Kategorie: Texte

25. August

Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter,
der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur
Erkenntnis der Wahrheit kommen.
1. Timotheus 2,3–4

«Beten – das ist unser Amt …», könnte man in Anlehnung
an ein bekanntes Kirchenlied diesen Abschnitt im Brief an
Timotheus überschreiben. «So ermutige ich nun, dass man
vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung
für alle Menschen …» (Vers 1)
Die Welt und die Menschen ins Gebet nehmen, so, wie die
«Unitätsgebetswacht» der Brüder-Unitäten dies seit 67 Jahren
wieder tut (die Übersicht finden Sie hinten im Losungsbüchlein).
So, wie wir in jedem Gottesdienst beten und Fürbitte
halten für Menschen in Not, für die Verantwortlichen
in Politik und Gesellschaft, für unsere Lieben – und Gott
danken für Bewahrung und Hilfe!
Manchmal ist es das Einzige, was ich im Augenblick tun
kann: «Ich schliesse Sie in mein Gebet ein», sage ich am
Krankenbett zu der Frau, die eine schwere Operation vor sich
hat, und sie lächelt mich dankbar an. «Das Gebet hat grosse
Kraft», schreibt Mechthild von Magdeburg, «es macht ein
bitteres Herz süss, ein trauriges Herz froh, ein armes Herz
reich, ein törichtes Herz weise, es macht ein ängstliches Herz
kühn, ein krankes Herz stark, ein blindes Herz sehend und
eine kalte Seele brennend. Es zieht den grossen Gott nieder
in ein kleines Herz.»

Von: Annegret Brauch

24. August

Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir
und lasse dir Feierkleider anziehen.
Sacharja 3,4

Dieser Satz Gottes erinnert an das Gleichnis vom verlorenen
Sohn (Lukas 22); und die Losungen haben als Lehrtext das
Ende dieses Gleichnisses gewählt. Beide Bibelstellen erläutern
unterschiedlich, was die Festtagskleider, die Gott uns
Menschen anziehen kann, bedeuten können: Bei Sacharja
sind sie ein Zeichen dafür, dass ein Mensch von seiner Sünde
befreit wird. Beim verlorenen Sohn sind sie ein Zeichen dafür,
dass ein Mensch, der verloren war oder sich verloren hatte,
wiedergefunden wurde.
Mir fallen dabei einige Verse aus der «Harzreise» von
Goethe ein und sie klingen in mir in der wunderbaren Vertonung
von Johannes Brahms: «Aber abseits wer ist’s – ins
Gebüsch verliert sich sein Pfad, die Öde verschlingt ihn …
Erst verachtet, nun ein Verächter zehrt er heimlich auf seinen
eigenen Wert in ung’nügender Selbstsucht … Ist auf deinem
Psalter, Vater der Liebe, ein Ton seinem Ohre vernehmlich,
so erquicke sein Herz …»
Wenn er diesen Ton vernommen hat, kann er langsam
zurückkommen in die Gemeinschaft seiner Mitwelt. Und
ich stelle mir vor, dass, bewegt vom Ton des Psalters und
zum Ausdruck des Glücks und der Dankbarkeit darüber, er
sich oder die Gemeinschaft ihm Feierkleider anziehen wird.

Von: Elisabeth Raiser

23. August

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft
vollendet sich in der Schwachheit.
2. Korinther 12,9

Dorothee Sölle beschreibt in ihrem frühen Buch «Die Hinreise», wie sie nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe auf einer
Reise durch Belgien völlig verzweifelt in einer Kirche sass
und ihr ganz unerwartet die Worte aus dem Korintherbrief
einfielen: «Lass dir an meiner Gnade genügen!» Diese Worte
retteten sie aus einer tiefen Depression und einem Todeswunsch,
und sie lernte wieder zu leben und zu neuen Ufern
aufzubrechen. Ein sehr eindrucksvoller Text!
«Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig» (Lutherübersetzung). Diese
ganze Zusage Gottes hat auch mir über manche depressive
Stimmung geholfen: Du musst nicht immer stark und strahlend
sein – Gott hält oder trägt dich gerade dann, wenn du
schwach bist. Ich kenne kaum ein Wort in der Bibel, das uns
heutigen Menschen besser helfen könnte. Uns, die wir politisch
wach und gerade deshalb oft verzweifelt sind, weil wir
uns schwach fühlen und keinen Hebel entdecken, an dem
wir drehen können, um die Dinge zum Besseren zu wenden –
sei es in der Klimakrise, bei den immer weiter wütenden
Kriegen, der wachsenden gesellschaftlichen und globalen
Polarisierung. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Wie, das wissen wir nicht, aber auf geheimnisvolle Weise gibt
sie uns Hoffnung und neuen Lebensmut.

Von: Elisabeth Raiser

22. August

Der HERR spricht: Wenn du dich zu mir hältst,
so will ich mich zu dir halten.
Jeremia 15,19

Jeremia hat genug. Er ist einsam und kommt nicht gut an.
Er möchte sein Prophetenamt zurückgeben. Aber Gott lässt
nicht nach: «Wenn du umkehrst, lasse ich dich wieder vor
mir stehen, und wenn du Wertvolles hervorbringst, nicht
Leichtfertiges, wirst du sein wie mein Mund.» (Jeremia 15,19;
Zürcher Bibel) Wir sind alle keine Propheten, aber das Gefühl,
nicht anzukommen, einsam zu sein mit dem, was wir sagen
oder tun, kenne ich. Und wie oft haben wir gehört, dass wir
umkehren sollen zu Gott, der Lebendigen. Aber das «Wie»
wird uns nicht gesagt, das müssen wir, genau wie Jeremia,
selber suchen. Dafür gibt es kein Rezept. Aber vielleicht hilft
Jeremia selber. Er hat sein Amt nicht zurückgegeben. In ihm
war offenbar ein Wille, mit Gott weiterhin zu rechnen, auch
wenn es schwierig war. Und genau da kommt mir der heutige
Text nahe: Ich lese daraus eine Einladung, mich immer wieder
neu auf Gott, die Lebendige, einzulassen. Was es braucht,
damit wir das können, ist uns überlassen. Und was ich auch
mitnehme, ist die Wahrnehmung, dass die Lebendige nicht
lockerlässt, sie ist immer wieder da. Und sie sagt uns, dass
wir nicht leichtfertige Worte verlieren, sondern versuchen
sollen, Wertvolles zu denken und zu sagen. Das hilft, nicht
aufzugeben und uns an die frohe Botschaft des Auferstandenen
zu erinnern.
Sei du mit uns auf dem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben
zu Gott im Himmel!
Klagelieder 3,41

Der Tempel ist zerstört, die Menschen klagen. Sie sehen ihre
Schuld im Verlust der Gottesbeziehung, sie waren widerspenstig.
Aber sie beten zu Gott. Sie klagen.
Wie geht eigentlich Klagen? Ich habe den Eindruck, dass
wir das gar nicht dürfen oder nicht können. Ich bin müde,
habe Schmerzen, aber nein, ich will nicht klagen. Dabei hat es
doch etwas Befreiendes, seinen Schmerz, auch den Schmerz
über den Zustand unserer Welt, mit anderen Menschen und
mit Gott zu teilen. Schämen will ich mich nicht, will nur
einen Zustand nicht einfach für mich behalten. Ich hoffe
dabei auf Freund:innen, die zuhören, und ich hoffe zugleich
auf Gott, die Lebendige. Klagen geschieht auch im Vertrauen
darauf, dass meine Klage gehört wird. Die Zuhörenden müssen
damit ja gar nichts tun. Ihr Hören ist ein Zuhören aus
Solidarität. Mir fällt auf, dass wir in den Bildern über die
Kriege, den Berichten von Flüchtenden selten eine Klage
hören. Oder verdränge ich die Klage, weil ich nicht mehr
zuhören will oder kann? Ich wünsche mir, dass wir das Befreiende
des Klagens erfahren, dass alle Menschen die Solidarität
des Zuhörens erfahren, damit sie mit neuer Kraft ihren
Weg gehen können. Denn das ist es doch, was wir brauchen:
immer wieder neu aufbrechen im Hoffen auf gute Wege.
Und darauf vertrauen, dass unser Klagen erhört wird.
Danke, dass du uns hörst. Hilf uns, aufzubrechen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Abrahams Knecht schwieg still, bis er erkannt hätte,
ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder
nicht.
1. Mose 24,21

Abraham ist alt und gebrechlich, bald wird er sterben und
sorgt sich um seine Nachkommen – er möchte das Kind
sehen, das den Segen weiterträgt, der dereinst allen Völkern
zuteilwerden wird. Aber Isaak hat noch keine Frau! Von den
Kanaaniterinnen hält Abraham nicht viel. Also schickt er
seinen Knecht in die alte Heimat. So der Anlauf zu einer der
schönsten Erzählungen der Bibel – mit durstigen Kamelen,
einer verschleierten Schönheit namens Rebekka, einem tiefen
Brunnen und orientalischer Gastfreundschaft!
Am Ende kommt alles gut. Der Knecht bringt die Braut
nach Hause. Die letzten schlichten Worte der Geschichte
sind ein wunderbar menschliches Zeugnis: «Rebekka wurde
Isaaks Frau, und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet
über seine Mutter.»
Die Losung bringt eine weitere Facette des Juwels zum
Funkeln. Sie beleuchtet den namenlosen Knecht. Ohne ihn
liefe in dieser Geschichte gar nichts. Seine Nebenrolle spielt
so gesehen die Hauptrolle. Weil er dient! Er ist ein wahrer
Gottesdiener, der kein Rampenlicht braucht. Er gehorcht,
aber nicht blind dem Befehl, den er von Abraham bekommen
hat, und auch nicht einem ersten Eindruck der Augen.
Er schweigt, hört und prüft die Geister.
Hätten wir nur mehr solche Diener in unseren Regierungen!

Von: Ralph Kunz

19. August

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste
dich nicht, dass du nicht Unrecht tust.
Psalm 37,8

Wenn mir einer an den Karren fährt und mich durch den
Kakao zieht oder mir jemand Steine in den Weg legt, mich
anfeindet und hintergeht, mich betrügt und belügt – dann
geht mir die Galle hoch, dann kocht es in mir über. Ist doch
normal, oder? Ja, ist es! Es ist menschlich und es ist auch eine
gesunde Reaktion. Der Mensch, dem wir diesen Klagepsalm
verdanken, weiss das auch. Und doch mahnt, ja beschwört er
fast: «Lass es irgendwann gut sein! Sonst tust du Unrecht.»
Er spricht von der Rache. Wir würden heute von Selbstjustiz
sprechen.
Recht hat er. Aber ach, wenn es nur so einfach wäre! Es ist
schwer, aus der eigenen Wut herauszukommen. Das weiss
auch der Psalmist. Er spricht hier als einer, der überwunden
hat – nicht den Feind, der ihm das Leben schwer machte,
sondern seine Gefühle, die ihn krank zu machen drohten,
wenn er sie nicht in den Griff bekam. Sein Rat an den, der es
(noch) nicht kann: «Befiehl dem HERRN deine Wege und
hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.» Der Psalm ist wie ein
Freund, der mich in der Hitze umarmt und mir nicht das
Recht abspricht, mich zu empören – aber der mich davor
bewahren will, innerlich zu verbrennen und zu verhärten.
In seinem Rat steckt viel Weisheit, aber es tut auch gut, den
Beipackzettel zu lesen.

Von: Ralph Kunz

18. August

Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als
Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,6

Wie lange ist es her, seit Sie in einen Sternenhimmel gestaunt
haben? Vielleicht haben Sie vor ein paar Tagen gar die Perseiden-
Sternschnuppen gesehen? Es gibt wenig, was mich so tief
berührt und mit Staunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt,
wie das Gefunkel einer sternklaren Nacht, wenn in Himmelstiefen
immer mehr und noch mehr Sterne zu erahnen sind.
«Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond
und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass
du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich
seiner annimmst?» Wie würden Sie antworten? Ein Stäubchen?
Ein Nichts? – Nicht so unser Losungstext: «Du hast ihn
(d. h. den Menschen) wenig niedriger gemacht als Gott, mit
Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum
Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter
seine Füsse getan.» (Verse 4–7) Da klingt die Schöpfungsgeschichte
an: «Lasst uns Menschen machen als unser Bild,
uns ähnlich … Füllt die Erde und macht sie untertan.» Das
haben wir Menschen gründlich falsch verstanden. Aus «Ehre
und Herrlichkeit» haben wir Selbstherrlichkeit gemacht, das
anvertraute «Werk seiner Hände» ausgebeutet, und was uns
«unter die Füsse getan» wurde, zertrampelt. Vielleicht wäre
Staunen ein Anfang der Umkehr? «Ach mein Gott, wie wunderbar
nimmt dich meine Seele wahr. Drücke stets in meinen
Sinn, was du bist und was ich bin.» (Joachim Neander)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. August

Gehört ihr Christus an, so seid ihr Abrahams
Nachkommen und nach der Verheissung Erben.

Galater 3,29

Hin und wieder stellen wir uns vor, dass ein geheimnisvoller
Brief aus Übersee eintrifft, worin uns mitgeteilt wird,
ein Onkel oder eine Tante sei verstorben und habe uns ein
Erbe hinterlassen. Schmunzelnd verwerfen wir solche Phantastereien
wieder, sind zufrieden und wissen, dass es uns
auch ohne gut geht. Aber mindestens bei den eigenen Eltern
gehen wir schon davon aus, dass da mal ein gewisses Erbe
uns beglückt. In meinem Fall wird das nicht so sein. Das
Bankkonto, das meiner alleinstehenden Mutter noch geblieben
ist, vermindert sich durch jahrelangen Aufenthalt im
Pflegezentrum rasant. Selbstverständlich ist das Wichtigste,
dass sie gut aufgehoben und umsorgt ist. Aber ein leises
Hadern kommt schon mal in mir hoch. Ist das Ihnen, liebe
Leser:innen, auch schon so gegangen?
Jetzt lese ich aber nicht im Luftpostbrief aus Amerika, sondern
im Brief an die Galater. Er sagt mir zu, dass ich Erbe von
Christus bin. Das stellt die Zürcher Bibel klar, indem sie nicht
«nur» von Erben, sondern von «seinen» Erben spricht. Ja,
dieses Erbe liegt nicht auf einem Bankkonto oder in einem
Safe, besteht nicht in einem Haus oder Auto. Entscheidend
ist die Taufe auf Christus. Wir haben damit Christus «angezogen
», wie Paulus schreibt. Er umhüllt uns mit seiner Liebe
und macht uns frei vom Hoffen auf Erbteile und Reichtum.

Von: Bernhard Egg

16. August

Darum nehmt einander an, wie Christus euch
angenommen hat zu Gottes Ehre.
Römer 15,7

Die Aufforderung lautet: «Nehmt einander an!» Die Verheissung,
die Zusage, das Fundament heisst: «wie Christus
euch angenommen hat». Und das Ganze soll zur Ehre Gottes
geschehen, «zu Gottes Ehre».
«Nehmt einander an!» Unser Handeln ist gefragt, unser
Annehmen, unser Auf-den-Andern-Zugehen. Den Andern
annehmen kannst du nicht, wenn du auf Distanz bleibst.
Dem Andern die Hand geben, da brauchst du schon eine
ziemliche Nähe, und ihn anzunehmen, das erfordert noch
mehr Nähe. Das geht nicht auf Sicherheitsabstand. Nehmt
den Andern an, nehmt einander an heisst: Geht aufeinander
zu, reicht die Hände, sagt ein freundliches Wort, sprecht den
Andern an. Fragt den Fremden neben euch: «Wo kommst
du her? Schön, dass wir uns heute begegnen.» Sprechen wir
die Menschen auf der Strasse an, nicht nur die, die in der
Kirche sitzen. Nicht nur die, die Not leiden, sondern auch
die, die uns unterstützen und uns helfen könnten. Das sind
die vielen Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen.
Das sind auch die Menschen, die in unseren Gemeinden
aktiv ihren Dienst verrichten und uns unterstützen. Macht
den Menschen immer wieder Mut. Geht nicht sprachlos
aneinander vorbei. Sperrt eure Ohren und Augen auf. Es
lohnt sich.

Von: Carsten Marx