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16. August

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 1. Mose 4,7

Vielen dürfte das, wie mir selbst, besonders aus der Kinderzeit vertraut sein: Wenn ich das Gefühl habe, etwas sei «krumm» gelaufen, dann fällt es schwer, jenem Menschen in die Augen zu blicken, der mich darauf anspricht. Ich habe, wie man das weitherum so nennt, ein «schlechtes Gewissen». Nicht nur, weil ich mich ärgere, mich schäme oder aufgebracht bin – auch, weil ich darüber sinne, wie ich aus dieser Sache einigermassen unbeschadet wieder herauskomme. So erging es Kain, zu dem in der frühen Legende Gott spricht. Weil er seinen Zorn und wohl auch die Rachegefühle erkannt hat gegenüber dem Bruder, dessen Brandopfer mehr Beachtung gefunden hatte. Gott weist ihn nicht zurecht, sondern eröffnet ihm die Chance, dem geplanten Brudermord zu entsagen. Er zeigt Verständnis für seine dumpfen Gefühle, ermahnt ihn aber, diese von sich aus zu beherrschen. Erst danach begeht Kain die Schreckenstat. Im vollen Bewusstsein. Mir kommen eigene Geschichten in den Sinn, in denen ich sehenden Auges den falschen Ausgang aus einem vertrackten Konflikt gewählt habe …
Das geradezu liebliche Mahnwort Jahwes möchte ich mir unübersehbar an meine inneren Wände heften, dass es mich jedes Mal zu einem Innehalten bewege – vor einer Tat.

Von: Hans Strub

15. August

Ich will dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben. Psalm 63,5

Sie warf die Arme vor Freude in die Luft und rief laut: «Ich hab’s geschafft! Ich habe es nicht geglaubt: Ich bin geritten!»
Ein lang gehegter Traum ist für die Zwanzigjährige Wirklichkeit geworden. Ihr Anderssein, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, schienen unüberwindbare Hindernisse: Übergewicht, Muskelschwäche, Höhenangst.
Aber sie gab nicht auf. Der Weg war lang und mühsam. Und dann war es endlich so weit: Sie sass auf dem Pferd und konnte eine Runde reiten. Konzentriert und versunken in den Moment gleichermassen genoss sie die wiegende Bewegung auf dem Pferderücken.
Dieser Moment wurde zur wunderbaren, unvergesslichen Ewigkeit. Immer wieder rief sie: «Ich habe es nicht geglaubt!» Sie warf die Arme in die Luft. Dann umarmte sie das Pferd, dann uns alle, die wir dabei waren und geholfen hatten.
Und wir wurden von ihrer unbändigen Freude angesteckt und lobten Gott.

Von: Barbara und Martin Robra

14. August

Der HERR sprach: Ich habe vergeben, wie du es erbeten hast. 4. Mose 14,20

Wunder gibt es immer wieder … und Vergebung ist ein Wunder. Vergebung passiert, wenn sie erbeten wird – bei Gott und unter Menschen. Und wenn nicht sofort, dann vielleicht später – wir dürfen beten und hoffen.
«Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein», dichtete
Paul Gerhardt 1653.
Fast alle Religionen kennen Vergebung als Voraussetzung eines friedlichen, solidarischen Miteinanders in einer Gemeinschaft. Aber Vergebung ist nicht nur ein religiöses, spirituelles Phänomen. Philosophie, Psychologie, Medizin, Soziologie und Politik … wann immer Leben gefährdet, Miteinanderleben verwehrt und keine gemeinsame Zukunft möglich scheint – kann es doch einen Neuanfang geben durch wahrhaftige Vergebung. Die Gruppe der «Elders» mit Nelson Mandela und Desmond Tutu bezeugen das mit ihrem Leben und Handeln: Vergebung ist Voraussetzung für einen Neuanfang, für Menschlichkeit und Freiheit – und deshalb das Ende von Hass und Gewalt.
Vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Das dürfen wir beten und hoffen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. August

Gottes Wahrheit ist Schirm und Schild. Psalm 91,4

Da können wir gleich weiterfahren, wo wir gestern aufgehört haben!
Nicht Fels, sondern Schirm und Schild kann Gott sein. Also etwas, das wir mitnehmen zu unserem Schutz und unserer Verteidigung. Wenn ich mich von Gott geschützt und behütet fühle, geht es mir besser. So einfach ist das, nur ist es nicht immer so. Es gibt Zeiten, wo ich mich ungeschützt und verwundbar fühle, unsicher und ohne festen Grund. Oh, wie wünscht man sich dann, schnell wieder in Sicherheit zu sein. Doch so schnell geht das allemal nicht, es kann Tage, Wochen, manchmal Jahre dauern, bis sich diese Überzeugung wieder oder zum ersten Mal einstellt. Die Zeit läuft und das Leben geht weiter, ohne diesen Schutz und diesen Schirm. Wo ist dann Gottes Wahrheit? Im Nachhinein und wieder auf festem Grund, kann ich mir dann sagen, dass Gott mich hindurchgetragen hat und ich nicht zuschanden geworden bin. Gott hilft einem hindurch.
Ein Gedicht von Margaret Fishback Powers erzählt von dieser Wahrheit. Eines Nachts hatte sie einen Traum. Da ging sie mit einem Herrn am Strand. Während des Gehens zogen viele Stationen ihres Lebens vorbei. Dann schaute sie zurück und sah, dass gerade in den schwierigen Zeiten ihres Lebens nur eine Spur zu sehen war. Sie fragte den Herrn, warum er sie allein gelassen habe. Der HERR antwortete: «Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.»

Von: Kathrin Asper

12. August

Der HERR lebt! Gelobt sei mein Fels! Psalm 18,47

Dieser Psalm besingt das persönliche Verhältnis eines Gläubigen zu seinem Gott, der ihn liebt, sich zu ihm herablässt und ihn aufrichtet.
Gott lebt und ist mein Fels, ist Gegenwart, ewig und unverrückbar. Wann brauche ich diese Zusicherung?
Ich brauche sie, wenn es mir schlecht geht und ich im Loch der Verzweiflung stecke, wenn nichts mehr sicher ist und sich keine Zukunft zeigt. Dann benötige ich diese Zusicherung. Wer gibt sie mir, wenn ich sie mir nicht selber geben kann? Ist es ein Aussenstehender, empfinde ich dies wie Hohn und kann es nicht glauben. – Tut sich aber langsam die Dunkelheit auf und kommt von innen her ein Lichtstrahl, dann beginne ich zu hoffen. Hat sich dann mein Leben wieder eingerenkt und stehe ich auf festem Grund, bin ich dankbar. Dann muss ich anerkennen, dass die Hilfe nicht von mir kam, dann kann ich loben und preisen. Denn Gott hat sich lebendig gezeigt und ich kann den Felsen, die Unverrückbarkeit Gottes loben, so wie es David in diesem Dankeslied tat.
Es gibt eine Wahrheit, die immer stimmt und verschiedenste Quellen hat, so auch König Salomon. Sie lautet: «Nichts ist von Dauer. Alles geht vorüber.» Auch das ist, wie die heutige Losung, Trost in schweren Zeiten.
Und der am Ostermontag verstorbene Papst Franziskus betonte immer wieder: «Niemand kann sich selber retten.»

Von: Kathrin Asper

11. August

Wer des HERRN Namen anrufen wird, der soll errettet werden. Joel 3,5

«In Gottes Namen» ist eine Floskel, ein Stossseufzer, der Schicksalsergebenheit ausdrückt. Begleitet vom Bekenntnis: «Es ist so, wie es ist.» Wenn es schlimm kommt, folgt vielleicht ein «um Gottes willen!».
So oder so – wer geistlos von Gott daherredet, verspricht sich nicht viel von seinem Namen. Der Prophet gibt denen, die den Namen Gottes anrufen, ein ganz anderes Versprechen. Wer ihn ruft, wird gerettet! Was gibt uns die Zuversicht, dass es kein leeres Versprechen ist? Es hört sich ein klitzeklein wenig nach Magie an, nach Simsalabim oder sonst einem Zauberwort. Und ist da nicht das harte Wort Jesu, «dass nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! in das Reich der Himmel eingehen wird, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut» (Matthäus 7,21).
Nein, Joel verspricht nicht Magie, sondern Pneumatologie! Es heisst: «Ich will meinen Geist ausgiessen über alles Fleisch.» (Joel 3,1) Wer den Geist hat, ruft Gott, und wer Gott ruft, bekommt den Geist. Und der Name? Der bürgt dafür. Gott heisst nicht «es ist, wie es ist», sondern «ich bin, der ich bin» (Exodus 3,14). Der Name ist nicht Schall und Rauch, Gott ist nicht anonym, kein Es, sondern Du. Im Namensanruf wird Gott gegenwärtig. Und wenn ich daran zweifle? Dann halte ich mich an den, der im Namen Gottes verspricht, dass der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist schenken wird, die ihn darum bitten (Lukas 11,13). Amen!

Von: Ralph Kunz

10.August

Der HERR segne dich und behüte dich. 4. Mose 6,24

Am Ende des Gottesdienstes empfängt die Gemeinde den Segen Gottes mittels einer Sprechhandlung, die mehr verspricht, als Menschen halten können: Schutz, Lebenskraft und Frieden! Mit dem Zuspruch kommt das Bild der göttlichen Zuwendung. Im aaronitischen Segen ist es das göttliche Angesicht, das über mir aufleuchtet und mich anstrahlt wie die Sonne. Aus der göttlichen Quelle fliesst es in mich hinein –
das göttliche Licht, das mich stark macht, lebendig und friedfertig. Und sättigt! Segen ist für mich auch ein Lebensmittel. Er nährt die Seele. Und unsere Seelen sind gefrässig.
Manchmal holen wir uns einen falschen Segen – hängen an der Flasche oder einem anderen Laster, das uns mehr nimmt als gibt. In seinen wunderbar gewitzten «Dienstanweisungen für einen Unterteufel» beschreibt C. S. Lewis das Gegenteil der göttlichen Segenskraft als ein Saugen, das uns leer macht. «Für uns», meint der Oberteufel, «bedeutet der Mensch hauptsächlich ein Nahrungsmittel; wir bezwecken, seinen Willen vollständig aufzusaugen in unseren Willen … Wir brauchen Vieh, das schliesslich zum Frass wird. Gott sucht Diener, die zuletzt zu Töchtern und Söhnen werden. Wir saugen sie aus. Er gibt sich her. Wir sind leer und wollen uns füllen. Gott besitzt die Fülle und fliesst über.»
Heute ist der Tag des Überfliessens, lassen Sie sich eine doppelte Ration Segen geben! Meinen haben Sie schon.

Von: Ralph Kunz

9. August

Tut von euch die fremden Götter, die unter euch sind, und neigt euer Herz zu dem HERRN. Josua 24,23

Josua bleibt nicht mehr viel Zeit. Er weiss, dass er bald sterben wird.
In einer grossen Rede erinnert er das Volk an die Abenteuer, die sie gemeinsam durchgestanden haben; er erinnert sie daran, dass alles, was gelang und auch was schiefging, mit ihrer Beziehung zu dem einen Gott zu tun hat. So fordert er seine Leute auf, sich nicht ablenken zu lassen von fremden Göttern. Das Erstaunliche geschieht: Alle sind einverstanden damit, einen Bund zu schliessen, der auf dem Grund des Glaubens an den einen Gott fusst. Josua kann sich beruhigt ins Grab legen.
Es ist eine eigentliche Sternstunde, die die Bibel uns hier schildert. Seltene Einigkeit herrscht. Alle verstehen in diesem Augenblick, worauf es wirklich ankommt. Sie schliessen ihre Reihen und sie verpflichten sich. Als Zeichen lässt Josua ein grosses Steinmal aufstellen. Diese Abmachung hielt nicht ewig, aber sie hielt erstaunlich lange.
Der Bericht im Josuabuch erinnert uns daran, wie wichtig es ist, manchmal Dinge abzumachen und festzuschreiben und ihnen eine sichtbare Form zu geben.
«In der Hauptsache Einheit, in den Nebensachen Vielfalt» ist ein Grundsatz, den zu beherzigen sich lohnt. Sie kennen bestimmt Situationen, in denen dieser Grundsatz umgekehrt wurde. Das daraus erwachsende Chaos macht die Menschen kaputt und verbaut die Zukunft. Der Glaube an den einen Gott kann die erstaunliche Kraft eines Klebstoffs entfalten, der alles zusammenhält.

Von: Heiner Schubert

8. August

Ich habe mir vorgenommen; Ich will mich hüten,
dass ich nicht sündige mit meiner Zunge. Psalm 39,2

Ja, die Zunge kann nicht nur «gepierct» werden, sie kann auch viel Leid anrichten – und viel Schönes bewirken.
Die Zunge bringt erst die Möglichkeit, Gott zu danken. Und die Zunge ist es auch, die Jesus in einer seiner Heilungen wieder zum Leben erweckt, sodass ein Stummer wieder reden kann. Zungenrede, tödliches Gift, mörderischer Pfeil, Tod und Leben, Lügenzunge … es finden sich ganz viele Texte zur Zunge in der Bibel. Gemäss Internet sollen es über hundertzwanzig Stellen sein! Wahnsinnig, aber verständlich.
Dank der Zunge können wir uns in einer Sprache ausdrücken, dank der Zunge können wir essen, und die Zunge ist es, die uns Süss, Sauer, Salzig, Bitter und Umami erfahren lässt. Und wer erinnert sich nicht an seine schönsten Zungenküsse …
Wenn uns Gott ein so wunderbares Organ schenkt, dann sollten wir auch Sorge dazu tragen, es angemessen nutzen und nicht zu viel damit plappern. Worte verletzen, Worte zerstören. Ist vielleicht deshalb so oft von der Zunge die Rede in der Bibel? Ich weiss es nicht, finde es aber sehr spannend: «hüte deine Zunge», «es liegt mir auf der Zunge», «etwas mit tausend Zungen predigen», «mit gespaltener Zunge reden» und viele weitere uns bekannte Aussagen.

Von: Markus Bürki

7.August

Jesus sprach: Weh euch Pharisäern! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze und Raute und allem Kraut und geht vorbei am Recht und an der Liebe Gottes. Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Lukas 11,42

Weh euch Pharisäern! Die armen Pharisäer kommen schlecht weg. Nicht nur in diesem Bibeltext, Jesus zieht gerne über sie her. Verlogen, rechthaberisch, besserwissend, kurz, einfach anstrengend. In meiner Arbeit habe ich auch schon mehrmals den Ausdruck «Pharisäer» gehört – meistens nicht im guten Sinne, vielmehr für die Ungläubigen oder die, welche sich hinter Prunk und Worten und Ritualen verstecken müssen. Kleider machen Leute.
Bei «The Chosen» (Die Auserwählten – eine US-amerikanische Fernsehserie zum Leben von Jesus) kommen die Gelehrten immer schön angezogen und Jesus selbst in seinen einfachen Kleidern.
Ich finde, das sagt viel aus. Gerade in der evangelischen Tradition sollte es uns bewusst sein, dass Kleider, Bilder und auch schöne Kirchen nicht das Zentrum des Glaubens sind, sondern vielmehr ein Hilfsmittel, um in die richtige Stimmung oder den richtigen Herzschlag zu kommen.
Dennoch, Kleider machen Leute. Immer wenn ich in den Alters- und Pflegeheimen im T-Shirt den Gottesdienst abhalte, fühle ich mich ganz wohl, weil ich sonst schwitzen würde und weil es auch sonst nicht meine Art ist. Da halte ich es ganz mit Jesus und trage einfache Kleidung anstelle eines Kittels.

Von: Markus Bürki