Kategorie: Texte

5. November

Lasst uns unsere Wege prüfen und erforschen, und lasst
uns zurückkehren zum HERRN. Klagelieder 3,40

Heute werde ich aufgerufen, ehrlich und genau hinzuschauen:
auf meine Wege, meine Entscheidungen und meine
Motive. In Not- und Krisenzeiten sagt mir der Vers: Umkehr
ist kein Zufall, sondern eine bewusste Wendung zu Gott.
Wenn ich innehalte und prüfe, erkenne ich, wie Gott auch
in schweren Zeiten treu sein will.
Die Prüfung unserer Wege kann unangenehm sein. Vielleicht
entdecke ich da bei mir selbst: Oh, da habe mich verrannt.
Da sitzen alte Muster fest, sodass gar nichts Neues
wachsen kann. Vielleicht habe ich mich auch so vergaloppiert,
dass ich Gott nicht mehr wahrnehme?
Ich gönne mir heute eine Zeit der Stille. Ich lade Gott ein,
meine Wege zu prüfen. Ich notiere mir drei Bereiche, in
denen Umkehr nötig ist, und wähle konkrete Veränderungen
für heute. Stopp! Warum nur für heute? Ich muss das öfter
tun. Und: Ich suche mir Versöhnung und einen notwendigen
Schritt der Liebe in einer Beziehung. Wenn ich jemanden
verletzt habe, bitte ich ihn um Verzeihung.
Herr, prüfe meine Wege heute und erforsche mein Herz. Zeige
mir, wo ich mich von dir entfernen wollte, und hilf mir, den
Weg der Rückkehr zu dir zu gehen. Stärke mich, damit mein
Wandel und meine Veränderung sichtbar werden. Amen.

Von: Carsten Marx

4. November

h werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen. Psalm 116,9

Die Zürcher Bibel übersetzt die heutige Losung so: «Ich darf
einhergehen vor dem Herrn im Lande der Lebenden.» Der
Dichter oder die Dichterin hat Gerechtigkeit erfahren von
Gott. Das stärkt und öffnet den Blick für das Leben. «Gott,
die Lebendige, behütet die Einfältigen; bin ich schwach, so
hilft er mir.» (Vers 5)
Mit den Lebenden sind wir auf dem Weg. Manchmal, so
denke ich, gehöre ich einfach zu den Einfältigen des Glaubens,
weil ich ohne grosse Umschweife die Lebendige um
ihren Beistand bitte, ihr danke, dass ich zu ihr beten darf,
um dann den Weg weiter zu gehen. Wir sind umgeben von
einer wachsenden Kultur des Todes. All die Kriege, die Verletzungen
der Menschenrechte, das Machtdenken, welches
das Denken an die Menschen verhindert.
Sollen wir da noch vom Lande der Lebenden reden, wir in
unserer privilegierten Situation? Ja, das sollen wir. Wir sollen
für die Leidenden bitten, an sie denken, sie in unserem
Herzen tragen.
Das Land der Lebenden auf der ganzen Welt ist in Gottes
Hand, denn die Lebendige ist barmherzig und gerecht. In
diesem Beten sind auch unsere Zweifel und Gefühle der
Ohnmacht aufgehoben. Aber wir gehen mit Gott.
Sei du bei allen Menschen, deren Leben bedroht ist, schenke
ihnen deine Barmherzigkeit.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. November

Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel,
und mein Fürsprecher ist in der Höhe. Hiob 16,19

Hiob ist im Gespräch mit Elifas, seinem Freund. Es ist eine
Klage. Hiob hat alles verloren, was das Leben ausmacht. Er
ist krank und verfolgt von seinen Feinden. In dieser aussichtslosen
Situation fühlt er sich auch von Gott verlassen,
ja noch mehr: Er ist der Überzeugung, dass Gott nicht mehr
zu ihm hält. Er fragt nicht, was er falsch gemacht habe. Er
entwickelt auch keine Aktivität, schmeisst den Bettel nicht
hin. Vielmehr sagt er zu seinem Freund, dass er im Himmel
einen Fürsprecher hat. Vielleicht ist es ein Engel. Ein Fürsprecher
schaut genau hin, damit er sich für seinen Klienten
einsetzen kann. Und ein Zeuge schaut ebenfalls genau hin,
denn auf ihn soll Verlass sein. Die Situation ist nach wie vor
schwierig. Doch Hiob lässt nicht locker. Er weiss, dass sowohl
der Fürsprecher als auch der Zeuge mit ihm unterwegs sind.
Aushalten, beharrlich sein, der Schwierigkeit nicht davonlaufen,
nicht in Aktivismus verfallen, von alledem erzählt Hiob.
Und er bleibt im Gespräch sowohl mit seinem Freund als
auch mit Gott.
Und noch etwas: Er bittet nicht um Kraft, sondern vertraut
darauf, dass sie irgendwann wiederkommt. Von Hiob lerne
ich, nicht wegzulaufen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und
ich lerne, dass es nicht bloss um das Aushalten geht, sondern
um das Aufbauen von Vertrauen.
Sei du auch ein Zeuge für uns.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. November

Es sollen viele Völker sich zum HERRN
wenden und sollen mein Volk sein. Sacharja 2,15

Geht es hier um den Völkerfrieden im Namen Gottes, oder
erinnert uns der Satz an den Sieg «im Zeichen des Kreuzes
», der den römischen Kaiser Konstantin zum Christentum
brachte, an die kolonialistischen Begleit- oder gar Hauptmotive
der Völkermission? Nicht zu bestreiten ist das negative
Potenzial der Weltreligionen, von den Kreuzzügen über die
gewaltsamen Abtreibungsgegner in den USA, den islamistischen
Terror und den Terror der radikalen Siedler im Westjordanland
bis zu den Gewalttaten extremistischer Hindus
in den letzten Jahren. Machtstreben, Kriege, gesellschaftliche
Konflikte haben nur zu oft einen religiösen Hintergrund
oder missbrauchen Religion als Mobilisierungsmittel. Aktuell
müssen wir an die schändliche Unterstützung des kriminellen
russischen Kriegs in der Ukraine durch den Moskauer
Patriarchen erinnern.
Dabei haben alle Religionen ein Friedenspotenzial: Das
Alte Testament hofft auf die «Völkerwallfahrt» und das
Umschmieden von Schwertern zu Pflugscharen, Jesus preist
die Friedensstifter selig, seriösen Muslimen gilt der Islam
als Religion des Friedens, und nach der jüdischen Tradition
rettet die ganze Welt, wer einen einzigen Menschen rettet.
Kritische Auseinandersetzung mit der eigenen und den
anderen Religionen, auch mit Fragen, die man einander im
guten Sinne stellt, muss der Weg zu der im Prophetenwort
gezeichneten Vision sein.

Von: Andreas Marti

1. November

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden. Psalm 119,6

Ganz einfach. Die Gebote halten, dann geht es mir gut.
Nur: welche Gebote denn? Die 613 Gebote der Tora, die uns
teils durchaus sinnvoll vorkommen, teils aber sonderbar bis
grausam? So genannte «christliche Kreise» berufen sich ja
gerne auf biblische Gebote und Verbote, aber sie tun das
höchst selektiv. Eine Religion der buchstäblichen Gehorsamkeit
funktioniert nicht und führt nicht zu mehr, sondern zu
weniger Menschlichkeit und Lebensqualität.
Wieder ganz einfach: Jesus hat bekanntlich auf die Frage
nach dem höchsten Gebot mit dem Liebesgebot geantwortet.
Das hat er nicht neu erfunden, sondern ebenfalls aus der
jüdischen Tradition zitiert. Schon da gibt es also eine Hierarchie
der Normen, und Jesus hat diese in der Auseinandersetzung
mit seinen gesetzeskundigen Zeitgenossen radikalisiert.
Daraus ergibt sich das unvermeidliche Misstrauen gegen alle
ethischen und moralischen Normen, die sich nicht aus dem
Liebesgebot ableiten lassen.
Noch einmal ganz einfach hat es Augustinus gesagt: «Dilige
et quod vis fac.» Meist übersetzt man: «Liebe und tu, was
du willst.» In «dilige» steckt noch etwas mehr, nämlich die
Achtung, das Hochschätzen. Aus diesem gefüllten Begriff der
Liebe kommt ein Wollen, das nur das Gute zum Ziel haben
kann, das niemanden zuschanden werden lässt.

Von: Andreas Marti

31. Oktober

Wie könnt ihr rechten mit mir? Ihr seid alle
von mir abgefallen, spricht der HERR.
Jeremia 2,29

Mit Gott rechten? Angesichts des vielen Leids und der offenkundigen Bosheit in der Welt kein so abwegiger Gedanke. Die Klage über die eigene Not und die Not der Welt kommt in der Bibel häufig vor, und wichtig ist dabei, dass Gott der Adressat der Klage sein darf. Nicht selten steigert sie sich zur Anklage: Gott wird der Prozess gemacht, weil er nicht eingreift, oder nicht so, wie wir uns das vorstellen –
«rechten» heisst das in unserem Prophetenspruch, und das kann durchaus eine Hilfe sein, kann die Last leichter machen, wenn sie bei Gott abgeladen werden kann. Aber nun kommt der zweite Satz. Gott dreht den Spiess um. Wir können nicht einfach alles auf ihn abschieben. Er nimmt uns in die Verantwortung hinein, er traut uns etwas zu, er mutet uns etwas zu. Allerdings kommen mir da viele engagierte Predigten in den Sinn: «Wir» zerstören die Natur, «wir» dulden oder verursachen Ungerechtigkeit, «wir» brauchen oder dulden Gewalt bis hin zum Krieg, «wir» müssen dies und jenes unternehmen. Das überfordert nur allzu leicht, es deprimiert und lähmt und funktioniert genauso wenig wie das Abschieben auf Gott im «Rechten». Es ist wie so oft in Glaubensfragen: Es gilt das eine, und es gilt das andere, nicht halb und halb, sondern beides ganz. Das gilt es auszuhalten; es ist nicht Alltagslogik, es ist die Logik des Glaubens, in welcher Unvereinbares zusammenkommt.

Von: Andreas Marti

30. Oktober

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!
Psalm 6,5

Der Psalmist ist in Not, scheint sich des Zorns, also der Strafe Gottes sicher. Darauf verweisen die vorhergehenden Verse unseres Losungstextes.
«Ein Bussgebet in Anfechtung» ist der Psalm überschrieben. Aber stimmt das, ist der Psalmist angefochten? Geht es ihm nicht vielmehr wie so manchem, so mancher von uns? Wir haben «etwas ausgefressen», vielleicht auch jemandem übel mitgespielt und vermuten, wohl zu Recht, dass die Strafe auf dem Fusse folgen könnte. Wir also erwischt und bestraft werden. Das kann schon ein beklemmendes Gefühl auslösen, ein Gefühl, das auf die Seele drückt.
So kann ich David verstehen, wenn er sich in dieser Notlage an die oberste Richterinstanz wendet und sie ersucht, sich nicht von ihm ab-, sondern ihm zuzuwenden. Diese Zuwendung löst die Beklemmung beziehungsweise, in Davids Worten, rettet die Seele. Sie richtet zerstörte Beziehungen auf und ermöglicht Frieden zwischen Mensch, Gott und Schöpfung. Diese Zuwendung bewirkt, dass aus den Unruhenächten, von denen der Psalmist in Vers 7 schreibt, wieder Nächte der Ruhe, der Geborgenheit werden.
Also hilf uns, Gott, um deiner Güte willen.

Von: Gert Rüppell

29. Oktober

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Johannes 15,10

Verbinden Sie «Gebote» mit Liebe, mit Freude? Ich eher nicht. «Gebote», das riecht nach «gehorchen», nach
«Forderungen erfüllen», nach «fremdbestimmt», allenfalls auch nach «durchfallen» und «Strafe». Das kann es doch nicht sein!
Um besser zu verstehen, lese ich die Abschiedsreden Jesu (Johannes 12 bis 17) in einem Zug, mehrere Seiten lang. Ich lasse mich hineinnehmen in ein unablässiges Kreisen um Begriffe wie Liebe und Freude, Glauben, Verstehen und Nicht-Verstehen, Wissen und Noch-nicht-Wissen und trotzdem Dranbleiben, geschöpft aus der tiefen Verbundenheit Jesu mit dem Vater.
So auch die Verse vor und nach dem obigen Lehrtext: «Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Das habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.» (Johannes 15, 9–11)
Jesus, der geliebte Sohn des himmlischen Vaters, liebt bis zum Äussersten: «Niemand hat grössere Liebe, als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde. … Dies gebiete ich euch: dass ihr einander liebt!» (Verse 13.17) – Seine Gebote halten heisst demnach: Sich lieben lassen. Und üben, üben, üben.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Oktober

Jesus sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein. Markus 7,20

Rein werden, rein bleiben: Die Sehnsucht steckt wohl tief in uns, wenn wir sie vielleicht auch anders benennen. Und täglich scheitern wir am Anspruch der Makel- oder Fehlerlosigkeit.
Die Religionen definieren, was Reinheit ausmacht, und kennen Rituale, um Reinheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Antwort der jüdischen Religion: sich an die Gesetze halten, sich fernhalten von allem, was einen verunreinigen könnte, von unreinen Speisen zum Beispiel. Die Frommen scheuen keine Mühe, die Regeln einzuhalten, und wähnen sich auf der sicheren Seite.
Aber der Schaden sitzt tiefer. Jesus sagt, das Übel kommt nicht von aussen, sondern von innen: «Denn aus dem Innern, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, List, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unverstand. All dies Böse kommt aus dem Innern heraus und macht den Menschen unrein.» (Verse 20–23)
«Das Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf», heisst es schon in 1. Mose 8,21. Jesus hat das am eigenen Leib erfahren und hat die Menschen trotzdem nicht aufgegeben. Er hat sich den menschlichen Abgründen entgegengestellt mit nichts als der Liebe Gottes. Das hat ihn letztlich das Leben gekostet. Und doch hat er im vermeintlichen Scheitern am Kreuz den Himmel geöffnet.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Oktober

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Psalm 145,15–16

Nahrung kommt nicht durch eine Hand vom Himmel herab zu den Hungrigen. Natürlich nicht. Essen ist nicht jederzeit da, weil wir es im übervollen Supermarkt einfach kaufen können. Wir haben es gut, Speise zur rechten Zeit. In der Gemeinschaft, in der ich lebe, erhalten wir Gemüse von einem Hof, dem wir verbunden sind. Wir beziehen Tomaten und Kohl nicht à la carte, wie es uns gerade beliebt, sondern konsumieren mit einer Abnahmegarantie das, was im Moment auf dem Feld wächst. Und wir arbeiten ab und zu verbindlich mit und jäten beispielsweise ein Zwiebelfeld. Das nennt sich solidarische Landwirtschaft.
Es gibt Menschen, denen alle Bezugskanäle und eigenen Äcker im Krieg zerstört wurden. Es gibt Menschen, die weit laufen und unter Lebensgefahr – das Militär steht da und schiesst willkürlich in die Menge – anstehen für eine Ration Überlebensnahrung. Solche Menschen, nicht satte, haben einst die Psalmen verfasst. Deshalb heisst die Hoffnung in Vers 14: «Gott hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.» Es geht nicht um Gott als Grossbauer oder Supermarktkette, der alle locker mit Nahrung zu versorgen vermag. Es geht um Gott, die mit jenen mitleidet, denen das Essen fehlt. Es geht um den Glauben, dass es trotz allem anders möglich ist. Das nennt sich vielleicht Gottes solidarische Zuwendung.

Von: Matthias Hui