der Anfang des 66. Kapitels des Jesajabuchs spannt den
Bogen von Gottes unermesslicher Grösse hin zu seiner achtsamen
Zuwendung zu den Geringen: Da ist einerseits dieser
gewaltige Thron Gottes – die Erde ist kaum mehr als der
Schemel (Vers 1)! Andererseits sind da die schwächsten Mitglieder
der Gattung Mensch: die Elenden, die zerbrochenen
Geistes sind und die, die vor seinem Wort erzittern. Niemand
ist zu klein, um von Gott gesehen zu werden.
Mich bewegen heute besonders die Zerbrochenen: Ich
denke an die Depressiven und Suizidgefährdeten. Ich denke
an die Freundin, die gerade eine tödliche Krebsdiagnose
erhalten hat. Ich denke an den Mann mit geistiger Behinderung,
der sich vor einer kleinen OP gewaltig ängstigt. Ich
denke an die Frauen, Kinder und auch Männer, deren Geist
durch unterschiedliche Formen von Gewalt gebrochen wird.
Die Liste in meinem Kopf ist lang …
Hilft es diesen Menschen, dass Gott sie sieht? Spüren sie
seine Nähe, seine Freundlichkeit, seine Menschenliebe?
Ich bete mit Psalm 92,11: Gott, schicke doch deine Engel,
dass sie sie behüten auf ihren so unterschiedlichen Wegen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. Dezember

Josef tröstete seine Brüder und redete freundlich
mit ihnen. 1. Mose 50,21

Was für eine Losung, Lars. Josef tröstet nach dem Tod des
gemeinsamen Vaters seine Brüder, obwohl sie ihm früher
übel mitgespielt haben. Josef spendet seinen Brüdern Trost.
Ist Trost eine Gabe, ein Geschenk? Das Trostspenden Josefs
unter schwierigen Voraussetzungen deutet darauf hin. Haftet
dem Trost etwas Altmodisches an? In den Verwerfungen
unserer Tage gehört der Trost eher zu den angeschlagenen
Wörtern: billiger Trost, falscher Trost, Trostpreis, nicht bei
Trost sein … Gleichwohl sehne ich mich nach Trost – gerade
in diesen Vorweihnachtstagen.


Wenn ich damals eines meiner Kinder in den Arm nahm,
nachdem es sich gestossen hatte, wurde es irgendwann ruhiger.
Der Schmerz, der Schreck war nicht mehr so schlimm.
In der Geborgenheit konnte es die Augen wieder heben und
danach zurück in den Alltag gehen. Ist Trost so etwas wie
eine Insel, auf der ich mich in eine starke Beziehung zurückziehen
kann? Da kann ich auftanken, aufatmen. Mir geht es
wie dir: In diesen langen dunklen Tagen sind wir besonders
(trost-)bedürftig. Danke, dass du das so frei zugibst. Meistens
überspielen wir das ja mit Geschäftigkeit. Vielleicht sollten
wir uns lieber verabreden und zusammen Kekse essen und
Kaffee trinken? Altmodisch? Das spielt keine Rolle. Hauptsache,
wir reden freundlich miteinander. Das kriegen wir hin.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz


19. Dezember

Werdet stark durch eure Verbundenheit mit
dem Herrn. Lasst euch stärken durch seine Kraft.
Epheser 6,10

Gestern fiel mir spontan die Verbundenheit ein, um den
dunklen Seiten des Lebens zusammen zu begegnen und die
Hoffnungsmomente zu entdecken. Heute spricht nun Paulus
von der Verbundenheit mit Gott, die uns stärken kann.
Ich denke dabei an die bewegenden Stellen im Ersten Testament,
in denen Gott seinem Volk einen ewigen Bund zusagt
(Josua 24; Jesaja 55; Jeremia 33). Dabei ist Grundlage dieses
Bundes einerseits die Treue gegenüber Gott und gleichzeitig,
Gerechtigkeit zu üben und Frieden untereinander zu halten –
es ist also eine Art Dreiecksbund mit einer inneren Dynamik,
an deren Anfang ein Versprechen Gottes steht. Und es soll
uns dabei gut gehen!
Lassen wir uns stärken durch Gottes Kraft und zu einer
lebensspendenden Verbundenheit untereinander befähigen!
Das bringt mich zurück zum Neuen Testament und zur wunderbaren
Speisung der Viertausend. Die Vermehrung der
Brote und Fische, sodass alle satt wurden, ist, wie ich heute
denke, eine Geschichte des Teilens. Alles, was wir teilen,
wird mehr – die Güter, aber auch die Liebe, die Hoffnung,
der Glaube. Das stärkt uns und befreit uns – oft habe ich
das schon erlebt. Die Nähe Gottes ist dabei immer für uns
alle spürbar, auch wenn wir das nicht immer aussprechen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Dezember

Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich
euch wohnen lassen an diesem Ort. Jeremia 7,3

Diese Aufforderung des Jeremia klingt hoffnungsvoll. Aber
wenn man in dem Kapitel weiterliest, wird deutlich, dass
das Volk, an das diese Worte gerichtet sind, der Einladung
Gottes nicht folgt. Im Gegenteil. Gottes dringender Appell,
die Armen, die Witwen und Waisen, die Fremden zu achten,
Recht zu üben und keinen anderen Gottheiten zu folgen,
stösst auf taube Ohren – und die Konsequenzen folgen auf
dem Fuss: Jerusalem wird von Nebukadnezar zerstört und
die Oberschicht ins Exil nach Babylon geführt. Das ist sehr
vereinfacht der historische Kontext.
Unweigerlich frage ich mich: Wo liegen heute unsere Verhaltensfehler,
die zu den politischen und ökologischen Krisen
geführt haben? Wir leben hier in einem Sozialstaat, und
doch geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter
auseinander. Das Klima ändert sich bedrohlich, auch weil wir
es trotz guter politischer Vorschläge seit Jahrzehnten nicht
schaffen, den CO2-Ausstoss genügend zu verringern. Kriege
nehmen zu, und das Völker- und das Kriegsrecht werden
missachtet. Es ist zum Heulen! Aber dann entdecke ich doch
Funken der Hoffnung in all dem Dunkel: grosse Hilfsbereitschaft,
enge und wärmende Verbundenheit, kleine oder
grössere ökologische Initiativen, lebendige Demokratien. Ich
danke Gott zutiefst für allen Mut, für allen Einsatz, für jede
Hoffnung, die uns belebt.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. Dezember

Weh denen, die Böses tun und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis
machen. Jesaja 5,20

Situationen bewusst und willentlich zu verdrehen, ist
Machtausübung, ist Manipulation. Sie dienen meinen Zielen.
Sie gehören zum Arsenal menschlichen Vorgehens in der
Politik, in der Wirtschaft, im Recht, in der Moral, im Zusammenleben
bis in die kleinsten und engsten Zusammenhänge
der Familie und der Beziehungen hinein. Und sie sind böse,
Ausdruck eines bösen Willens, Ausdruck der Verachtung.
Auch wenn sie fast harmlos daherkommen, setzen sie mich
unter Druck, reizen mich zur Abwehr oder zum «Umegää»
(Heimzahlen) – und schon sind wir mitten im Unfrieden, im
gegenseitigen Verdächtigen, in Reaktion und Gegenreaktion,
in einer Spirale der Eskalation. Über sie ergeht hier ein Wehruf.
Im Hebräischen ist das noch heftiger: Es ist die Vorwegnahme
einer Totenklage! Jesaja fragt seine Landsleute, ob sie
das wirklich wollen. Ob sie wirklich wollen, dass so Leben
verdorrt und zum Ende kommt. Er geht hart ins Gericht mit
ihnen und dem, was sie tun, gegeneinander und gegen Gott.
So weit muss und so weit soll es nicht kommen! Dort, wo ich
Verdrehungen sehe, will ich versuchen, sie zu stoppen. Jedenfalls
sie als das benennen, was sie sind. Bei Jesaja geschieht
das nicht nur um meinet- oder unseretwillen, sondern auch
um Gottes willen. Denn Gott verdreht nicht, er dreht wieder
gerade. Darauf kann ich bauen, und darum kann ich bitten …

Von: Hans Strub

16. Dezember

Sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung. Psalm 62,6

Im Grossmünster in Zürich hat ein Prediger kürzlich sein
Ohr an eine der 800-jährigen Säulen gedrückt und fast spielerisch
gefragt: «welche Wörter hast du denn seit deinen
Anfängen wohl am meisten gehört?» Als er sich aufrichtete,
nickte er lächelnd: «Hab ich’s mir gedacht – Hoffnung, hat
sie gesagt!» Hoffnung als Leitwort der Verkündigung in allen
Kirchen zu allen Zeiten und jetzt wieder ganz besonders, das
schwebt und webt durch jeden dieser besonderen Räume.
Und das soll sich dann auch in den Herzen der Menschen
festsetzen für alle Zeiten. Dieses Zutrauen zu einem Wort, in
dem die ganze Kraft von Gottes Botschaft konzentriert ist –
weil Gott, wie der heutige Vers sagt, diese Hoffnung selbst
ist! Indem ich Hoffnung mitnehme, indem mich Hoffnung
beseelt, beseelt mich Gott.
Was es dafür brauche, scheint sehr einfach zu sein: Sei nur
stille zu Gott … In hektischen, strengen, kräftebrauchenden
Lebensaufgaben ist das allerdings eine Herausforderung. Es
bedeutet, wenigstens für Augenblicke, bewusstes Loslassen,
gewissermassen Aussteigen aus dem stetigen Lebensfluss
und mich umstellen auf Ruhe. Eigentlich müsste das wirklich
möglich sein, weil es ja bloss punktuell geschehen müsste.
Dann wird durch die Stille eine kleine Lücke eröffnet, durch
die das «Geschenk der Hoffnung» Einlass findet und Kraft
bringt.

Von: Hans Strub

15. Dezember

Gott hat auch seinen eigenen Sohn nicht verschont,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte
er uns mit ihm nicht alles schenken? Römer 8,32

Alle Jahre wieder bereiten wir den Weihnachtsgottesdienst
mit den Kindern des Dorfes vor. Einmal fragte ich: «Warum
feiern wir eigentlich Weihnachten?» Überrascht blickten
mich die Kinder an, und ohne lange nachzudenken, meinten
sie übereinstimmend: «Weil wir Geschenke bekommen!»
Kein Wort von der Geburt des Gottessohnes. Trotzdem
freute ich mich. So ganz falsch ist die Antwort ja nicht – sie
ist sogar goldrichtig. Ist nicht die Geburt Jesu das grösste
Geschenk für die ganze Menschheit? Dieses grosse Geschenk
der Geburt Jesu und mehr: das ganze Leben Christi, sein Tod
am Kreuz und seine Auferstehung, das ewige Leben – all das
ist Gottes Geschenk für uns.
Das ganze Leben Christi für unser aller Leben, für das Leben
der gesamten Schöpfung – Felsen, Wasser, Pflanzen, Tiere
und Menschen. Einer für alle.
Einer für alle – alle für einen. Das ist seit fast zweihundert
Jahren ein traditioneller Wahlspruch der Schweiz. In grossen
Naturkatastrophen führte dieses Motto zu tatkräftiger Solidarität.
Bezeugt in der damaligen Presse und in zahlreichen
politischen Dokumenten wird der Wahlspruch in der Gründung
des Bundesstaates bekräftigt.

Von: Barbara und Martin Robra