Kategorie: Texte

9. Juni

Sieht Gott nicht meine Wege und zählt alle
meine Schritte?
Hiob 31,4

«Heb Sorg», sagen wohlmeinende, meist ältere Leute zu
jemandem, die oder der gerade zur Tür rausgeht, die Tasche
über der Schulter, auf dem Weg zu einer neuen Unternehmung,
einem neuen Abenteuer. «Klar, s chunnt scho guet»,
könnte eine Antwort darauf sein, unbekümmert, vital,
selbstbewusst. Ich hoffe, Sie sind auch schon einmal diese
Person gewesen, die mit Ur- oder Gottvertrauen zur Tür
rausgeht und frohgemut die schützende, vertraute Umgebung
verlässt.
Die «Nackenschläge des Lebens» hingegen können uns ins
Wanken und Straucheln und zum Zweifeln bringen. Hiob
musste unmenschliche Nackenschläge einstecken und fragt
sich nun, ob er etwas falsch gemacht hat. Ob es eine Erklärung
für sein Leid gibt. Ob er es verdient hat, ob Gott ihn vielleicht
für früheren Erfolg und Überheblichkeit straft. Aber
er findet nichts.
Trost und Bestätigung findet er in einer persönlichen
Begegnung mit Gott, der gar nicht auf sein Leid eingeht,
sondern seine Grösse und Schöpferkraft preist. Dies hat für
mich etwas Verstörendes und etwas Tröstliches zugleich:
Gott steht nicht in einem Zusammenhang mit Hiobs Leid, er
erwähnt es nicht einmal. Aber auch: Gott ist kein strafender
Gott, der abrechnet und die Menschen dadurch erzieht. Dies
regt mich an, über mein Gottesbild nachzudenken.

Von: Katharina Metzger

8. Juni

Paulus schreibt: Obwohl meine leibliche Schwäche
euch eine Anfechtung war, habt ihr mich nicht
verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern mich
wie einen Engel Gottes aufgenommen, ja wie
Christus Jesus.
Galater 4,14

Der Text berührt in seiner Menschlichkeit. Paulus tritt hier
als weitgereister Missionar und charismatisches Vorbild vor
seine Gemeinde, doch ist er für alle sichtbar gesundheitlich
angeschlagen. Er schämt sich dafür und wäre auch nicht
erstaunt, wenn das Publikum als Geste der Verachtung vor
ihm auf den Boden spucken würden. Aber nein, sie empfangen
ihn «wie einen Engel Gottes».
Wir könnten nun Paulus unterstellen, dass er diesen Vers
als rhetorischen Kniff einsetzt, um der Gemeinde zu schmeicheln.
So im Sinne von: «Ihr seid ganz tolle Leute, weil ihr
mich nicht an meinem gebrechlichen Zustand, sondern
an meiner Botschaft messt.» Doch auch diese Sichtweise
berührt, denn stellen wir uns Paulus vor, den bewanderten
und gebildeten Apostel, der sehr wohl um sein Charisma
weiss, mit dem er zahlreiche christliche Gemeinden gründete
und Menschen bekehrte: Wie er sich zu seiner eigenen
Fragilität bekennt und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern
für ihre Reaktion dankbar ist, führt mich zu einer mir kostbarsten
Essenz unserer christlichen Wurzeln: nämlich mich
täglich so anzunehmen, wie ich bin, und mich auch in meiner
Unvollkommenheit wertzuschätzen. Umgekehrt aber auch
den Mut aufzubringen, für die eigenen Blessuren einzustehen
und darauf zu vertrauen, dass es Menschen gibt, die
mich «wie einen Engel Gottes» aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann

7. Juni

Der HERR spricht: Siehe, ich sende einen Engel vor dir
her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an
den Ort, den ich bestimmt habe.
2. Mose 23,20

Warum? Warum musste das mir passieren? Diese Frage
drängt sich anscheinend unweigerlich auf, wenn uns etwas
geschieht, das wir als Unfall, als Schicksalsschlag erleben.
Interessanterweise stellen wir die Frage aber nicht, wenn
es uns gut geht. Warum passiert ausgerechnet mir nichts?
Warum bleibe ich verschont? Warum gelingt mir, was ich mir
vorgenommen habe? Warum erlebe ich mehr glückliche als
betrübliche Zufälle?
Vor etlichen Jahren schrieb uns ein guter frommer Freund
einmal: «Ich glaube, Gottes Güte zeigt sich vor allem in der
Bewahrung.» Genau die verspricht das heutige Losungswort.
Der Ewige sagt seinen Schutz zu, nachdem sein Volk
von Gott die Weisung erhalten hat, Orientierung auf dem
Weg in die Freiheit. Wenn wir die Geschichte vom Auszug
aus den Bindungen und Abhängigkeiten in die Weite, ins
Erhoffte lesen, werden wir indessen wiederholt auf Ereignisse
stossen, die uns fragen lassen, ob das Volk da wirklich behütet
wurde. Diese Frage mögen wir auch haben, wenn wir auf
unseren eigenen Weg zurückschauen. Eine Verheissung ist
eben keine Garantieerklärung, sondern die Einladung, uns –
notfalls gegen den Augenschein – einzulassen, zu verlassen
auf Gott, der Engel schickt, damit wir gut im Leben und bei
Gott ankommen.

Von: Benedict Schubert

6. Juni

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.
Jesaja 43,5

Gesprächsrunden im Kreis von Freund:innen kippen in
letzter Zeit manchmal in ein Aneinanderreihen schlimmer
politischer und ökologischer Entwicklungen auf unserem
Planeten. Dann wächst das Gefühl von Angst. Angst vor
der Zukunft, auch für unsere Kinder, Angst vor der eigenen
Machtlosigkeit, Angst vor Verzweiflung.
Aber: Wenn wir nicht nur trostlose Fakten aufzählen, sondern
unsere Gefühle dazu teilen, den Schmerz ernst nehmen,
den wir angesichts der gefährdeten Welt, des zerstörten
Lebens empfinden, dann kann etwas in Bewegung geraten.
Wir können uns als ganz kleinen Teil des Ganzen wahrnehmen,
aber nicht mehr isoliert und hilflos: Wir können unsere
Verbundenheit mit allem Lebendigen, unser Eingebettetsein
in Räume und Zeiten und Beziehungen erfahren. So denkt
die Tiefenökologin, Systemforscherin, Umweltaktivistin und
Buddhistin Joanna Macy. Furcht und Ängste werden dann
in etwas Grösserem aufgehoben. Macy nennt es Liebe oder
Dankbarkeit. Sie sieht die Haltung der Dankbarkeit gegenüber
dem Leben mit seinen Herausforderungen und Krisen
als einen zutiefst subversiven Akt. Wenn wir dankbar seien,
liessen wir uns nicht mehr einlullen von den leeren Versprechen
der Konsumgesellschaft, sondern öffneten uns für das,
was wirklich ist, und das, was kommen will.

Von: Matthias Hui

5. Juni

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen
lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung
vor Gott kundwerden!
Philipper 4,6

In manchen Familien und Beziehungen müssen sich die
Männer nicht sorgen. Die Zutaten für das Abendbrot sind
immer schon da. Der nächste Kindergeburtstagstermin ist
notiert, das Geschenk gekauft. Bei den Grosseltern wird
regelmässig nachgefragt, wie es geht. Aber es ist weniger der
liebe Gott, der alles bedenkt und erledigt. Es ist die Partnerin,
die Mutter der Kinder, die Geliebte, die Frau.
Natürlich ist das überzeichnet. Natürlich sind viele Männer
auf dem Weg, sich zu verändern. Aber viele einfach mal ein
bisschen. Man möchte die tollen beruflichen Aussichten, die
bequemen Gewohnheiten in der eigenen Rolle nicht gleich
aufgeben. Auch wenn viele spüren, dass das alles der eigenen
Gesundheit, dem eigenen Glück nicht wirklich guttut. Dass
die Privilegien ja nicht nur Freiheiten bedeuten, sondern
gleichzeitig ein Gefangensein in engen Mustern. Dass nicht
nur die Sorge um andere zu kurz kommt, sondern auch die
Sorge um sich selbst.
Deshalb sollten (wir) Männer nicht darum beten, dass uns
andere Personen oder der liebe Gott Sorgearbeit abnehmen.
Sondern danken dafür, dass wir uns nicht sorgen müssen,
wir könnten auf dem Weg in neue Beziehungen und
Geschlechterrollen ins Bodenlose abstürzen.

Von: Matthias Hui

4. Juni

Der HERR sprach: Mein Angesicht soll vorangehen;
ich will dich zur Ruhe leiten.
2. Mose 33,14

Gott zeigt sich dem Volk, er wird es durch die Wüste führen
und in ein fruchtbares Land bringen. Aber er wird nicht
selber vorangehen, sondern einen Boten senden, einen
«Stellvertreter», einen «Engel». Gott nennt ihn «mein
Angesicht». Das kann ihm Mose, dieser ganz besondere
Gottesdiener, abringen. Er hat schon mehrfach mit Gott
Begegnungen gehabt, aber keine direkten, unmittelbaren.
Eine solche, so hört er Gott sagen, würde er nicht aushalten
können (Vers 19). Gott gibt sich zu erkennen, er braucht dazu
«Boten». Und das können andere Menschen sein! Menschen,
die mir begegnen, die mir, verbal oder nonverbal,
Botschaften zukommen lassen, die für mich wichtig sind. Die
Frage ist nicht nur, ob ich sie erkenne. Viel entscheidender
ist es, ob ich überhaupt mit solchen Begegnungen, die dann
wohl Face to Face sein können, rechne. Ob ich also sensibel
genug bin, in einer Situation oder in einem Menschen Gottes
«Boten» wahrzunehmen. Selber habe ich solche Begegnungen
meist erst hinterher deuten können …
So verstehe ich den zweiten Teil des Verses von heute:
Gott will «Boten» schicken, damit wir gut leben können (in
«Ruhe»). Ich soll darauf gefasst sein und nicht vorschnell
solche unerwarteten Begegnungen als «zufällig» bezeichnen.
Es könnten Hinweise sein, die für mich wichtig sind und
die es lohnen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Von: Hans Strub

3. Juni

HERR, du bist allein Gott über alle Königreiche auf
Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.
2. Könige 19,15

Dem Gebet des Königs Chiskija im Jerusalemer Tempel
gehen wiederholte Drohungen und Gottesverhöhnungen
von feindlichen Herrschern voraus. Die politische Lage ist
höchst angespannt, die Stadt ist bedrängt. Und da geht ihr
König hin und betet! Er lobt Gottes Kraft und sagt ihm klar,
dass er in grösster Sorge um Jerusalem ist, weil die Assyrer
bereits über viele Länder und Städte Unheil gebracht haben.
Aber nur wir, sagt er, haben einen lebendigen Gott, der die
Welt verändern kann (Verse 16–18). Und dann bittet er um
Rettung, damit die ganze Welt sehen kann, «dass du, Herr,
allein Gott bist» (Vers 19). Auf das Gebet und damit auf
den hörenden Gott vertrauen, das ist hier wichtiger als die
Befehlsausgabe zur militärischen Verteidigung. Eine eher
unerwartete Reihenfolge, aus der er Hoffnung bezieht. Bis
heute ist diese Geschichte eine Herausforderung: Wie weit
reicht mein Gottvertrauen in Not und Gefahr? Wie sehr
setze ich Hoffnung in Gott, dem ich Hilfe und Rettung
zutraue? Bemerkenswert an Chiskijas Gebet ist zudem, dass
seine Bitte erst am Ende folgt und dass er vorher Gott zeigt,
wie er als König zu ihm steht. Wie er nicht an Gottes Möglichkeiten
zweifelt und glaubt, dass ihm diese direkte Anrede
Gottes Hilfe bringt. Er ermutigt mich, mit Gott zu reden und
meine Lage so darzustellen, wie sie ist, auch meine Gefühle
und Gedanken. Dann darf ich auf Erhörung hoffen.

Von: Hans Strub

2. Juni

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause
des HERRN immerdar.
Psalm 23,6

Gott ist immer da.
Gott kann man alles sagen.
Gott gibt mir alles.
Gott begleitet mich durch mein Leben,
auch wenn es nicht immer einfach ist.
Er ist immer für mich da.
Als ich auf die Welt kam, war er da.
Als ich die Salben auf dem Wickeltisch verschmierte,
war er da.
Als ich Velofahren lernte, war er da.
Als ich das erste Mal zur Schule ging, war er da.
Als ich in die 4. Klasse kam, war er da.
Als ich in die 7. Klasse kam, war er da.
Wenn ich in das Berufsleben eintreten werde,
wird er da sein.
Und wenn ich schwierige Situationen erleben werde,
wird er da sein.
Auch wenn ich sterben werde!
Amen.


Das Gebet hat eine meiner Konfirmandinnen zu Psalm 23,6
geschrieben und im Konfirmationsgottesdienst vorgetragen.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Juni

Ich habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. 1. Samuel 1,15

Diese Worte sagt Hanna zu Eli. Er hält sie nämlich für betrunken.
Denn er sieht nur, wie sich ihre Lippen bewegen, ihre
Stimme aber hört er nicht. Er fordert sie auf, nüchtern zu
werden. Da erklärt ihm Hanna: «Ich bin eine verzweifelte
Frau. Und ich habe weder Wein noch Bier getrunken, ich
habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet.»
Hanna, die sich so sehr ein Kind wünscht. Oder irgendeine
andere Frau mit demselben Wunsch. Sie schüttet uns ihr
Herz aus. Ein ganzes Meer von Betrübnis liegt da. Wie schnell
kommt eine Antwort über unsere Lippen. Wie schnell haben
wir einen Lappen zur Hand, um die Wasserlache wegzuputzen.
Weil wir die Verzweiflung nicht verstehen. Nicht verstehen
wollen. Nicht aushalten können.
Und dann sagt diese oder jene andere Frau zu mir, dreissig
Jahre später, wie schwierig es sei, nie Grossmutter zu werden.
An die Kinderlosigkeit habe sie sich irgendwann gewöhnt.
Doch die Enkellosigkeit sei ein neuer Schmerz. Ich höre, wie
die neue Verzweiflung sich mit der alten vermischt. Ein ganzes
Meer von Betrübnis liegt da. Ich könnte ihr jetzt doch
von Hanna erzählen. Wie deren Klage sich in Lob verwandelt.
Dass Gott schon weiss, was richtig ist. Nein. Ich lasse den
Lappen fallen. Und glaube der Frau. Es braucht nicht immer
eine Antwort. Weil es nicht immer eine gibt.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Mai

Alle, die dem HERRN widerstehen, werden zu ihm
kommen und beschämt werden.
Jesaja 45,24

Kürzlich hörte ich eine bekannte Literaturkritikerin über ein
Buch am Radio sagen: «Was mich am Autor stört, ist seine
religiöse und erbauliche Erzählweise.» Diese beiläufige Kritik
zeigt: Es gehört heute zum guten Ton, sich von allem Religiösen
und seinen Erzähltraditionen zu distanzieren. Der Widerstand
gegen eine Wahrhaftigkeit, die jenseits des Erklärlichen
steht, ist zum Courant normal geworden.
Zum Glück!, dürfen wir einerseits sagen. Vernunftbasiertes
Handeln und Denken ist eine grosse Errungenschaft für
unsere Zivilisation. Verschwörungstheorien und radikale
Religiosität lassen aber auch vermuten, dass wir in unserer
säkularen Gesellschaft das Kind zu sehr mit dem Bad ausgeschüttet
haben. Unsere Zeit erscheint mir in dieser Hinsicht
nicht viel anders als jene von Jesaja. Unsere Scham beim Blick
auf unsere Welt ist vergleichbar mit jener, die der Prophet
damals nannte. Wir Menschen haben in unserem Streben
nach immer mehr Wohlstand und Wachstum die Demut
gegenüber der Schöpfung verloren. In unserer Freude, unser
Leben frei nach unseren eigenen Werten zu gestalten –
zumindest auf unserem Kontinent – haben wir uns jener
religiös-moralischen
Leitlinien entledigt, wie sie die biblischen
Bücher über Generationen schufen. Auch wenn sie in
vielem kein zeitgemässer Kompass mehr sind, so erzählen
sie vom ethischen Anliegen, uns in etwas Übergeordnetes
einzufügen, das dem Wohlergehen unseres Planeten dient.

Von: Esther Hürlimann