Schlagwort: Elisabeth Raiser

19. Oktober

Verkündige das Wort, tritt dafür ein, zur Zeit oder Unzeit, widerlege, tadle, bitte, in aller Geduld, wo die Lehre es gebietet! 2. Timotheus 4,2

Das ist eine sehr grosse Herausforderung, selbst für Theologen – und Berichte von Propheten bezeugen, selbst für sie. Bei Jeremia wird das am deutlichsten, aber er kann sich dem Auftrag schliesslich nicht entziehen – und es wird schwere Konsequenzen für ihn haben …

Im 2. Brief an Timotheus schreibt ein späterer Autor, der aber in das Wesen des Paulus schlüpft, an seinen jüngeren Freund und ermutigt ihn trotz aller Widerstände und falscher Propheten, aufrichtig und tapfer an der Botschaft Jesu festzuhalten und sie zu verkündigen. Dem Briefschreiber ist völlig klar, dass das viel Mut braucht, aber er ist so überzeugt von der Wahrheit dieser Botschaft, dass alle Hürden und alle Anfeindungen überwunden werden müssen und auch können, wenn Timotheus nur den Mut dazu hat. Leichter gesagt als getan! Paulus hat das seit seiner Bekehrung durchgehalten, hat Gefangenschaft und schliesslich den Märtyrertod auf sich genommen.

Was heisst das in unserer säkularen Welt? In der Gemeinde, mit Gleichgesinnten, können wir ganz gut an der Botschaft festhalten – aber in der Welt um uns? Da empfinden wir es eigentlich immer als «zur Unzeit» – und die religiösen Eiferer mögen wir doch nicht! – Was bleibt? Vertrauen in Gott, der uns das richtige Wort in den Mund legen wird! Und hoffentlich den Mut, es auch auszusprechen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Oktober

Ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der HERR Zebaoth. Haggai 2,9

Das Buch des Propheten Haggai entstand bald nach der Rückkehr eines Teils der jüdischen Bevölkerung aus dem babylonischen Exil Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. Das Land Juda war damals eine persische Provinz ohne politische Selbständigkeit und litt unter Missernten. Der Prophet Haggai deutete dies als Folge davon, dass das Volk versäumt hatte, den Tempel wiederaufzubauen. Und so hat das ganze kurze Buch ein einziges Ziel, nämlich diesen Wiederaufbau, der dem Volk Frieden verspricht – «an diesem Ort», also im Tempel. Und hoffentlich auch darum herum im ganzen Land. Das ist aber mein Zusatz …

Während ich schreibe, haben die USA und der Iran wenigstens ein Rahmenabkommen geschlossen, das die Kampfhandlungen zum Ende bringt. Ist das schon Frieden? Frieden ist ja nicht nur das Ende eines Kriegs, sondern bedeutet Auf-bau auf allen Ebenen: der politischen, rechtlichen, zivilgesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen. Vertrauen muss auf allen Seiten wieder wachsen, auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaft. Ob das gelingt? Es ist auf jeden Fall eine grosse Herausforderung für alle.

Möge Gott die Köpfe und Seelen und den Willen aller Beteiligten inspirieren und leiten.

Ich sehe so viele Probleme und möchte doch daran glauben!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. August

Der Tag des HERRN kommt und ist nahe. Joel 2,1

Lese ich diesen Vers unbefangen und ohne in das Buch Joel
hineinzuschauen, denke ich spontan: Der Tag des HERRN
wird ein grosser Festtag sein – endlich hören die Kriege auf,
endlich hören Hunger und Obdachlosigkeit und tödliche
Krankheit auf. Aber genau das Gegenteil ist mit diesem Vers
gemeint: Es wird ein Tag der Strafe sein. Es gibt immer beides
in der Bibel: Strafe für Fehlverhalten und Gnade und Barmherzigkeit.
So reisst auch Joel das Ruder ab dem 12. Vers des 2.Kapitels herum und verheisst Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung, nachdem die Menschen in sich gegangen sind und umkehren.
Wie oft ist der Ruf zur Umkehr vor allem bei den Propheten,
aber auch im Neuen Testament zu hören. Der Glaube
an die Wirkung der Umkehr ist bei uns weitgehend verloren
gegangen.
Beunruhigender ist, dass der Glaube in manchen Ländern
genutzt wird, um Vertreibungen und Kriege zu rechtfertigen.
Darüber könnte man verzweifeln, aber die Verzweiflung und
das Unverständnis können das Ruder nicht herumreissen.
Ich bewundere die Menschen, die es wagen, Widerstand
gegen diese Politik zu leisten, die unter hohem Risiko auf
die Strasse gehen und protestieren, die alle Rechtswege
prüfen und einschlagen, um die Gewalt zu stoppen. Viele
unter ihnen glauben an Gott, viele glauben an die Stärke des
Rechts. Möge der eine Glaube den anderen stärken!

Von: Elisabeth Raiser von Weizsäcker

18. August

Maria setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seiner Rede zu. Lukas 10,39

Jesus war bei Marta zu Besuch. Sie war offensichtlich die Vorständin
ihres Hauses und hatte Jesus eingeladen, bei ihr einzukehren.
Und natürlich fühlte sie sich dafür verantwortlich,
dass ihr Gast mit Speise und Trank gut versorgt wurde. Ihre
Schwester Maria hatte wohl weniger Verantwortung,
hätte aber natürlich helfen können. Früher, als wir noch einen
grossen Haushalt hatten und täglich viel zu tun war, um alle
satt zu kriegen, hatte ich immer besondere Sympathie für
Marta, die sich über die in ihren Augen bequeme
Schwester ärgerte. «Jesus zu Füssen sitzen und zuhören, das ist nun
wahrlich keine Leistung, sie könnte mir ruhig helfen!», wird
sie sich gedacht haben. Hat sie nicht recht?
Maria aber hört Jesus aufmerksam zu – sie ergreift diese
einmalige Chance – und sie kann offensichtlich zuhören.
Das ist ja bekanntlich gar nicht so leicht. Wirklich aufmerksam
zuhören – das ist schwer, und wenn es gelingt, kann es
einen Menschen zutiefst berühren und wachsen lassen. Von
ihrer Namensschwester Maria, Jesu Mutter, heisst es nach
dem Besuch der Hirten: «Und sie bewegte alle ihre Worte
in ihrem Herzen.» Gut zuhören – dann können Worte und
Sätze einem sehr viel bedeuten und lange wirken. Maria
hatte im Zuhören das gute Teil erwählt – ich hoffe, Marta
hat dies akzeptiert und sich dann dazugesetzt!

Von: Elisabeth Raiser von Weizsäcker

19. Juni

Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Psalm 31,9

Dieser uns allen so gut bekannte Vers ist wie die Fortsetzung
des Exodustexts: Gott schenkt die Freiheit nach dem
Auszug aus den alten engen und übermächtigen Strukturen
für einen weiten Raum, den wir durchwandern und mitgestalten
können.
Ich kann nicht anders, als dabei an die Taufe unseres jüngsten
Enkels zu denken, dessen Taufspruch dieser Vers ist. Er
nahm ihn damals im Gottesdienst wörtlich: Mit seinen zwei
Jahren sprang er aus der Kirchenbank und wanderte zielstrebig
und neugierig zuerst zum Altar, dann im weiten Raum
davor hin und her, betrachtete alle Ecken, die Kanzel, die
Pfarrerin und liess sich schliesslich etwas widerwillig von seinen
Eltern zurückholen. Der Anfang für ein Leben in einem
weiten Raum war gemacht. Nun hoffe ich sehr, dass er ihn
in seinem Leben immer wieder findet und nutzt.
Natürlich hat dieser weite Raum auch Grenzen, das sind
nicht nur die Bedürfnisse der Mitmenschen, die Rücksicht
auf sie und ihre freie Entfaltung, sondern auch die eigenen
Möglichkeiten und Grenzen. Diese Balance zu finden, ist eine
Lebensaufgabe, die uns immer wieder neu herausfordert.
Mut, Fantasie, manchmal auch Überschreiten der Konventionen
und die Gewissheit, dass nach dem Scheitern ein
Neuanfang möglich ist und unser Versagen verziehen wird.
Das ist ein grosses Versprechen! – Dank sei dir, Gott!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Juni

Als der Pharao sah, dass Regen, Donner und Hagel aufhörten, versündigte er sich weiter und verhärtete sein Herz. 2. Mose 9,34

Es geht hier um das Ende der siebten der furchtbaren Plagen,
die den Pharao und sein Land Ägypten heimsuchten, bevor
er die durch Fronarbeit unterdrückten Israeliten endlich ausziehen
liess.
Nach dieser Zerstörung durch Hagel und Überschwemmungen
musste Gott noch drei weitere Katastrophen über
Ägypten kommen lassen! Nach der zehnten setzt das Volk
Israel das Passahfests ein, dann folgt die Flucht mit dem Zug
durch das Schilfmeer und in die Wüste mit der Verkündung
der Zehn Gebote am Berg Sinai und schliesslich die vierzig
Jahre Wüstenwanderung vor dem Einzug ins gelobte Land.
Insgesamt eine grosse mythologische Erzählung von der
Befreiung Israels aus alten Machtstrukturen und dem Beginn
seiner ganz besonderen Beziehung zu Gott. Jan Assmann
sagt dazu: «Menschendienst bedeutet Unterdrückung –
Gottesdienst bedeutet Befreiung» (Exodus. Die Revolution
der Alten Welt).
Es gehört zu dieser Befreiungserzählung dazu, dass der
Unterdrücker, die alte Macht, unbelehrbar ist, und das
drückt sich im heutigen Vers der Losungen deutlich aus.
Aber sie hat nicht ewig Bestand. Das ist für mich ein Trost
angesichts der heutigen Mächte, die die Welt dominieren.
Gott gebe und erhalte uns den Mut zu neuen Wegen!

Von: Elisabeth Raiser-von Weiszäcker

19. April

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Hesekiel 34,16

Dies ist die wunderbare Barmherzigkeit Gottes, von der wir gestern schon gehört haben. Sie lässt mich spontan an Jesus und sein Leben denken. Er hat das umgesetzt, was Gott versprochen hat: Verlorene suchen und Verirrte zurückbringen, das einzige Schaf oder auch den einzigen Menschen, der sich verlaufen hat und verloren gegangen ist; ich kann nicht anders als dafür danken, es sind manchmal wohl auch viele! Verwundete verbinden und Schwache stärken, die Aussätzigen, die er heilte, die gekrümmte Frau, die er aufrichtete, der Blinde, dem er sein Augenlicht gab – und all die anderen bewegenden Heilungen und Rettungen.
Aber es geschieht auch in unserem täglichen Leben! Manchmal sind wir schwach und wissen nicht recht weiter, manchmal brauchen wir neuen Mut und nach einem kurzen Gebet kommt wie ein Wunder die Zuversicht zurück.
Bei Hesekiel richten sich diese Zusagen an das im Exil lebende Volk Israel – und auch hier folgt später wieder das Versprechen eines Bundes, diesmal ist es ein Bund des Friedens der Menschen untereinander und mit der Natur.
Das ist und bleibt aktuell, und wir brauchen ihn mehr denn je.
Gott, bitte gib uns die Kraft, an diesen Bund des Friedens weiter zu glauben und in seinem Geist zu handeln!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. April

Der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer
und ein eifernder Gott. 5. Mose 4,24

Diese Aussage von Gott kann uns erschrecken: Denn wer wird von so einem mächtigen Feuer verzehrt? Wir! Gemeint ist im 5. Buch Mose das Volk Gottes Israel. Aber könnten wir angesichts der schrecklichen Kriege, der ungeheuren Gewalt in unserer Welt und der grossen Ungerechtigkeit dieses Wort nicht auch auf uns beziehen? Was bedeutet das?
Wenn wir das gesamte 4. Kapitel lesen, sehen wir, dass es hier um die Erinnerung an den ersten Bund Gottes mit seinem Volk geht – und dieser Bund beruht auf Gegenseitigkeit. Eigentlich ist es ein Dreierbund: Bund Gottes mit den Menschen, der ihnen seine Güte und Barmherzigkeit zusagt und zugleich Treue der Menschen Gott gegenüber bedeutet, die sich wiederum in treuen und gerechten Beziehungen der Menschen untereinander konkretisiert. Die Zehn Gebote haben sie, haben wir als Leitlinien dafür empfangen. Ich verstehe den eifernden Gott dabei als denjenigen, der uns Unheil verkündet, das die unausweichliche Folge der Übertretungen sein wird. In den späteren Versen verspricht Gott den Seinen, dass es ihnen gut gehen wird, wenn sie diesen Bund ihrerseits halten, «denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott» (Vers 31).
Ich glaube daran und ich finde diese Warnung und zugleich Zusage eine gute, realistische und hilfreiche Richtschnur unseres Lebens.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. Februar

Lobet, ihr Völker, unseren Gott, lasst seinen Ruhm
weit erschallen, der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füsse nicht gleiten
. Psalm 66,8–9

Im vergangenen Oktober hatten wir ein Seminar unter dem Motto «Seid Menschen», wobei es um Erinnerung und die daraus erwachsende Ermutigung zum Handeln ging. Dazu passt dieser Psalm 66 in seiner ganzen Länge. Es ist ein Dankes- und Loblied des Volks Israel nach Rettung aus vielen Gefahren, sei es beim Durchzug durch das plötzlich trockene Meer bei der Flucht aus Ägypten, sei es vor Feuer und Überschwemmung, sei es aus Krieg. Daraus wird ein Loblied für diese wunderbare Macht «Gott», die unsere Seelen am Leben erhält und unsere Füsse nicht gleiten lässt. Wenn die Füsse nicht gleiten, dann rutscht man nicht aus, sondern kann aufrecht weitergehen.
Aufrecht weitergehen, das brauchen wir heute in diesen innen- wie aussenpolitisch unruhigen Zeiten. Es hilft uns nicht, nach Vogel-Strauss-Manier den Kopf in den Sand zu stecken; nein, lasst uns weiter wach die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen wahrnehmen und uns für gegenseitiges Zuhören, Verstehen, Handeln, für die manchmal sicher etwas anstrengende Demokratie einsetzen – wir gehen nicht allein, Gott hilft uns, ja er schiebt uns, und damit können wir auch bei wenig sichtbaren Erfolgen ohne Angst weitergehen. Ich glaube fest daran!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Februar

HERR, lass mir deine Gnade widerfahren,
deine Hilfe nach deinem Wort.
Psalm 119,41

Gnade – so ein schönes, tröstliches Wort! Ich fühle mich gleich darin geborgen, es ist wie ein Mantel, der mich wärmt und schützt. Und das ist zugleich die Hilfe, die mich stärkt.
Wenn ich jedoch andere Übersetzungen der Bibel anschaue, so steht hier statt Gnade Freundlichkeit (Bibel in gerechter Sprache) oder Huld (Einheitsübersetzung). Das liegt wohl daran, dass das Wort Gnade in unserer heutigen Welt eine andere Bedeutung hat, als im Urtext gemeint ist: Ausdrücke wie «Gnade vor Recht ergehen lassen» machen das deutlich: Hier ist Gnade ein Zugeständnis, das jemandem gewährt wird, der Unrecht getan hat, also ein Gnadenakt oder eine Begnadigung. Das ist ein ganz anderer Ton als das Gefühl von Geborgenheit, das ich beim Wort Gnade spontan empfinde.
Die Sprache ist ein Wunder – sie kann Gefühle in uns wecken, und man weiss oft nicht recht, wie. So bitte ich Gott mit dem Psalmisten um seine Gnade und bin immer dankbar, wenn am Ende einer Predigt der Zuspruch kommt: Die Gnade Gottes, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Jesus Christus – Amen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker