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23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger

28. Januar

JaÏrus bat Jesus sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm und leg ihr die Hände auf, dass sie gesund werde und lebe. Markus 5,23

Die Geschichte von Jairus und seiner Tochter wird auch von Matthäus und Lukas erzählt, praktisch übereinstimmend. Das heisst, sie betrachteten sie als besonders wichtig und berührend. Das ist sie auch. Das Wort «Vertrauen» springt uns daraus förmlich an. Jairus amtete als Synagogenvorsteher, wie wir erfahren. Als solcher war er ein vermögender Mann und hätte sich bestimmt alle möglichen Heiler, Bader und Scharlatane für die erhoffte Rettung seiner Tochter leisten können. Er aber war beeindruckt von Jesus, seinem Auftreten, seiner Zuwendung und Liebe zu den Menschen. Darum setzte er offensichtlich bedingungsloses Vertrauen in ihn und zweifelte nicht, dass Jesus seine geliebte Tochter gesund machen kann. Und Jesus verlangte auch keine Vorleistung, geschweige denn Geld. Wir heutigen kritischen Menschen brauchen meines Erachtens nicht zu wissen, ob die Tochter klinisch tot war oder nicht. Tatsache ist, dass die Zuwendung und das Handauflegen gewirkt haben. Jesus hat «energetisch» gearbeitet, könnte man es anders ausdrücken.
Persönlich schätze ich die Tradition des Handauflegens sehr, die in vielen Gruppen und Kirchgemeinden wieder gepflegt wird. Gerade in unserer digitalisierten Welt tut sie enorm gut!

Von: Bernhard Egg

27. Januar

Wohlan, die ihr sagt: Heute oder morgen werden
wir in die und die Stadt aufbrechen, ein Jahr dort
verbringen, gute Geschäfte machen und Gewinne
erzielen! Ihr solltet sagen: Wenn der Herr es will,
werden wir leben und dies oder jenes tun.
Jakobus 4,13.15

Wohlan! Wir sind es gewohnt,
genau so zu planen:
Wo und wann wir dies und das
zu tun gedenken und wozu.
Es ist halt so, dass unsere Pläne
längst nicht immer aufgehen.
Ist das Gottes Wille? Ist es Zufall?
Wer weiss das schon.
Es ist Glaubenssache.
Wir tun – so oder so – gut daran,
uns nicht allzu sehr festzulegen,
sondern offen für Überraschendes
und Unvorhersehbares
in die Zukunft zu blicken.
Wer weiss schon, welche Wunder
uns erwarten, gerade dann,
wenn wir sie nicht erwarten!
Es gilt – so oder so – die Kurzfassung
des Jakobusverses:
So Gott will und wir leben.

Von: Heidi Berner

26. Januar

Gott ändert Zeit und Stunde;
er setzt Könige ab und setzt Könige ein.
Daniel 2,21

Mein Leben – mein Königreich.
Gross ist es nicht, und es ist
umgeben von anderen Reichen,
die an meines grenzen.
Bin ich souverän in meinem Reich?
Gehe ich respektvoll um
mit meinem Leben, das ich mir
nicht selber gegeben habe?
Längst nicht immer!
Wie oft traue ich mich nicht,
mich durchzusetzen,
halte mich zurück,
wenn es darum ginge,
auf den Tisch zu hauen.
Vernachlässige mein Reich,
erweise mich seiner nicht würdig.
Gelänge es uns doch,
unser Leben, unsere Rollen
auf diese Art zu verstehen!
Und zu respektieren,
was die anderen
mit ihrem Leben machen –
die Welt würde reicher.

Von: Heidi Berner

25. Januar

Ich habe die Erde gemacht und Menschen und Tiere, die auf Erden sind, durch meine grosse Kraft und meinen ausgestreckten Arm und gebe sie, wem ich will. Jeremia 27,5

Ist der Ewige willkürlich? Ist er ein absoluter Herrscher, der nach Lust und Laune Gunst gewährt oder entzieht? Können die Autokraten, die derzeit die Schlagzeilen bestimmen, sich auf Gottesworte wie dieses berufen, wenn sie gross werden lassen, wer ihnen schmeichelt, aber ins Elend stossen, wer ihnen nicht passt? Aus dem heutigen Losungswort kann ein solcher Beiklang herausgehört werden.
«Denn Gottes Wege sind nun mal verworren und diskret.» So formulierte der Kabarettist Georg Kreisler vor Jahren. Wir haben den Überblick nicht. Wir sehen nicht das Ganze. Uns kommt vieles sinnlos vor, was in unserer kleinen oder in der grossen Welt geschieht. Können und wollen wir mit Paul Gerhardt bekennen: «Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl» (RG 680,7)?
Das muss Jeremia dem Volk als Botschaft zumuten: Ihr müsst euch auf das Exil einstellen, auf den Verlust des Vertrauten. Das ist nicht finsteres Geschick, sondern Konsequenz des Irrwegs, den ihr seit langem verfolgt. Gott wird das Korrupte zusammenbrechen lassen, um einen gründlichen Neuanfang zu machen. Es wird nicht ausbleiben, dass ihr darin Sinnlosigkeit und Gott als willkürlich erlebt, doch glaubt trotz allem an Gottes Gerechtigkeit und daran, dass Gott das Leben will und schafft.

Von: Benedict Schubert

24. Januar

Ihre Gemeinde soll vor mir fest gegründet stehen. Jeremia 30,20

Traumatisierte Menschen sind sehr leicht zu verunsichern. Sie können die persönliche oder kollektive Katastrophe, die sie überlebt haben, nicht einfach hinter sich lassen. Der Schrecken, die Angst, der Schmerz, die Panik melden sich immer wieder, meist in den ungünstigsten Momenten. Und die derart tief Verunsicherten werden zurückgeworfen in ihrem Versuch, ihrem Leben endlich wieder Stabilität zu verleihen.
Das nach Babylon vertriebene und verschleppte Gottesvolk steht für die vielen, die seither vertrieben und verschleppt wurden. Manche von ihnen sind unsere Nachbarinnen und Nachbarn geworden. Sie bemühen sich, festen Boden unter ihren Füssen zu finden, doch – das ist die Kehrseite der heutigen Kommunikationsmittel – weil ständig wieder neue Schreckensnachrichten aus ihrer Heimat sie erreichen, wird das Leben, das sie mitten unter uns führen, andauernd von Neuem erschüttert. Der leider oft zu vernehmende Appell, sie sollten sich endlich zusammennehmen und sich ordentlich integrieren, ist wenig hilfreich. Sie sehnen sich nach den prophetischen Stimmen, die ihnen, beglaubigt durch die Kraft aus der Höhe, zusagen, dass sie und ihre Familien, ihre Gemeinde den festen Grund finden werden. Dass sie zu sich kommen und dadurch das Leben in unserem Land reicher, farbiger, schöner machen. Jeremia weiss, dass Gott genau dies will und wirkt.

Von: Benedict Schubert

23. Januar

Jesus wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Lukas 1,33

König? Ewigkeit? Haus Jakob? Herrschaft ohne Ende?
Hm. Alle diese Begriffe rühren nicht wirklich etwas in mir an. Ich schlage das Lukasevangelium auf und lese dieses erste Kapitel.
Ich tauche ein in eine Welt, in seltsame, wundersame Geschichten: Es beginnt bei Zacharias und Elisabeth, dem alten Priester und seiner betagten Frau, denen im hohen Alter vom Engel Gabriel ein Kind verheissen wird: Johannes. Zacharias wird verstummen bis zur Geburt von Johannes, von dem es heisst, er werde «schon im Mutterleib vom
Heiligen Geist erfüllt werden» und viele zu Gott zurückführen. – Die Reise geht weiter in die Stadt Nazaret, wo die junge Maria ebenfalls vom Engel Gabriel erfährt, dass sie Jesus gebären wird. Maria erschrickt, worauf ihr Gabriel diesen Jesus ein wenig «einordnet»: Er werde Nachfolger sein auf dem Thron Davids, König über das Haus Jakob. Und: Heiliger Geist werde über Maria kommen und Jesus werde Sohn Gottes genannt werden. Maria antwortet mit den schlichten Worten: «Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!»
Die Ankündigung dieser wundersamen Geburten geht im Lukasevangelium einher mit Reaktionen von Verstummen, Sichzurückziehen, von stiller Akzeptanz, von Staunen. Dies ist schön zu lesen, wirkt nach, berührt mich nun doch.

Von: Katharina Metzger

22. Januar

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8

Umherirrende, Durstige, Hungrige, Obdachlose aus allen Himmelsrichtungen: Alle finden Zuflucht in einer Stadt, in der sie wohnen können und wo sie den Herrn preisen sollen. So steht es in Psalm 107. Ein schönes Bild. Und doch stört mich
etwas daran: die komplette Nichtbeteiligung der Menschen.
Vor zwei Jahren war ich mit meiner Familie kurz in London und dabei spätabends auf dem Weg zu unserer Unterkunft. London ist gross, und nach Tube, Bussen und Fussmarsch kamen wir bei unserer Adresse an. Das Problem: Es war nicht unsere Adresse – wir hatten nicht gewusst, dass es in London mehrere Strassen mit dem gleichen Namen gibt. Oh je: stille Gegend, kaum noch Akku, keine Leute, keine Taxis, keine Ahnung. Da kamen wir an einem Pub vorbei, der noch Licht hatte. Und erlebten dort das Schönste vom ganzen Tag: Bartender und Gäste kümmerten sich um uns, brachten kostenlos Wasser, luden unsere Handys, organisierten ein Taxi, zeigten uns, wo wir waren. Niemand wollte irgendeine Bezahlung. Ich weiss, es ist eine harmlose Wohlstandsgesellschafts-Geschichte. Aber es ist meine. Und sie zeigt mir: Auch wir Menschen sind dazu aufgerufen, uns diese Stadt zu machen, wo man ausruhen kann. Wir sind aufgerufen, uns diese Stadt zu sein.

Von: Katharina Metzger

21. Januar

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem
lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Psalm 42,3

Die Bibel erzählt in vielen literarischen Formen von der Sehnsucht des Menschen nach Gott, der Sehnsucht nach einem möglichen Quellgrund, Ursprung, Fundament seines Daseins. Mich erinnert die heutige Losung an einen Vers aus dem Psalm 84: «Selig sind die Menschen, die Pilgerwege in ihren Herzen haben. Ziehen sie auch durch das Tal der Dürre und des Todes, machen sie es zu einem Quellgrund, ja, mit Segen bedeckt es der Frühregen.» Sehnst du dich auch nach Gott, Lars? Dürstet deine Seele nach Gott?


Ja. Sehr. Manchmal wäre ich mir seiner Nähe gerne bewusster. Und manchmal denke ich: Vielleicht könnte ich das gar nicht ertragen, wenn sie mir noch näher käme. Wenn ich die Geschichten aus der Bibel lese, die eine Gottesbegegnung schildern, dann sind die immer überwältigend. Da werden Menschen aus ihrer Komfortzone katapultiert. Weiss nicht, ob ich das (er)tragen könnte. Ich vertraue darauf, dass Gott sich mir so nähert, wie es zu mir passt. Du merkst: Ich schwanke zwischen Durst und den üblichen Bedenken.
Mir gefällt das Bild vom Quellgrund. Das klingt behutsamer. Und den Weg zu meiner Quelle kenne ich. Sie sprudelt.
Und ich kann die Antwort auf die Frage des Betenden getrost Gott überlassen.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

20. Januar

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!
Prediger 5,6

Das klingt ein bisschen wie eine Warnung bei Arzneimitteln: «Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.» Was ist da so riskant? Vers 2 gibt Aufschluss: «Denn wer viel Mühe hat, fängt an zu träumen, und wer viel spricht, fängt an, töricht zu reden.» Der Prediger strebt nach dem guten Leben. Er sieht und prüft und verwirft und geht weiter. Wie ein Refrain empfiehlt er auf seinem Weg immer wieder: «Fürchte Gott!» Bei allem, was uns gut erscheint, ist das der Prüfstein, an dem sich unsere Erkenntnis bewähren muss. Auch wenn er das Träumen nicht mag: Ich träume gelegentlich ganz gerne. Du auch?


Von welcher Art Träumen spricht der Prediger hier? Meint er solche, die mich wegführen von meinem Menschsein vor Gott? Der Mensch steht in seinen Schriften ja im Mittelpunkt. Dabei verschont der Prediger uns nicht. Immer wieder weist er auf die Grenzen unserer Fähigkeiten hin. Trotzdem vertraut er darauf, dass Gott alles so erschaffen hat, dass es schön ist zu seiner Zeit. Essen und Trinken und der Genuss des Guten zum Beispiel, darüber kann ich mich freuen und dankbar sein, so lange ich bin. Ich brauche mich nicht wegzuträumen, Kleinigkeiten aufzubauschen oder zu viele Worte zu verlieren.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz