Kategorie: Texte

4. Oktober

Steht auf! Lobet den HERRN, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und man lobe seinen herrlichen Namen, der erhaben ist über allen Preis und Ruhm! Nehemia 9,5

Der Vers, den wir heute als Losung lesen, folgt auf ein Bussgebet. Er ist eine Weisung, die vor einem langen Gebet steht. Aufstehen soll das Volk. Es ist eine Aufforderung, sicher zum Gebet, aber vielleicht doch noch mehr. Wenn wir aufste-hen, atmen wir ein. Der Atem gibt uns Kraft, sowohl beim Aufstehen als auch beim Ausatmen. Und doch frage ich mich, ob die Aufforderung genügt, um einzustimmen in das Lob der Lebendigen. Ich mag Weisungen nicht. Aber ich stehe auf, um etwas zu tun, um eine Aufgabe zu lösen, um etwas zu verändern. Und so wie damals das Volk vor der Vollendung der Mauer um Jerusalem stand, so stehe auch ich vor meinem Lebensweg, mit Aufgaben, die ich gerne angehe, und solchen, die einfach sein müssen. Ich kann aber auch aufstehen, wenn ich einstehe für andere Menschen, für Gerechtigkeit, für Frieden. Das braucht Kraft, Kraft, die ich immer wieder von der Lebendigen erbitte und auch bekomme. Die Dankbarkeit, wenn etwas gelingt, kann ich auch Lob nennen. Dann atme ich aus und freue mich. Und da sagt mir die Losung noch etwas: Gott, die Lebendige, freut sich über das Lob, aber sie steht über dem, was ich bete oder singe. Sie ist da, einfach so, mit den Menschen und der ganzen Schöpfung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Oktober

Dies Volk naht mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. Jesaja 29,13

Wer beim Lesen der Losung glaubt, Gott wende sich von seinem Volk ab, der oder die liegt falsch. «Darum sieh, werde ich an diesem Volk weiterhin wundersam handeln.» (Vers 14)

Die Lebendige ist nicht enttäuscht, straft nicht, sondern spricht eine Zusage der Liebe aus. Wundersam handelt sie. Das bedeutet, dass wir dankbar sein dürfen. Es bedeutet aber auch, dass wir nicht wissen, worin das Wundersame besteht. Es berührt mich, dass in den beiden Versen keine Anforderung an mich steht. Das gibt Kraft und Zuversicht. Es macht auch neugierig auf das, was vor mir ist. Ich muss nichts, aber ich bin gehalten. Manchmal bin ich auch leicht ungeduldig und wünsche mir so sehr, dass die Lebendige eingreift, dass Arme zu ihrem Recht kommen, dass Frieden wird, dass die Menschen im Zentrum stehen und nicht Gewalt oder gar Tod. In alledem stehen aber die Zuversicht und die Dankbarkeit für das Leben. Vielleicht ist das die Aufforderung: nicht nachzulassen im Glauben an die Liebe der wundersamen Lebendigen – heute und auf dem weiteren Weg, der immer wieder neu zu Gottes Kraft führen kann.

Schenke uns Vertrauen und Hoffnung, du wundersame Lebendige.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Oktober

Rede, HERR, denn dein Knecht hört. 1. Samuel 3,9

Wie bitte?

Wer hat das gesagt?

Samuel, beinahe noch ein Lausbub?

Einer, der noch kaum Lebenserfahrung hatte? Der einem blinden Lehrmeister diente?

Wo? Am Jerusalemer Tempel?

Wie hiess denn dieser Lehrer, der sich ganz auf seine Ohren verlassen musste?

Eli? Der jedes Mal nach Samuel rief, wenn er Hilfe brauchte? Weshalb Samuel natürlich dachte, Eli rufe ihn?

Zwischen Traum und Tag?

Als er gar nicht richtig wach war?

Weshalb sagt Samuel seinen Namen nicht? Weil sein Gegenüber schon weiss, wie er heisst? Oder traut sich Samuel nicht?

Weil er ein Diener, ein «Knecht» ist?

Weil er gar nichts anderes kennt als Gehorsam?

Hat er denn keine Ahnung, was es alles für Chefs gibt?

Ob Samuel eine kluge Antwort gegeben hat, als er versprach, vorbehaltlos zuzuhören?

Was? Diese Antwort hat Eli ihm vorgesagt? Weil Eli begriff, dass Gott zu Samuel spricht? Können wir etwas von Eli und Samuel lernen? Wie man Menschen besser zuhört?

Wie man Gott heraushört? Fragen über Fragen!

Von: Dörte Gebhard

1. Oktober

Gott, der du uns viel Angst und Not hast erfahren lassen, du wirst uns wieder beleben. Psalm 71,20

144 – So schnell wie möglich telefonieren, wenn eine Wiederbelebung nötig ist.

Bei viel Angst und Not gilt: «Wählen Sie die Sanitätsnotrufnummer 144 auch, wenn Sie unsicher sind, ob es sich tat-sächlich um einen medizinischen Notfall handelt.»

144 ist eine Nummer, die irdisches Leben retten kann. In der ganzen Schweiz. Rund um die Uhr.

Verletzt oder geschockt braucht man eine gute Eselsbrücke.

144 000 – So fest wie möglich vertrauen, dass bei Gott alle Menschen wiederbelebt werden, dass jeder und jede den heutigen Psalmvers beten und bekennen kann.

Bei viel Angst und Not gilt: Schon die Zahl 12 ist in der Bibel stets positiv besetzt und ein Zeichen für Vollständigkeit.

12 000 ist viel mehr als nur viel. 12 mal 12000, 144000, ist eine Symbolzahl für Vollkommenheit. Die Offenbarung des Johannes wäre missverstanden, wenn man nur an 144 000 Leute dächte. Es wird extra hinzugefügt, dass Johannes eine Menschenmenge sieht, die niemand zählen konnte (Offenbarung 7,9).

An alle ist gedacht.

144000 ist eine Zahl für alle, die Hoffnung retten kann. Auf der ganzen Welt. Zu jeder Zeit.

Von: Dörte Gebhard

30. September

Wenn ihr den HERRN sucht, wird er sich von euch finden lassen. 2. Chronik 15,2

Mit dem Suchen ist das so eine Sache. Meistens sucht man ja etwas, wenn man es verloren hat. Dazu kommt, dass man kennt, was man sucht, sonst könnte man es nicht finden.

Die Geschichte dieses Losungstexts scheint anders zu laufen. Da sind einerseits Asa und Juda, denen gesagt wird, der Herr ist mit euch. Gott ist also, wenn auch nicht unmittelbar erkannt, mit ihnen und lässt sich erkennen, wenn man sich auf die Suche nach ihm macht.

Anders ist die Situation mit Israel, das aus Kriegswirren und Schreckenserfahrungen kommend sich in seiner Not an Gott wendet, der sich finden lässt. Es gibt also beide Erfahrungen: ein Finden aus der Beständigkeit eines Lebens mit Gott, wo Gotteserfahrung immer neu entsteht; und ein Finden aus der Erfahrung von Not und Schrecken, wo wir auf der Suche nach Schutz und Geborgenheit sind.

Und, kaum gerettet, jubelt das Volk und verspricht Besserung. So geht die Geschichte weiter, das Volk wendet sich Gott unter Jubel und Freudengeschrei zu, verspricht treu zu sein, auf der Suche zu bleiben.

Dass das nicht leicht ist, nie leicht war, zeigt nicht allein die Geschichte Israels, auch meine Geschichte zeigt dies immer wieder. Gott zu suchen, seine Werte in die gesellschaftliche Praxis umzusetzen, stellt sich als Aufgabe. Aber Selbstzweifel sei gestattet! Ob Gott sich finden lässt, bleibt dann wohl ihm selbst überlassen.

Von: Gert Rüppell

29. September

Gelobet sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn ihm gehören Weisheit und Stärke! Daniel 2,20

Zunächst erscheint die Losung wie ein Text, den es zu Hunderten in der Tora, den Propheten und den Geschichtsbüchern gibt und dem wir frohgemut am heutigen Morgen zustimmen können. Dann aber, wenn wir ein wenig in den Zusammenhang schauen, wird dies ein spannender Text. Denn dem Herrscher aller Herrscher, Nebukadnezar, gelingt es nicht, ein «Gesicht» zu deuten, das er in der Nacht gesehen hat. Eine Vision vom Zusammenbruch all dessen, was er zu beherrschen meinte. Erklärung muss her, und wer nicht zufriedenstellend erklären kann, wird umgebracht. So einfach ist die Logik der Herrschenden.

In dieser Situation zählt auch Daniel zu den potenziellen Opfern. Er aber und seine Gefährten wenden sich im Gebet an den Gott der Väter, ihren Herrscher, und erhalten eine Deutung, die die Vision Nebukadnezars in den Gesamtzusammenhang von Aufstieg und Fall seines Reichs einordnet. Die Erkenntnis dieses Zusammenhangs vom Aufstieg und Fall von Macht ist der Kontext, aus dem heraus Daniel, dem hier Einsicht gegeben worden ist, sein Lob ausspricht. Ein Lob dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit Weisheit und Stärke beweist, anders als der mit einer kurzfristigen Macht ausgestatte Kaiser und sein Reich.

Ganz anders als so mancher Gernegross von heute.

Von: Gert Rüppell

28. September

Jesus spricht: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Johannes 15,16

Wir befinden uns in der Phase der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger, zweifellos sehr emotionale Stunden! Entsprechend ist viel von der Liebe, von Freundschaft und von wahrem Frieden die Rede. Was hat das mit der Erwählung zu tun? In den Versen 15,12 ff. geht es zentral um die Rolle der Jünger und wer sie für Jesus sind. Er nennt sie mehrfach Freunde. Er will nicht, dass sie sich als Knechte fühlen, die ihrem Herrn zu dienen haben. Er lehnt ein hierarchisches Verhältnis zwischen ihnen ab. Vielmehr erwählt er sie zu Freunden. Mit dem Wort «Wahl» verbinden wir die Wahl in ein Amt. Und ein Amt bringt bestimmte Kompetenzen und Verantwortungen mit sich. Die Steigerung davon, wenn man so will, ist das Ehrenamt, ein Amt also, das man ohne Gegenleistung ausübt, um der guten Sache willen. Mit dem Amt verbunden ist ein Auftrag. Der kann ganz verschieden lauten. In der zweiten Hälfte von Vers 16 erteilt Jesus den Auftrag, die Jünger sollen sich aufmachen und «Frucht bringen». Darin sehe ich eine diakonische Aussendung. Bedingung für fruchtbringende Diakonie sind die gegenseitige Liebe und der Einsatz für seine Freunde. Das werden sie brauchen, wie Jesus voraussieht. In Vers 18 ff. geht es um den Hass der Welt. Wie dieser zurzeit grassiert, brauche ich nicht auszuführen, schauen wir nur in den Sudan oder nach Belfast.

Was ist mein und unser Auftrag, um Frucht zu bringen?

Von: Bernhard Egg

27. September

Jesus betete: Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. Johannes 17,26

Nein, Johannes war nicht dabei.
Das Evangelium entstand
Jahrzehnte später.
Niemand protokollierte seinerzeit
die Abschiedsreden des Wanderpredigers,
seine rätselhaften Ankündigungen,
zugleich verstörend und tröstlich.
Durchs Weitererzählen, Ausschmücken,
Dramatisieren entstand dann
der Rohstoff, aus dem Johannes –
oder wer auch immer –
das Evangelium komponierte.

Eine frohe Botschaft für uns,
wenn wir versuchen, den Kern
herauszuschälen,
wenn wir glauben,
dass es auch uns zugesagt ist:
Wir sind – grundsätzlich –
liebenswert, wer und wo
auch immer wir sind.
Das ist im Bewusstsein,
was Menschen einander antun,
verstörend und tröstlich zugleich.

Von: Heidi Berner

26. September

Seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und bis an die Enden der Erde. Sacharja 9,10

An etlichen «Enden der Welt»
bin ich schon gewesen.
Es fasziniert mich,
an Grenzen zu gehen,
über den Rand meiner Welt
hinauszublicken.


Was ist das Besondere daran?
Der Blick aufs grosse weite Meer
gibt mir eine Ahnung
der eigenen Begrenztheit.
Die scheinbar unendliche Weite lässt
mich staunen und demütig werden.

Ja – wir sind endliche Wesen –
solche Orte zeigen uns das deutlicher
als unsere gewohnte Umgebung.
Wir werden gewahr,
wie klein wir sind,
aber ebenso, dass wir Teil
eines grösseren Ganzen sind.

So sind die Enden der Erde
Orte der Besinnung
und der Verbundenheit
mit der ganzen Welt.

Von: Heidi Berner

25. September

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist! Psalm 144,15

Auf David, Vorbild aller Könige, wird der Psalm zurückgeführt. Er ist ein Danklied für militärische Erfolge (das wäre einen nachdenklichen Kommentar wert) und für alles Gute, das die Schöpfung denen bietet, die das Land bewirtschaften. Unser Losungsvers ist das jubelnde Fazit: Uns geht es gut, weil wir unter dem Schutz und Segen dessen stehen, der versprochen hat, er werde jeweils aufs Neue bei und mit uns sein: «Ich bin der, der mit euch geht und ist.» (Exodus 3,14) Können wir einstimmen in diesen strahlenden Schlussvers? Sind wir in der Schweiz noch ein Volk, dessen Gott der Ewige ist, oder haben wir den Lebendigen eingetauscht

gegen andere Götter?

Ich erkenne in unserer Gesellschaft immer noch Zeichen dafür, dass und wie Gottes Wort und Wille unser Zusammenleben geprägt hat: Wir haben ein Sozialsystem, das die Schwachen und Armen achtet. Alte und Kranke wer-den an manchen Orten noch nicht als Einkommensquelle genutzt, sondern mit Liebe gepflegt und versorgt. Es gibt da und dort Beispiele für eine Gastfreundschaft, die Fremden die Möglichkeit gibt, «sich zur Freundschaft anzubieten». Indem ich den Psalmvers mitbete, verpflichte ich mich, dafür einzustehen, dass diese Zeichen nicht verschwinden, sondern gestärkt werden. Manchmal reicht dafür übrigens der Stimmzettel.

Von: Benedict Schubert