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9. Januar

Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch
am Trost teil.
2. Korinther 1,7

Wir alle leiden und brauchen Trost, wir haben aber auch teil am Leiden von Christus und an seinem Trost. Wenn ich meine eigene Verletzlichkeit und meine Trostbedürftigkeit annehme, werde ich offen für die Verletzlichkeit und Trostbedürftigkeit anderer. Ich habe teil an ihrem Leiden.
Sehe ich meinen Nächsten leiden, drängt sich mir eine Verantwortung für ihn auf. Ich antworte auf sein Leiden, und das macht mich zum Menschen. So schildert es Emmanuel Lévinas in seiner Schrift «Totalität und Unendlichkeit».
Paulus hat Hoffnung für die Menschen der Gemeinde in Korinth, weil er weiss, dass diese Menschen teilhaben am Leid, das sich in Jesus Christus gezeigt hat. Er weiss, dass wer an diesem Leid Anteil hat, sich auf das Leiden anderer einlassen kann und so in der Lage ist, dem Leid nicht auszuweichen, sondern standzuhalten und da zu sein. Paulus selbst hat gelitten und zeigt sich trostbedürftig. So zeigt er, dass wir Leid zulassen dürfen. Aufmerksam sein für die Not, die um uns geschieht, und hören, was meinen Nächsten bewegt, ermöglicht Raum für Klage. Ist dieser Raum gegeben, kann sich Trost einstellen, der aufrichtet und neuen Lebensmut schenkt. Der Glaube bestärkt uns darin, klagen und traurig sein nicht mit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gleichzusetzen, und er bewahrt uns vor billigem Beschwichtigen oder Vertrösten.

Von: Monika Britt

8. Januar

Jesus betete: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Johannes 17,24

In diesem Gebet Jesu kommt etwas Urmenschliches zum Ausdruck, das unser Leben auf existenzielle Weise prägt: unser grosses Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir brauchen emotionale Nähe, um uns sicher zu fühlen. Nicht gesehen zu werden, ist die höchste Form der Einsamkeit. Der Wunsch nach Beziehung, so hat die Forschung herausgefunden, ist evolutionär bedingt deshalb so stark, weil der Mensch allein keine Überlebenschance hat. So feiern alle Weltreligionen die Gemeinschaft und das Zusammenleben in Familien, weil eine Gesellschaft ohne diesen Kitt aus Liebe und Solidarität nicht funktionieren kann.
Nun leben wir in einer Zeit, in der immer mehr Menschen «allein» leben. Freiwillig oder auch nicht. «Solo» heisst ein kürzlich erschienenes Buch, worin die Autorin ein neues Leben entdeckt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt ist. Andere Bücher gehen dem Phänomen auf den Grund, dass viele Menschen gar nicht mehr in fester Beziehung leben wollen, weil sie sich darin in alten Mustern oder toxischem Verhalten gefangen erleben. In diesem Zwiespalt zwischen Beziehungswunsch und Beziehungsangst ist es herausfordernd, zu erkennen, welche Menschen wirklich zu mir gehören und «meine Herrlichkeit sehen». Dieser Vers ermutigt uns, diesen Anspruch an eine Beziehung zu erheben.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Wer die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Johannes 3,21

Wahrheit ist ein grosser, aber auch schwieriger Begriff geworden in unserer Zeit, da die Frage, was denn richtig oder falsch ist, immer schwieriger zu beantworten ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil wir immer mehr Wissen anhäufen, ist es umso anspruchsvoller geworden, uns zu orientieren, was uns guttut, welche Meinung wir vertreten oder wie wir einer Herausforderung begegnen sollen.
Und doch sehnen wir uns nach einem inneren Kompass, der uns dabei hilft, Orientierung zu finden oder eine Haltung einzunehmen, die uns wahrhaftig erscheint im Sinne von richtig und echt.
Die Wendung «Wahrheit tun», wie sie in diesem Johannesvers steht, geht davon aus, dass Wahrheit nicht einfach etwas fest Gegebenes ist, das uns gepredigt wird, sondern etwas, das wir uns selbst aktiv täglich erarbeiten müssen. Wahrheit tun ist aber auch nicht irgendein beliebiger Akt, sondern mit dem Anspruch verbunden, dass wir dem Kern unserer eigenen Wahrheit, und möge sie noch so unbequem sein, ständig weiter begegnen.
Diesen Vers lese ich als Aufruf, unserer eigenen Wahrheit täglich nachzuspüren, als wäre es eine Entdeckungsreise zu uns selbst: erwartungsfrei, unverblümt, leidenschaftlich, versöhnlich.

Von: Esther Hürlimann

6. Januar

Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben. Psalm 89,10

Dieses Bild aus Psalm 89 braucht nur wenige Worte, um eine tiefe Wahrheit zu tragen: Gott ist grösser als das grösste Chaos, das uns treffen kann. Die Welt hat Wellen, die zu laut klatschen – Sorgen, Krankheit, Trennung, politische Unruhe –, doch inmitten des aufschäumenden Wassers bleibt seine Gegenwart bestehen. Der Vers erinnert daran, dass Ordnung möglich ist, auch wenn der Sturm tobt. Nicht weil der Sturm sich schnell legt, sondern weil der Herr über ihm steht und uns an die Hand nimmt.
Als Jungscharkind lernte ich das 1960 von Martin Gotthard Schneider getextete und komponierte Lied kennen. In Strophe 5 heisst es: «Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heisst Gottes Ewigkeit. Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt: Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt. Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein. So läuft das Schiff nach langer Fahrt in Gottes Hafen ein!»
Das Bild des Sturms soll uns zeigen: Die Suche nach dem richtigen Kurs fällt oft schwer, weil vieles durcheinandergerät. Im Hören auf Gott und in der Stille wird ein richtiger Weg erkennbar.

Von: Carsten Marx

5. Januar

Der HERR ist seines Volkes Stärke. Psalm 28,8

David spricht in Psalm 28 nicht nur von sich selbst. Er weitet den Blick auf das ganze Volk Gottes aus. Gott ist nicht nur sein persönlicher Halt, sondern die gemeinsame Stärke aller, die ihm vertrauen.
Stärke meint hier nicht rohe Kraft oder militärische Macht, sondern innere Festigkeit und Standhaftigkeit. Wenn David also sagt: «Der HERR ist meines Volkes Stärke», dann meint er: «Gott ist die Kraftquelle, die uns durchträgt, wenn wir selbst nicht mehr können.»
Wir leben in einer Zeit, in der vieles wankt – Sicherheiten, Gewohnheiten, manchmal auch das Vertrauen in uns selbst oder in andere Menschen. Da klingt dieses alte Bekenntnis wie eine Einladung: «Der HERR ist deines Volkes Stärke.»
Gottes Volk – das sind wir alle, die auf seinen Namen vertrauen. Und seine Stärke zeigt sich oft gerade da, wo wir schwach werden. Er schenkt Mut, wo Angst herrscht. Er schenkt Trost, wo Tränen fliessen. Er schenkt Hoffnung, wo menschlich gesehen nichts mehr zu hoffen ist.
Diese Zusage gilt uns heute: Wir sind stark, weil Gott mitten unter uns wohnt als unsere Stärke, unsere Zuflucht und unsere Rettung.

Von: Carsten Marx

4. Januar

Ich harrte des HERRN, und er neigte sich zu mir
und hörte mein Schreien.
Psalm 40,2

David hat Schweres erlebt. Er schreit zu Gott und bittet um sein Eingreifen. Und Gott, die Lebendige, hat sein Schreien gehört. Es sind zwei Gedankenstränge, die mir entgegenkommen. Der erste ist das Harren, ist mehr als warten. Es ist die innere Stimme, die schreit. David hofft aktiv auf Gottes Eingreifen. Er tut etwas. Er gibt seiner inneren Stimme Raum. Habe ich das Harren weggesteckt in meinem Herzen? Oder kann ich mir Zeit nehmen, um auf die innere Stimme zu hören, und ihr die Bedeutung geben, die ihr zusteht? Der zweite Gedankenstrang betrifft das Zuhören. Wie befreiend ist es doch, wenn mir jemand zuhört, auf meine Klagen eingeht, wenn es mir nicht gut geht! Hörende Menschen, die sich zu mir neigen, sind ein Geschenk. Nur ist da so oft auch etwas dazwischen. Ich will nicht klagen, ich muss doch stark sein, ich will gar nicht, dass jemand sich zu mir neigt, es könnte heissen, dass ich etwas ändern muss. Und: Kann ich zuhören, ohne von mir zu reden, oder habe ich das verlernt? Die Lebendige neigt sich uns zu. Der Psalm spricht von Errettung aus dem Leid. Aus dem Zuhören Gottes erwächst Kraft, Hoffnung, Würde. Und wie heisst es doch in einem alten Lied:
«Harre, meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt, bald der Morgen tagt.»

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet? Jeremia 5,3

In Jerusalem sind die Strassen leer. Es sind nur Heuchler und Lügner zu finden. Gott hat sie geschlagen, aber es schmerzt sie nicht. Ihre Gesichter sind so hart wie Fels. Da hinein fragt der Prophet, ob Gottes Augen nicht auf Treue gerichtet seien. Die verstörenden Bilder beschreiben, wie das Volk von Gott abgefallen ist. Lange musste ich darüber nachdenken, welches Bild von Gott in diesem Text beleuchtet wird. Gott hat das Volk bestraft. Wieder kommen mir, wenn ich den Text weiterlese, verstörende Bilder entgegen, diesmal in der Rede Gottes, der Lebendigen. Sie fragt, ob sie das Volk nicht bestrafen soll. Und da finde ich in dieser Rede eine Antwort: Die Missetaten sollen geahndet werden. Die Ernte soll Einbussen haben, aber nicht vernichtet werden. Das ist der Weg, den die Lebendige dem Volk zumutet. Sie vernichtet nicht!
Gott, die Lebendige, mutet den Menschen schwierige Situationen zu, Situationen, die auch Fehler enthalten. Ich denke an die vielen Kriege, Verletzungen der Menschenrechte, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Auf Treue gegenüber der Lebendigen sind meine Augen gerichtet, denn sie vernichtet nicht. Und so wird die heutige Losung zu einem Hoffnungswort, Hoffnung auf Leben.

Danke, dass du nicht vernichtest, sondern die Menschen liebst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Januar

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort
mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.
1. Petrus 3,9

Der Brief an die frühchristliche Gemeinde, die als Minderheit Anfeindungen und der Verfolgung ausgesetzt ist, zeichnet nach innen ein harmonisches Bild. Voller Mitgefühl sollen die Menschen füreinander sein und in geschwisterlicher Liebe zusammenleben. Und sollte doch einmal Streit entstehen, dürfen keine Retourkutschen gefahren werden, stattdessen gilt es, Segen zu spenden.
Harmoniesucht überdeckt Gräben. Sie verhindert den gesunden Streit. Und das Zulassen von unterschiedlichen Meinungen, das Aushalten von Differenzen und die Debatte, in der nicht Einigkeit das Ziel ist, sondern der Austausch von Argumenten, sind Grundlagen des Zusammenlebens.
Aber vielleicht gilt es, Harmonie musikalisch zu verstehen: als Zusammenspiel unterschiedlicher Töne, das zuweilen auch Dissonanzen aushält. Der Apostel formuliert einen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich in weltanschaulichen Grabenkämpfen verliert. Ein Segenswort ebnet Differenzen nicht einfach ein, aber es setzt auf das, was eint, und nicht auf das, was trennt. Es richtet sich nach Gott aus und hält an der Geschwisterlichkeit aller Menschen fest. Unter Geschwistern lässt sich bekanntlich gut streiten.

Von: Felix Reich

1. Januar

Der HERR wird aufheben die Schmach
seines Volks in allen Landen.
Jesaja 25,8

Es ist eine opulente Vision der Hoffnung, die der Prophet ins Bild setzt. Gott wendet sich allen Völkern zu und bereitet ihnen auf dem Berg «ein fettes Mahl» (Jesaja 25,6). Die Menschen sollen sich nicht nur satt essen, Gott will sie auch befreien von der Schmach, die sie erlitten haben, und von der Angst vor dem Tod: «Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen.» (Jesaja 25,8)
Die aufscheinende Jenseitshoffnung leuchtet hell mitten ins Diesseits, ins Leben und in die Welt hinein. Sie will die dunkle Macht der Gewalt, der Vergeltung und des Todes brechen. Und sie verspricht all jene zu sättigen, die hungern nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Das Versprechen vom göttlichen Mahl, das den Hunger stillt und vom Joch der Unterdrückung befreit, ist das Bild, das all jene Menschen eint, die an der Gewissheit festhalten, dass eine andere Welt möglich ist: in der geteilt statt geraubt, versöhnt statt vergolten, Frieden gestiftet statt Zwietracht gesät wird. Der Weg auf diesen Gipfel ist weit; wer ihn geht, rutscht immer wieder ab. Doch Gott kommt entgegen und schenkt den Mut, weiterzugehen und sich von der Hoffnung immer wieder neu berühren und bewegen zu lassen.

Von: Felix Reich

31. Dezember

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden
Gottes Kinder heissen. Matthäus 5,9

Was für eine grossartige Zusage an Friedensstiftende! Und
wie nötig sind sie! An verschiedensten Orten der leidenden
Welt ist beim Schreiben dieses Textes alles andere als Frieden
in Sicht; im Nahen Osten, in der Ukraine, im Südsudan, in
den politisch zweigeteilten USA, für die Frauen in Afghanistan
oder im Iran. Die Liste ist lang.
Auf welche Friedensstiftenden setzen wir Hoffnung? Auf
die mächtigen Selbstinszenierer? – Kaum, sie sind gefangen
in ihrem Herrschaftswahn und ihrem Narzissmus. Auf die
Kirchen? – Sie sind zu marginal geworden. Auf die Demokratie?
– Auch sie ist mehrfach gefährdet! Oder hilft der Glaube?
Wir werden auf viele mutige Menschen zählen müssen, die
bereit sind, Frieden zu schaffen, wo sie können, Gesprächskultur
zu pflegen, zu geben und nicht nur zu nehmen. Das
beginnt auch bei uns selbst. Zum Schluss lasse ich für das
neue Jahr eines meiner Lieblingslieder aus dem Kirchengesangbuch
sprechen:
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern
Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit
deinem Segen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott, sei mit uns vor allem
Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns
zu erlösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns,
uns zu erlösen.

Von: Bernhard Egg