Kategorie: Texte

25. April

Die Israeliten sprachen zu Samuel: Lass nicht ab,
für uns zu schreien zu dem Herrn, unserm Gott,
dass er uns helfe.
1. Samuel 7,8

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden gebeten, sie oder er möchte doch bitte für Sie beten? (Ich hoffe nicht, dass jemand für sie hätte zu Gott schreien müssen!)
Wir lernen, es sei erstrebenswert, möglichst autonom zu sein. Freiheit heisst für uns: «Ich kann tun und lassen, was ich will.» Sogar die klassische Einschränkung, dass die Freiheit meiner Nächsten meiner Freiheit eine Grenze setze, wird inzwischen von manchen in Frage gestellt.
Und so ist der Verlust der Unabhängigkeit für viele Menschen in unserem Land etwas vom Schlimmsten, was sie sich vorstellen können. Entsprechend schwierig wird es, wenn sie –
wie viele alte Menschen es erleben – nicht mehr die Kraft haben, ein unabhängiges Leben zu führen, sondern angewiesen sind auf die Unterstützung und Betreuung durch andere.
Wir Menschen sind von Anfang an auf Gemeinschaft, auf gegenseitige Abhängigkeit angelegt. Wir sind aufeinander angewiesen. Wie erbärmlich wäre mein Leben, wenn ich es allein und aus eigener Kraft leben müsste. Wie gut, dass ich Verwandte, Nachbarinnen, Freunde, Kollegen habe, denen ich nicht egal bin und die umgekehrt mir nicht gleichgültig sind. Und was für ein Privileg, dass wir füreinander beten können.

Von: Benedict Schubert

24. April

Sie wunderten sich über die Massen und sprachen:
Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.
Markus 7,37

Jesus nimmt den Taubstummen, der zu ihm gebracht wird, beiseite, «weg aus dem Gedränge» (Markus 7,33). Vielleicht liegt in dieser ersten Geste bereits eine Bedingung zur Heilung. Jesus löst den einzelnen Menschen aus der Menge, ermöglicht die persönliche Begegnung, nimmt sich Zeit.
Die tatsächliche Heilung vollzieht sich durch Berührung. Jesus legt seine Finger in die Ohren des Taubstummen, berührt dessen Zunge mit seinem Speichel. Doch die Kraftübertragung allein genügt nicht, Jesus blickt zum Himmel, bevor er sagt: «Tu dich auf!» (Markus 7,34) Das Wunder der Heilung ereignet sich in einem Dreieck: Zuwendung, Berühren und Berührtwerden, Hinwendung und Sich-Öffnen für Gott.
Die Zeuginnen und Zeugen der Heilung ignorieren den Befehl Jesu, das Gesehene für sich zu behalten. Ihre Verwunderung und ihr Wille, es zu erzählen, sind zu gross. Die frohe
Botschaft, die sie verbreiten, geht über das Wunder der Heilung eines Einzelnen hinaus. Denn die Tauben hören und die Sprachlosen reden zu machen, ist Auftrag und Hoffnung zugleich. So oft haben wir es nötig, die eigene Taubheit zu überwinden und auf unerhörte Stimmen zu hören. Und so vielen Sprachlosen fehlt Zuwendung in dieser Welt.

Von: Felix Reich

23. April

Jesus spricht zu Thomas: Reiche deinen Finger her
und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her
und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Johannes 20,27

Thomas ist nicht dabei gewesen. Ihm geht es wie wohl den meisten Leserinnen und Lesern des Johannesevangeliums. Er kann nicht glauben, was hier erzählt wird und was die anderen Jüngerinnen und Jünger bezeugen: dass Jesus auferstanden sei. Sie hätten es mit eigenen Augen gesehen, er habe sie besucht, obwohl sie sich aus Angst eingeschlossen hätten.
Thomas fordert den ultimativen Beweis. In seinem Unglauben klingt er beinahe trotzig: «Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben.» (Johannes 20,25)
Für Thomas kehrt Jesus nochmals zu seinen Jüngerinnen und Jüngern zurück. Erneut überwindet er die Barrikaden des Zweifels und der Trauer, indem er in ihre Mitte tritt, «obwohl die Türen verschlossen waren» (Johannes 20,26). Während die Auferstehung das flüchtige Wunder ist, das nicht mit Händen zu greifen ist, formuliert der ungläubige Thomas ein Glaubensbekenntnis, nachdem er Christus erkannt hat: «Mein Herr und mein Gott» (Johannes 20,28). Jesus aufersteht nicht als Geistwesen, er bleibt gezeichnet von Folter und Gewalt. Wer glaubt, legt den Finger in die Wunde.

Von: Felix Reich

22. April

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe,
ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR
warf unser aller Sünde auf ihn.
Jesaja 53,6

Wir alle gehen gelegentlich in die Irre. Betrachte ich im Moment die Welt, scheint es mir, als fehle oft der Blick für den gemeinsamen Weg, während viele nur ihren Vorteil suchen. Der heutige Vers regt mich an, über Schuld, Verantwortung und Leid, aber auch über Solidarität und Heilung nachzudenken – und viele Fragen zu stellen:
– Ist «Sünde» das passende Wort, um zu beschreiben, was passiert, wenn die Menschheit den Durchblick verliert und daher den richtigen Weg nicht findet?
– Wer trägt die Verantwortung? Braucht es einen «Gottesknecht», eine starke religiöse Führungspersönlichkeit, die stellvertretend für uns handelt?
– Ist Leid tatsächlich notwendig, das heisst nötig, um Not zu wenden? Eine der zentralen Frage des christlichen Glaubens! Dürfen wir diese Bibelstelle aus Jesaja auf Jesus Christus beziehen?
– Ist stellvertretende Übernahme nötig oder eine Ausrede, um unsere Verantwortung abzuwälzen? Menschen können gemeinsam neue Wege finden. Jesus sagt doch: «Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue.» (Johannes 14,12)
– Wie könnte Heilung für unsere Welt aussehen? Solidarität und gemeinsames Handeln sind zentrale Bausteine. Vertrauen, dass es möglich ist, gehört ebenso dazu.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. April

Für uns gilt: Nur einer ist Gott – der Vater.
Alles hat in ihm seinen Ursprung, und er ist
das Ziel unseres Lebens. Und nur einer ist der Herr: Jesus Christus. Alles ist durch ihn entstanden, und durch ihn haben wir das Leben.
1. Korinther 8,6

Dieses euphorische Bekenntnis führt uns am Ostermontag mitten ins Zentrum unseres Glaubens: Gott, Quelle und Ursprung unseres Lebens, ist auch unser Ziel. Und Jesus Christus ist der Weg, der uns mit dieser Quelle verbindet. Mit seiner Auferstehung feiern wir die Erneuerung allen Lebens.
Ostern ermutigt uns, unser Leben auf dieses Zentrum hin auszurichten. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur Geschöpfe sind, sondern auch Mitarbeiter:innen der Schöpfung und zur Gemeinschaft berufen. Von Jesus Christus dürfen wir lernen, wie unsere Beziehungen lebendig, tragend und von Liebe erfüllt sein können.
Dieser Glaube lädt uns ein, das Geschenk des Lebens in all seinen Facetten zu feiern und darauf zu vertrauen, dass Gott uns auch in dunklen Zeiten hält und führt. Heute, am Ostermontag, dürfen wir darum einstimmen in das Lob des Lebens: Alles kommt von Gott – und alles führt zu ihm zurück. Durch Christus wird unser Leben zu einem neuen Lied.
Frohe Auferstehung!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. April

Christus spricht: Ich war tot, und siehe,
ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und
habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18

Die Offenbarung fordert uns heutige Leserinnen und Leser mit einer starken Sprache heraus. «Der Lebendige spricht: Ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.» Dieser Vers ist eingebettet in eine Vision. Der Autor sieht eine imposante Gestalt, umgeben von Leuchtern, Farben, Geräuschen, Lichtern, Feuern, Gluten und Sternen. Sie legt ihre Hand auf ihn und bekräftigt seinen Auftrag, zu schreiben. Sie ergänzt: «Fürchte dich nicht!» Zahlreiche Menschen in der Bibel fürchten sich an Ostern. Wie geht es dir, Lars, heute mit Furcht und Angst?


Das ist schwer zu sagen. Ich weiss ja schon, wie die Geschichte weitergegangen ist. Insofern steht für mich die Angst heute nicht an erster Stelle. Ich freue mich einfach. Singe im Gottesdienst gerne das Halleluja mit. Klinke mich ein in den Strom derer, die heute auf der ganzen Welt einstimmen in diesen Jubel. Der Karfreitag liegt hinter uns. Das neue Leben ist da. Schwieriger wird es dann, wenn ich merke, dass der Karfreitag manchmal doch noch ziemlich präsent ist. Dass Menschen leiden, unendlich traurig sind. Ich wünsche mir, dass sie die Erfahrung des Lebendigen teilen und eines Tages seine Worte mitsprechen können.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

19. April

Der HERR hat mich gesandt zu verkünden ein
gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unseres Gottes.
Jesaja 61,1.2

Dieses Kapitel des Tritojesaja wurde sicher nach der Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil und nach dem Wiederaufbau des Tempels geschrieben. Es ist also eine Verkündigung, die nach ihrer tatsächlichen Verwirklichung verfasst wurde. Ich vermute, um ihr damit eine grössere prophetische Bedeutung zu verleihen. Das «gnädige Jahr des Herrn» bedeutet hier die Rückkehr ins eigene Land, die erneute Bewirtschaftung und Blüte des Landes und die für die Erneuerung des Glaubens den Juden wichtige Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem.
Es gab in der alttestamentarischen Überlieferung immer wieder solche besonderen Jahre, ich denke vor allem an das alle fünfzig Jahre wiederkehrende Jubel- oder Erlassjahr, in dem alle Schulden erlassen wurden und in dem alle Menschen in Israel, auch die Schuldner, neu zu leben beginnen konnten.
Das Jahr 2025, in dem wir jetzt leben, ist in der katholischen Kirche ein Heiliges Jahr, wo die Vergebung der Sünden versprochen wird. Können wir von dort her die Verbindung von Jesaja zum Karsamstag ziehen, diesem Tag der Stille zwischen Karfreitag und Ostern, an dem wir auf die Auferstehung warten und auf das damit verbundene Versprechen eines neuen, innerlich befreiten, von Hoffnung getragenen Lebens? Ich versuche das heute.

Von: Elisabeth Raiser

18. April

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit
ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden
nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort
von der Versöhnung.
2. Korinther 5,19

Versöhnung, ein grosses Wort, das in unseren Kirchen und theologischen Schriften oft vorkommt.
Was heisst das für uns persönlich? Wenn wir Schuld empfinden, wie kommen wir aus dem Kreislauf der Selbstvorwürfe, des Verlusts des Selbstwertgefühls, des immer wieder vor sich hin gemurmelten «Wie konnte ich das nur tun oder sagen!» wieder heraus? Das Schuldgefühl ist wohl der erste Schritt, aber es reicht nicht und zieht uns nur hinunter. Notwendig ist nach dem inneren, und wenn es einen anderen Menschen verletzt hat, auch ausgesprochenen Schuldeingeständnis eine Geste der Wiedergutmachung, die Bitte um Verzeihung. Das ist schwer. Aber Gott in Christus kann uns erlösen, wenn wir uns lösen lassen aus dem oben beschriebenen Zirkel. Mit seiner Hilfe und in seiner Gnade, im Gebet um sein Verzeihen können wir das Vertrauen und den Mut gewinnen, die nötigen Schritte zu tun. Das empfinde ich als die grosse Gnade, die Paulus im Korintherbrief anspricht. Aber ich spüre diese Gnade auch in all den Geschichten, die die Bibel von Jesu Handeln und Worten erzählt. Dass das Kreuz und sein gewaltsamer Tod dazu notwendig waren, ist für mich und vielleicht für viele von uns ein schwer verständliches, aber tief bewegendes Zeichen seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen.

Von: Elisabeth Raiser

17. April

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du
hältst mich bei meiner rechten Hand.
Psalm 73,23

Nur ganz knapp ist der Mensch, der diesen Psalm betet oder singt, der Verführung erfolgreicher Mächtiger entronnen. Es gelang ihnen, mit prahlerischem und bösartigem Reden, mit gewalttätigem und Gott verhöhnendem Tun grosse Teile des Volkes zu betören. So beschreibt er in den ersten zwanzig Versen des Psalms, was er erfahren hat. Erst als er von nahem sah, wie entsetzlich das Leben solcher Verführer enden kann, gingen ihm die Augen auf; er war «dumm», sagt er schonungslos von sich (Vers 22). Aber dieses Erleben hat ihn gerettet – von jetzt ab, beteuert er, werde er sich nur noch an Gott halten. Dafür braucht er das Bild eines Kindes, das geführt wird. Und geführt werden will! Damit er nie mehr ins Wanken gerät.
Sein Gebet beeindruckt mich auch deshalb, weil es so aktuell ist. Was er beschreibt, geschieht in unseren Tagen an zahlreichen Orten. Und zu vielen ergeht es dann so, wie es ihm fast ergangen wäre. Im letzten Augenblick sah er plötzlich klar, wohin der so laut gepriesene Weg führt. Zu Recht zeigt er sich tief dankbar seinem Gott gegenüber und redet davon. Sein Gott ist auch unser Gott und will auch heute und morgen Menschen aus der Verführung führen. Darauf dürfen wir, darf ich bauen. Gott braucht meine Bereitschaft, mich ihm anzuvertrauen. Dass ich dieses Zutrauen aufbringen kann, dafür bete ich mit diesem Psalm und mache mir den Satz von heute zu eigen.

Von: Hans Strub

16. April

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn
der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.
Die Gnade aber des HERRN währt von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Psalm 103,15–16.17

In der dritten Strophe des bekannten und oft gesungenen Psalmliedes von Johann Gramannn, dem Reformator Ostpreussens, formuliert er: «Er kennt das arm Gemächte
(Geschöpf) und weiss, wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub. Der Wind nur
drüber wehet, so ist es nimmer da; also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.» Dann aber folgt unmittelbar in der nächsten Strophe: «Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit …» (EKG 59).
Was noch viel früher schon Jesaja besungen hatte (Kapitel 40), wiederholt der Psalmsänger, um seinen Gott über alles zu loben: Es ist ein Zeichen der grossen Güte Gottes, dass er sich jedes einzelnen Menschen annimmt. Unter dem hebräischen Wort «chesed» (die absolute Liebe, ohne eine Gegenleistung zu erwarten) steht der ganze Psalm; Gottes Liebe, Gnade und Güte ist der einzige Grund dafür, dass die Menschen leben können. Und dürfen. Wenn ich das zitierte Lied singe, dann gebe ich meiner Dankbarkeit Ausdruck. Wenn ich den Psalm 103 als Ganzen lese oder höre, dann wird diese «chesed», wie meine Dankbarkeit auch, mit jedem neuen Satz umfassender. Und zu einer Kraftquelle, mein Leben in diesem Horizont zu gestalten.

Von: Hans Strub