Autor: Heidi Berner

24. Januar

Der Höchste ist deine Zuflucht. Psalm 91,9

Jetzt, Ende Oktober, ist es nachmittags
wunderbar warm, sommerlich fast.
Wir geniessen die schönen Tage,
sind dankbar dafür, an einem guten
und friedlichen Ort zu leben,
sind uns bewusst, dass wir
privilegiert sind, dass an vielen Orten
auf unserem Planeten Angst
und Schrecken herrschen.
Wie wird es Ende Januar sein?
Werden wir genug Energie haben?
Wird der Krieg in der Ukraine
endlich, endlich zu Ende sein?
Wie wird es den Iranerinnen gehen?
Wo werden all die Vertriebenen
Zuflucht finden und Geborgenheit?
Wir leben in unsicheren Zeiten,
unser Grundvertrauen ins gute Leben
ist arg ins Wanken geraten.
Woran wollen wir uns halten?
Was ist der, die, das Höchste?
Vielleicht begegnen wir ihm, ihr
dort, wo wir Zuwendung erleben,
wo uns das Herz aufgeht –
wo immer wir grad sind.

Von: Heidi Berner

25. November

Der HERR gibt die Sonne dem Tage zum Licht und bestellt den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht; er bewegt das Meer, dass seine Wellen brausen.                              Jeremia 31,35

Sonne, Mond und Sterne sind Materie,

Gaswolken oder Festkörper

im unendlich weiten Raum.

Die Wellen des Meeres brausen,

weil Energie in ihnen steckt.

Radikale Materialisten behaupten gar,

alles sei mit Physik und Chemie erklärbar –

das gelte auch für unser Leben.

Ist damit alles über uns gesagt?

Was uns ausmacht, ist weit mehr

als Chemie und Physik, so wie ein Gedicht

mehr ist als Druckerschwärze und Papier.

Dass wir in den Himmelskörpern

Lichter für den Tag und für die Nacht gewahren,

macht sie für uns besonders.

Wir sind fasziniert von den Meereswellen,

weil sie so wild und kraftvoll sind.

Wir staunen, sind ergriffen,

suchen Erklärungen und finden sie

in Geschichten, die uns sinnvoll scheinen,

Geschichten und Bildern voller Poesie.

Faszinierend, wie die Fotos des neuen Teleskops,

über die wir auch nur staunen können.

Von Heidi Berner

24. November

Jesus spricht: Sehet, das Reich Gottes  ist mitten unter euch.             Lukas 17,21

Es ist etwas zum Sehen,

etwas Anschauliches, dieses Reich.

Vielleicht – für Sehbehinderte –

auch etwas zum Hören, zum Spüren,

ganz generell etwas zum Wahrnehmen

mit unseren Sinnen.

Etwas Wahres also und Sinnliches.

Und – sehen wir es?

Spüren wir es, nehmen wir es wahr?

Vielleicht – in ganz hellen Momenten –

nur für einen Augenblick,

wie wenn ein Eisvogel vor uns durchfliegt,

flüchtig wie ein blauer Geistesblitz.

Oder länger und intensiv,

bei einem Lied, wenn alles klingt,

wenn wir im Einklang sind mit der ganzen Welt.

Es ist da – jeden Tag neu zu entdecken,

miteinander, füreinander.

Es lässt sich nicht eingrenzen, nicht besitzen,

nicht mit Waffengewalt verteidigen.

Viele Namen hat dieses erfüllte Leben,

einer davon ist «Reich Gottes».

Von Heidi Berner

25. September

Der HERR wird deinen Fuss nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Psalm 121,3

Es wäre ja so schön und tröstlich,
wenn wir darauf vertrauen könnten,
dass wir alle behütet sind,
dass wir auf unseren Wegen
einen festen Grund haben,
nicht gleiten, nicht stürzen.

Schon haben wir uns daran gewöhnt,
dass ein mörderischer Krieg ist in Europa.
Die Anfangshoffnung, er könnte
bald zu Ende sein, weil nicht sein kann,
was nicht sein darf, hat sich aufgelöst.
Täglich lesen wir von Menschen,
die offenbar nicht behütet sind,
die stürzen, die alles verlieren.
Täglich lesen wir von brutaler Gewalt,
von Tätern, die abgleiten vom Guten,
die selber Opfer sind ihres Systems,
Befehle ausführen müssen.

«Ich soll mich nicht gewöhnen»,
schrieb Erich Fried in einem Gedicht.
Ich will mich nicht an die Gewalt gewöhnen
und trotzig glauben, dass wir alle behütet
und dass Versöhnung und Frieden möglich sind.

Von Heidi Berner

24. September

Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weisst nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloss. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weisse Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blösse nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Offenbarung 3,17–18

Es gibt diese bequeme Haltung,
ja nichts zu verändern.
Ich habe mich schlecht und recht
eingerichtet in meinem Leben.
Ich bin auf eine Art bedürfnislos,
die ein wenig «tötelet».
Solche Selbstzufriedenheit ist fast
ein wenig wie die Resignation,
die lähmt und die mich trennt
von der Sehnsucht nach mehr.
Mehr Wahrheit, mehr Beziehungen,
mehr volles pralles Leben.
Wo aber gibt es diese Augensalbe,
die meine Blindheit kuriert und mir hilft,
meine Blösse und Armut zu sehen?
Ein Wechsel der Perspektive
könnte mir die Augen öffnen.
Weniger ich, ich, ich. Mehr du. Mehr wir.

Von Heidi Berner

25. Juli

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!                                          Lukas 17,5

Stärke uns den Glauben,

dass es nicht um Dogmen geht,

nicht um das Fürwahrhalten v

on Ereignissen, die den

Naturgesetzen und der Vernunft

offensichtlich widersprechen,

dass es nicht um das Jenseits

geht, sondern um das Leben

im Diesseits, hier und jetzt

auf diesem fragilen Planeten,

auf dem einige wieder einmal

in Gedanken den Atomkrieg

durchspielen, bis zum bitteren Ende.

Stärke uns den Glauben

an andere Gedankenspiele,

in denen es um Frieden

und Versöhnung geht

und um Gerechtigkeit,

an Visionen vom guten Willen

der allermeisten Menschen.

Stärke uns den Glauben

an die Liebe, die – wider alle Vernunft –

Hass und Angst überwindet.

Stärke uns den Glauben.

Von Heidi Berner

24. Juli

Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben  mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum  wird sie fest bleiben.        Psalm 46,5–6

Lustig – so nehme ich an,

ist kein Wort, das häufig

im Buch der Bücher auftritt.

Zusammen mit den Brünnlein

ergibt sich eine heitere Note,

die mich richtig fröhlich stimmt.

Aber, o Schreck –

in anderen Versionen der Verse

ist nichts mit Brünnlein,

nichts mit fein lustig.

Wie schön also, dass gerade

diese Übersetzung

in den Losungen steht!

Wie sehr braucht die Welt

gerade jetzt freundliche Orte,

wo Brünnlein sprudeln, wo

diese Lebenskraft, die

wir Gott nennen, wohnt.

Wie sehr wünsche ich mir,

dass sie auch dort einzieht,

wo fertig lustig ist.

Ja – dort erst recht.

Von Heidi Berner

25. Mai

Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für  alle. 1. Timotheus 2,5–6

Die Währung dieses Lösegelds,

ist nicht von unserer Business-Welt.

Sein Wert ist Menschlichkeit und Liebe.

Gerade jetzt – in dieser Krise –

hat es Konjunktur und ist nötiger denn je.

Inmitten all des Schreckens gibt es

kleine Hoffnungsschimmer.

Wenn Menschen, unbewaffnet, Panzer stoppen,

wenn sie an Demos Friedenslieder singen,

dann hat das eine Kraft, die stärker

ist als Hass und Angst.

Gewiss, der Preis ist hoch,

auch heute noch bezahlen viele

– nicht mal eine Meldung wert –

das Lösegeld mit ihrem Leben.

Resignation jedoch wäre ein Bankrott des Glaubens.

Die Hymne der Ukraine, gespielt auf unserer Orgel,

die mich per SMS erreicht – berührt mich sehr,

denn auch sie ist ein Protest gegen das Verzweifeln und –

so glaube ich – ein trotziges Gebet.

Give peace a chance!

Geben wir dem Frieden eine Chance!

Von Heidi Berner

24. Mai

HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir dein Volk  sind! Jesaja 64,8

Jetzt, wo ich das schreibe,

am 3. März, herrscht Krieg.

Niemand bot dem Herrn

im Kreml Einhalt, niemand

traute sich, sein zorniges Spiel

zu durchkreuzen, sich

zu widersetzen seinen

wahnhaften Tischordnungen,

seiner Absicht, mit Gewalt

neue Fakten zu schaffen.

Welche  Zerstörung,

welcher Hass, welche Angst!

Aber auch:

Überwältigende Zeichen

der Anteilnahme weltweit!

Sünde ist ein anderes Wort

für die Trennung von der Liebe.

Wir sind das Menschenvolk.

Und wir sind beteiligt,

haben nur zugeschaut,

nicht verhindert.

Was hätten wir tun können?

Ist Aufrüsten wirklich die Lösung?

Von Heidi Berner

25. März

Es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
Römer 10,12

Niederschwellig, wie bei der Nr. 143,
der Dargebotenen Hand,
ist es, dich anzurufen.
Es braucht weder Handy noch Festnetz,
nur den Mut, sich einzulassen
auf das Abenteuer des Glaubens.
Du befreist uns
aus der Selbstbezogenheit,
öffnest uns so auch für andere.

Die Menschheitsgeschichte ist voll
von Spuren der Beziehungen zu dir –
eine Erbsubstanz, die wir mit uns tragen
und weitergeben können,
in ihrem bunten Reichtum,
mit ihren Widersprüchen.

Wo immer Menschen dich anrufen,
dich in die Welt hinein glauben
und wahr werden lassen,
wird deine Wahrheit wachsen
und gedeihen in unserer Welt,
in deiner Welt.

Von Heidi Berner