Kategorie: Texte

17. Dezember

Weh denen, die Böses tun und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis
machen. Jesaja 5,20

Situationen bewusst und willentlich zu verdrehen, ist
Machtausübung, ist Manipulation. Sie dienen meinen Zielen.
Sie gehören zum Arsenal menschlichen Vorgehens in der
Politik, in der Wirtschaft, im Recht, in der Moral, im Zusammenleben
bis in die kleinsten und engsten Zusammenhänge
der Familie und der Beziehungen hinein. Und sie sind böse,
Ausdruck eines bösen Willens, Ausdruck der Verachtung.
Auch wenn sie fast harmlos daherkommen, setzen sie mich
unter Druck, reizen mich zur Abwehr oder zum «Umegää»
(Heimzahlen) – und schon sind wir mitten im Unfrieden, im
gegenseitigen Verdächtigen, in Reaktion und Gegenreaktion,
in einer Spirale der Eskalation. Über sie ergeht hier ein Wehruf.
Im Hebräischen ist das noch heftiger: Es ist die Vorwegnahme
einer Totenklage! Jesaja fragt seine Landsleute, ob sie
das wirklich wollen. Ob sie wirklich wollen, dass so Leben
verdorrt und zum Ende kommt. Er geht hart ins Gericht mit
ihnen und dem, was sie tun, gegeneinander und gegen Gott.
So weit muss und so weit soll es nicht kommen! Dort, wo ich
Verdrehungen sehe, will ich versuchen, sie zu stoppen. Jedenfalls
sie als das benennen, was sie sind. Bei Jesaja geschieht
das nicht nur um meinet- oder unseretwillen, sondern auch
um Gottes willen. Denn Gott verdreht nicht, er dreht wieder
gerade. Darauf kann ich bauen, und darum kann ich bitten …

Von: Hans Strub

16. Dezember

Sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung. Psalm 62,6

Im Grossmünster in Zürich hat ein Prediger kürzlich sein
Ohr an eine der 800-jährigen Säulen gedrückt und fast spielerisch
gefragt: «welche Wörter hast du denn seit deinen
Anfängen wohl am meisten gehört?» Als er sich aufrichtete,
nickte er lächelnd: «Hab ich’s mir gedacht – Hoffnung, hat
sie gesagt!» Hoffnung als Leitwort der Verkündigung in allen
Kirchen zu allen Zeiten und jetzt wieder ganz besonders, das
schwebt und webt durch jeden dieser besonderen Räume.
Und das soll sich dann auch in den Herzen der Menschen
festsetzen für alle Zeiten. Dieses Zutrauen zu einem Wort, in
dem die ganze Kraft von Gottes Botschaft konzentriert ist –
weil Gott, wie der heutige Vers sagt, diese Hoffnung selbst
ist! Indem ich Hoffnung mitnehme, indem mich Hoffnung
beseelt, beseelt mich Gott.
Was es dafür brauche, scheint sehr einfach zu sein: Sei nur
stille zu Gott … In hektischen, strengen, kräftebrauchenden
Lebensaufgaben ist das allerdings eine Herausforderung. Es
bedeutet, wenigstens für Augenblicke, bewusstes Loslassen,
gewissermassen Aussteigen aus dem stetigen Lebensfluss
und mich umstellen auf Ruhe. Eigentlich müsste das wirklich
möglich sein, weil es ja bloss punktuell geschehen müsste.
Dann wird durch die Stille eine kleine Lücke eröffnet, durch
die das «Geschenk der Hoffnung» Einlass findet und Kraft
bringt.

Von: Hans Strub

15. Dezember

Gott hat auch seinen eigenen Sohn nicht verschont,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte
er uns mit ihm nicht alles schenken? Römer 8,32

Alle Jahre wieder bereiten wir den Weihnachtsgottesdienst
mit den Kindern des Dorfes vor. Einmal fragte ich: «Warum
feiern wir eigentlich Weihnachten?» Überrascht blickten
mich die Kinder an, und ohne lange nachzudenken, meinten
sie übereinstimmend: «Weil wir Geschenke bekommen!»
Kein Wort von der Geburt des Gottessohnes. Trotzdem
freute ich mich. So ganz falsch ist die Antwort ja nicht – sie
ist sogar goldrichtig. Ist nicht die Geburt Jesu das grösste
Geschenk für die ganze Menschheit? Dieses grosse Geschenk
der Geburt Jesu und mehr: das ganze Leben Christi, sein Tod
am Kreuz und seine Auferstehung, das ewige Leben – all das
ist Gottes Geschenk für uns.
Das ganze Leben Christi für unser aller Leben, für das Leben
der gesamten Schöpfung – Felsen, Wasser, Pflanzen, Tiere
und Menschen. Einer für alle.
Einer für alle – alle für einen. Das ist seit fast zweihundert
Jahren ein traditioneller Wahlspruch der Schweiz. In grossen
Naturkatastrophen führte dieses Motto zu tatkräftiger Solidarität.
Bezeugt in der damaligen Presse und in zahlreichen
politischen Dokumenten wird der Wahlspruch in der Gründung
des Bundesstaates bekräftigt.

Von: Barbara und Martin Robra

14. Dezember

Wenn ich rufe zu dir, HERR, mein Fels,
so schweige mir nicht. Psalm 28,1

«Felsen reden – sie vollenden unsere Gebete.» Das haben
wir von Stan McKay gelernt. Stan gehört zur Fisher River
Cree Nation in Kanada. Er war nicht nur Moderator der
United Church of Canada, sondern auch der Kommission
des Ökumenischen Rates der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden
und Schöpfung. Stan erzählte die alte Überlieferung
der Cree: «Nachdem die Felsen geschaffen wurden, fragte
sie Schöpfergott, was sie für die Schöpfung tun wollten. Die
Felsen antworteten, sie werden für die Menschen beten.»
Die Cree sind überzeugt: Felsen treten für die Menschen ein.
Auch in der Bibel sind Felsen lebendige Wesen der Schöpfung.
Als das Gottesvolk in der Wüste lagerte und um Mirjam
trauerte, als es weder Nahrung noch Wasser gab, als
Durst und Verzweiflung schier unerträglich waren, sprach
Gott zu Mose: «Rede mit den Felsen! Sie werden euch Wasser
geben.»
Felsen reden – aber wir hören ihre Botschaft nicht. Wir
leben zu flüchtig und zu schnell. Felsen haben viel mehr Zeit,
Millionen und Milliarden von Jahren. Mit Felsen reden, mit
Pflanzen reden, mit Tieren reden, mit Menschen reden – das
ist fortwährende Kommunikation mit Gott. Die Gemeinschaft
des Lebens ist eine Gebetsgemeinschaft. Sie wird
unsere Gebete zu Gott vollenden. Sie zeugt von Respekt, sie
stiftet Vertrauen und schenkt Liebe.

Von: Barbara und Martin Robra

13. Dezember

Und ich sah die heilige Stadt: das neue Jerusalem.
Sie kam von Gott aus dem Himmel herab – für die
Hochzeit bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann
geschmückt hat. Und ich hörte eine laute Stimme
vom Thron her rufen: Sieh her: Gottes Wohnung ist
bei den Menschen! Offenbarung 21,2–3

Die Himmel sind zerrissen und offen. Gott ist wieder bei den
Menschen. Ich denke, eine andere Art der Auferstehung ist
es, wenn Gott in dieser Welt spürbar ist, er unter uns ist.
So schrieb mir ein Leser der Bolderntexte kürzlich folgende
Worte: «Auferstehung ist demnach die Kraft des Himmlischen
im Irdischen. Sie kann als einzige Kraft, Gewalt, Gier,
Zerstörung, Selbstbetrug und Verzweiflung überwinden
und wandeln.» Und er fügte ein Gedicht von Marie Luise
Kaschnitz bei. Es schildert in modernen Worten, wie Gott
im Alltag unter uns Menschen ist.
Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
(…)
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Wie erleben Sie Gottes Wohnung unter den Menschen?

Von: Kathrin Asper

12. Dezember

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!
Jesaja 63,19

Gott hält sich fern, der Tempel ist zerstört, die Juden müssen
in fremdem Land fremden Herren dienen. In diesem Volksklagegebet
ist Gott abwesend, er hält sich bedeckt.
Im Dreissigjährigen Krieg dichtete Friedrich Spee in Anlehnung
an diese Jesajatexte das Adventslied: «O Heiland, reiss
die Himmel auf, reiss ab vom Himmel Tor und Tür …». Im
Negro Spiritual heisst es: «Swing low, sweet chariot, coming
for to carry me home.» Auch für die Schwarzen in Amerika,
fern ihrer Wurzeln und ihrer Heimat, war der Himmel zu,
verriegelt und Gott abwesend, und sie bitten, endlich in die
himmlische Heimat zu gelangen, endlich ein besseres Leben
zu haben. Und heute, wo so viele Kriege herrschen und nicht
enden wollen, ist es der Schrei der Betroffenen und die Hoffnung
derer, die hilflos zuschauen müssen, dass die Himmel
sich öffneten und Gott wieder unter ihnen weilte.
Doch nicht nur kollektiv gilt die heutige Losung, auch in
der privaten Vereinzelung fühlen sich Menschen von Gott
getrennt, erfahren ihn als einen Gott, der fernab ist und sich
nicht um die Not und das Elend eines einzelnen Menschen
kümmert. Da ist es schon viel, dass er mit obigem Vers sprechen
kann und hofft, die Himmel öffneten sich und es werde
wieder Licht. Für viele Heutige ist die Vorstellung, dass da
einer ist, der unser Leben begleitet und an den man sich wenden
kann, fremd. Sie können sich nur an sich selbst wenden,
sich anstrengen, dass die lichtlose Zeit ein Ende finde. Das ist
noch schlimmer als Gottferne.

Von: Kathrin Asper

11. Dezember

Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich
zu mir gezogen aus lauter Güte. Jeremia 31,3

Evangelium! Ein ganzes Kapitel lang – eine Verheissung nach
der anderen für ein Volk, das trauert, zerstreut und zerschlagen
ist. So spricht Gott: «Sie werden weinend kommen, aber
ich will sie trösten und leiten.» Gott gibt sich zu erkennen.
«Denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein erstgeborener
Sohn.» (Jeremia 31,9)
Es ist der Wendepunkt im Beziehungsdrama zwischen
Gott und seinem Volk, ein Neuanfang und gleichzeitig ein
Wiederanknüpfen an dem, was den Bund zusammenhält –
der initialen, kreativen und radikalen Liebe Gottes. Sie heilt
das, was zerbrochen ist. Sie befreit von der Schuld und überwindet
die Kluft. Jetzt ist es an Israel, den Bund zu erneuern,
das Herz zu öffnen und Gottes Einladung zur Versöhnung
anzunehmen. Aber wie soll es weitergehen?
Meint es Gott ernst mit seinem Erbarmen? Oder poltert
er beim nächsten Fehltritt wieder drauflos, zürnt und straft
der Vater seine Kinder, wenn sie sich von ihm abwenden?
Nein! Weil sich Gott entschieden hat, seine Pädagogik zu
ändern. Wenn wir scheitern, bekommen wir keine Prügel.
Wenn wir fallen – und unseren Fall bekennen – spüren wir
eine Liebe, die uns je und je geliebt hat, wieder aufrichtet, leitet,
tröstet und ermutigt, die zu werden, die wir sein können.
Denn er hat uns zu sich gezogen aus lauter Güte!

Von: Ralph Kunz

10. Dezember

Du bist gross, Herr HERR! Denn es ist keiner wie du,
und ist kein Gott ausser dir nach allem, was wir mit
unsern Ohren gehört haben. 2. Samuel 7,22

Der Gedanke, dass Gott gross ist, gehört zum Standardrepertoire
des christlichen Glaubens. Unsere Ohren sind schon
derart auf die monotheistische Sendung eingestellt, dass
wir den Anspruch in der Ansage nicht mehr hören. Der
Gott, dessen Name aus Respekt nicht ausgesprochen wird,
wird als der einzige Gott gepriesen – also gibt es andere, die
als Götter verehrt werden, aber eigentlich Götzen sind. Im
säkularen Niemandsland heisst es Gott oder Mensch, im
alten Orient Gott unter Göttern. Die Israeliten hörten von
ihnen und sahen mit ihren Augen die Macht der Völker, die
sie verehrten. Es ist David, der König Israels, der behauptet,
sein Gott ist der Schöpfer. Das ist verwegen! Verglichen mit
den Philistern, Syrern oder Ägyptern sind die Israeliten eine
kleine Nummer. David antwortet auf eine Verheissung, die
der Prophet Nathan ihm und dem Volk gibt: dass ein Tempel
für Gott gebaut wird und sein Königshaus ewig bestehen
soll (1. Samuel 7,16). Das ist alles lange her und topaktuell.
Weil der Nachkomme Davids, der keine Armee befehligte
und wenig von Machpolitik hielt, glaubt, dass Gott gross
ist – grösser als die Götter, die mit Geld um sich werfen und
über Leichen gehen. Sie werden untergehen. Und sein Reich
wird kommen.

Von: Ralph Kunz

9. Dezember

Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet.
Ich habe es getan; ich will heben und tragen
und erretten. Jesaja 46,4

Es ist viel von Rumschleppen die Rede in diesem Kapitel.
Zuerst werden gestürzte babylonische Götter von Mauleseln
weggetragen, dann teilt Gott den Israeliten mit, dass er sie
ein Leben lang trägt (und erträgt), und schliesslich macht
Gott sich lustig über jene, die selbstgebastelte Götterbilder
mit viel Aufwand auf ganz besondere Plätze wuchten.
Gestern schenkten mir meine Nachbarin und ihr Mann
einen Abschnitt aus der Regel der Diakonissen von Reuilly,
in dem unter anderen steht: «Nimm dir Zeit, in Freundschaft
mit dir selbst zu leben. Atme. Hol mal wieder Luft. Empfange
den Frieden Christi.»
Diese wunderbaren Sätze kamen im rechten Moment zu
mir, der ich auch immer vieles rumschleppe: Sorgen, Verantwortungen,
Ungelöstes und dazwischen auch mal einen
kleinen, hausgemachten Götzen. Gott will mich tragen, ein
Leben lang. Aber ich vermute, dass er auch will, dass die
Last leichter wird. Weil die Sätze aus Reuilly wie ein Echo auf
Jesaja klingen, will ich sie mir zu Herzen nehmen und Ballast
abwerfen. Das ist gar nicht so einfach, weil einige der Lasten
ein Teil von mir geworden sind. Ich ahne, dass gerade diese
als Erstes runtermüssten. Grau bin ich schon. Also sollte ich
wohl langsam damit anfangen.

Von: Heiner Schubert

8. Dezember

Du wirst mit deinem Gott zurückkehren.
Halte fest an Liebe und Recht und hoffe stets
auf deinen Gott! Hosea 12,7

Das Buch Hosea kenne ich in etwa so gut wie viele wohl die
Death-Metal-Band Pantokrator. Wir können aber am gestrigen
Text anknüpfen von der Richtung her.
Sei zuversichtlich und vertrau auf deinen Gott! Hoffe, lass
nicht locker, lies deine Bolderntexte oder hör deine Podcasts,
stöbere in der Bibel und unterhalte dich mit Menschen, versuch
nicht zu schubladisieren, denk auch Unmögliches, sei
kreativ und probier auch die künstliche Intelligenz einmal
aus, bleib auf der Suche und lass dich nicht versuchen von
dieser Welt, mach tägliche stille Zeiten, hilf deinem alten
Nachbarn, hör deine Lieblingsmusik, teile deine Tränen und
deine Freuden, übe dich in Gelassenheit, mach einem hübschen
Menschen ein Kompliment, lass dich tätowieren, zeig
deinen Bauch, spende für ein Kinderhilfswerk, trag auch mal
einen Rock, trink einmal ein Bier zu viel, umarme deinen
letzten Feind, hab Erbarmen mit dem Bettler beim Bahnhof,
feiere das Leben, bring dich ein, beweg dich genügend, achte
auf deine Gedanken, sei dir selber und dem, was dir wichtig
ist, treu und halte fest an Liebe und Recht und hoffe stets
auf deinen Gott!
Das Leben ist wunderbar, voll und farbig. Und für mich
gehört dieser Gott der Liebe und der Gerechtigkeit dazu!

Von: Markus Bürki