Schlagwort: Elisabeth Raiser

19. Dezember

Werdet stark durch eure Verbundenheit mit
dem Herrn. Lasst euch stärken durch seine Kraft.
Epheser 6,10

Gestern fiel mir spontan die Verbundenheit ein, um den
dunklen Seiten des Lebens zusammen zu begegnen und die
Hoffnungsmomente zu entdecken. Heute spricht nun Paulus
von der Verbundenheit mit Gott, die uns stärken kann.
Ich denke dabei an die bewegenden Stellen im Ersten Testament,
in denen Gott seinem Volk einen ewigen Bund zusagt
(Josua 24; Jesaja 55; Jeremia 33). Dabei ist Grundlage dieses
Bundes einerseits die Treue gegenüber Gott und gleichzeitig,
Gerechtigkeit zu üben und Frieden untereinander zu halten –
es ist also eine Art Dreiecksbund mit einer inneren Dynamik,
an deren Anfang ein Versprechen Gottes steht. Und es soll
uns dabei gut gehen!
Lassen wir uns stärken durch Gottes Kraft und zu einer
lebensspendenden Verbundenheit untereinander befähigen!
Das bringt mich zurück zum Neuen Testament und zur wunderbaren
Speisung der Viertausend. Die Vermehrung der
Brote und Fische, sodass alle satt wurden, ist, wie ich heute
denke, eine Geschichte des Teilens. Alles, was wir teilen,
wird mehr – die Güter, aber auch die Liebe, die Hoffnung,
der Glaube. Das stärkt uns und befreit uns – oft habe ich
das schon erlebt. Die Nähe Gottes ist dabei immer für uns
alle spürbar, auch wenn wir das nicht immer aussprechen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Dezember

Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich
euch wohnen lassen an diesem Ort. Jeremia 7,3

Diese Aufforderung des Jeremia klingt hoffnungsvoll. Aber
wenn man in dem Kapitel weiterliest, wird deutlich, dass
das Volk, an das diese Worte gerichtet sind, der Einladung
Gottes nicht folgt. Im Gegenteil. Gottes dringender Appell,
die Armen, die Witwen und Waisen, die Fremden zu achten,
Recht zu üben und keinen anderen Gottheiten zu folgen,
stösst auf taube Ohren – und die Konsequenzen folgen auf
dem Fuss: Jerusalem wird von Nebukadnezar zerstört und
die Oberschicht ins Exil nach Babylon geführt. Das ist sehr
vereinfacht der historische Kontext.
Unweigerlich frage ich mich: Wo liegen heute unsere Verhaltensfehler,
die zu den politischen und ökologischen Krisen
geführt haben? Wir leben hier in einem Sozialstaat, und
doch geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter
auseinander. Das Klima ändert sich bedrohlich, auch weil wir
es trotz guter politischer Vorschläge seit Jahrzehnten nicht
schaffen, den CO2-Ausstoss genügend zu verringern. Kriege
nehmen zu, und das Völker- und das Kriegsrecht werden
missachtet. Es ist zum Heulen! Aber dann entdecke ich doch
Funken der Hoffnung in all dem Dunkel: grosse Hilfsbereitschaft,
enge und wärmende Verbundenheit, kleine oder
grössere ökologische Initiativen, lebendige Demokratien. Ich
danke Gott zutiefst für allen Mut, für allen Einsatz, für jede
Hoffnung, die uns belebt.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. Oktober

Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Lukas 22,49

«Die Botschaft der Gnade, sie gilt Jung und Alt: Wählt Leben und Frieden statt Tod und Gewalt!» BG 92,6 (Gesangbuch der Herrenhuter Brüdergemeine)
Das 22. Kapitel des Lukas, aus dem der heutige Lehrtext stammt, beschreibt höchst dramatisch das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, sein inständiges Gebet am Ölberg, den Verrat des Judas und die Festnahme Jesu. Seine Jünger wollen ihn schützen und ihre erste Frage ist so typisch menschlich: Sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Es hätte ja nichts genützt, sondern wäre in ein schreckliches Töten und Sterben ausgeartet, so wie es in allen mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikten geschieht. Jesus verwehrt ihnen diese Reaktion, hält sie zurück und stellt sich den Hohepriestern und Hauptleuten mit den Worten: «Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.» Die Macht der Finsternis ist übermächtig gegenüber der unbedingten Gewaltlosigkeit. Sie führt Jesus in den Tod. Das ist erschütternd.
Können wir Jesus in dieser radikalen Haltung folgen, wie er uns aufgetragen hat? Das scheint oft zu schwer. Aber der Gewaltverzicht ist unerlässlich für Verhandlungen und Kompromisse zur Erhaltung oder Wiedergewinnung des Friedens. Ach, wäre er nur erfolgreich auch in unseren Zeiten! Ich möchte die Hoffnung darauf nicht verlieren.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Oktober

In Jesus Christus haben wir die Erlösung
durch sein Blut, die Vergebung der Sünden,
nach dem Reichtum seiner Gnade.
Epheser 1,7

Dieser Satz klingt wie die Zusammenfassung des Christusglaubens von Paulus. Unsere Rettung aus unseren Sünden geschah und geschieht durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
Mir selbst bleibt diese Interpretation auch im Alter nicht leicht nachvollziehbar. Und so habe ich noch einmal bei Hannah Arendt nachgelesen, deren Verständnis der Botschaft Jesu mir ganz unmittelbar einleuchtet:
Entdecker (der Unvorhersehbarkeit unseres Handelns) ist Jesus von Nazareth, der aus der Erfahrung des «Denn sie wissen nicht, was sie tun» die Konsequenz zog, … dass die Menschen einander verzeihen müssen, siebenmal und siebenmal siebzigmal, also eigentlich unaufhörlich; und zwar durchaus deswegen, weil sie ohne dies Verzeihen sich dauernd in den von ihnen selbst losgelassenen Prozessen, die nun automatisch weiterrollen, verfangen und sich also infolge ihres Handelns um die Fähigkeit bringen würden, in Freiheit weiter zu handeln.
Das Geschenk Gottes für uns Menschen: verzeihen, vergeben zu können – eine grosse Herausforderung und gleichzeitig eine ebenso grosse Chance für einen verheissungsvollen, befreiten Neuanfang. Eine Gottesgabe, die Jesus uns verstehen und umsetzen hilft.
Dafür immer wieder: Danke!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. August

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 1. Korinther 13,10

Paulus war ein ganz ungewöhnlich gescheiter Mann, der mit seinem Verstand und seinem Willen Gott und die Welt in ihrem Wesen erkennen wollte. Aber auch er kam, wie wir alle, an die Grenzen des Verstehens. Sehr eindrucksvoll beschreibt er seine innere Rettung aus diesen Grenzen im 13. Kapitel des Briefs an die Korinther: Im Vers 9, der unserem heutigen Text vorangeht, sagt er: «Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt.» (Bibel in gerechter Sprache) Aber dafür haben wir von Gott die grossen Gaben Glauben, Liebe und Hoffnung erhalten. Sie tragen uns und befähigen uns zu einem erfüllten Leben.
Paulus gibt jedoch nicht auf, nach Erkenntnis und Verstehen zu suchen, aber er weiss – wie wir alle wissen –, dass wir auch mit aller ausgeklügelten Wissenschaft zu dieser vollen Erkenntnis nicht gelangen können. Und so reift bei ihm die Hoffnung auf «das Vollkommene», oder wie es in Vers 12 heisst: das Sehen von Angesicht zu Angesicht Gottes, der Mitmenschen und der Natur. Mich beeindruckt diese Hoffnung auf das endgültige Sehen. Ich glaube, weise Menschen, auch Mystiker, erleben es und geben es weiter: die tiefere Erkenntnis ist ein Sehen, das über ein rationales Analysieren hinausgeht und das allen Menschen zuteilwerden kann, nicht nur den Klugen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. August

Machet kund unter den Völkern sein Tun,
verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Jesaja 12,4

Bei dieser Ermutigung zum Reden von Gott und zur Verbreitung seiner Taten für uns und für seine gesamte Schöpfung denke ich an den Vers «… und sie werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden und zu Tische sitzen im Hause des Herrn» (Lukas 13,29).
Vor unserm inneren Auge entstehen die beiden Richtungen: hinaus in die Welt mit der guten Botschaft und das Zusammenkommen aller Menschen bei Gott.
Das Missionsverständnis hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ich zitiere dazu einen entscheidenden Satz aus einem Bericht des Weltrats der Kirchen: «Gott ist da, bevor wir kommen (Apostelgeschichte 17). Mission hat daher in einem pluralistischen Kontext nicht die Aufgabe, Gott ‹mitzubringen›, sondern den Gott zu bezeugen, der bereits da ist.» In diesem Sinn ist das Verkündigen des Namens und der Taten Gottes eine Begegnung im Namen Gottes mit den Menschen anderer Kulturen und anderer Glaubensformen. Ein gemeinsames «zu Tische sitzen im Hause des Herrn» und ein gemeinsames Engagement für ein erfülltes Leben. Die Hierarchien sind darin abgebaut, die Güter unserer Erde werden gerecht geteilt, die wunderbare Schöpfung geschützt, es gewinnt der Friede. Eine Vision, aus der wir in unserer polarisierten Welt viel Hoffnung schöpfen können!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. Juni

Gott der HERR spricht: Ich will noch mehr sammeln
zu der Schar derer, die versammelt sind.
Jesaja 56,8

Das Kapitel 56 des Jesaja wird in diesem einen Satz gebündelt.
Gott will alle zu sich rufen: die Juden, die Fremden, die Nachkommen
der Fremden, alle von der Gemeinschaft Ausgestossenen,
wie die ausdrücklich genannten Unfruchtbaren –
das waren damals die Frauen, die keine Kinder bekommen
konnten. Alle sollen zum Haus Gottes dazugehören, jedenfalls
wenn sie sich zu Gott bekennen und damit zu diesem
Haus dazugehören wollen. Von Andersgläubigen ist hier
nicht die Rede; der Glaube an Gott und der Einsatz für seine
Gerechtigkeit sind der gemeinsame Bezug aller, die zu dieser
Gemeinschaft gehören – ihre Herkunft spielt keine Rolle und
ihre gesellschaftliche Stigmatisierung ebenso wenig.
Mir kommt diese grosszügige Geste vor wie ein Gegenpol
zu den gegenwärtigen Diskussionen um Migration und Integration.
Natürlich leben wir in einer anderen Zeit, und die
Religionszugehörigkeit spielt im Prinzip für die Integration
keine Rolle mehr. Das ist natürlich ein wesentlicher Unterschied
zu Jesaja. Dennoch empfinde ich die einladende Geste
Gottes in diesem Kapitel und die verheissene Gemeinschaft
aller als warm und stärkend. Lasst uns zusammenhalten,
aufeinander zugehen, die Fremden suchen und finden und
ein Gegenbild schaffen zu der zu oft geforderten «reinen»
und damit ausgrenzenden Gesellschaft.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Juni

Philippus und der Eunuch stiegen ins Wasser,
und Philippus taufte ihn. Als sie aus dem Wasser
herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des
Herrn fortgenommen. Der Eunuch sah ihn nicht
mehr. Aber er setzte seinen Weg voller Freude fort.

Apostelgeschichte 8,38–39

Es ist eine sehr schöne Taufgeschichte, die hier erzählt wird,
und natürlich hat sie einen Vorspann: Dieser Eunuch, ein
Hofbeamter aus Äthiopien, war aus Handelsgründen nach
Jerusalem gekommen und befand sich nun auf dem Heimweg.
In Jerusalem hatte ihn die jüdische Religion beeindruckt
und er las im Buch des Propheten Jesaja. Gleichzeitig befand
sich Philippus auf diesem Weg und näherte sich dem Wagen
des Reisenden. «Verstehst du denn, was du da liest?», fragte
er ihn, und auf die verneinende Antwort hin setzte er sich
zum Eunuchen und erklärte ihm, dass Jesaja Worte (siehe
Jesaja 53,4–8) auf das Leben und den Tod Jesu deuten, und
erzählte ihm dessen Geschichte. Das beeindruckte den Äthiopier
so sehr, dass er Philippus bat, ihn zu taufen. Das Leben
Jesu, sein Tod und seine Auferstehung erschienen ihm danach
wie eine Lebensquelle, die ihn aus seinen Grübeleien befreite.
Ich stelle mir vor, dass er in dieser glücklichen Stimmung
nach Hause kam und die politischen Aufgaben – er war ja
Hofbeamter – mit neuem Elan und Hoffnung auf eine gute
Entwicklung angehen konnte. Können wir uns von dieser
Geschichte in unseren politischen Turbulenzen anstecken
und befreien lassen?

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. April

Der HERR hat mich gesandt zu verkünden ein
gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unseres Gottes.
Jesaja 61,1.2

Dieses Kapitel des Tritojesaja wurde sicher nach der Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil und nach dem Wiederaufbau des Tempels geschrieben. Es ist also eine Verkündigung, die nach ihrer tatsächlichen Verwirklichung verfasst wurde. Ich vermute, um ihr damit eine grössere prophetische Bedeutung zu verleihen. Das «gnädige Jahr des Herrn» bedeutet hier die Rückkehr ins eigene Land, die erneute Bewirtschaftung und Blüte des Landes und die für die Erneuerung des Glaubens den Juden wichtige Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem.
Es gab in der alttestamentarischen Überlieferung immer wieder solche besonderen Jahre, ich denke vor allem an das alle fünfzig Jahre wiederkehrende Jubel- oder Erlassjahr, in dem alle Schulden erlassen wurden und in dem alle Menschen in Israel, auch die Schuldner, neu zu leben beginnen konnten.
Das Jahr 2025, in dem wir jetzt leben, ist in der katholischen Kirche ein Heiliges Jahr, wo die Vergebung der Sünden versprochen wird. Können wir von dort her die Verbindung von Jesaja zum Karsamstag ziehen, diesem Tag der Stille zwischen Karfreitag und Ostern, an dem wir auf die Auferstehung warten und auf das damit verbundene Versprechen eines neuen, innerlich befreiten, von Hoffnung getragenen Lebens? Ich versuche das heute.

Von: Elisabeth Raiser

18. April

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit
ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden
nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort
von der Versöhnung.
2. Korinther 5,19

Versöhnung, ein grosses Wort, das in unseren Kirchen und theologischen Schriften oft vorkommt.
Was heisst das für uns persönlich? Wenn wir Schuld empfinden, wie kommen wir aus dem Kreislauf der Selbstvorwürfe, des Verlusts des Selbstwertgefühls, des immer wieder vor sich hin gemurmelten «Wie konnte ich das nur tun oder sagen!» wieder heraus? Das Schuldgefühl ist wohl der erste Schritt, aber es reicht nicht und zieht uns nur hinunter. Notwendig ist nach dem inneren, und wenn es einen anderen Menschen verletzt hat, auch ausgesprochenen Schuldeingeständnis eine Geste der Wiedergutmachung, die Bitte um Verzeihung. Das ist schwer. Aber Gott in Christus kann uns erlösen, wenn wir uns lösen lassen aus dem oben beschriebenen Zirkel. Mit seiner Hilfe und in seiner Gnade, im Gebet um sein Verzeihen können wir das Vertrauen und den Mut gewinnen, die nötigen Schritte zu tun. Das empfinde ich als die grosse Gnade, die Paulus im Korintherbrief anspricht. Aber ich spüre diese Gnade auch in all den Geschichten, die die Bibel von Jesu Handeln und Worten erzählt. Dass das Kreuz und sein gewaltsamer Tod dazu notwendig waren, ist für mich und vielleicht für viele von uns ein schwer verständliches, aber tief bewegendes Zeichen seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen.

Von: Elisabeth Raiser