Lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich! Psalm 25,20
Im Deutschen braucht man zwei verschiedene Wörter. Scham (sich schämen) meint die innere Erfahrung, dass sich jemand durch die Blicke der anderen entblösst und herab-gewürdigt fühlt. Schande (zuschanden werden) bezeichnet die äussere Situation, in der jemand seine Ehre, seine Würde, seinen sozialen Status verloren hat. In anderen Sprachen gibt es nur ein Wort für beide Bedeutungen, so auch in der Bibel. «Behüte meine Seele und rette mich. Ich soll mich nicht schämen müssen, denn bei dir habe ich Zuflucht gesucht.» Scham/Schande ist ein Beziehungsbegriff, der von zwei Beteiligten spricht. Eine Person muss sich schämen, weil jemand anderes sie beschämt. Die Frage stellt sich, ob diese Rollen richtig verteilt sind. Dies zeigt sich in einem Fall, der in Frankreich für Aufsehen gesorgt hat. Gisèle Pelicot wurde von ihrem Ehemann betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Auf den ersten Blick war dies für sie eine tiefe Beschämung. Aber sie fand ihre innere Stärke wieder, als sie erkannte: «Die Scham/Schande muss auf die andere Seite wechseln.» In einem ähnlichen Sinn bittet der Psalm darum, dass Gott für Gerechtigkeit sorge. Wenn der Beter sich schämen muss und seine Gegner sich freuen (Vers 2), stimmt etwas nicht. Die Scham/Schande soll nicht auf der falschen Seite bleiben.
Von: Andreas Egli