Autor: Hans Strub

11. Januar

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Jesaja 48,10

Gott hat seinem Volk Befreiung geschenkt – und nicht alle wollen diese! Die Zeit im «Glutofen des Elends» ist vorbei, ruft er ihnen durch den Propheten zu. Ich habe euch die Möglichkeit verschafft, dass ihr aus dem Exil zurückkehren könnt – nutzt sie! Nur: Nach drei Generationen im Land, in das man sie gezwungen hat, haben sich einige darin eingerichtet. Das Flüchtlingslager ist zum «Normalfall» geworden, jedenfalls für etliche der dort Geborenen. Der Bezug zur Heimat der Eltern und Vorfahren kann verlorengehen, wenn man so lange an einer Rückkehr gehindert wird. Und jetzt sollen sie plötzlich gehen. In eine ungewisse Zukunft aus einer einigermassen organisierten Gegenwart …
Jeder Aufbruch ist schwierig, in die eine wie in die andere Richtung, nach vorne oder zurück. Es braucht Zutrauen, dass es richtig ist, etwas Bekanntes zu verlassen. Jesaja muss viel Überzeugungskraft aufbringen, um mit seiner Botschaft anzukommen. Obwohl es Gott ist, der/die diese politische Möglichkeit aufgetan hat. Gott muss dafür werben, dass die Menschen ihre Befreiung annehmen! Das Vertrauen der Menschen in Gott ist nicht überwältigend. Das von etlichen selbst erschaffene kleine Glück wiegt stärker. Das ist eine deutliche Anfrage auch an uns, an mich: Wie sehr bin ich bereit, mich auf Gott wirklich einzulassen? Wie sehr bin ich bereit, genau hinzuschauen, welcher Weg für mich wirklich in die Befreiung führt?

Von: Hans Strub

10. Januar

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Ein ganzes friedensethisches Programm ist in den vier Verben dieses kurzen Satzes zusammengefasst: Es beginnt beim Ablassen (vom Bösen), kommt zum Tun (des Guten), wird intensiver im Suchen (des Friedens) und kulminiert schliesslich im Nachjagen desselben. Ein vierschrittiges Programm, das mich vom ersten Augenblick an in die Pflicht nimmt. Und mich dann in drei weiteren Schritten zu einem Friedensaktivisten macht, der nicht wartet, sondern die Initiative ergreift, wo immer er/sie kann! Das mag nach einem atemlosen Engagement tönen – ist es aber nicht, weil es eingebettet ist in einen grösseren Zusammenhang. Da geht es um nichts Geringeres als die Befreiung zu einer neuen Welt! «Der Herr erlöst das Leben seiner Diener, und keiner wird es bereuen, der Zuflucht sucht bei ihm» (Vers 23). Gott ist es, der das Gute und den Frieden will. Sie/er weist den Weg dazu, ich brauche ihn «bloss» zu gehen … Gottes Programm mit der Welt ist nicht Zerstörung oder gar Untergang, sondern Aufbruch, Neuanfang, Zutrauen, dass es geht, auch wenn rundum so vieles dagegen zu sprechen scheint. Vertrauen in einen Gott, der Unmögliches vermag. Dies in dieser jetzigen Welt zu glauben und sich daran auszurichten, verlangt viel und gelingt oft nicht. Das «Programm», von dem in diesem Vers die Rede ist, kann mir und uns helfen, die stets nötigen «ersten Schritte» zu tun.

Von: Hans Strub

4. Dezember

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Jesaja 41,10

Schon am zweiten Tag der Adventszeit wird uns jener Satz zugerufen, der in der Weihnachtsgeschichte dann seine Kulmination hat: Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Ein wundervoller Satz von Gott, gerichtet an seinen «Diener Jakob», der aber hier und auch später für das ganze Volk steht.
Diesem Volk also, das im Finstern wandelt (wie es in einem Weihnachtslied heissen wird), wird in mehreren Anläufen laut und deutlich gesagt: Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei! Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit! Vier Mal ein Ausrufezeichen, vier Mal eine Versicherung, die immer umfassender wird. Vier Mal eine Verheissung gegen die Angst vor der Zukunft, vier Mal die Zusage einer gerechten Welt! Aus Gottes Hand.

Dieser so besondere Ruf Gottes an die Menschen damals darf auch heute genau so verstanden werden: Gott lässt die Welt und die Menschen nicht fallen. Nie! Dieses grossartige Versprechen ist aber gleichzeitig eine Aufforderung und Herausforderung an die, die es hören: Vergeudet eure Lebenszeit nicht mit Angsthaben, sondern schöpft daraus Mut zum Handeln! Baut mit an der neuen Welt und an der Gerechtigkeit! Ihr werdet eine Zukunft haben, sie wird Realität, weil Gott es so will.

von: Hans Strub

3. Dezember

Der HERR wird Zion wieder trösten. Sacharja 1,17

Erster Advent – und Sacharja, der auch anders kann, gibt einen Friedensgruss von Gott weiter: Meine Städte werden noch überfliessen von Gutem, und der Herr wird Zion noch trösten und Jerusalem noch erwählen! Das «noch» ist die Friedensverheissung. Denn jetzt, so sagt der Prophet, gilt weiterhin der Zorn Gottes über die treulosen Städte in Israels Landen. Aber ihr könnt darauf vertrauen, Gott wird das schon noch ändern. Dann wird das Gute im Überfluss da sein, und zwar schlicht überall!
Ein solches Wort am Anfang der Adventszeit zu hören und zu verinnerlichen, tut gut, damals wie heute. Denn auch heute liegt vieles im Argen und bedrückt viele. Und viele fragen sich mit grosser Sorge, ob das je einmal ein Ende haben wird. Und da kommt dieses Gotteswort und sagt: Ja, es wird! Und es wird ein gutes Ende haben, obwohl es jetzt gerade nicht den Anschein macht. Für Gott aber ist das möglich. Es wird eine neue Zeit kommen, darauf ist Verlass. Sie ist noch nicht da, aber sie ist zugesagt. Damit sind die Sorgen nicht einfach weggewischt und verschwinden wie von selbst. Aber neben ihnen oder hinter ihnen ersteht etwas anderes. Etwas Neues, das noch keine festen Konturen hat – aber das wir hören und in unser Herz hineinnehmen können.
Ein starker Funke Hoffnung, der auf diejenigen überspringen kann, die davon hören. Also heute auf uns!

von: Hans Strub

Mittelteil November / Dezember

Zusammen träumen – Visionen der Zukunft von Ola Tschernega

Vi Si Onen

Wie Sie ohne

das Lachen und Freude

Ihre Arbeit machen?

Wie Sie Regentropfen

nicht sehen,

wie Sie gehen

und stehen

ohne das Leben

zu verstehen?

Vi Si Onen

Sind Sie mit oder ohne

Frühstück und Problemzonen?

Oder sind das die Visionen

aus den kleinsten Glücksatomen?

Oder oben ohne den Kopf?

Ohne Dankbarkeit

in Worte zu fassen,

ohne das Herz offen zu lassen?

Wo endet unsere Freundlichkeitszone und eine Zone, wo wir ohne den anderen leben können?  Und wo sind Umarmungszonen? Und wohin gehen alle  Visionen, die keine Chance bekommen?

Haben Sie schon versucht, zusammen mit jemandem zu  träumen? Können Sie sich das vorstellen?  Und worüber träumen Sie?

Ich träume von einer wunderschönen Zeit auf der Erde: Wenn alle von uns gemeinsam einen Traum verwirklichen können, wenn alle gemeinsam eine Vision haben können.

Sind Sie sich dessen bewusst, dass Ihre Gedanken materiell sind, dass sie wirkungsvoll sind, dass sie im Stande sind, nicht nur Ihr Leben zu verändern, sondern das Leben Ihrer Nachbarn, Ihrer Kollegen, Ihrer Liebsten, dass sie auf alles, was um uns herum geschieht, Einfluss nehmen können?

Und wissen Sie auch, wie wichtig das ist, eigene Gedanken und Visionen zu steuern und zu kontrollieren?

Und dass es möglich ist, eine grosse Vision zusammen zu erschaffen und sie zu verwirklichen?

Was wünschen Sie sich?

Was wünscht sich Ihr Herz und Ihre Seele?

Wie möchten Sie Ihre Umgebung sehen?

Was möchten Sie gerne verändern?

Visionen sind nicht nur irgendwelche Geistesblitze, die auf Ihrem inneren Bildschirm erscheinen und nachher erlöschen, sondern sie sind das, was Sie sich wirklich wünschen.Was wünschen Sie sich, was wünschen Sie Ihren Kindern, vielleicht auch Enkelkindern, all denen, die nach Ihnen kommen? All denen, die Sie in der Zukunft unterstützen werden, wenn Sie älter werden. Worüber träumen Sie?

Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihre Visionen haben!Und wie wunderbar ist es, wenn alle gemeinsam über die unglaublichen Räume träumen:

Räume der Liebe,

des Lächelns,

Räume der Dankbarkeit.

Und wenn jeder schon so eine kleine Vision, die allerdings eine grosse Wirkung hat, in sich pflegt, dann verändert sich vieles in dieser Welt. Jeder von uns kann das!

Ich lächle jeden Tag, unabhängig von dem, was geschieht. Ich bedanke mich bei allen Menschen und bei mir selbst. Ich helfe den anderen.

Ich habe Freude an kleinen und an grossen Dingen. Ich lebe jeden Tag so, als wäre es mein letzter Tag auf der Erde, und ich liebe das Leben!

Ich bin vollkommen da.

Und wie fühlt sich das an? Haben Sie das schon einmal probiert? Mindestens einen Tag lang.

Wie sehr glauben wir an unsere Träume? Wie detailliert oder wie genau sehen wir unsere Visionen vor uns?

Und zwar tagtäglich. Und wenn es nicht der Fall ist, dann bin ich vielleicht von meiner Vision gar nicht überzeugt? Wieso sollen dann andere davon überzeugt sein?

Ich bin sicher:

Visionen der Zukunft gestaltet man gemeinsam! Zusammen, Hand in Hand, ein Herz neben einem anderen Herzen, eine Seele neben einer anderen Seele.

Alle genialen Sachen sind einfach, sie benötigen nur eines: unsere Bereitschaft, etwas in uns selbst und in dieser Welt zu verändern.

Vielleicht sollte man einfach alle Kinder und alle Pubertierenden zusammentun?

Besonders diejenigen, die gerade sehr tief in einer Rebellion stecken und alles anders machen wollen, alles neu machen wollen. Das hat noch niemand ausprobiert.

Einfach die Kinder aus verschiedenen Ländern zusammenbringen und sie ein Bild der Zukunft malen lassen.

Was wäre ihre Vision? Welche Welt wünschen sie sich? Wie soll diese Welt aussehen? Sie sollen das bis ins Detail malen!

Wahrscheinlich ist jedes Stückchen Papier für diese Vision zu klein. Sie brauchen Wände, die haushoch sind, um das alles zu zeichnen, was sie sich vorstellen. Aber eines weiss ich sicher: Das Bild wird mit Frieden aufgefüllt sein, mit Freude, mit Musik, mit vielen bunten Farben, mit der Natur, mit

vielen Menschen, die ein liebendes Herz haben, die einander unterstützen, die mit schönen Worten auskommen, die einander loben, die das Beste in jeder Person hervorheben.

So eine wunderbare Zukunft!

Ich kann das sehen, ich fange schon selbst an, innerlich zu malen, zu gestalten. Aber es nur zu malen, ist nicht ganz zufriedenstellend.

Zuerst malen und dann einen Prototyp erstellen. Eine Möglichkeit erschaffen, wo man all das anfassen kann, wo jedes Detail im Kleinen dargestellt wird, so, wie es aussehen würde oder aussehen könnte.

Und nachher müsste man einen Platz finden, hier, irgendwo auf der Wiese, in den Bergen. Und dann all das, was man sich vorstellt, nachbauen, und zwar alles, bis zur verrücktesten Idee. Welche Idee?

Vielleicht ein UFO, welches zu uns kommt und uns auf Reisen nimmt und wieder zurückbringt. Vielleicht unglaubliche Möglichkeiten, wie wir uns mit den anderen Welten austauschen können und wie wir eventuell den Mond berühren können. Es ist nicht so wichtig, was genau kommt! Träumen Sie gross, träumen Sie wunderschön, farbenfroh, mit Lachen, Singen, Tanzen, mit dem Genuss!!

Und wenn wir das gemeinsam tun, mindestens alle Menschen eines Landes, dann wird sich sicher sofort auf unserer Erde einiges verbessern und verändern, da wir uns das Gleiche vorstellen und wünschen werden.

Eine Vision der Zukunft ist so eine Welt, wo solche Geschenke viel mehr Wert haben:

Ein Lächeln, ein gutes Wort,

Dankbarkeit, Liebe, Freude, Magie.

Visionäre – wer sind diese Menschen?

Das sind diejenigen, die der Zeit voraus sind, die sehen können, was in der Zukunft liegt. Aber für mich sind das vor allem diejenigen, die alles, was sie tun, zu hundert Prozent und mit Freude machen; die das, was sie sehen, dann wirklich erschaffen. Und zwar für alle Lebewesen. Das sind diejenigen, die etwas aktiv tun, die nicht aufgeben, die nichts für sich wollen, die nichts erwarten.

Und sie begreifen etwas Wichtiges: Wenn es meinen Nachbarn gut geht, unmittelbaren Nachbarn und weit entfernten Nachbarn; wenn es in meiner Familie allen gut geht und wenn alle zufrieden sind, dann geht es mir auch gut.

Wenn man begreift, dass jeder von uns etwas dafür tun muss und etwas dafür tun kann, dass ich die Verantwortung für mich und für alle trage, dass jeder von uns ein Teil vom grossen Ganzen ist, dass alles, was wir tun und denken, einen entscheidenden Einfluss auf das Leben auf der Erde hat.

Visionen – das ist vielleicht das, was man bei klarem Wetter sieht, und die Fähigkeit, nur die wichtigsten Sachen vor Augen zu halten.

Die Vision der Zukunft sieht für mich so aus: Die Menschen leben mit einem offenen Herzen, sie können alle ihre Fähigkeiten entwickeln und einsetzen, um sich selbst weiterzuentwickeln und um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Es hat einen grossen Einfluss auf unsere Zukunft. Nur wenn wir einander helfen und unterstützen, wenn wir Schmerzen und das ganze Leben der anderen Person wie unser eigenes spüren können, dann wird sich etwas in unserem Leben und im Leben der anderen verändern.

Wir verändern diese Welt und erschaffen die Vision der Zukunft, indem wir uns selbst verändern, indem wir stetig dran sind, indem wir für alles dankbar sind, indem wir freundlich zu uns selbst und zu den anderen Lebewesen sind, liebevoll und respektvoll.

In diesem Sinne lade ich Sie persönlich ein, die Vision der Zukunft zu gestalten, gemeinsam etwas zu tun. Wenn wir zusammen etwas machen, dann ist es viel leichter und es geht schneller voran!

Ich danke Ihnen!

Ola Tschernega stammt aus der Ukraine und lebt seit mehreren Jahren in der Schweiz.

Ich habe Boldern erst vor Kurzem kennengelernt. Für mich ist es ein besonderer Ort: Ort der Ruhe und Inspiration. Eine Wohltätigkeitsorganisation aus der Ukraine «Day by Day» (https://www.daybyday.com.ua/en) war zum Jubiläumsfest eingeladen. Und ich bin die offizielle Vertreterin dieser Organisation in der Schweiz. So kam Boldern in mein Leben. Dieser Ort hat mir viele Begegnungen mit den wunderbaren Menschen geschenkt und ich bin sehr dankbar dafür!

Von: Ola Tschernega

11. November

Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm
die Engel Gottes. 1. Mose 32,2

«I have a dream and I believe in angels…» So sangen ABBA vor vielen Jahren, so sang eine Frau heute an der Beerdigung von Heinz. Er hat mit seinem frühen Tod rechnen müssen, er hat seine Sachen rechtzeitig geordnet, er ist ruhig gegangen. Im Vertrauen, dass es ihm gut ergehen wird. Das hat mich tief beeindruckt. Und dann lese ich diesen lakonischen Satz von heute und denke: wie Heinz. Jakob hat eine schwierige Lebenszeit hinter sich mit viel Unrecht, viel List, viel Schmerz, den er bereitet hat. Nun ist er auf dem Weg zu seinem Bruder, den er um das Recht der Erstgeburt schändlich betrogen hatte und deshalb ausser Landes flüchten musste. Auf seinem Weg hatte er den berühmten Traum mit der Himmelsleiter (1. Mose 28,10 ff.). Auf ihr stiegen die Boten Gottes, die Engel, auf und ab. Und Gott versprach ihm Begleitung und Schutz, wohin er auch ginge. Und jetzt, da er sich der Grenze zum Bruderland nähert, vertraut er diesen Boten. Vertraut, dass sie ihn durch alle Schwierigkeiten, die kommen werden, hindurchbegleiten. Weil Gott das zugesagt hat. Das Lied heute vom Glauben an diese Engel hat die Anwesenden
richtiggehend erfasst und angerührt. Denn es macht Mut zu solchem Vertrauen. Weil es in Gott begründet ist. Dann konnten sie nach der Beerdigung «ihrer Wege gehen». Mir selbst war es, als ob uns fein ein Engel gestreift hätte…

von: Hans Strub

10. November

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen
und halten sich selbst für klug! Jesaja 5,21

Der Satz trifft. Ich kenne solche, denen dieser Ruf gilt. Manchmal bin ich selbst einer von ihnen. Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mir selbst in Gedanken auf die Schulter klopfe im Gefühl, das war gut, was da eben war. Und es war nicht bloss Einbildung oder grundlose Selbstüberhöhung, es war tatsächlich gelungen, eine in meinen Augen tolle Idee durch die Teamsitzung zu bringen! Und dann lese ich diesen Satz und halte erschrocken inne. Dass ich dieser Haltung hier als Wehruf begegne, trifft mich. Ich kann mich ärgern und ihn unwirsch vom Tisch fegen wollen, es bringt nichts. Er steht weiter unmissverständlich da. Ich kann mich aber auf ihn einlassen und ihn wirken lassen. Aus dem Zusammenhang sagt er mir sehr klar, dass ich meine Weisheit nicht aus mir selbst schöpfe. Dass ich sie erhalten habe, dass sie mir geschenkt worden ist. Und dass ich sie im entscheidenden Moment abrufen konnte. Aus dem Ärger ersteht langsam eine Demut. Auch wenn der Wehruf des Propheten hart ist, ist er nicht das Ende! Im Gegenteil: Er nötigt mich, selbstkritisch zu sein. Und er ermöglicht mir eine Veränderung. Was auf das erste Hinhören wie eine Verurteilung tönt, bietet mir eine neue Chance. Macht mir bewusst, dass meine Klugheit eine Gabe ist, die ich einsetzen kann – als Entsprechung und aus Dankbarkeit.

von: Hans Strub

4. Oktober

Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land,
ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser
in der Tiefe.
5. Mose 8,7

Am Ende des langen Abschnitts, aus dem unser Vers stammt,
steht die «Erklärung», weshalb dieser Abschnitt aus der
Schlussrede des Mose vor dem Übergang ins verheissene
Kanaan notwendig ist: Du (Israel) bist ein halsstarriges Volk
(Vers 9,6). Auch nach vierzig Jahren Wanderung durch wüstes
Land ohne Wasser, ohne Vegetation, hat das aus der
Sklaverei herausgeführte Volk die Dankbarkeit nicht hervorgebracht,
die eigentlich selbstverständlich wäre. Denn, wird
hier gesagt, dass es nun so weit gekommen ist, ist in keiner
Weise das Verdienst dieser Menschen. Und schon gar
nicht, dass jetzt, ennet dem Jordan, ein Land wartet, wo
alles anders und Wasser und noch viel mehr im Überfluss
da sein wird. Es ist Gott allein, dem dieser ganze wundersame
Vorgang zu verdanken ist. Es gibt keinen Anspruch
auf dieses Land! Es wird ein weiteres Geschenk sein von
Gott, wie seinerzeit das Manna vom Himmel und das Wasser
aus dem Felsen. Das sollt ihr nie vergessen, mahnt der
bald sterbende Anführer. Seine Worte gelten weit über den
damaligen konkreten
Anlass hinaus: Was wir haben und
nutzen können, ist Gottesgeschenk.
Das zu vergessen, wäre
Undank – auch von uns.

Von: Hans Strub

3. Oktober

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich.
Psalm 16,1

Wer Gott bittet, «bewahrt» zu werden, lebt in einem unsicheren
Zustand. Ist sich bewusst, dass die Zukunft nicht
einfach feststeht, sondern sich jederzeit anders entwickeln
kann als erwünscht und erhofft. Gott soll mich in seinen
Schutz nehmen, mich an einen sicheren Ort geleiten oder
mir Gewissheit geben, dass ich nicht allein und allen möglichen
Gefahren ausgeliefert bin. Ich bin, so wie der Psalmist
hier, darauf angewiesen, dass Gott mich in seine Obhut
nimmt. Und ich bitte darum, dass er mich gut und sorgsam
bewahrt, so wie ich selber einen kostbaren Gegenstand
sorgfältig verwahre. Ich kann unseren Gott darum bitten,
weil ich zutiefst überzeugt bin, dass das möglich ist. Ich
traue es Gott zu, denn er steht fest in jedem Sturm meines
Lebens und hält treu zu mir. Auch dann, wenn ich es
«nicht verdient» habe. Denn genau darum geht es bei diesem
Wort: Ich muss mich Gott nicht «würdig» zeigen – ich
kann darauf bauen, dass er mich kennt und erkennt. Und ich
kann jederzeit und überall bitten. Beten. Meine geschwächte
Zuversicht zugeben, aussprechen. Im Wissen darum, dass ich
nichts verbergen muss vor Gott, was er nicht schon kennt.
Die indogermanische Wurzel «tr*» in «trauen/treu» sagt
genau das aus: Gott ist da wie ein starker Baum, der nie
fällt, an den ich anlehnen kann und der mir zum sicheren
Ort wird.

Von: Hans Strub

11. September

Besser ist es, beim HERRN Zuflucht zu suchen,
als Menschen zu vertrauen.
Psalm 118,8

Ein grosses Danklied wird hier gesungen, wohl anlässlich
eines Festes für Jahwe, den Gott des Lebens, der Gnade,
der Rettung, des Lichts. Diesem Gott wird hier gesungen,
denn auf ihn ist Verlass. Bei ihm ist Sicherheit, Schutz, Trost,
Gerechtigkeit. Bei ihm ist Zuflucht in schwerer Zeit – viel
mehr, als man sie bei einem Menschen oder gar bei einem
Fürsten (Vers 9) finden könnte. Es stimmt für mich, dass ich
in belasteten Zeiten, vor schwierigen Gesprächen, bei einem
Unglück bete. Im Gebet finde ich ein Stück Ruhe. Zuflucht
zu Gott. Zugleich stelle ich aber fest, dass ich in solcher Zeit
auch die Nähe von Menschen suche. Vielleicht nicht zuerst
das Gespräch oder das gemeinsame Weinen, sondern die
Ruhe. Den Schutzraum des gemeinsamen Schweigens. Ist
das Ausdruck des Zweifels am Zufluchtsort Gott? Oder trägt
Gott in solchen Augenblicken das Gesicht und das einfühlsame
Herz des Menschen, an den ich mich anlehne? Das
kann kein Entweder-oder sein, vielmehr ein Sowohl-als-auch.
Ich darf mich gerne an andere Menschen wenden oder für
sie da sein in der Not. Denn ich weiss, dass Gott gewissermassen
dahinter oder daneben steht – und mitträgt. Als Gott
des Lebens für das Leben!
Danke, Gott, dass du zu jeder Zeit offene Arme hast für alle,
die dich brauchen.

Von: Hans Strub