Kategorie: Texte

15. August

Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland
geführt hat, dass ihr nicht ihre Knechte bleibt, und
habe euer Joch zerbrochen und habe euch aufrecht
einhergehen lassen.
3. Mose 26,13

Nein – ich muss nicht immer alles allein schaffen. Ich muss
nicht immer schneller, weiter, höher gehen oder laufen. Ich
kann und darf auch sagen: Aus, fertig! Ich kann nicht mehr. Es
ist genug! Ich kann auch meine Schwäche eingestehen. Gott
stellt sich auf die Seite der Schwachen und Rechtlosen. Das
erzählt die Geschichte des Exodus.
Die Befreiung des kleinen Sklavenvolkes aus Ägypten ist
im Lauf der Jahrhunderte zum Inbegriff der Völkerbefreiung
und zum Vorbild etlicher Freiheitsbewegungen geworden.
Das alles hat ansteckendes Potenzial. Unser Gott begegnet
uns hier als ein Befreier, Retter und Wegbereiter.
1996 textete Clemens Bittlinger: «Wir wollen aufstehn,
aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander
umzugehn.» Ja, es wird Zeit, es braucht den Aufbruch, das
Aufstehn gegen die Ungerechtigkeit dieser Tage. Es braucht
das Aufstehn gegen uns beherrschende und versklavende
Mächte und Meinungen.
«Viel zu lange rumgelegen, viel zu viel schon lamentiert. Es
wird Zeit, sich zu bewegen, höchste Zeit, dass was passiert»,
lässt Bittlinger in seinem Lied dann weitersingen. Wir dürfen
Gott immer wieder neu begegnen. Er erfüllt unsere Hoffnungen
und unser Gebet anders, als wir es erwarten.

Von: Carsten Marx

14. August

Der HERR, dein Gott, hat dein Wandern durch diese
grosse Wüste auf sein Herz genommen.
5. Mose 2,7

Dieser Text hat für mich zwei Botschaften. Zum einen ist hier,
im 5. Buch Mose, noch einmal der Auszug aus Ägypten, der
grosse Akt der Befreiung, ins Visier genommen. Er enthält
spannende Elemente, etwa wenn er auf das göttliche Gebot,
sich nicht an der einheimischen Bevölkerung zu vergehen, verweist.
Die Flüchtenden sollen normalen Handel treiben mit
den Menschen, deren Gebiet sie durchwandern müssen. Gott
tritt mit seiner Mahnung «Speise sollt ihr für Geld kaufen»
als Garantiemacht auf. Ich habe euer Wandern an mein Herz
genommen, es zu meiner Herzensangelegenheit und somit
zum Akt des Wohlergehens aller Menschen, die in dieser
grossen Wüste leben, gemacht. Nicht zu einer Bedrohung. Mit
der Aufforderung «Fangt keinen Krieg mit ihnen an» wird
die Erzählung der Landnahme zu einem friedvollen Narrativ.
Zum anderen spricht der Text unmittelbar zu uns heute!
Zu uns, die wir vieles von dem, was uns gegenwärtig begegnet,
für den Ausdruck grosser «Trockenheit» und Mühsal,
grosser Verwüstung aller uns lebenswichtigen Werte und
Hoffnungen erfahren und deuten. Nicht unweit von der
Erfahrung der hebräischen Auswanderer können aber auch
wir auf Gott als Garantiemacht schauen, die uns in diesen
scheinbaren Ausweglosigkeiten zu Mitmenschlichkeit und
Trost ruft. Uns, die wir in seinem Herzen, seiner Seinsmitte
leben.

Von: Gert Rüppell

13. August

Singet dem HERRN ein neues Lied;
singet dem HERRN, alle Welt!
Psalm 96,1

Neu soll das Lied sein, fordert der Psalmist uns auf. Und doch
setzt er fort, was bisher den Psalter bestimmte, das überschwängliche
Lob Gottes. So endet es auch – mit den Worten:
«Alles, was Odem hat, lobe den Herrn» (Psalm 150,6).
Singen ist eine wunderbare Weise, unseren Glauben zum
Ausdruck zu bringen. Dies wissen alle, die in Kantoreien
und Singkreisen aktiv sind. Und auch wir Gemeindeglieder
kennen das herrliche Gefühl, wenn im Gottesdienst ein
uns ans Herz gewachsenes Lied gesungen wird: «Grosser
Gott, wir loben Dich» etwa. Nicht nur, dass wir in unseren
Kirchen je einheimische Kirchengesangbücher haben, nein,
die Aufforderung des Psalmisten ist ja längst ökumenische
Realität geworden, indem wir nicht nur Lieder von Christen
anderer Kulturen in unsere Gesangbücher aufgenommen
haben. Auch gibt es ja ganze Gesangbücher, die, gemäss
der Aufforderung des Psalmisten, uns diesen weltweiten
Lobpreis Gottes nahebringen. Alle Welt singt! Ich entsinne
mich an frühe Zeiten der ökumenischen Bewegung, als wir
aus «Cantate Domino» sangen. Dann wurde es «Thuma
Mina». Für die Vollversammlungen tragen Christen aus aller
Welt Liedgut zu den Feiern zusammen. In meiner Gemeinde
ist das Liederbuch «Lieder zwischen Himmel und Erde» eine
wichtige Quelle. Die Verbindung mit Gotteslobenden aus
aller Welt ist eine wunderbare Angelegenheit. Dem Psalmisten
sei Dank für diese Ermutigung.

Von: Gert Rüppell

12. August

HERR, ich warte auf dein Heil. Psalm 119,166

Im biblischen und kirchlichen Sprachgebrauch ist das «Heil»
ein Allerweltswort, eine Formel für alles, was wir von Gott
erwarten, bis hin zu einem endzeitlichen «Alles ist gut».
Im hebräischen Text steht an dieser Stelle das Wort
«Jeschu’a». Das wird wörtlich meist eher übersetzt mit
«Hilfe». Zugleich ist es auch die hebräische Form des
Namens «Jesus».
Eine naive Auffassung vom Verhältnis von Neuem und
Altem Testament könnte nun behaupten, der Psalmsänger
(oder könnte es eine Psalmsängerin gewesen sein?) lebe
in Erwartung des Messias mit dem Namen Jesus, habe ihn
irgendwie vorausgesehen. Freilich greifen die Evangelisten
immer wieder auf die hebräische Tradition zurück. Das hilft
ihnen und ihren Zeitgenossen, das Leben und den Tod Jesu
und was sie danach als seine Auferstehung erfahren haben,
zu deuten und zu verstehen.
Der Psalmtext ist aber erst einmal aus sich heraus zu verstehen.
Sein Sinn muss keineswegs in einer zeitlichen, einer
zukünftigen Dimension liegen. Mit dem Psalmsänger (oder
eben der Sängerin) erwarten wir das «Heil», erwarten wir
Hilfe, das Gute in unserem Leben von Gott. Oder vorsichtiger:
Wir erfahren und wissen, dass wir uns dieses Gute
nicht selber verschaffen können, dass es uns geschenkt wird,
unverfügbar, unbegreiflich. Und wir wagen es, dieses Unverfügbare
«Gott» zu nennen.

Von: Andreas Marti

11. August

Ich werde mich an euch als heilig erweisen vor den
Augen der Völker. Und ihr werdet erfahren, dass ich
der HERR bin, wenn ich euch ins Land Israels bringe,
in das Land, über das ich meine Hand erhob zu dem
Schwur, es euren Vätern zu geben.
Hesekiel 20,41–42

Das auserwählte Volk, das verheissene Land – darüber auf
dem Hintergrund des Konflikts in Israel und Palästina zu
schreiben, ist eine unmögliche Aufgabe. Mit jedem Satz
droht entweder der Vorwurf des Antisemitismus oder des
westlichen Kolonialismus. Aber die Aufgabe ist gestellt, das
Alte Testament zu lesen und für heute zur verstehen.
Zwei Deutungen sind zu meiden: Aus christlicher Sicht
ist es das Schema, gemäss dem die Relevanz des Alten Testaments
darin liege, dass das Neue dessen Verheissungen
erfülle. Aus jüdischer Sicht ist es die Inanspruchnahme für
die politische Realität des Staates Israel, dessen Existenzrecht
nicht zu bestreiten, aber auch nicht mit dem Alten Testament
zu beweisen ist.
Dieses erzählt von Menschen, die Rettung von einem Gott
erfahren, den sie als den ihrigen verstehen. Das ging, etwa
im Josua- und im Richterbuch, häufig auf Kosten anderer
Menschen. Aber die Bibel selbst korrigiert: Gott ist nicht
ein Stammesgott, sondern Schöpfer der ganzen Welt, und
er wird in Christus das Heil aller Völker. Das Heil der einen
geht nicht auf Kosten des Unheils anderer. Gottes Heiligkeit
erweist sich vor den Augen und im Leben der Völker, im
Frieden, in der Würde aller Menschen.

Von: Andreas Marti

10. August

Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen
Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles.
1. Thessalonicher 4,6

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Handel habe.
Ich gehöre zu den Angestellten, die pünktlich, meist schon vor
Monatsende, einen recht guten Lohn auf ihrem Konto haben.
Vor allem dann, wenn ich mit meiner Arbeitsleistung zufrieden
bin, ist das ein schönes Gefühl: Ich habe das verdient!
Ich gehöre aber auch zu den Leuten, die manchmal mit
einem leicht schlechten Gewissen herumlaufen, weil sie wissen,
dass andere ihr Geld viel härter verdienen müssen.
Vor ein paar Wochen half ich meiner Klasse an einem
Kuchenstand und fand mich dann hinter diversem Gebäck
auf Kundschaft wartend. Viele gingen vorüber. Umso dankbarer
war ich, wenn mir jemand etwas abkaufte oder sogar
einfach so etwas spendete.
Ich kann – ausgehend von diesem kleinen Erlebnis – gut
verstehen, dass man so viel wie möglich verdienen will, vor
allem wenn es nicht um ein Klassenlager, sondern um den
Lebensunterhalt oder – weniger existentiell, aber doch auch
wichtig – den Lebensstil geht.
Doch Paulus warnt vor dem «Zu-weit-Gehen». Alles soll
einen angemessenen Preis haben. Er warnt um des gegenseitigen
Respekts willen und wider den Betrug. Heute kommt
noch etwas Neues dazu: Diese Haltung der Beschränkung
ist auch unserer Schwester Erde gegenüber dringend nötig.

Von: Katharina Metzger

9. August

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit,
und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle
Glieder mit.
1. Korinther 12,26

Viele Glieder, ein Leib: Als junges Mädchen war ich einige
Male an Chorfestivals. Dabei versammelten sich alle Teilnehmenden
in einem riesigen Zelt und übten dort unter
Anleitung einer Band Rock- und Popsongs ein. Es gelang
tatsächlich, mit dieser grossen Masse von mehreren hundert
Leuten mehrstimmige Arrangements zu singen. Ich erinnere
mich an Michael Jacksons «Earth Song», zu dem damals
unzählige Feuerzeuge in der Luft mitschwangen. Es war toll,
Teil dieses Ganzen zu sein, im Singen und Wogen mitzutun
und zu versinken. Wir waren wie ein Körper, zusammengehalten
durch die Band und unser Engagement – ein berauschendes
Erlebnis.
Aber die anderen Glieder? Von den meisten wusste ich
nichts. Also spricht Paulus von einer anderen Gemeinschaft.
Von einer, die sich zwar als ein Leib fühlt, wo aber die einzelnen
Glieder auch ein «Gspüri» füreinander haben. Wie entsteht
dieses Sowohl-als-auch? Ich denke, der Leib kann sich
definieren durch eine gemeinsam getragene Vision, durch
gemeinsam geliebte Rituale, durch eine gemeinsame Aufgabe.
Die Glieder, die dazugehören, sind nicht starr definiert,
sie ändern sich, sie geraten aneinander, sie finden sich wieder.
So entsteht Bindung, nicht einfach, nicht rauschhaft, aber
wohl nachhaltiger. Eine grosse Aufgabe!

Von: Katharina Metzger

8. August

Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.

Galater 5,22–23

Kürzlich hörte ich ein Interview mit der deutschen Fernsehmoderatorin
Sandra Maischberger. Ich mag es, wie sie in
ihrer wöchentlichen Talkshow scharfsinnig den Polit- und
Geistesgrössen auf den Zahn fühlt und beharrlich-souverän
mit gegensätzlichen Meinungen jongliert. Daher war ich
neugierig, in diesem persönlichen Gespräch mehr über sie als
Mensch zu erfahren. Berührt und irgendwie überrascht hat
mich, als sie zum Schluss des Interviews sagte, dass sie nach
über dreissig Jahren Austritt wieder der Kirche beigetreten
sei. Auf die Frage, weshalb, antwortete sie sinngemäss: weil
sie erst jetzt realisiere, wie sehr die Kirche sie in ihrer geistigen
Haltung positiv geprägt habe.
Daran musste ich bei diesem starken Paulusvers an die Galater
denken, der uns an die Essenz des christlichen Glaubens
erinnert: Es sind weder Gebote noch Rituale, weder Gebete
noch Glaubenssätze, welche die christliche Identität ausmachen,
sondern es ist eine innere Haltung: die «Frucht des Geistes
». Paulus nennt verschiedene Qualitäten, die uns selbst,
vor allem aber auch unser Zusammenleben betreffen. Wenn
wir «Keuschheit» durch «Bescheidenheit» ersetzen, passt
das etwas besser in die heutige Zeit. Lassen wir uns heute
die Frucht einer göttlich beseelten Geistesvielfalt im Mund
zergehen und teilen wir etwas davon mit unseren Nächsten.

Von: Esther Hürlimann

7. August

Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.
Sprüche 15,33

Die Entwicklungen in Sachen KI, Künstlicher Intelligenz,
vollziehen sich in einer Geschwindigkeit, die vermutlich bei
vielen, ganz sicher bei mir, das Gefühl auslöst, abgehängt
zu werden: Ich komme da nicht mehr mit. Ich lese, dass es
eine der grössten Herausforderungen sei, jetzt sofort KI mit
ethischen Werten zu «füttern», wenn wir vermeiden wollen,
dass alles nur noch der Logik des maximalen ökonomischen
Gewinns bei minimalem Aufwand folgen soll. Es besteht
offenbar die Gefahr, dass wir (einmal mehr) wie der Zauberlehrling
einem Ding eine Macht geben, die wir nicht mehr
kontrollieren können. KI verarbeitet unvorstellbare Mengen
von Informationen. Sie hortet und hat Zugriff auf beinahe
unendliches Wissen – aber ist da auch Weisheit?
Weisheit – das ist die Fähigkeit, in grosser Gelassenheit und
mit unbestechlicher Menschenfreundlichkeit das, worauf es
wirklich ankommt, zu unterscheiden von dem, was zwar dringend,
verlockend, notwendig, attraktiv erscheint, aber das
Leben nicht fördert. Weisheit lässt sich nicht mit elektronischen
Impulsen gewinnen, sie ist nicht die Summe von immer
mehr Daten. Sie ist Frucht aufmerksamen Hinhörens auf die
Stimme des Ewigen. Nur Gott, der gesagt hat: «Es werde
Licht!», rückt alles ins rechte Licht, und wir erkennen, was
gross und was klein, was gut und was böse, was schön und
was grässlich ist. Und lernen so, ein gutes Leben zu führen.

Von: Benedict Schubert

6. August

Gott, wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an
dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.

Psalm 63,7

Wenn Krieg ist in Kharkiv, in Khan Younis, und die Menschen
trotz drohenden Bomben Schlaf suchen, wenn die Feinde
einem «nach dem Leben trachten», wie es in den nächsten
Versen des Psalms heisst, kann in der Verzweiflung und in
tiefer Nacht vielleicht nur noch Gott einen tröstend an der
Hand halten oder schützend unter die Flügel nehmen. Auch
diese Bilder des helfenden Gottes finden sich im Psalm.
Auch wenn kein Krieg ist, verfolgen mich spätabends im
Bett manchmal schwere Gedanken, treibt mich etwas um,
das mich noch nicht loslassen und einschlafen lässt. Denn:
Sich dem Schlaf, der Nacht, den Träumen, der Regeneration
zu ergeben, bedingt, sich fallenlassen zu können. Ob wir
wirklich aufgefangen werden, ob wir tatsächlich wieder aufstehen
können, wissen wir nie mit Sicherheit. Ein bekanntes
Schlaflied drückt es so aus: «Guten Abend, gut’ Nacht, mit
Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlüpf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.»
Schlafen hat – nicht nur im Krieg, dann ist der Zusammenhang
aber brutal klar – immer mit dem Kreis von Leben und
Sterben zu tun. Deshalb gefällt mir, auch in diesem Lied, die
Wendung so sehr, wenn wir wünschen oder beobachten,
dass ein Mensch, ein Kind «selig» schläft. In diesem Sinn:
Eine behütete nächste Nacht!

Von: Matthias Hui