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11. April

Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine
Herrschaft währet für und für.
Psalm 145,13

Als versierter Zeitungsleser und historisch interessierter Theologe weiss ich: Kein irdisches Reich währt ewig. Weder die Perser noch die Römer schafften es. Aber auch die Russen und die Amerikaner werden einst vergehen. Was die Schweiz angeht, meine ich, es gebe sie noch ein Weilchen. Aber auch sie wird verschwinden. Fazit: Es gibt Herrschaften, deren Untergang ich ersehne, und Herrschaften, deren Fortgang ich erhoffe. Was hingegen ein ewiges Reich ist, weiss ich nicht –
zumindest nicht aus Anschauung oder aus der Zeitungslektüre. Und doch rede ich davon, wenn auch in einer ganz bestimmten Form. Mindestens einmal am Tag, manchmal auch mehrmals. «Dein Reich komme.» Es ist das wichtigste Gebet, das ich kenne. Was im Unservater als Bitte reklamiert wird, wird im Psalm als Lob proklamiert. Ich höre, wenn ich die Losung lese, «denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen».
Das ist doch tröstlich! Nur, wie kann etwas ewig sein, das im Kommen begriffen ist? Wie kann ich um etwas bitten, das ich im Lob schon verherrliche? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir uns, was die Halbwertszeit unserer Reiche angeht, chronisch verschätzen.
Maranatha!
(Maranatha: Komm Herr, komme bald!)

Von: Ralph Kunz

10. April

Beugt euch also demütig unter die starke Hand Gottes, damit er euch zu seiner Zeit erhöhe. 1. Petrus 5,6

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, aber die Aufforderung, sich demütig unter die Hand Gottes zu beugen, löst bei mir nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Schliesslich bin ich ein moderner Mensch und halte es mit der Aufklärung: Ich übe lieber den aufrechten Gang, als mich zu beugen – und weiss doch, dass genau das schiefgehen kann. Es braucht nur wenig, und ich muss mich bücken. Weil ich übermütig geworden bin oder weil anderes stärker war als ich. Weil Mächte und Gewalten mich demütigen.
Was aber verspricht die demütige Haltung, die Petrus seinen Leserinnen und Lesern empfiehlt?
Eines ist klar! Der Gott, unter dessen starke Hand man sich beugen soll, hat etwas vor mit den Demütigen. Gott will sie erhöhen. Es ist nicht Gott, der demütigt. Gott macht nicht zur Schnecke. Gott hat Pläne mit den Demütigen. Sie sollen regieren! Weil sie dem Gott dienen, der den Menschen dient. Auf sie ist Verlass. Vor allem erwartet Gott nicht, dass sich verbiegt, wer sich verbeugt. Sich nach seinem Willen zu richten, nach seinem Reich zu trachten und seine Weisungen zu halten, ist Herzenssache. Es geschieht aus Liebe. Kant in Ehren. Aber sich unter die starke Hand Gottes zu beugen, ist nicht nur Pflicht – es ist auch Neigung!
Damit kann ich leben, auch als aufrechter Zeitgenosse.

Von: Ralph Kunz

9. April

Die auf den HERRN sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden. Psalm 34,6

Gemäss der Überschrift zum Psalm schrieb David dieses Gebet, nachdem er beim König von Gat so getan hatte, als wäre er psychisch krank. David tat viele Dinge, die einem anderen, mit den üblichen Hemmungen ausgestatteten Menschen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Davids Hemmschwelle lag nicht sehr hoch. Aber offenbar kannte sogar er das Gefühl, blossgestellt und eine Lachnummer zu sein.
Es gibt wenig, was unangenehmer ist, und es gibt fast nichts, was ein Leben derart beschädigt wie Erniedrigungen. Leider sind sie unter Menschen gang und gäbe und leider kommen gerade Kinder oft unter Druck, wenn Eltern überfordert sind und sich nur noch zu helfen wissen, indem sie das Kind kleinmachen.
Davids grossartige theologische Erkenntnis ist, dass Gott nicht erniedrigt. Gott mag die Sünde nicht, er mag es nicht, wenn man ihm die kalte Schulter zeigt, und er leidet an der Gottlosigkeit seiner Menschen. Aber er stellt uns nicht bloss.
Viel später wird Maria ihr wunderbares Lied singen und davon singen, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht. Sie singt davon, dass aus Gedemütigten Angesehene werden.

Von: Heiner Schubert

8. April

Der HERR, euer Gott, ist gnädig und barmherzig
und wird sein Angesicht nicht von euch wenden,
wenn ihr euch zu ihm bekehrt.
2. Chronik 30,9

Bekehren. Auch wieder so ein Wort. Okay, ja, es gibt in meinem Leben einen Entscheid, bei dem ich mir gesagt habe, dass ich von nun an mit Gott unterwegs sein möchte – aber bekehren klingt für mich wieder so ultraradikal.
Wie dem auch sei. Der Vers sagt mir, dass mein Gott, wenn ich mich denn zu ihm bekenne, gut zu mir sein wird. Er tut dies, weil er gnädig und barmherzig ist, gar nicht anders kann.
Und wenn ich Krebs kriege und todkrank bin? Ist mein Gott dann auch noch gnädig und barmherzig zu mir?
Oder wenn ich eine grosse «Sünde» begehe (siehe Text von gestern), ist mein Gott dann immer noch gnädig und barmherzig zu mir?
Ich wünsche es mir sehr, denn ich glaube daran, dass sich Gott nicht von mir abwendet, egal, wie schlecht es mir gerade geht oder welchen Mist ich gebaut habe. Das ist kein Freipass für ein Leben ohne Grenzen – aber es beruhigt mich, dass mein Gott auch da ist, wenn mein Kind krank ist oder dereinst meine Eltern sterben. Auch das ist keine Versicherung für ein gelingendes Leben, aber es hilft mir, mit dem Leben und den darin enthaltenen Schmerzen fertigzuwerden. Und dafür bin ich meinem Gott unendlich dankbar.

Von: Markus Bürki

7. April

Wer nun weiss, Gutes zu tun, und tut’s nicht,
dem ist’s Sünde.
Jakobus 4,17

Sünde ist ein anstrengendes Wort. Sündig, der Sünder, die Sünderin … irgendwie aus der Zeit gefallen. Und doch, wenn ich im Internet suche, wie oft das Wort «Sünde» in der Bibel vorkommt, dann staune ich – es ist auch egal, wie oft. Vielmehr geht es mir um die Frage, was denn mit dem Wort gemeint sein könnte. Ich lese es als eine Abkehr vom Weg, der zur Liebe hinführt. Ein eigentliches Wissen und doch kein Tun. Und schon sind wir bei den Todsünden. Völlerei ist nicht gut, okay, und doch ist es manchmal einfach schön, sich zu überessen und zu viel zu trinken, oder nicht?
Zielverfehlung, Misstrauen, Masslosigkeit, Verführung, Blindheit, Verhärtung des Herzens … sind für mich andere Wörter, welche Sünde auch versuchen zu umschreiben.
Im Vers geht es darum, dass ein Mensch (du?) etwas Gutes kennt, das zu tun wäre, und es dann doch nicht tut. Das kann auch wieder tausend Gründe haben, warum etwas Gutes gerade nicht getan wird oder warum ein Mensch sich gegen das Gute entscheidet. Was ist denn gut? Für mich eine Handlung, Entscheidung oder Lösung, welche die Liebe und das Wohl der Menschen auf der Welt verbessert und nicht egoistisch und eigennützig ist.
Damit ist dann wieder Gott gedient, weil Gott die Liebe ist! Alles klar?

Von: Markus Bürki

6. April

Die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Jesaja 58,7

Der letzte Teil des Jesajabuchs geht von der befreienden Erfahrung aus, dass Juden aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückkehren konnten. Hier bauten sie nicht nur die Häuser der Stadt wieder auf, sondern richteten auch den Gottesdienst und das Leben nach den Geboten neu ein. Regeln, wie und an welchen Tagen man fasten sollte, waren ein grosses Thema. Das Kapitel 58 gibt dazu einen Diskussionsbeitrag: Könnte man das Fasten auch ganz anders verstehen? Im Vordergrund steht nicht der Verzicht auf Nahrung. Sondern es geht vor allem darum, eine neue Zuwendung zu den Mitmenschen einzuüben, die von Mitgefühl und Barmherzigkeit geprägt ist. Wie begegnet man denjenigen Menschen, die sich wegen ihrer Bedürftigkeit in einer schwächeren Position befinden und auf die Mitmenschlichkeit von anderen angewiesen sind? Gerade für sie müsste es möglich sein, in ihrer Notlage eine befreiende Erfahrung zu machen. «Bedeutet das Fasten nicht: für den, der Hunger hat, dein Brot brechen. Arme, die heimatlos sind, lässt du ins Haus kommen. Wenn du einen siehst, der keine Kleider hat, deckst du ihn zu.» Eine sehr ähnliche Aufzählung findet sich im Neuen Testament (Matthäus 25,35 f.). Das Losungswort zeigt: Die «Werke der Barmherzigkeit» sind keine christliche Erfindung, sondern haben ihre ursprüngliche Heimat im Judentum.

Von: Andreas Egli

5. April

Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
1. Samuel 2,7

Ist es ein Naturgesetz? Die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. Die Armen sind weiterhin arm oder werden noch ärmer, aber die Reichen können ihren Besitz vermehren. Nein, protestiert der Text, es könnte auch ganz anders herauskommen. Es könnte sein, dass sich die Rangliste plötzlich umkehrt, und dabei hat Gott seine Hand im Spiel. Ein Gebet, das nicht in die Sammlung der Psalmen aufgenommen worden ist, hat dies zum Thema (Verse 4–10). Bis zum Losungsvers hin könnte man denken, dass die Veränderung so oder so ausgehen könnte. «Der HERR lässt arm werden und er lässt reich werden. Er lässt niedrig werden und er erhöht.» Aber wenn man im Psalm weiterliest, wird es klar, dass er eine eindeutige Tendenz hat. Gott steht auf der Seite des Armen und hilft ihm, sich aufzurichten. Gott gibt dem, der wenig Macht hat, einen Ehrenplatz (Vers 8). Und am Schluss heisst es: Dem König des kleinen Landes Israel wird Stärke gegeben (Vers 10). Eindeutig ist der positive Umschwung auch in der Erzählung, in welche das Gebet eingefügt ist. Ein Paar musste lange auf die Erfüllung seines Kinderwunsches warten. Als kinderlose Frau war Hanna in der damaligen Zeit sehr benachteiligt. Umso grösser war ihre Dankbarkeit, als sie ein Kind zur Welt brachte. Ihr Sohn Samuel wurde einer der ersten Propheten.

Von: Andreas Egli

4. April

Er wird sich unser wieder erbarmen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Micha 7,19

Es war zu Michas Zeit offenbar wie heute an vielen Orten der Welt: Durcheinander, Hunger, Unrecht. Das Michabuch vertraut darauf, dass Gott, die Lebendige, sich zeigen wird. Ja, mehr noch, dass sie sich erbarmen wird und die Sünden in die Tiefe des Meeres werfen wird. Beim Lesen der Zeitung oder beim Anschauen der Tagesschau wird mir oft übel. Darum versuche ich, mit dem Verb «erbarmen» klarzukommen. Zwar weiss ich nicht genau, was es bedeutet. Aber ich denke, es geht darum, dass die Lebendige hilft, mit der Situation klarzukommen. Dann stosse ich aber an: Was ist mit den Millionen von Menschen auf der Flucht, was mit denen, die kein Dach über dem Kopf haben, oder mit denjenigen, die den Kriegen ohnmächtig ausgeliefert sind? Werden sie Erbarmen erfahren? Ich weiss es nicht. Ich kann einfach nur für sie beten. Die Meere sind verschmutzt, leergefischt. Hat es da noch Platz für unsere Sünden?
Jetzt will ich aber aufhören mit meinen Klagen und das Herz öffnen für das Vertrauen in Gott, will mich daran halten, dass die Lebendige sich erbarmt und hilft. Hat nicht Micha gesagt, dass Schwerter zu Pflugscharen werden? Dann sind die Sünden tief im Meer vergraben.
Danke, Gott des Lebens, dass du da bist und wir deines Erbarmens sicher sein dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. April

Mein Volk tut eine zweifache Sünde:
Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und
machen sich Zisternen, die doch rissig sind
und das Wasser nicht halten.
Jeremia 2,13

Und das, wo Gott, die Lebendige, doch das Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt hat! Die lebendige Quelle hat es verlassen. Und es ist eine Sünde, Zisternen zu bauen, die rissig sind.
Ist unser Glaube nicht auch rissig? Können wir gerade heute einfach darauf vertrauen, dass die Lebendige bei uns ist, uns Kraft schenkt, Vertrauen, Hoffnung? Ich denke an die Menschen, für die jeder Wassertropfen, den sie erhaschen können, wichtig ist. Und so ist es mit dem rissigen Glauben. Es bleibt irgendwo im Herzen ein Tropfen lebendiges Wasser. Jeremia spricht zum Volk. Da sollten ja viele Tropfen zusammenkommen. Aber offenbar braucht es Zeit, um sie zu erkennen. Und wieder spricht der Text auch zu mir. Ich kann die rissige Zisterne flicken, oder ich kann einfach alles Rissige in Gottes Hand legen. Offenbar braucht es Zeit, Zeit, damit in unsere Welt, in der so viele Risse sind, Gerechtigkeit und Frieden kommen. Der Tropfen im Herzen lädt ein, dafür zu beten und immer wieder daran zu glauben, dass eine bessere Welt möglich ist. Genau wie damals braucht es Zeit und Kraft.
Schenke du uns Wassertropfen, damit wir vertrauen und hoffen können.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. April

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. 2. Korinther 1,3

Wenn Sie vor Wut zu platzen drohen, welche bewährten Hausmittel für die Seele wenden Sie an? Eine Nacht darüber schlafen? Das Mail nicht sofort abschicken, sondern anderntags sachlich überarbeiten? Jemand Unbeteiligtes suchen, bei dem man sich aussprechen und ausheulen kann? Oder sind Sie bloss froh, wenn es mit monotoner Stimme heisst «Ihr Anruf kann zurzeit nicht entgegengenommen werden»?!
Paulus’ Beziehung zu den Korinthern ist nicht nur kompliziert und angespannt, sondern zum Verzweifeln. Dennoch schreibt und schickt er einen Brief, der bis heute immer wieder rettet, was zu retten ist.
Der Mund wird ihm trocken gewesen sein vor lauter Sarkasmus, der herausmuss gegen die selbsternannten Überapostel. Komplimente kann er ihnen kaum machen, nicht einmal aus pädagogischen Gründen. Sein bewährtes Hausmittel für die Seele heisst: Gotteslob. Der wütende Apostel schreibt nicht nur an die Korinther, sondern zuerst an sich selbst, gemäss der alten Weisheit: Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter. Er erinnert also sich selbst und die Korinther gleich im dritten Vers an den Vater, der barmherzig und ganz bei Trost ist. Wenn man so anfängt, hat man später viel weniger zu bereuen, ganz gleich, wie sehr man sich noch aufregt, wie lang die Selbstrechtfertigung gerät und wie schwer die Vorwürfe sind.

Von: Dörte Gebhard