Kategorie: Texte

29. Juni

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen
und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den
Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert,
dass ich dein Sohn heisse; mache mich einem deiner
Tagelöhner gleich!
Lukas 15,18–19

Das Geld ist verprasst, das Leben in Saus und Braus zu Ende.
Der Kater pocht im schweren Kopf, das schlechte Gewissen
verdunkelt das Gemüt. Am schwersten lastet wohl die
Scham auf dem Sohn, der das gemachte Nest verliess, um
die weite Welt zu entdecken. Scham kann ein schreckliches
Gefühl sein. Sie macht klein, einsam, mutlos.
Dennoch findet der Sohn im Gleichnis Jesu den Mut zur
Umkehr. Was treibt ihn nach Hause? Ist er einfach nicht hart
genug, um das Leben als Schweinehirt auszuhalten? Ist es die
Bequemlichkeit, die ihn zurücktreibt auf das Gut des Vaters?
Ich glaube nicht.
Ich glaube, es ist das Licht der Liebe, das durch den Nebel
der Scham schimmert und ihm den Weg weist. Der Sohn
kehrt um, weil er insgeheim darauf vertraut, dass er auch
als vermeintlicher Verlierer zurückkehren darf und zu Hause
willkommen ist. Die offenen Arme des Vaters, mit denen er
empfangen wird, lassen die Ahnung zur Gewissheit wachsen:
Gegen die Scham hilft nur die Liebe. Die Liebe entschämt.
Davon erzählen das Evangelium und das Leben.

Von: Felix Reich

28. Juni

Auf den HERRN traut mein Herz, und mir ist geholfen.
Nun ist mein Herz fröhlich, und ich will ihm danken mit
meinem Lied.
Psalm 28,7

Da haben Menschen in ihrem Herzen Vertrauen; sie sind
dadurch fröhlich geworden, und deshalb singen sie. Was
aber, wenn dein Vertrauen etwas wackelig geworden ist und
deine Grundfreude einer etwas müden Rat- und Lustlosigkeit
gewichen ist? Das kommt auch bei Menschen vor, die
eigentlich ihren Glauben, ihr Vertrauen pflegen (indem sie
beispielsweise täglich die Losungen lesen).
Dann kannst du den Weg auch in der entgegengesetzten
Richtung gehen und mit dem Singen anfangen. Im Reformierten
Gesangbuch zum Beispiel stehen die Nummern 666
bis 707 unter dem Titel «Vertrauen». Ich selbst singe gerne
«Hymns» aus dem angelsächsischen Raum. Manche lieben
die Gesänge aus Taizé oder aber Anbetungslieder. Auch Lieder,
die eigentlich schwermütig und traurig sind, können
eine heilsame Wirkung haben. In einem Konzert sagte die
sephardische Sängerin Yasmin Levy einmal lachend: «I’m
only happy when I can sing sad songs. / Ich bin nur glücklich,
wenn ich traurige Lieder singen kann.»
Wenn ich singe, kommt etwas in Bewegung. Und wenn ich
mich und erst recht die, die mit mir singen, vom Vertrauen
singen höre, dann erlebe ich, dass es mir leichter wird ums
Herz. Meine Betrübnis weicht einer gelassenen Heiterkeit
und mein Vertrauen hat wieder Boden gewonnen.

Von: Benedict Schubert

27. Juni

Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige
meinem Volk seine Abtrünnigkeit.
Jesaja 58,1

Ein heikles Losungswort, wenn es uns fragen lässt, weswegen
und wann wir selbst prophetischen Lärm machen sollen.
Denn wo Menschen (vor allem predigende) den Anspruch
erheben, sie müssten ein prophetisches Donnerwort ausrichten,
kommt meist eine kleinkarierte, aber umso ärgerlichere
Moralpredigt heraus.
Wirksamer und heilvoller ist, wenn ich mich in der schönen
alten Formulierung «unter dieses Wort stelle», wenn
ich mich zu dem Volk zähle, dessen Abtrünnigkeit angeklagt
wird, seine «Vergehen» oder sogar «Verbrechen», wie
andere übersetzen. Wenn ich mich also vom Propheten auch
nach mehr als zweitausend Jahren dazu rufen lasse, meine
Frömmigkeit zu überprüfen. Darum geht es im Kapitel, das
mit diesem Befehl zum Posaunenstoss beginnt. Es klagt
heuchlerisches Fasten an, das nur das Gewissen beruhigen
will und nichts am herrschenden Unrecht ändert. Der Prophet
deckt zum Glück nicht bloss auf, was schiefläuft, sondern
er sagt auch, wie das Volk umkehren, was es tun, wie es
so leben kann, dass die Zustände sich ändern. «Abtrünnigkeit
» ist also ein Leben, das in sich nicht stimmig ist.
Ein glaubwürdiges Bekenntnis zu Gott drückt sich in der
Art und Weise aus, wie ich mit meinen Nächsten umgehe,
namentlich auch mit denjenigen, bei denen es mir scheinbar
fernliegt.

Von: Benedict Schubert

26. Juni

Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille
Gottes in Christus Jesus für euch.
1. Thessalonicher 5,18

«Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar
in allen Dingen …» (Verse 16–18). Das ist mir heute zu viel
der hehren Worte. Ja, die Gemeinde in Thessaloniki gilt als
vorbildlich
(Kapitel 1,7); sie ist fest im Glauben und Lieben,
im Gottvertrauen verankert (Kapitel 3). Und gleichzeitig
steht sie in heftigen Auseinandersetzungen, wird angefeindet
und bedroht. Dankbar in allen Dingen?
Ich denke an die Kriege, die uns erschüttern, an Hass,
Verachtung
und Gewalt, die so Raum greifen, an Menschen
in meiner Umgebung, die schwer erkrankt sind oder im
Sterben liegen. Dankbar in allen Dingen? Wenn die vertraute
Welt aus den Fugen gerät? Wenn (mein) Gottvertrauen
brüchig wird? – Ich denke an Hiobs Worte: «Haben wir
Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch
annehmen?» (Hiob 2,10) Aber dann folgt auch bei ihm die
Klage über all das Unglück, das über ihn hereingebrochen ist:
«Warum bin ich nicht gestorben im Mutterschoss?» (3,11)
Ich kann die Spannung nicht auflösen. Vielleicht liegt der
Unterschied in dem kleinen Wort «in» – dankbar in allen
Dingen, nicht für. Vielleicht schafft Dankbarkeit (griech.
auch Anmut und Gnade) einen (Frei-)Raum (um mich),
einen Raum zum Atmen, der mich in (heilsame) Distanz zu
«den Dingen» bringt. Vielleicht ist es eine tägliche Übung,
die mich aufrichtet und ausrichtet auf Gottes Gnade hin?

Von: Annegret Brauch

25. Juni

Hört mir zu, ihr trotzigen Herzen, die ihr ferne seid
von der Gerechtigkeit! Ich habe meine Gerechtigkeit
nahe gebracht; sie ist nicht ferne.
Jesaja 46,12–13

Der zweite Teil des Jesajabuchs klingt fast wie eine Bewerbungsrede
Gottes: «Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet
…» (Jesaja 45,22), «Ich, ich bin der HERR und ausser mir
ist kein Heiland» (43,11), «Hört mir zu!» (Vers 12) … Gott
umwirbt sein Volk. Trostworte, Zusagen, Verheissungen weisen
auf eine neue Zukunft nach Exil und Verlust. Nicht von
ungefähr setzt Luther über diesen Teil (ab Kapitel 40) die
Überschrift: «Das Trostbuch von der Erlösung Israels».
Aber nun: «trotzige Herzen» …? Das hebräische Wort
«abir», das hier steht, bedeutet eigentlich «stark»,
«tapfer»,
auch «widerständig». Der Unterschied liegt dort, wo ich
mich (nur) auf meine eigene Stärke und Kraft verlasse, wo
ich denke, alles hängt an mir oder von mir ab. Da ist Überforderung
oder auch eine (vielleicht verborgene?) Selbstüberschätzung
nicht weit. Gott wirbt um die trotzigen Herzen,
die verwundeten Seelen, die überforderten Starken: «Ich
habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht; sie ist nicht ferne.»
Sie ist vielleicht nicht das, was ich mir unter Gerechtigkeit
vorstelle und erwünsche. Sie übersteigt oder durchkreuzt
meine Vorhaben. Sie fordert mich heraus – sie zeigt mir
Gottes offene Arme: «Fürchte dich nicht, denn ich habe
dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du
bist mein!»

Von: Annegret Brauch

24. Juni

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch
reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.

Philipper 1,9

Erkenntnis und Erfahrung: Wie sehr brauchen wir das in
diesen kriegerischen und politisch unruhigen Zeiten. Wir
bitten darum, wir versuchen uns kundig zu machen, wir
leiden mit den Opfern von physischer, aber auch von psychischer
Gewalt.
Ich lebe in Berlin. Im Herbst stehen Wahlen in drei Bundesländern
in Ostdeutschland an, und viele von uns erkennen
erschrocken, aber auch zur besseren Erkenntnis entschlossen,
wie wichtig es ist, unsere Demokratie vor autoritären,
rechtsextremen Bewegungen und Parteien zu schützen.
Es leuchtet mir unmittelbar ein, dass Liebe gepaart mit
Erkenntnis und Erfahrung nicht nur im gesellschaftspolitischen,
sondern auch im persönlichen Umfeld mehr Gutes
bewirken kann als nur emotional gesteuerte Liebe. Es gehört
in Krisensituationen dann auch Widerstand und Widerspruch
dazu. Wenn Widerspruch mit Achtung vorgebracht
wird, von Respekt und Liebe im weitesten Sinn getragen,
kann Widerstand viel bewirken, und wenn er es nicht kann,
brauchen wir nicht zu verzweifeln. Wir sollten uns hüten vor
einem Kippen in den Hass. Aber das schaffen wir wohl nicht
allein. Das Gebet um Ruhe und Zuversicht, auch in Niederlagen,
hilft uns, aufrecht zu bleiben.
Bleib uns bitte nahe, Gott!

Von: Elisabeth Raiser

23. Juni

Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern.
Psalm 22,23

… und Schwestern. Der Psalm 22 ist der grosse Klagepsalm
eines Schwerkranken oder eines Gefolterten, dessen Verzweiflung
uns noch heute unter die Haut geht. Er ruft mit
aller Kraft, die ihm verblieben ist, nach Gottes Hilfe in seiner
Not. Seine ersten Worte sind die, die Jesus am Kreuz wiederholt:
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
» Es ist ein Ruf, der sicher auch heute vielen Menschen
in all der Gewalt, die sie erleben, über die Lippen kommt.
Möge auch für sie der Wendepunkt kommen: «Du hast mich
erhört!» (Vers 22) Dann, ab Vers 23, folgen die Lobpreisungen
und Danksagungen an den grossen, gnädigen einzigen Gott,
sehr poetisch, mit immer neuen Wendungen, ein Dankgebet,
in das wir Menschen wohl nur einstimmen können, wenn
wir von wirklicher Not erlöst werden. Wo werden heute
solche Dankgebete gesprochen? In der Ukraine von den
Eltern, wenn der Sohn nach vielen Monaten an der Front
unversehrt zurückkehrt, in Gaza, wenn die schwer verletzte
Mutter aus den Trümmern ihres Hauses geborgen wird,
überlebt und gesund wird; in Israel, wenn die Tochter und
die Enkelkinder, die als Geiseln verschleppt waren, zurückgebracht
werden. Oder von uns nach schwerer Krankheit?
Ich glaube, die wirkliche Heilung nach solchen Katastrophen
kann nur durch tiefen Dank kommen. Die Errettung können
wir nicht selber schaffen.
Gott sei Lob und Dank!

Von: Elisabeth Raiser

22. Juni

HERR sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile
mich, HERR, denn meine Seele ist sehr erschrocken.

Psalm 6,3.4

Es ist schwierig, aus dem Erschrecken herauszufinden. Manchmal
sind es ja Kleinigkeiten, die uns erschrecken, etwa wenn
etwas in die Brüche geht. Manchmal sind es tiefgehende
Erfahrungen, die nach Heilung rufen. Die Heilung kommt
auch bei intensiven Gebeten nicht sofort. Es ist, als ob Gott,
die Lebendige, sich Zeit liesse. Ist es gerade diese Zeit, in
der ich mir meiner Schwachheit so richtig bewusst werde?
Ist es diese Zeit, die mich zum Nachdenken führt? Denke
ich über die Heilung nach? Ungezählte Menschen, Kinder,
Frauen, Männer als Soldaten brauchen Heilung von ihren
Kriegstraumata. Sie sind zutiefst erschrocken. Lässt sich die
Lebendige da auch Zeit, oder schenkt sie Heilung? Stimmt es,
dass die Zeit Wunden heilt? So einfach scheint mir das nicht.
Bestimmt gibt es Menschen, die Hilfe erfahren in ihrer Situation,
aber das bedeutet nicht, dass sie Heilung erfahren. Mir
ist es wichtig, mir diese Tatsache immer wieder vor Augen
zu führen. Unsere Welt macht uns verletzlich. Und da gibt es
für mich eigentlich nur eines: das Bewusstwerden, wie nötig
Heilung ist. Ich kann die Lebendige darum bitten. Ich kann
für die Menschen beten, für sie eintreten, die Augen nicht
verschliessen, selbst zu erschrecken in meiner Seele.
Sei du den Menschen in den Kriegssituationen ganz nahe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juni

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das ist mein Gebot,
dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Johannes 15,12

Mein Blick wandert über den Bahnhof zum See. Ich blicke
zu den Menschen und mit ihnen in die Weite. Alle, die ich
sehe, sind verschieden, haben ihre je eigene Biografie und
gehen ihren Lebensweg. Die Vielfalt der Menschen gehört zu
unserer Gesellschaft, macht sie reich. Ich atme durch und bin
dankbar für das Leben, meines und dasjenige der Menschen,
die ich sehe. Und doch ist da jene Herausforderung der
Bewertung. Wie rasch bin ich dabei, Menschen zu bewerten.
Ihre Haltung, ihr Gesicht, ihre Ausdrucksweise – ach, so vieles
steht da im Weg. Und es tut mir ja gar nicht gut, was ich
tue. Denn unweigerlich setze ich mich unter Druck. Ich will
selber eben nicht bewertet werden. Jesus hat die Menschen
so genommen, wie sie sind. Er ist ihnen mit einem offenen
Herzen begegnet, hat sich mit ihnen ausgetauscht, ihr Leiden
wahrgenommen. Und er hat gespürt, dass die Menschen
etwas suchen. Zum Beispiel Heilung, Halt, Hoffnung auf ein
gutes Leben. Da sind wieder die Vielfalt und die Weite. Wegschauen
von mir, hin zu den anderen. Ein hoher Anspruch,
aber auch eine Befreiung. Die Weite und die Vielfalt helfen,
mich nicht so ernst zu nehmen, mich ein Stück weit zurückzunehmen.
Dann ist das Leben selbst vielfältig und reich.
Dazu gib uns Kraft und Mut.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juni

Euer Herz sei ungeteilt bei dem HERRN,
unserm Gott.
1. Könige 8,61

In dieser Mahnung steckt ein schönes Bildwort. Ein ungeteiltes
Herz ist ein ganzes Herz. Wenn es ganz bei Gott ist,
funktioniert es richtig. Was das meint, kann man mit einem
trivialen Vergleich besser verstehen. Wer nicht ganz bei der
Sache ist, hat eine geteilte Aufmerksamkeit. Bei Herzensangelegenheiten
hat das unter Umständen fatale Folgen. Das
ungeteilte Herz taucht immer dort auf, wo es um unsere
Person geht und gefragt wird, wer wir sind und zu wem wir
gehören, also um Treu und Glauben und um das, was uns im
Innersten zusammenhält. Das erinnert an das Liebesgebot.
«Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.» (Deuteronomium
6,5) Wenn ich mit mir ehrlich bin – und das
Bolderntext-Schreiben lässt es mich ab und zu versuchen –,
muss ich zugeben: In der Regel bin ich «aufgeteilt» in allerlei,
und es geht vom Hundertsten ins Tausendste. Viel Zeit, um
Gott von ganzem Herzen zu lieben, bleibt da nicht. Anderen
soll es auch so gehen. Darum sind Gebetszeiten so kostbar.
Ein Bruder in Taizé erklärte mir das Wort «Mönch» so:
Das altgriechische «monachós» leitet sich von «mónos» ab.
Man kann es mit «allein» übersetzen. Aber angemessener ist
es, sich ein Herz vorzustellen, das sich danach sehnt, ganz bei
Gott zu sein – oder ganz bei Trost. Ein wenig mönchischer
werden täte mir wohl gut …

Von: Ralph Kunz