Kategorie: Texte

12. Juni

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass
ihr festhaltet am Wort des Lebens.
Philipper 2,15–16

Wenn ich an Licht denke und es mir bildlich vergegenwärtige,
ist Licht etwas, das an seinem Platz bleibt, als Flamme einer
Kerze, als Lichtbündel durch dunkle Wolken, als Leuchte
in einem Lampenschirm. Es ist also nicht etwas, das sich
bewegt, ist nicht zerstörerisch fressendes Feuer, sondern ist
ruhig, leuchtet still.
Nun sagt aber Paulus im obigen Text, dass wir uns bewegen
sollen inmitten eines «verdrehten und verkehrten
Geschlechts». Dieser Aufruf zur Missionierung, zu christlicher
Überzeugungsarbeit entspricht mir nicht. Vielmehr bin
ich der Ansicht, dass wenn uns stilles Leuchten und innere
Wärme geschenkt werden, wir Frieden mit unserem Leben
geschlossen haben, es aus uns heraus leuchtet. Wir müssen
nicht weibelnd herumgehen und andere für unseren Glauben
gewinnen, denn Menschen fühlen, sehen und spüren
dieses innere Licht selbst.
Dahin zu gelangen, ist indes schwierig, erfordert Arbeit an
sich selbst und bedingt, die eigenen Abgründe zu kennen.
Dann sind wir Lichter in der Welt. Das zu sein, ist ein
Geschenk, das Licht ist eine Gnadengabe, weil Gott uns
entgegenkommt. Allerdings fallen wir immer wieder daraus
heraus. Daran festzuhalten beziehungsweise wieder da
hinzufinden, ist notwendig. Auch das bleibt letztlich ein
Geschenk.

Von: Kathrin Asper

11. Juni

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN,
deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.
2.Mose 20,9.10

Ich muss gestehen, dass ich das Sabbatgebot, wenn ich es
wortwörtlich verstehe, nicht einhalte. Aber ich habe deswegen
kein schlechtes Gewissen. Das hat zum einen mit meinem
Beruf als Theologe zu tun, der in Gottes Namen auch
Sonntagsarbeit bedeutet. Überhaupt ist das so eine Sache
mit diesen Zeiten. Ich vermute, dass viele pensionierte Menschen
die Regel nicht strikte befolgen. Wer im reichen Norden
lebt, kann sich im Alter den Ruhestand leisten. Der
biblische Text stammt aus einer Kultur, die weder Ferien
noch Pensionierung kannte. Das Sabbatgebot passt nicht
mehr zu unserem modernen Verständnis von Arbeitszeit
und Freizeit. Und doch ist etwas dran am alten Rhythmus
von Schaffen und Ruhe. Es geht tiefer als unsere Life-Work-
Balance. Es geht um eine Freiheit, die wir uns gönnen sollten.
Damit wir nicht Sklaven der eigenen Betriebsamkeit werden.
Damit wir Konsum, Hobbys und Sport nicht wie goldene
Kälber anbeten. Positiv gewendet: «Gönn dir einen Tag in
der Woche, an dem du dich von ganzem Herzen, mit ganzer
Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand
Gott widmest.»


Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum
Besten dienen. (Römer 8,28)

Von: Ralph Kunz

10. Juni

Paulus schreibt: Der Herr stand mir bei und gab
mir Kraft. Denn die Verkündigung seiner Botschaft
sollte durch mich ihr Ziel erreichen: Alle Völker
sollten sie hören. Und ich wurde aus dem Rachen
des Löwen gerettet.
2. Timotheus 4,17

Die Heidenmission hat einen schlechten Ruf, schon das Wort
«Heiden» einen üblen Beiklang. Dabei bedeutet «Mission»
nichts anderes als Sendung und «Heiden» nichts anderes als
Völker. Gemeint sind alle Völker, die sich nicht zum Gottesvolk
zählen und andere Götter verehren. Sie, die vom Evangelium
noch nichts vernommen haben, sollen die Botschaft
ihrer Befreiung hören. Woher der schlechte Ruf? Dieser hat
weniger mit der Botschaft als mit dem Auftritt der Botschafter
in der Zeit des Kolonialismus zu tun. Sie brachten
mit dem Evangelium auch ihre Kultur und Sprache und das
Bewusstsein der überlegenen Eroberer mit.
Die postkoloniale Missionstheologie weiss um das geschehene
Unrecht. Was bei einer kritischen Musterung der biblischen
Ursprungstexte auffällt: Wenn der Völkerapostel von
seiner Mission spricht, ist sein pharisäisches Erbe, sein Status
als römischer Bürger oder seine Nationalität kein Thema. Er
spricht von der Ablehnung, die er erdulden, dem Hass, den
er erfahren und den Schlägen, die er einstecken musste –
und von der Kraft zum Aushalten, die ihm verliehen wurde.
Es gibt keinen einzigen Text im Neuen Testament, der eine
koloniale Mission stützen würde. Und wenn es einen gäbe,
gehörte er in den Rachen des Löwen.

Von: Ralph Kunz

9. Juni

Und wenn man euch abführt und vor Gericht stellt,
dann sorgt euch nicht im Voraus, was ihr reden sollt,
sondern was euch in jener Stunde eingegeben wird,
das redet. Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern
der Heilige Geist.
Markus 13,11

Letztes Jahr erbte ich aus dem Nachlass eines verstorbenen
Kollegen das Buch «Du hast mich heimgesucht bei Nacht».
Es versammelt viele Zeugnisse aus den letzten Lebensstunden
von Opfern der Nationalsozialisten. Was genau sie
sagten, als sie vor dem für seine Hasstiraden gefürchteten
NS-Richter Roland Freisler standen, steht nicht im Buch.
Die meisten ihrer Briefe und Tagebuchaufzeichnungen sind
getragen von einer tiefen Zuversicht auf die Hilfe, von der
Jesus im Markusevangelium spricht. Alle haben, zum Teil
schon sehr früh, die Gottlosigkeit des Regimes erkannt und
alle haben sich auf die eine oder andere Weise dagegengestellt.
Lange las ich die Markusstelle so, als verspreche Jesus Hilfe,
wie jemand durch geschicktes, von Gott eingegebenes Argumentieren
in letzter Sekunde den Kopf aus der Schlinge
ziehen kann. Jesus versprach Hilfe, sich nicht selbst abhandenzukommen,
auch unter grösstem Druck.
Keiner der im Buch Vorgestellten überlebte. Nicht Hoffnung
auf Rettung begründete ihre Zuversicht, sondern das
Wissen, im Leben und im Sterben vom Auferstandenen
selbst getragen zu sein.

Von: Heiner Schubert

8. Juni

Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte,
wo sie versammelt waren; und sie wurden alle
vom Heiligen Geist erfüllt und redeten das
Wort Gottes mit Freimut.
Apostelgeschichte 4,31

Und sie bemerkten, dass alles, was sie beteten, irgendwann
auch tatsächlich wahr wurde. Und so beteten sie weiter und
«bestellten» sich schöne Dinge im Himmel, schon bald ohne
Rücksicht auf Verluste. Und sie beteten sich das Paradies
auf die Erde zurück, und Gott bemerkte es, und so sassen
sie wieder im Garten Eden und alles ging von vorne los …
Wie oft fallen wir in alte Muster und kehren wieder an den
leidigen Anfang zurück? Oft braucht es viele Wiederholungen,
bis etwas sitzt und passt. Die Psychologie redet von
Verhaltensänderungen. Mit dem Rauchen aufhören; mehr
Gemüse essen; Velo statt Auto nehmen; positiv statt negativ
denken; dankend und nicht bestellend beten. Alte Muster
über Bord werfen und sich jetzt für das Neue entscheiden.
Wir haben dieses eine Leben geschenkt bekommen und
wir sollten alles darangeben, es für uns und unsere Mitmenschen
so gut und liebevoll wie möglich zu gestalten.
Wenn der Heilige Geist weht, dann einfach zulassen und den
Moment aufsaugen.

Von: Markus Bürki

7. Juni

Sie trieben Jesus aus Nazaret hinaus – bis an den
Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war. Dort
wollten sie ihn hinunterstürzen. Aber Jesus ging mitten
durch die Menge hindurch und zog weiter.
Lukas 4,29–30

In diesem Abschnitt des Lukasevangeliums wird spürbar,
wie mächtig die Kraft von Jesus ist. Wie schön ist doch das
Bild, wenn wir uns in der heutigen Zeit vorstellen, dass dieser
kräftige Jesus einfach alle Machthungrigen und Besessenen
von ihren Übeltaten befreit und sie kurzum zu Mitarbeitenden
für eine lebenswerte Zukunft macht. Das Reich
Gottes schreit – Trump, Musk und viele andere schreien
lauter. Jesus war meiner Meinung nach ein Randständiger
ohne Master in Theologie, er hatte keinen festen Wohnsitz,
kein fettes Bankkonto und kein Smartphone. Geschrien hat
er auch selten. Wie kann so einer so berühmt und für so viele
Menschen so wichtig werden? Wie kann er einfach mitten
durch die Menge gehen, ohne dass ihm jemand was anhaben
kann? Seine Macht schien unendlich und doch wissen
wir, wie es gekommen ist. Andere schrien noch lauter und
schon war es vorbei mit der Glückseligkeit. Der Erlöser starb.
Wie geht es weiter? Für mich kann es unmöglich Zufall sein,
dass Jesus berühmt geworden ist. Zufall und Christianisierung
hätten diese Geschichte nie im Leben zur Nummer
eins der Weltliteratur machen können. Was steckt da genau
dahinter? Das ist es, was mich seit Jahren antreibt, diesem
Jesus auf der Spur zu blieben. Ich kann es nur empfehlen.

Von: Markus Bürki

6. Juni

Um Jerusalem her sind Berge, und der HERR ist um
sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.
Psalm 125,2

Wenn israelitische Pilger in biblischer Zeit für ein Fest nach
Jerusalem reisten, stiegen sie hinauf ins Bergland von Judäa.
Die Stadt lag nicht ganz am höchsten Punkt, sondern in einer
leichten Senke. Sie war umgeben von Hügeln, die noch etwas
höher waren. Ganz in der Nähe befand sich der Ölberg mit
seinen drei Kuppen. Weiter entfernt waren andere, noch
höhere Erhebungen. Um sie alle zu sehen, musste man sich
beim Tempel einmal um die eigene Achse drehen. Mit dem
Stichwort «rings um» – gemäss hebräischer Wurzel – macht
der Psalmvers einen bildhaften Vergleich. Wie Jerusalem von
Bergen umgeben ist, so erhoffte sich die Stadt Schutz durch
Gottes Gegenwart und seine lebensfreundliche Macht.
«Jerusalem: Berge sind rings um es. Und der HERR ist rings
um sein Volk.» Dieses Bekenntnis drückte eine Hoffnung
aus, die aber keine Garantie war. Denn es war nicht vergessen,
dass man den gleichen Ausdruck brauchen musste, um
den Aufmarsch feindlicher Armeen zu beschreiben. Sie hatten
sich «rings um» Jerusalem aufgestellt, um die Stadt zu
belagern und schliesslich zu erobern. Neben das Vertrauen
auf Gott stellt der Psalm eine Warnung: Die Menschen sollen
sich nicht an ungerechten Machenschaften beteiligen. Und
am Schluss steht ein grosser Wunsch, der bis heute aktuell
ist: «Friede über Israel.»

Von: Andreas Egli

5. Juni

Gott spricht zum Frevler: Was redest du von
meinen Geboten und nimmst meinen Bund in
deinen Mund, da du doch Zucht hassest und
wirfst meine Worte hinter dich?
Psalm 50,16–17

Wie von einem Propheten hört man im Psalm ein Gotteswort
in direkter Rede. Was ist ein rechter Gottesdienst? Was
ist ein guter Umgang mit den göttlichen Geboten? Zwar
sollen die Israeliten viel von ihnen reden (5. Mose 6,7). Aber
ebenso wichtig ist die Frage, ob sie auf den Alltag eine Auswirkung
haben. Der eine kann ein Wort im Mund führen –
und es dann doch hinter sich werfen, sodass es wirkungslos
liegen bleibt. Dann tritt er zwar wie ein frommer Mensch
auf, ist aber eigentlich das genaue Gegenteil: ein Frevler, ein
Bösewicht. So sagt es der Zwischentitel, der vermutlich später
eingefügt wurde. Der andere geht so mit einem Bibelwort
um, dass er bestrebt ist, von ihm etwas zu lernen. Das ist
das positive Anliegen des Losungsverses. Der altertümliche
Ausdruck «Zucht» ist heute schwer verständlich. Zugänglicher
ist der Begriff, der in der griechischen Bibelübersetzung
gebraucht wird: paideia. Es geht um Erziehung, Bildung,
Unterweisung im Feld der Ethik. Im Leben soll ein Lernprozess
stattfinden, der das Verhalten prägt. Die folgenden
Psalmverse beziehen sich auf die Gebote im zweiten Teil der
Zehn Gebote. Sie halten Werte fest, die für das Verhältnis zu
den Mitmenschen grundlegend sind.

Von: Andreas Egli

4. Juni

Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort
meines Heils.
Psalm 89,27

Die heutige Losung ist einem Weisheitslied entnommen. Es
erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen
hat. Die Zürcher Bibel spricht im heutigen Vers vom Felsen.
Gott als Felsen, Vater und Mutter. Im Altwerden erinnere
ich mich an Situationen, in denen meine Mutter und mein
Vater für mich ein Felsen waren. Etwa dann, wenn ein Elternteil
ernsthaft krank war und der andere der Felsen war. Zu
diesem Felsen gehört das Vertrauen. Vertrauen in Gott, die
Lebendige. Und so spricht der Psalm auch von Gnade. Vater
und Mutter können zuhören, können einen Konflikt wieder
wegstecken. Das ist vielleicht das wichtigste Merkmal des
Felsens, dass er oder sie uns annimmt, mit allem, was Leben
ausmacht. An uns ist es, immer wieder neu dieser Gnade,
von der auch der Psalm spricht, zu vertrauen. So können wir
Schweres überwinden und neue Kraft sammeln. Ich meine,
das gehört zur Weisheit.
Und noch etwas: Der Bund, den Gott mit seinem Volk
geschlossen hat, ist nicht eine Zusage an einen einzelnen
Menschen, sondern an das Volk. Also sind wir eingeladen,
auch von uns wegzuschauen hin zu den Menschen, die uns
hier und weltweit umgeben.
Dein ist der Himmel, dein auch die Erde. (Vers 12)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6,3

Jesaja hat eine Vision im Tempel. Er sieht den HERRN auf
seinem Thron und über ihm stehen Serafim, die einander
zurufen: «heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!» Im Kommentar
lese ich, dass Jesaja ein Prophet war, auf den niemand
hören wollte. Denn eines seiner Ziele war, die Menschen zur
Umkehr zu bewegen. Aber was bedeutet «Umkehr»? Vertraute
Wege verlassen und neue Ziele erreichen? Mein Leben
ändern? Ganz einfach nachdenken und mir bewusst werden,
wo ich stehe. Zur Umkehr gehört auch, die Gemeinschaft
der Menschen hier und weltweit anzuschauen und sich zu
fragen, wie wir die Gemeinschaft gerecht gestalten können.
Und das wiederum bedeutet, aufzubrechen, die Stimme zu
erheben, selbst wenn scheinbar niemand sie hören will. Es ist
wohl etwas hoch gegriffen, wenn ich von den prophetischen
Stimmen spreche. Aber eines wünsche ich mir: dass die Kirchen
ihre Stimme erheben und Stellung beziehen zugunsten
der Menschen, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der
Schöpfung. Dass sie Menschen mitnehmen auf den Weg der
Umkehr, hin zum Nachdenken darüber, was der Prophet uns
sagen will. Dann singen wir gemeinsam Lieder und stimmen
das Lob Gottes, der Lebendigen, an, denn sie ist es, die uns
die Kraft schenkt, um den Weg weiterzugehen.

Danke, dass wir auf deine Stimme hören dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud