Kategorie: Texte

9. Juli

Jesus nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie. Markus 10,16

Gemäss einer schönen Anekdote wurde Paul Klee einst vorgeworfen,
so wie er könne jedes Kind malen. Seine Antwort habe gelautet: «Das
ist es eben: Die Kinder können es!» Kinder sind Künstler: spontan,
weltoffen, unmittelbar.
Indessen bedeutet das griechische Wort «Paidion» nicht nur «Kind»,
sondern auch «Säugling», «Neugeborenes». Auf dieser noch
ursprünglicheren, noch weiter im Anfang liegenden Ebene gilt:
Das Kind ist radikal abhängig, angewiesen, ausgeliefert.
«Gerade so», schreibt der Neutestamentler Eduard Schweizer
(1913–2006), «als die, die nichts vorzuweisen haben, keine
Leistungen aufrechnen können, sind sie gesegnet.»
Beide Qualitäten, die der unverstellten Kreativität und die
der radikalen Abhängigkeit, gilt es, sich im Erwachsenenleben zu
erhalten. Beziehungsweise sie zu revitalisieren, wenn sie
verschüttgegangen sind.
Es sind diese Qualitäten, welche die Tür zum Himmel öffnen.
Den Kindern, sagt Jesus, gehört das Reich Gottes (Verse 14 ff.).
Den Worten folgt die Segensgeste im heutigen Lehrtext.
«Die äussere Handlung», schreibt Schweizer, «unterstreicht,
wie real Jesus solchen Zuspruch meint.»

Von: Andreas Fischer

8. Juli

Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben
die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben
seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 2. Petrus 1,16

Der Autor des heutigen Lehrtexts behauptet, seine Botschaft basiere
auf Augenzeugenschaft. In den folgenden Versen erläutert er, was mit
der «Herrlichkeit Christi», die er «mit eigenen Augen gesehen» habe,
gemeint ist, nämlich die Verklärung Jesu auf dem Tabor, dem
«heiligen Berg» (Verse 17 ff.; vgl. Markus 9,2–8).
Zwei Dinge muten bei der Argumentation merkwürdig an:
Erstens kann der Autor des 2. Petrusbriefs – darüber besteht in
der neutestamentlichen Wissenschaft Konsens – nicht der
Jesusjünger Simon Petrus gewesen sein. Und zweitens gehört jene
Lichterscheinung auf dem Tabor doch ausgesprochen in eine Welt
jenseits der augenscheinlichen Fakten. Trotzdem sollte man den
Autor unseres Lehrtexts nicht der Lüge bezichtigen. Vielmehr scheint
jenes Licht für ihn realer als die Realität gewesen zu sein, und er scheint
es in einer Intensität gesehen zu haben, als wäre er selbst auf dem Tabor
gewesen. Ähnlich wird später der Hesychasmus, die mystische Strömung
in der orthodoxen Kirche, das Taborlicht als ein überzeitliches,
transpersonales Phänomen verstehen: «Es gibt nur ein und dasselbe Licht,
das den Aposteln auf dem Tabor erschienen ist, das den gereinigten Seelen
jetzt erscheint und in dem das Wesen der zukünftigen Welt besteht.»

Von: Andreas Fischer

7. Juli

Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt,
dabei aber Schaden nimmt an seinem Leben? Matthäus 16,26

Manchmal ist es doch eine Frage der Übersetzung, die es
spannend macht: Luther übersetzt hier nicht mit «Leben»,
sondern mit «Seele».
Also: Wenn du alles hast, was die Welt bietet, aber dein
Leben, deine Seele auf der Strecke bleibt, hast du nichts!
Schauen wir doch mal, was so alles auf der Strecke bleiben
kann: die Gesundheit, die Freiheit, die Freude, die Liebe, die
Zufriedenheit, …, das Leben!
Es gibt so viele Gründe, warum all das in unserem Leben
verschwinden kann. Manchmal sind es Gründe in unserer
oder in einer fremden Person, manchmal sind es
Lebensumstände, manchmal sind es Intrigen, manchmal ist
es einfach nur Pech.
Als Glaubende sehen wir die Seele als den Ortin uns, an dem
Gott uns berührt und wir diese Berührung wahrnehmen
und sie in Lebenskraft ausdrücken. Unsere Seele gibt uns
die Kraft, die Richtung hin zum Reich Gottes in dieser Welt
immer wieder neu zu finden.
«Leben» – «Seele», für uns geht das eine nicht ohne das
andere. Wir sind doch Glaubende – oder?

Von: Rolf Bielefeld

6. Juli

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht
und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Psalm 91,1–2

Auch dieser Vers aus dem 91. Psalm gehört zu den gern genommenen für die Schmuckkarte zu verschiedensten Anlässen.
Aber darüber hinaus ist es ein Psalm, der viel Lebenszuversicht und grosse Ermutigung verströmt.
Wenn wir einmal all die Erklärungen zur Entstehungszeit und Entstehungs-
situation ausser Acht lassen, bleiben eigentlich nur noch zwei wichtige
Dinge übrig:

  1. Verlass dich auf Gottes stärkende Nähe.
  2. Nimm deine Herausforderungen in dieser Welt an.

Von: Rolf Bielefeld

5. Juli

Die ihr den HERRN fürchtet, hoffet auf den HERRN! Psalm 115,11

In der Mitte des Psalms erklingt dreimal die gleiche Aufforderung:
«Vertraut auf den HERRN!» Die Begründung dafür lautet jeweils:
«Ihre Hilfe und ihr Schutzschild ist er.» Zuerst richtet sich der Aufruf
an das Volk Israel (Vers 9). Im zweiten Durchgang wird eine kleinere
Gruppe angesprochen. Das «Haus Aarons» sind die Priester, die
ihren Dienst im Tempel tun (Vers10). Beim dritten Mal aber kommt
im Losungswort ein viel grösserer Kreis in den Blick: alle Menschen,
die «Ehrfurcht haben vor dem HERRN». Diese Wendung ist in der
hebräischen Bibel ein fest geprägter Ausdruck. Er bezeichnet
Menschen aus anderen Völkern, die sich dem Glauben an den Gott
der Bibel anschliessen. Auch sie bekommen die Zusage, dass Gott
ihnen Hilfe und Schutz gibt. Der Psalm tritt für einen Glauben ein,
der immer weitere Kreise zieht.
Zwar hat er eine sehr kritische Sicht auf die Götterbilder, die
bei anderen Völkern verehrt werden. Sie sind Gegenstände,
die von Handwerkern hergestellt wurden. In eine Beziehung
treten kann man mit ihnen nicht (Verse 4–8). Aber der Psalm
ist offen für die Menschen, die Gott suchen. Er zieht nicht eine
nationale Grenze zwischen Einheimischen und Fremden, er
denkt nicht im Schema «wir und die anderen». Sondern er
fordert alle dazu auf, sich zu fragen, worauf ihr Vertrauen
gegründet ist.

Von: Andreas Egli

4. Juli

Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt!
Den wird der HERR erretten zur bösen Zeit.
Psalm 41,2

Krankheit ist das Thema des Psalms, und er beginnt im
Losungsvers mit einer Seligpreisung: «Glücklich ist, wer
Einsicht findet beim Schwachen. Am bösen Tag wird ihn der
HERR davonkommen lassen.»Gratulieren muss man jedem,
der einen kranken Menschenwahrnimmt und bei ihm etwas
lernt: Gottsteht auf der Seite des Kranken und wird ihm helfen,
einen Ausweg zu finden. «Der HERR wird ihn unterstützen auf
dem Krankenbett. All seine Bettlägerigkeit hast du
verwandelt in seiner Krankheit.» (Vers 3) Ganz anders
sieht es bei den Mitmenschen aus, die manchmal wenig Verständnis
für einen Kranken haben. Den Psalmbeter schmerzt
es, wenn er von den Leuten entmutigende Äusserungen
hört wie: «Wann wird er sterben und wird sein Name vergehen?» (Vers 6)
Oder: «Wer liegt, wird nicht wieder aufstehen.» (Vers 9) Dennoch gelingt
es ihm, im Gebet wieder Hoffnung zu finden: «Und du, HERR, sei mir
gnädig und hilf mir, wieder aufzustehen.» (Vers 11) Auch im modernen
Gesundheitswesen stellt sich die Frage: Stehen die Patientinnen und
Patienten im Mittelpunkt? Wird zwischen gesunden und kranken Menschen
eine Solidarität gelebt?
Dafür setzt sich der «Tag der Kranken» ein, der in der Schweiz am ersten
Sonntag im März begangen wird. Im Jahr 2024 stand er unter dem Motto «Zuversicht stärken».

Von: Andreas Egli

3. Juli

Zerreisst eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt
um zu dem HERRN, eurem Gott!
Joel 2,13

Eine Geschichte, die ich einst hörte, kommt mir zu dieser
Losung in den Sinn. Sie verdeutlicht, was das Wort «zerreissen»
bedeuten kann. Eine Frau suchte einen Einsiedler auf und
klagte ihm, sie vergesse immer wieder alles, was sie in der Bibel
lese. Der Einsiedler trug ihr auf, mit einem Korb Wasser zu
holen. Sie nahm den verstaubten Korb und lief zum Brunnen,
doch das Wasser lief hinaus. Nach fünf Versuchen gab sie auf
und sagte dem Einsiedler, dass das so nicht gehe. Dieser aber
sagte: Schau, der Korb ist nun sauber, dein eifriges Lesen und
die Beschäftigung mit der Bibel haben dein Herz gereinigt und
deine Gedanken geordnet!
Wenn es um Busse und Umkehr geht, welche der Prophet
im Hinblick auf den furchtbaren und schrecklichen Tag des
HERRN fordert, so sollen wir nicht in Äusserlichkeiten stecken
bleiben, sondern wirklich unser Herz reinigen, es ausrichten,
dass es sich läutere.
Wenn ich es so recht bedenke, fällt mir für mein tägliches
Leben keine Situation ein, wo eine so krasse Umkehr vonnöten
wäre. Allerdings kann es sein, dass ich mich täusche! Indes gibt
es im Grossen durchaus Situationen, die nur mit der geforderten
Radikalität zu meistern sind, zum Beispiel die Klimaerwärmung.
Und da stellt sich allerdings die Frage:
Muss ich mein persönliches Leben radikal ändern, damit diese
Bedrohung durch einen persönlichen Einsatz Änderung erfährt?
Was, wenn wir alle – wirklich tatkräftig! – einen ganz persönlichen
Einsatz leisten würden, um die Schöpfung zu retten?

Von: Kathrin Asper

2. Juli

Die den HERRN lieb haben, sollen sein, wie die Sonne
aufgeht in ihrer Pracht!
Richter 5,31

Die heutige Losung bildet den Schluss des Siegesgesangs von
Debora und Barak. Sie hatten die Kanaaniter und deren Tyrannei besiegt.
Die Israeliten hatten Gott vergessen, ihren Glauben verloren und
hingen Baal an, dem Gott materieller Güter.
Debora, Richterin und Prophetin, rief zum Kampf auf. Barak,
der Heerführer, wollte, dass sie mit ihn in den Kampf zieht,
«denn Gott ist mit dir». Und sie siegten. So fanden die Israeliten
zurück zu Gott und seiner Liebe und konnten dadurch selber
die Liebe zu ihm in ihrem Herzen spüren, so, «wie die Sonne
aufgeht in ihrer Pracht».
Vor vielen Jahren fuhr ich mit dem Fahrrad von Gersau am
Vierwaldstättersee zur nahe gelegenen Chindlikapelle. Neben
vielen Votivtafeln war da auch ein Gedicht an Maria mit der
Bitte «Maria, hilf streiten mir». Das erstaunte mich, gilt doch
Maria als sanft und durchaus nicht streitbar. Dazu kommt mir
noch in den Sinn, dass in der Ostkirche die Ikone «Muttergottes
des Zeichens» in den Schlachten an vorderster Front mitgetragen
wurde.
Gemäss der heutigen Losung und ihrem Kontext hängen
demnach Kampf und Sieg auch von der Frau ab. Weiblicher
Einfluss garantiert den Sieg, denn er ist auf Gott ausgerichtet.
Ich denke, es ist wesentlich, dass – in welchem Streit oder
Kampf auch immer wir uns befinden – wir auf einen inneren
Kompass ausgerichtet sind, der auf die Transzendenz verweist.
So bleibenwirin der LiebeGottes und können diese vermitteln,
trotz allem Säbelrasseln.

Von: Kathrin Asper

1. Juli

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Psalm 106,1

Der Vers ist mir seit Kindertagen vertraut. Als Tischgebet
gesprochen oder als Kanon gesungen hatte er seinen festen
Platz in der Familie. Er sollte uns daran erinnern, dass es
nicht selbstverständlich ist, dass wir genug zu essen haben
und ein Dach überm Kopf, dass wir bewahrt blieben vor
grossen Unglücken, dass wir sicher und behütet in einem
freien Land leben können, dass all das nicht unser Verdienst
ist: «Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine
Güte währet ewiglich.»
Das Gedächtnis des Dankens ist häufig kurz. Wie schnell ist
vergessen, was einem Gutes widerfahren ist, wo eine noch
mal glimpflich davongekommen ist, dass ich bewahrt wurde
in Gefahr? Der 106. Psalm führt solche Vergesslichkeit vor
Augen, indem er die Geschichte des Volkes Israel in Erinnerung
ruft. Gemeinsam soll bedacht und erinnert werden,
was gewesen und geworden ist. Es scheint, dass erst im
nachdenkenden Erinnern, in der Rückschau erkennbar wird,
wie Gottes Güte und Barmherzigkeit durch das Leben tragen
(Verse 45 ff.).
Darum werde ich mir heute Abend ganz bewusst Zeit
nehmen und auf dieses erste halbe Jahr 2024 zurückschauen:
Was ist gewesen und wie geworden? Wofür will ich GOTT
heute Dank sagen?

Von: Annegret Brauch

30. Juni

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und
einen neuen Geist in sie geben.
Hesekiel 11,19

In seiner zweiten Streitrede wendet der Prophet seinen Blick
den Verschleppten und Verbannten zu. Von ihnen sagen die
Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems so abschätzig wie
selbstgerecht, sie seien «fern vom Herrn» (Hesekiel 11,15).
Die Solidarität des Propheten gehört jedoch ebendiesen
Verstossenen, die «zerstreut worden sind» (Hesekiel 11,17).
Ihnen gilt das Versprechen Gottes, dass er sie sammeln und
ihnen festen Boden unter die Füsse geben wird.
Mit der Läuterung einher gehen ein anderes Herz und ein
neuer Geist. Das Herz meint den Sitz des Denkens des Individuums,
der Geist steht für die auf Gottes Gesetzen bauenden
Werte des Kollektivs. Die Erneuerung beginnt also beim
einzelnen Menschen und mündet in einer Gemeinschaft, die
sich auf den Gemeinsinn besinnt.
Als ein Echo ist der Zuspruch des Propheten auch im Lehrtext
aus dem Neuen Testament hörbar: «Gott hat uns nicht
gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der
Liebe und der Besonnenheit.» (2. Timotheus 1,7) Nicht in
der Angst vor Veränderung sollen die Menschen verharren,
sondern mit Mut und Gottvertrauen Grenzen überwinden
und zu einem Wandel beitragen, der dem Leben und dem
Frieden dient.

Von: Felix Reich