Kategorie: Texte

28. November

Nathanael antwortete Jesus: Rabbi, du bist Gottes
Sohn, du bist der König von Israel! Johannes 1,49

Ja, auch wir ersehnen ihn sehr, den Gottessohn, den Messias,
der Frieden auf Erden schafft! Die übersteigerten Erwartungen
belasten ihn aber auch, den Sohn eines Gottes, der
eigentlich weder Bildnis noch Namen haben möchte. Er ist ja
der JHWH, der «Ich bin, der ich bin» oder der «Ich bin da».
Jesus selbst nennt ihn mehrfach Vater. Er sagt aber von sich
nicht, er sei ein oder der Sohn Gottes! Er benutzt den Ausdruck
Menschensohn. Zum Gottessohn machen ihn andere,
zum Beispiel Nathanael oder Paulus.
Ich kann auch (naiv?) fragen, weshalb Gott nur einen
Sohn habe. Und was ist mit den Töchtern? Sind, noch weiter
gedacht, nicht alle Menschen Kinder Gottes? Jesus wird
denn auch oft als Bruder oder Schwester bezeichnet. Das
knüpft an der Verwandtschaft und an der Beziehung auf
gleicher Ebene an, auch an geschwisterlicher Vertrautheit
und Freundschaft. Der Gottessohn ist für mich dagegen ein
gar grosses Wort. Wie kann ich zu keinem Geringeren als
dem Sohn Gottes eine vertraute Beziehung pflegen? Nicht
umsonst spricht die feministische Theologie nicht von Gott,
weil zu männlich geprägt, sondern von «der Lebendigen».
Da geht es nicht um Hierarchie und Titel von Gott Vater
und Sohn, sondern um die Spiritualität, die Kraft und die
Fähigkeit, dieses Leben im Vertrauen auf etwas Grösseres
auszuhalten und zu leben.
Welche Begriffe sprechen Sie an?

Von: Bernhard Egg

27. November

Als Petrus den starken Wind sah, erschrak er
und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und
ergriff ihn. Matthäus 14,30–31

Als ich vor einigen Jahren
vor der Entscheidung stand,
ein schwieriges Amt zu übernehmen,
versagten meine Beine ab und zu.
Ich knickte ein, sackte ab.
Das irritierte und ängstigte mich sehr.
Ich beriet mich mit vertrauten Menschen.
Sie ermutigten mich, es zu wagen.
Zudem entdeckte ich in der Wühlkiste
unserer Buchhandlung ein Bändchen
mit Segensworten und Psalmen.
Dort war ein Satz in einem Text
mit dem Titel «Gefährtenschaft» –
wie für mich formuliert:
«Er segne eure Aufbrüche, euern Mut,
eure Bereitschaft zum Risiko.»
Schliesslich traute ich mir die Aufgabe zu.
Und plötzlich konnte ich wieder
mit sicherem Schritt auftreten.
Dank der Unterstützung meiner Gefährten,
die mich weiterhin begleiteten.
Und dank der Wühlkiste …

Von: Heidi Berner

26. November

HERR, deine Ratschlüsse von alters her sind treu
und wahrhaftig. Jesaja 25,1

Es ist wertvoll und lobenswert,
Altes in Ehren zu halten.
Doch gelegentlich ist es
etwas aus der Zeit gefallen,
hat Staub angesetzt oder
ist spröd und brüchig geworden.
So tun wir gut daran,
unvoreingenommen zu prüfen,
ob das Alte noch etwas taugt
oder ob wir es besser entsorgen.
Zu allen Zeiten haben Menschen
erfahren, was hilft in Angst und Not,
sie haben gehofft, gebangt und
gedankt – in Glück und Freude.
Alle diese Erfahrungen haben sie
überliefert – von Mund zu Mund
oder in heiligen Schriften formuliert.
Es ist wertvoll, diese Vorräte
an Lebenserfahrungen in Ehren zu halten.
Einiges ist brüchig, taugt nicht mehr.
Bei anderem reicht es, den Staub,
der sich darauf angesammelt hat,
wegzupusten – damit die Wahrheit
wieder zum Vorschein kommt.

Von: Heidi Berner

25. November

Der Herr wird’s vollenden um meinetwillen. Psalm 138,8

Um meinetwillen? Die ermutigende Verheissung, dass Gott
«meine Sache» (wie andere übersetzen) zu einem guten
Ende bringen wird, übersetzt die Lutherbibel 2017 so, dass
wir begreifen: Es geht nicht bloss um meine Sache, was
immer das auch sein mag, es geht um mich. Weil ich bin,
wer ich bin, bringt Gott zu einem guten Ende, woran ich bin.
In ihrer Dankbarkeit spannt die Stimme, die hier singt, das
grosse Panorama auf und schaut auf Gott als den, der die
ganze Welt in Händen hält, und lenkt, was in ihr geschieht.
Gegen alles, was wir in den täglichen Nachrichten zur Kenntnis
nehmen müssen, singt sie, dass «alle Könige» der Erde
dankbar hören, dass Gott die Niedrigen sieht und Stolze von
Ferne erkennt.
Und staunend kann ich mit dem Psalm mitsingen: Es geht
ums grosse Ganze, doch ich werde darin nicht übersehen.
Ich bin nicht bloss ein beliebiges Teilchen im umfassenden
Projekt Gottes. Gott kennt und sieht mich. Gott weiss, was
zu mir passt. Gott nimmt wahr, was ich kann und wonach
ich mich sehne. Gott nimmt ernst, was ich mir vornehme,
aber auch, was mir zustösst. Unbeschadet, heil und ganz soll
und werde ich mein Ziel erreichen. «Um meinetwillen» –
das kann anmassend verstanden werden oder aber als Ausdruck
des grossen Vertrauens, das aus der Gotteserfahrung
erwächst.

Von: Benedict Schubert

24. November

König Nebukadnezar sprach: Es gefällt mir,
die Zeichen und Wunder zu verkünden, die der
höchste Gott an mir getan hat. Daniel 3,32

Wie ein Scharnier steht der Vers zwischen der Geschichte
von den drei Männern im Feuerofen und dem Bericht
über die Visionen und den temporären «Wahnsinn» des
Königs Nebukadnezar. Das gibt Stoff zu lohnendem Nachdenken!
Doch ich löse den Losungsvers ganz aus seinem
Textzusammenhang, will ihn hören, wie wenn ein Gegenüber
im Gespräch mir das hier und heute sagte, womöglich
mit leuchtenden Augen und einer heiteren Festigkeit in
der Stimme. In erster Reaktion fände ich es wohl ein wenig
peinlich und dächte: So etwas sagt man in der Schweiz doch
nicht! Dann aber würde ich mich freuen. Die so etwas sagen,
sind offensichtlich geheilt von der kollektiven Sprachstörung
in Sachen Glauben, die ich ringsum feststelle und die
es uns so schwer macht, einladend Kirche zu sein. Da haben
welche starke Erfahrungen gemacht, die sie als Gotteserfahrung
erlebt haben. Durch sie wurde ihre Beziehung zu Gott
gestärkt und geklärt – damit auch ihre Beziehung zur Welt
und zu allen, mit denen sie in dieser Welt leben. Nun können
sie so Zeugin, Zeuge sein, dass ich mich nicht zu etwas
gedrängt oder überredet fühle, wohl aber dazu ermutigt,
meinerseits nach den kleinen und grossen Zeichen Ausschau
zu halten, die Gott hier und heute an mir tut.

Von: Benedict Schubert

23. November

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann
aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber
nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die
Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich
nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott
dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Apostelgeschichte 16,9–10

Ich schaue die Karten hinten in der Bibel an: Da sind alle
diese Namen, die man ab und zu in den Lesungen hört:
Pamphylien, Phrygien, Kappadokien, Galatien … Sie liegen
alle im Gebiet der heutigen Türkei, und auch Paulus befindet
sich dort, als er die Erscheinung hat, die ihn nach Makedonien
ruft.
An dieser Geschichte faszinieren mich zwei Dinge: Da ist
diese äussere Welt, besiedelt mit Völkern auf Gebieten, deren
Namen wir heute zwar nicht mehr gleich verorten können,
die aber beileibe keine unbeschriebenen Blätter sind, und da
wohnen Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, die wohl
auch anderes zu tun haben, als nur Paulus zuzuhören. – Und
da ist die innere Welt dieses Paulus, der wohl keinen genauen
Reiseplan hat. Der aber geleitet ist von seinem Glauben und
seiner Berufung und Zugang hat zu Bildern und Stimmen,
die ihm den Weg weisen. Paulus, der dann in seiner Rede auf
dem Areopag in Athen von einem Gott sprechen wird, «in
dem wir leben, weben und sind» (Apostelgeschichte 17,28).
Worte, die mich auch heute bewegen und die ich in den Tag
mitnehme.

Von: Katharina Metzger

22. November

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben
jenen, die an uns schuldig geworden sind. Matthäus 6,12

In meiner christkatholischen Kirchgemeinde, in der ich mich
am meisten bewege, war es bis vor kurzem üblich, den Gottesdienst
mit dem Schuldbekenntnis zu beginnen. Zuerst
spricht der Priester oder die Priesterin, danach die ganze
Gemeinde die festgesetzten Worte: «Ich bekenne, dass ich
gesündigt habe, in Gedanken, in Worten und Werken und
in Unterlassung vieles Guten.» Danach wird um Vergebung
gebetet und erst dann beginnt für mein Gefühl der Gottesdienst
«so richtig». Aber nun wankt es, das Schuldbekenntnis.
Man will freudvoller beginnen. So experimentiert man
gerade damit, stattdessen mit einem gemeinsamen Einzugslied
zu beginnen. Ich selbst, sonst sehr für Neuerungen in der
Liturgie, bedaure das. Denn das Schuldbekenntnis schenkt
mir einen Moment der Besinnung. Besinnung auf das, was
nicht so geglückt ist. Wofür ich mich vielleicht schäme. Was
ich besser machen möchte. Und klar, ich kann dies alles
nicht in diesem einen Moment verändern. Dafür brauche
ich auch die Menschen, die es betrifft. Aber ich kann mich
besinnen. Ich selbst fühle mich danach nicht als schuldbeladene
Sünderin, sondern eher als ganzer Mensch, der mit
seinem ganzen Sein, auch mit seinen weniger guten Seiten,
angekommen ist im Gottesdienst. Wenn wir dann etwas
später das «Vater unser» sprechen, bin ich schon ein wenig
eingestimmt auf diese Zeile.

Von: Katharina Metzger

21. November

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid
ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit
erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,31–32

Das ist einer meiner Lieblingsverse! «Die Wahrheit wird dich
frei machen.» Und wenn es dich nicht frei macht, ist es nicht
die Wahrheit! So einfach ist das. Freiheit ist das Kriterium für
alle Wahrheitsansprüche. Und daran scheitert vieles, was mir
als Wahrheit verkauft wird. In den sozialen Medien wird mir
erklärt, wie ich mein Leben ändern muss. Diese Wege der
Optimierung führen mich aber nur in neue Abhängigkeiten.
Jesus spricht von einer Freiheit, die immer mit Verantwortung
gekoppelt ist. Wie das geht, zeigt das Wort Gottes.


Ich kann deinen Gedanken gut folgen. Die Freiheit ist wohl
das Wertvollste, was ein Mensch erreichen kann, und sie
ist nicht das Ziel. Sie ist gekoppelt mit Verantwortung und
Gebot. Gottes Wort hören heisst in einem zweiten oder dritten
oder zehnten Schritt auch Gottes Wort tun. Dies kann
nun aber – je nach Situation – doch ziemlich schwierig sein.
Spricht Jesus also von einer schwierigen Freiheit?

So habe ich das nie empfunden. Eher als Ermutigung! Mach
dein Ding. Lös die Fragen des Lebens auf deine Art. In Rückkopplung
mit dem Wort. Augustin hat das mal ganz schön
gesagt: «Liebe, und dann tu, was du willst.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. November

Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir;
sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich im
Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und
sich für mich hingegeben hat. Galater 2,20

Was muss in einem Menschenleben geschehen sein, dass
einer so einen Satz sagen kann? «Nicht mehr ich lebe, sondern
Christus lebt in mir.» Da muss Aussergewöhnliches
geschehen sein. Die Apostelgeschichte deutet drei Mal in
unterschiedlichen Versionen an, was mit Paulus vor Damaskus
geschehen ist. Er selbst beschreibt in 2. Korinther 12 vorsichtig
die Erfahrung eines Menschen, den er «kennt». Nach
der überwältigenden Erfahrung ist eines klar: Mein «Ich» ist
nicht mehr so wichtig. Meine Identität hat sich verändert. Ich
fange noch mal neu an.


Mir kommt zu deiner Frage nach der Erfahrung des Paulus
eine Talmudstelle in den Sinn: «Niemals ist Gott zum Sinai
herabgestiegen, niemals ist Mose zum Himmel hinaufgestiegen.
Sondern Gott faltete den Himmel wie eine Decke,
breitete ihn über den Sinai und befand sich somit auf der
Erde, ohne je den Himmel zu verlassen.»
Was mir an diesem Bild gefällt: Der Gott des Himmels
ist zugänglich, ohne etwas von seiner Grösse einzubüssen,
aber auch ohne die Freiheit des Gläubigen zu negieren. Für
Mose ist Gott auf dem Berg Sinai zugänglich, für Paulus vor
Damaskus.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. November

Weh denen, die Unheil planen,
weil sie die Macht haben! Micha 2,1

Auch zur Zeit des Propheten Micha missbrauchten reiche
und einflussreiche Leute ihre Macht, um Land und Häuser
der Schwachen an sich zu reissen. Oh, wie ist uns das vertraut!
Unheil beginnt oft nicht mit grossen Plänen und Machtdemonstrationen,
sondern mit kleinen Entscheidungen.
Manchmal sehen die Planenden es nicht einmal – sie glauben,
Gutes zu tun, verfolgen aber Ziele, die am Ende andere
verletzen, ausschliessen oder unterdrücken. Macht ist
gefährlich, wenn sie blind macht für die Folgen. Sie verführt
dazu, das eigene Wohl über das der anderen zu stellen.
Doch Macht ist nicht nur ein politisches Instrument – wir
alle haben sie: in unseren Worten, in unseren Entscheidungen,
in dem, wie wir andere behandeln.
Gott liebt uns zu sehr, um uns nicht zu warnen. Er macht
deutlich, dass er dies nicht gutheisst. Er möchte, dass wir
Macht nicht dem «bösen Feind» überlassen, sondern sie
bewusst und positiv einsetzen: zum Schutz der Schwachen,
zur Förderung des Friedens, zur Heilung von Beziehungen.
Wahre Grösse zeigt sich nicht in Dominanz, sondern in der
Macht der Liebe, die nicht zerstört, sondern Leben schützt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer