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14. Januar

Jesus sprach zu dem jungen Mann: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Matthäus 19,21

Kürzlich skizzierte ich einem Ökonomen die These, die der katholische Pastoraltheologe Jan Loffeld in seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» entfaltet (und die betrüblicherweise meiner eigenen Erfahrung als Pfarrer entspricht): dass, salopp gesagt, viele Menschen ohne jeden Bezug zum Himmel ganz zufrieden sind mit ihrem Dasein auf Erden. Da ist keine Sehnsucht, kein unruhiges Herz, keine noch so leise Ahnung davon, dass es doch mehr als alles geben muss. Nach kurzem Nachdenken verwies mich der Ökonom auf Dorothee Sölle. Diese erwähnt in ihrem Buch «Mystik und Widerstand» ein Kind, das dreissig Puppen besitzt und darüber den emotionalen Bezug verliert, den es zu einer einzelnen Puppe hätte: Es würde sie kämmen, ihr einen Namen geben, sie lieben. Durch die anonyme Masse an Puppen entsteht ein emotionaler Hunger, der nach immer mehr Puppen ruft, durch diese aber gerade nicht gestillt wird. Sölle plädiert für eine neue Askese: «Sie muss ansetzen bei der als Autonomie und freie Auswahl deklarierten Abhängigkeit des Ich von der Warenwelt.» Mit dieser neuen Askese, erklärte mir der Ökonom, würde die Kirche an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen. Die Kirche, sagte er, soll Schätze im Himmel sammeln.

Von: Andreas Fischer

13. Januar

Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge
lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.
Lukas 11,34

«So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei.» Der folgende Vers 35 gehört für mich unbedingt zu diesem Bildwort dazu. Wenige Verse zuvor weist Jesus das Ansinnen der Menschen zurück, die ein Zeichen, also einen sichtbaren Beweis seiner Macht von ihm fordern (Vers 29), und erklärt: Schaut vielmehr auf euch selbst, auf das, was euch gegeben ist: Licht und Leben; schaut auf die Gaben und Möglichkeiten, die ihr habt. Wofür nutzt ihr eure Sinne, euren Verstand, euer Herz …?
Jesu Rede changiert zwischen Zumutung und Zutrauen. Mir gefällt, dass Zumutung mit Mut und Zutrauen mit «trau dich!» zu tun hat. Jesus mutet seinen Zuhörer:innen – also auch uns – zu, Mut zu fassen, unseren Mut zusammenzunehmen. Und gleichzeitig traut er uns, unseren Möglichkeiten, etwas zu.
Wie schaue ich in die Welt? Was sehe ich? Und was übersehe ich? Was rührt mich an und bewegt mich? Und was lasse ich erst gar nicht an mich herankommen? Ist mein Blick auf die Welt und auf die Menschen, die mir begegnen, offen, klar, wohlwollend, also lauter oder getrübt, verdunkelt durch Ängste, Befürchtungen, versteckte Interessen? Wie nutze ich heute meine Möglichkeiten und was traue ich mich?

Von: Annegret Brauch

12. Januar

Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle
Übertretungen zu.
Sprüche 10,12

Wie in unserem Vers sind viele Spruchweisheiten in diesem biblischen Buch kurz und knapp gehalten. Sie bündeln Lebenserfahrung, wollen Orientierung für ein gutes, gelingendes Leben geben. Oft formulieren sie dabei einen Gegensatz und spannen so den weiten Bogen der Möglichkeiten auf, wie Leben gestaltet werden kann, zum Beispiel zwischen Hass und Liebe.
«Hass erregt Hader.» Die toxische Realität dieses Satzes wird uns täglich in Nachrichten, in sozialen Medien, manchmal auch in konkreten Begegnungen vor Augen geführt. Bei Hermann Cohen, Professor für Philosophie in Marburg, der sich auch intensiv mit dem Talmud beschäftigt hat, lese ich: «Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. … Der Hass ist grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung des Gemütes gesprochen werden kann. Es gibt keinen Grund zu Hass. Jeder scheinbare Grund ist ein Irrtum und eine Verirrung. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er hasst, so wird sein Dasein vergeblich.» Cohen schrieb dies 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.
Hass verletzt die Würde des Nächsten und meine eigene. «Der Mensch ist zum Lieben da.» Alle Kraft, alle Kreativität und Geistesgaben müssen dahin fliessen, um Schaden zu verhüten, um achtsamer zu werden für die kleinen Verletzungen, um den Schmerz der anderen zu begreifen. Liebe (ein-)üben als produktive, verändernde Macht!

Von: Annegret Brauch

11. Januar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt.
Offenbarung 1,4

Was tun wir, wenn wir einander grüssen? Wir geben uns ein Zeichen, signalisieren freundliche (oder zumindest keine feindlichen) Absichten – oft verbunden mit einer Geste mit der Hand, mit Augenkontakt und – wenn möglich – mit einem Lächeln. In feierlichen Momenten kann der Gruss auch von einer Gabe begleitet sein. Dann kommt ein Drittes dazu, das verbindet. Etwas wechselt von der einen zur anderen Person. Ein Austausch, wenn auch ein flüchtiger, findet statt. Aber die Gabe soll lange halten.
Grussworte haben auch in biblischen Briefen oder Sendschreiben eine grosse Bedeutung. Sie überbringen die Botschaft des Absenders in konzentrierter Form. Sie machen die wahre Absicht des Schreibers bekannt. Er überbringt etwas, das Gutes bewirkt und bleibt, den Frieden Gottes, der zwischen uns aufblühen und in uns aufleuchten soll.
Im Grusswort von Johannes kommt das besonders schön zum Ausdruck. Und weil ich als Bolderntext-Autor dieselbe Absicht mit meinem Schreiben verbinde, leihe ich mir seine Worte, um Sie herzlich zu grüssen:
«Gnade sei mit Ihnen und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Möge er doch allezeit in Ihrem Herzen bleiben!»

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Der HERR spricht: Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten und meine Gebote halten, damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer! 5. Mose 5,29

Was geht diesem Wort voraus? Gott hat die Zehn Gebote am Berg Horeb verkündigt, und das Volk hat sein Wort gehört. Interessant und ein wenig verstörend ist, was danach folgt. Es heisst nämlich, das Volk sei zu Tode erschrocken! Noch nie haben Sterbliche Gott reden gehört. Es wird ihnen klar, dass sie Zeugen von etwas Ungeheuerlichem geworden sind. Sie realisieren: Wenn die «Show» jetzt weitergeht und Gott zu den Weisungen kommt, müssten sie gewiss sterben. Moses, so ihr Vorschlag, soll als Vermittler fungieren. Sie wollen, so versprechen sie, alles getreulich befolgen, was er ihnen weiterleite. Gott hört mit und meint zu Moses: «Ich habe
die Worte gehört, die dieses Volk zu dir gesprochen hat. Alles, was sie gesagt haben, ist gut. Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten.»
Das aus Gottes Mund ist schon ein starkes Stück! Die Gottheit hofft auf die menschliche Treue – ausgerechnet sie, die alles durchschaut. Ist das nicht ein frommer Wunsch? Es hat etwas Rührendes, so Menschliches von Gott zu hören –
gerade angesichts der tiefen Ehrfurcht, ja Furcht, die den Dialog überhaupt erst in Gang gebracht hat. Was mich wirklich berührt, ist der Grund, warum Gott an die Menschen glauben will. «Damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer!» Wenn das kein Evangelium ist …

Von: Ralph Kunz

9. Januar

Und alsbald trieb der Geist Jesus in die Wüste;
und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde
versucht von dem Satan und war bei den Tieren,
und die Engel dienten ihm.
Markus 1,12–13

Bei der Taufe Jesu ist der Geist wie eine Taube auf ihn herabgekommen und man hörte die Worte: du bist mein geliebter Sohn. Worte, die Kraft und Zuversicht verleihen. Ein neues Leben beginnt.
Doch nun treibt derselbe Geist den frisch Getauften in die Wüste an einen lebensfeindlichen Ort. Einen Ort, wo Einsamkeit, Hunger und Durst herrschen. Wasser ist kaum zu finden und wer sich verirrt, dem droht der Tod. Vierzig Tage lang ist Jesus nur in Gesellschaft von Tieren und von Engeln, die ihm dienen. Er hat von den Engeln Unterstützung erfahren.
Manchmal fühlen wir uns wie in der Wüste. Verlassen und durstig nach Beistand, Hilfe, Trost. Ausgetrocknet, weil sich die Liebe scheinbar verabschiedet von der Welt. Dann sind wir versucht, aufzugeben und uns passiv dem Schicksal zu überlassen. Jesus ist in diese Versuchung geführt worden, aber er hält stand. Engel haben ihm gedient. Unwirtliche Orte gehören zu den Stationen auf dem Lebensweg, genauso wie frische Quellen, die Durst löschen. Geben wir also nicht auf, werfen wir nicht alles hin. Auch uns gelten die Worte der Kraft und Zuversicht. Halten wir Ausschau nach den Engeln, die auch in der Wüste zu finden sind.

Von: Monika Britt

8. Januar

Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen. Wach auf, meine Seele! Psalm 108,2

Welch ein schöner Vers zum Tagesbeginn! Fast zu schön, um dem mit Worten noch etwas beizufügen, das nicht schon gesagt ist und in uns eine positive Wirkung entfaltet … Oder vielleicht fehlt doch was? Spüren wir in diesen ersten wachen Augenblicken des Tages nicht bereits all die Hindernisse, die uns das Singen und Spielen verwehren? Fehlt uns nicht ein letzter Ruck, der unsere Seele so richtig aufwachen lässt? Breiten sich nicht bereits Sorgenfalten über unser eigenes Leben und den Weltfrieden aus, bevor wir die Augen richtig geöffnet haben? Wir leben in schwierigen Zeiten. Und tatsächlich wurde dieser Psalm Davids in Kriegszeiten geschrieben. Wir spüren darin den hoffnungsvollen Impuls des Autors, dass das eigene Leben und das Zusammenleben aller Menschen selbst in Krisen einem göttlichen Plan gehorcht, der nur das Beste will und sich bestimmt erfüllen wird. Er suggeriert, dass wir bereit sind dazu. Und diesen Ansatz finde ich in diesem Psalmvers motivierend – in einer Zeit, da wir das Menschenmögliche eher in unseren eigenen Händen sehen denn in einer einzigen göttlichen. Lassen wir unser heutiges Aufwachen also als eine hoffnungsvolle Ermutigung annehmen, aus diesem Tag etwas Besonderes zu machen. Schöpfen wir aus uns selbst. Spielen und singen wir. Lassen wir die Sorgen in und um uns für einmal etwas hintanstehen und uns wirksam fühlen – für uns und andere.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Verachte nicht die Unterweisung durch den
HERRN und sei nicht unwillig, wenn er dich ermahnt.
Sprüche 3,11

Aufs Erste berührt mich dieser Vers unangenehm, weil er in seiner Wortwahl an Zeiten erinnert, da unser Handeln bestimmt war von äusserem Druck und einer überlegenen, besserwissenden Instanz. In der Schule, bei der Arbeit, oft aber auch noch in Familien lagen die «mahnenden» Imperative in den Händen hierarchisch überlegener Autoritäten, denen wir – nicht verwunderlich – unwillig, ja verachtend begegneten. Heute ist es – zumindest in unserer Welt – zum Glück selbstverständlich, dass wir dominanter Rede und Besserwissertum kritisch begegnen und der eigenen Sichtweise mehr Gewicht geben, um unser Leben zu gestalten und die Welt zu verstehen.
Doch als würde dieser strenge Ton aus früheren Zeiten nachhallen, kennen wir diese innere Stimme, die uns manchmal lieblos mit dem Zeigefinger ermahnt und von oben herab unter Druck setzt. Auch wenn es nur kleine Dinge sind, neigen wir dazu, Termine und Verpflichtungen unwillig vor uns herzuschieben – im Bewusstsein, dass wir dadurch nicht freier werden. Aus dieser Perspektive lese ich plötzlich auch den heutigen Vers anders: Verstehen wir die «Unterweisung durch den Herrn» als einen inspirierten, weisen inneren Dialog, in dem wir uns liebevoll unseren Widerständen zuwenden und uns an den Früchten unseres Tuns freuen, folgt wie von selbst die Fortsetzung im anschliessenden Vers (Sprüche 3,12): «Denn darin zeigt sich die Liebe.»

Von: Esther Hürlimann

6. Januar

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Psalm 23,2–3

Es gibt Bilder, Lieder, Worte und Texte, die begleiten uns ein ganzes Leben. Psalm 23 ist für mich so ein Text. Bei den Worten werde ich an meine Kindheit erinnert. Schon meine Grossmutter betete mit mir diesen Psalm. Ich sehe sie vor mit, ihr Gesangbuch in Händen. Auf dem Buchdeckel stand «Der Herr ist mein Hirte». Sie hielt diese Worte förmlich fest und bewahrte sie.
In meiner Konfirmandenzeit musste ich diese Verse auswendig lernen. Damals dachte ich fast überhaupt nicht darüber nach. Altmodische Worte. Gar nicht meine Sprache. Irgendwie abgegriffen. Ich dachte zunächst: «Das merkst du dir nie!» Doch irgendwo hatte ich diese alten Worte abgespeichert. Als ich im Urlaub eine Schafherde sah, waren die Worte wieder präsent, und ich erinnerte mich an meine Konfirmandenzeit.
Im Psalm 23 steckt das pralle Leben. Der Psalm spricht von Festen, Feiern, grünen Auen, Tälern, frischem Wasser. Und am Ende des Lebens nimmt Gott uns an in seinem Haus. Was für ein Vertrauen, in das ich fallen darf! Das ermutigt mich. Denn unser Leben verläuft nicht immer geradlinig und ist kein Wunschkonzert. Wir brauchen da oft einen Hirten, der uns Orientierung gibt, jemanden, der uns hilft, am Montagmorgen motiviert und beschützt in die Woche zu blicken.

Von: Carsten Marx

5. Januar

Der HERR ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not
und kennt, die auf ihn trauen.
Nahum 1,7

Nahum, von dem unser heutiges Losungswort geschrieben wurde, kannte die Güte Gottes und er wusste wohl, dass Gott alles kann, nur nicht die enttäuschen, die ihm vertrauen. Nahum – sein Name bedeutet «Trost» oder «Mitgefühl» – und seine Botschaft waren für das Volk Israel sicherlich ein Trost. Trost ist eine Kraft zur Zeit der Not. Ich darf mich in das Vertrauen Gottes fallen lassen. Warum? Es geht hier um Werte, die in unserer Welt oft vergessen zu sein scheinen; ich meine Werte wie Liebe, Güte und Barmherzigkeit, die ein gutes Zusammenleben und Miteinander in der Gesellschaft ausmachen. Dazu gehören auch die Vergebung, das Verzeihen und Vertrauen. All das kann ich mit Geld nicht erwerben. Diese Werte werden mir geschenkt! Die Quelle für diese Geschenke ist mein Glaube an Gott und sein Wort. Wenn wir leben, was wir glauben, dann erleben wir, was wir glauben.
In früheren Jungscharzeiten der 1980er-Jahre lernte ich zu einem Spiritual den Text von Herbert Mausch kennen: «Immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, das ist der beste Weg.» Mit diesem Vertrauen fasse ich Mut, dann bleibt das Sinnlose nicht sinnlos, auch nicht mit den ersten Schritten im neuen Jahr.

Von: Carsten Marx