Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Psalm 42,4

Geht es uns so? Weinen wir in dieser Intensität, weil wir
angesichts der Lage um uns herum, oft in lästerndem Ton,
die Frage hören müssen: Wo ist nun dein Gott?
Geht es also dem Beter des Psalms um den Umgang mit
der so geläufigen Theodizeefrage: «Wie kann Gott das alles
zulassen?» Das «weil» im Losungstext macht mir zu schaffen.
Es begründet eine tiefe Trauer, in die uns der Psalmist
hineinnehmen will. Ich schreibe am Karfreitag dieses Jahres,
der Chor aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian
Bach klingt mir noch im Ohr: «Andern hat er geholfen und
kann sich selber nicht helfen.» (Matthäus 27,42)
Dieses «weil man täglich zu mir sagt …» kenne ich. Dieses
Gefühl des Psalmisten, sich von Gott alleingelassen zu fühlen.
Da kommt die Frage auf: Wo bist du, Gott, in all dem
Schrecklichen um uns herum, das wir nicht bewältigen können?
Im nächsten Vers erinnert sich der Psalmist an die Schar,
mit der er einherzog und feierte.
Ostern verweist mich auf die Geschichte der Jünger, die
erst flohen und dann aus ihrer Einsamkeit zurückfanden
in die Gemeinschaft. Und in der Tat wird die Frage «Wo ist
dein Gott?» immer auch in der Gemeinschaft beantwortet.
Gemeinschaft, die zu Gott betet, Gottes Willen praktiziert
und mir ein «Hier bin ich» anbietet beim Trocknen der
Tränen.

Von: Gert Rüppell