Kategorie: Texte

25. Januar

Ich habe die Erde gemacht und Menschen und Tiere, die auf Erden sind, durch meine grosse Kraft und meinen ausgestreckten Arm und gebe sie, wem ich will. Jeremia 27,5

Ist der Ewige willkürlich? Ist er ein absoluter Herrscher, der nach Lust und Laune Gunst gewährt oder entzieht? Können die Autokraten, die derzeit die Schlagzeilen bestimmen, sich auf Gottesworte wie dieses berufen, wenn sie gross werden lassen, wer ihnen schmeichelt, aber ins Elend stossen, wer ihnen nicht passt? Aus dem heutigen Losungswort kann ein solcher Beiklang herausgehört werden.
«Denn Gottes Wege sind nun mal verworren und diskret.» So formulierte der Kabarettist Georg Kreisler vor Jahren. Wir haben den Überblick nicht. Wir sehen nicht das Ganze. Uns kommt vieles sinnlos vor, was in unserer kleinen oder in der grossen Welt geschieht. Können und wollen wir mit Paul Gerhardt bekennen: «Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl» (RG 680,7)?
Das muss Jeremia dem Volk als Botschaft zumuten: Ihr müsst euch auf das Exil einstellen, auf den Verlust des Vertrauten. Das ist nicht finsteres Geschick, sondern Konsequenz des Irrwegs, den ihr seit langem verfolgt. Gott wird das Korrupte zusammenbrechen lassen, um einen gründlichen Neuanfang zu machen. Es wird nicht ausbleiben, dass ihr darin Sinnlosigkeit und Gott als willkürlich erlebt, doch glaubt trotz allem an Gottes Gerechtigkeit und daran, dass Gott das Leben will und schafft.

Von: Benedict Schubert

24. Januar

Ihre Gemeinde soll vor mir fest gegründet stehen. Jeremia 30,20

Traumatisierte Menschen sind sehr leicht zu verunsichern. Sie können die persönliche oder kollektive Katastrophe, die sie überlebt haben, nicht einfach hinter sich lassen. Der Schrecken, die Angst, der Schmerz, die Panik melden sich immer wieder, meist in den ungünstigsten Momenten. Und die derart tief Verunsicherten werden zurückgeworfen in ihrem Versuch, ihrem Leben endlich wieder Stabilität zu verleihen.
Das nach Babylon vertriebene und verschleppte Gottesvolk steht für die vielen, die seither vertrieben und verschleppt wurden. Manche von ihnen sind unsere Nachbarinnen und Nachbarn geworden. Sie bemühen sich, festen Boden unter ihren Füssen zu finden, doch – das ist die Kehrseite der heutigen Kommunikationsmittel – weil ständig wieder neue Schreckensnachrichten aus ihrer Heimat sie erreichen, wird das Leben, das sie mitten unter uns führen, andauernd von Neuem erschüttert. Der leider oft zu vernehmende Appell, sie sollten sich endlich zusammennehmen und sich ordentlich integrieren, ist wenig hilfreich. Sie sehnen sich nach den prophetischen Stimmen, die ihnen, beglaubigt durch die Kraft aus der Höhe, zusagen, dass sie und ihre Familien, ihre Gemeinde den festen Grund finden werden. Dass sie zu sich kommen und dadurch das Leben in unserem Land reicher, farbiger, schöner machen. Jeremia weiss, dass Gott genau dies will und wirkt.

Von: Benedict Schubert

23. Januar

Jesus wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Lukas 1,33

König? Ewigkeit? Haus Jakob? Herrschaft ohne Ende?
Hm. Alle diese Begriffe rühren nicht wirklich etwas in mir an. Ich schlage das Lukasevangelium auf und lese dieses erste Kapitel.
Ich tauche ein in eine Welt, in seltsame, wundersame Geschichten: Es beginnt bei Zacharias und Elisabeth, dem alten Priester und seiner betagten Frau, denen im hohen Alter vom Engel Gabriel ein Kind verheissen wird: Johannes. Zacharias wird verstummen bis zur Geburt von Johannes, von dem es heisst, er werde «schon im Mutterleib vom
Heiligen Geist erfüllt werden» und viele zu Gott zurückführen. – Die Reise geht weiter in die Stadt Nazaret, wo die junge Maria ebenfalls vom Engel Gabriel erfährt, dass sie Jesus gebären wird. Maria erschrickt, worauf ihr Gabriel diesen Jesus ein wenig «einordnet»: Er werde Nachfolger sein auf dem Thron Davids, König über das Haus Jakob. Und: Heiliger Geist werde über Maria kommen und Jesus werde Sohn Gottes genannt werden. Maria antwortet mit den schlichten Worten: «Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!»
Die Ankündigung dieser wundersamen Geburten geht im Lukasevangelium einher mit Reaktionen von Verstummen, Sichzurückziehen, von stiller Akzeptanz, von Staunen. Dies ist schön zu lesen, wirkt nach, berührt mich nun doch.

Von: Katharina Metzger

22. Januar

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8

Umherirrende, Durstige, Hungrige, Obdachlose aus allen Himmelsrichtungen: Alle finden Zuflucht in einer Stadt, in der sie wohnen können und wo sie den Herrn preisen sollen. So steht es in Psalm 107. Ein schönes Bild. Und doch stört mich
etwas daran: die komplette Nichtbeteiligung der Menschen.
Vor zwei Jahren war ich mit meiner Familie kurz in London und dabei spätabends auf dem Weg zu unserer Unterkunft. London ist gross, und nach Tube, Bussen und Fussmarsch kamen wir bei unserer Adresse an. Das Problem: Es war nicht unsere Adresse – wir hatten nicht gewusst, dass es in London mehrere Strassen mit dem gleichen Namen gibt. Oh je: stille Gegend, kaum noch Akku, keine Leute, keine Taxis, keine Ahnung. Da kamen wir an einem Pub vorbei, der noch Licht hatte. Und erlebten dort das Schönste vom ganzen Tag: Bartender und Gäste kümmerten sich um uns, brachten kostenlos Wasser, luden unsere Handys, organisierten ein Taxi, zeigten uns, wo wir waren. Niemand wollte irgendeine Bezahlung. Ich weiss, es ist eine harmlose Wohlstandsgesellschafts-Geschichte. Aber es ist meine. Und sie zeigt mir: Auch wir Menschen sind dazu aufgerufen, uns diese Stadt zu machen, wo man ausruhen kann. Wir sind aufgerufen, uns diese Stadt zu sein.

Von: Katharina Metzger

21. Januar

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem
lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Psalm 42,3

Die Bibel erzählt in vielen literarischen Formen von der Sehnsucht des Menschen nach Gott, der Sehnsucht nach einem möglichen Quellgrund, Ursprung, Fundament seines Daseins. Mich erinnert die heutige Losung an einen Vers aus dem Psalm 84: «Selig sind die Menschen, die Pilgerwege in ihren Herzen haben. Ziehen sie auch durch das Tal der Dürre und des Todes, machen sie es zu einem Quellgrund, ja, mit Segen bedeckt es der Frühregen.» Sehnst du dich auch nach Gott, Lars? Dürstet deine Seele nach Gott?


Ja. Sehr. Manchmal wäre ich mir seiner Nähe gerne bewusster. Und manchmal denke ich: Vielleicht könnte ich das gar nicht ertragen, wenn sie mir noch näher käme. Wenn ich die Geschichten aus der Bibel lese, die eine Gottesbegegnung schildern, dann sind die immer überwältigend. Da werden Menschen aus ihrer Komfortzone katapultiert. Weiss nicht, ob ich das (er)tragen könnte. Ich vertraue darauf, dass Gott sich mir so nähert, wie es zu mir passt. Du merkst: Ich schwanke zwischen Durst und den üblichen Bedenken.
Mir gefällt das Bild vom Quellgrund. Das klingt behutsamer. Und den Weg zu meiner Quelle kenne ich. Sie sprudelt.
Und ich kann die Antwort auf die Frage des Betenden getrost Gott überlassen.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

20. Januar

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!
Prediger 5,6

Das klingt ein bisschen wie eine Warnung bei Arzneimitteln: «Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.» Was ist da so riskant? Vers 2 gibt Aufschluss: «Denn wer viel Mühe hat, fängt an zu träumen, und wer viel spricht, fängt an, töricht zu reden.» Der Prediger strebt nach dem guten Leben. Er sieht und prüft und verwirft und geht weiter. Wie ein Refrain empfiehlt er auf seinem Weg immer wieder: «Fürchte Gott!» Bei allem, was uns gut erscheint, ist das der Prüfstein, an dem sich unsere Erkenntnis bewähren muss. Auch wenn er das Träumen nicht mag: Ich träume gelegentlich ganz gerne. Du auch?


Von welcher Art Träumen spricht der Prediger hier? Meint er solche, die mich wegführen von meinem Menschsein vor Gott? Der Mensch steht in seinen Schriften ja im Mittelpunkt. Dabei verschont der Prediger uns nicht. Immer wieder weist er auf die Grenzen unserer Fähigkeiten hin. Trotzdem vertraut er darauf, dass Gott alles so erschaffen hat, dass es schön ist zu seiner Zeit. Essen und Trinken und der Genuss des Guten zum Beispiel, darüber kann ich mich freuen und dankbar sein, so lange ich bin. Ich brauche mich nicht wegzuträumen, Kleinigkeiten aufzubauschen oder zu viele Worte zu verlieren.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

19. Januar

Jesus spricht: Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Johannes 6,63

Geist und Leben – wahre Lebensmittel, die uns hier offeriert werden.
Geistlos, geistvoll – dazwischen jongliert unser Alltag.
Jesu Worte als Lebensmittel.
Die «Ich- bin-Worte» klingen hier an: «Ich bin das Brot, das Licht, die Auferstehung und Leben» – Jesu Worte, in diesen Zeiten erneut ein Überlebensmittel.
Friedfertige Worte, wegweisende.
Vorworte zum Leben, Leitworte.
Johannes lässt Jesus hier in angegriffener Situation sprechen, der weitere Jüngerkreis schenkt ihm nach vielen Wundern nicht mehr genügend Glauben. Die Gnosis, eine spiritualistische Bewegung, hatte zur Zeit der Abfassung des Evangeliums so manchen erfasst.
Im Johannesevangelium zeichnet sich das Ende, das vorläufige, des Lebens Jesu schnell ab. Er weiss früh, auch im Jüngerkreis sitzt ein Verräter.
Die Losung grenzt sich ab, gegen geistloses, sinnentleertes, man könnte auch sagen materialistisches Gerede und Tun der Umwelt.
Wahre Spiritualität lebt durch die Rückbindung zu Gott, lässt Gott in Christus durchsichtig und begreifbar werden, mitten im Alltag der Welt.

Von: Johanna Zeuner

18. Januar

Der HERR spricht: Frieden mache ich zu deiner Wache und Gerechtigkeit zu deiner Obrigkeit. Jesaja 60,17

Was für eine Aussicht: Frieden als Wache, also nicht nur als Abwesenheit von Krieg, sondern als aktive Kraft, die Sicherheit schafft; Gerechtigkeit als Obrigkeit, die aller Unterdrückung und Ungleichheit ein Ende macht.
Während ich diese Zeilen schreibe, tobt in der Ukraine seit vier Jahren ein mörderischer Krieg. Die letzten in Gaza noch lebenden Geiseln sind zwar frei, aber der Waffenstillstand ist sehr fragil. Frieden? Gerechtigkeit? Ein schöner Traum.
Während ein namenloser Prophet in nachexilischer Zeit seinen Traum von Frieden und Gerechtigkeit in Worte fasst, sprechen alle äusseren Umstände dagegen. Mit grossen Hoffnungen sind sie nach Jahrzehnten des Exils nach Hause gekommen. Blühende Landschaften hatten ihnen einige Propheten im Exil versprochen, aber die Gegenwart war trist und grau. Frieden? Gerechtigkeit? Ein schöner Traum.
Als Martin Luther King 1963 seinen Traum träumte, dass seine vier kleinen Kinder eines Tages nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden, war die Wirklichkeit meilenweit davon entfernt. Er hat die Erfüllung seines Traums nicht mehr erlebt. Aber fünfzig Jahre nach seiner Rede war ein Bürger mit afrikanischen Wurzeln Präsident der Vereinigten Staaten.
Gottes Verheissungen erfüllen sich oft anders als gedacht; aber sie gehen mit uns, sie verändern uns und unsere Wirklichkeit. Daran will ich mich halten und den Traum von Frieden und Gerechtigkeit weiter leben. Wenn Gott will, bleibt es kein Traum.

Von: Armin Schneider

17. Januar

Der HERR ist deine Zuversicht. Psalm 91,9

Der ganze Psalm ist ein Text über den Schutz, den der Glaube verleiht. Einerseits wird Gott besungen als ganz konkreter Zufluchtsort, als Burg, als Schutzmauer, als Refugium im Gebirge. Und andererseits als ein Denken und Fühlen, das Sicherheit und Ruhe gibt, hier als «Zuversicht». Dieses alte und auch schon altdeutsche Wort ist noch zielgerichteter als das umfassendere, aber diffusere Wort «Hoffnung». Es bezieht sich auf etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Etwas, worauf ich bauen und mit Gewissheit davon ausgehen kann, dass es da ist oder gleich kommt.
Etwas, das ich gewissermassen schon zu «sehen» vermag, dessen Nähe ich deutlich fühle. Gott ist es, dem ich mich nahe fühlen kann. Und der mir Schutz und Sicherheit gibt vor allem, was mich bedrängt. Und vor allen, die mir zu nahe kommen oder die etwas von mir wollen. Dieser Zuversicht kann ich mich ergeben, in sie kann ich mich fallen lassen und weiss mich aufgehoben, geborgen, eben: geschützt. Der Psalm wird an dieser Stelle noch direkter: «Den Höchsten hast du zu deinem Hort gemacht, dir wird kein Unheil begegnen … denn er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.» (Verse 9–12)
Wer auf Gott vertraut («Zuversicht» wird auf Englisch wie Französisch übersetzt mit «confidence/confiance»), ist stark beschützt!

Von: Hans Strub

16. Januar

Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Sacharja 8,23

Wie viele Familien und Volksgruppen, die vor kurzem oder vor längerer Zeit aus ihrer Heimat fliehen mussten, wären glücklich, wenn ihnen heute ein Sacharja seine Visionen erzählen würde! Es sind «Nachtgesichte», die von einer Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem reden, vom Wiederaufbau des Zentrums jenes Volkes also, von dem Teile seinerzeit in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden sind. Die Vertriebenen können heimkehren! Und nicht nur sie: Andere, viele, werden sich ihnen anschliessen und mitgehen auf dem Weg in eine neue Ära. Sie haben davon gehört, dass eine neue Zeitrechnung beginnt, weil Gott selbst dabei ist. Es ist eine durchaus kühne Hoffnung, von der der hebräische Prophet spricht. Aber die Menschen zu allen Zeiten brauchen solches Reden, um die ganz andere Gegenwart bestehen zu können. Um über das hinauszusehen, was ist – wenigstens für einige Augenblicke. Aber in diesen Augenblicken bricht das Bild einer anderen Welt durch die umgebende Finsternis; ein Bild, an das ich mich halten kann. Hoffnung hat viele Gestalten; manchmal ist sie wie ein (Gedanken-)Blitz, in dem verdichtet eine Zukunft aufscheint, die möglich ist. Er überstrahlt nur ganz kurz die Realität, aber er kann ermutigen und Kraft geben. Sacharja wollte das, Gott gab ihm die Visionen, viele hörten sie und schöpften daraus Energie zum Leben.

Von: Hans Strub