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31. Mai

Die Reichen sollen Gutes tun, reich werden an
guten Werken, freigebig sein und ihren Sinn auf
das Gemeinwohl richten. So verschaffen sie sich eine
gute Grundlage für die Zukunft, die dazu dient,
das wahre Leben zu gewinnen.
1. Timotheus 6,18–19

Diese Sätze könnten geradezu von den Juso stammen.
Kritische junge Menschen haben in der Schweiz ein Volksbegehren
formuliert und es – ganz in der Sprache des Timotheusbriefs
– «Initiative für eine Zukunft» benannt. Weil
aber nur ein frommer Appell «Die Reichen sollen Gutes tun,
freigiebig sein und ihren Sinn auf das Gemeinwohl richten»
wohl wenig Veränderungen bewirken würde, wollen die Juso
ihr Anliegen verbindlich in die Verfassung schreiben. Die
Jungpartei fordert eine Erbschaftssteuer, damit der Reichtum
von wenigen zur guten Grundlage für die Zukunft aller
werden könne. Sie schlägt einen Steuersatz von 50 Prozent
ab einem Freibetrag von 50 Millionen Franken vor.
Die Einnahmen sollen sozial gerechten Klimaschutzmassnahmen
und dem ökologischen Umbau der Wirtschaft dienen.
Gerade die Superreichen tragen mit ihren Yachten und
Privatflugzeugen, mit ihren Spekulationen und Geschäftspraktiken
enorm zur Klimakatastrophe bei. Es geht beim
Vorschlag weder um Neid noch um Zwang. Es geht darum,
das wahre, gute Leben zu gewinnen. Und dies nicht erst im
Himmel, wenn es für die Bewahrung der Erde zu spät ist.

Von: Matthias Hui

30. Mai

Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!
Psalm 5,12

Einige Zeilen vor der heutigen Losung steht im Psalm das
wunderbare Wort von den «Ruhmredigen» (Vers 6), die
nicht vor Gott bestehen. Es ist ein Begriff, der so recht in
unsere heutige politische Landschaft passt. Wie viel Ruhmrede,
um nicht zu sagen Rumgerede, geschieht da beständig,
ohne dass zu Wort kommt, was hinter dem Losungsteil «die
deinen Namen lieben» als Wertekanon steckt. Die Vergehen
der Übeltäter, gegen die sich der Psalmist wendet und um
deren Sanktion er Gott anruft, sind vielfältig. Sie lügen, sind
blutgierig, böse, ungerecht, heucheln. Wenig Gutes lässt er
an denen, die sich nicht in der Liebe zu Gott bewegen.
Auch heute bestimmt häufig der eigene Ruhm das Handeln.
Entscheidungen werden wenig von jenen Werten
bestimmt, die am Horeb und auch in Jesu Bergpredigt Ausdruck
finden. Im Festhalten an diesen Werten aber drückt
sich die Liebe zum Namen Gottes aus, aus der für viele Fröhlichkeit
kommt.
Oft also scheint heute menschliches Handeln von Selbstsucht
geprägt. Doch immer wieder findet sich die Fröhlichkeit
bei jenen, die sich, vielleicht auch ohne ausgesprochenen
Bezug auf die Liebe Gottes, engagieren – in Integrationshilfen,
schulischen Vorlesestunden, bei der «Tafel».
Ihre Fröhlichkeit drückt für mich aus, was der Segen Gottes
ist, der uns wie mit einem Schilde (Vers 13) beschützt.

Von: Gert Rüppell

29. Mai

Der HERR spricht: Ich will Frieden geben in eurem
Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke.
3.Mose 26,6

In welche Situation spricht dieses Wort heute? Angesichts
unserer eigenen Erfahrungen und der Erfahrungen vieler
Mitmenschen auf der Welt? Scheint dieses Wort nicht so von
Utopie geprägt, dass es schwer zu glauben ist? In der Ukraine,
in Palästina, Israel, im Sudan, in Myanmar, Kolumbien und
der Demokratischen Republik Kongo, um nur einige der
vielen Landstriche dieser Welt zu nennen. Orte, in denen
es Müttern und Vätern mit ihren Kindern kaum glaubhaft
scheint, dass die macht- und rohstoffgetriebenen Konflikte
ein Ende haben könnten und es für sie und ihre Angehörigen
Schlaf geben könnte, aus dem niemand sie aufschreckt. Das
angesprochene Unvorstellbare, diese Utopie ist aber für viele
Menschen in Not immer wieder Basis von neuer Hoffnung.
Basis der Kraft zum Weiterleben. Einer Kraft, die, wie im heutigen
Losungstext den Israeliten gesagt wird, den Blick nach
vorn richtet. Einer Kraft, die auch dort noch Lösungen für
Frieden sieht, wo dieser scheinbar unerreichbar ist.
Ich will Frieden geben, spricht der Herr und gibt uns in
einer friedlosen Umwelt zugleich den Auftrag, friedensgestaltend
zu sein. Gilt es doch, in Situationen des Schreckens
und der Furcht Frieden zu bringen, damit Ruhe einkehre in
den Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Völkern.
Ruhe und Hoffnung auf ein gelingendes Leben.

Von: Gert Rüppell

28. Mai

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere
das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht
mehr lernen, Krieg zu führen.
Jesaja 2,2.4

Ich lasse Gedanken bleiben, was mit der letzten Zeit gemeint
sein könnte. Aber wie wunderschön tönt die Zuversicht, dass
Krieg nicht mehr gelernt wird! Jesaja braucht hier, ausdrucksstark,
wie er ist, eine makabre, aufrüttelnde Umschreibung.
Ja, Krieg wird leider gelehrt und gelernt. Auch ich musste
mich dem in der Schweizer Armee unterziehen. Wie hoffnungsvoll
wäre es, wenn Friede gelernt würde! Nur geschieht
leider das Gegenteil. Es wird angesichts aktueller Kriege und
Bedrohungen eifrig auf- und nachgerüstet. Nicht abzusehen,
was für Eskalationen wir dieses Jahr noch zu gewärtigen
haben. Wo sind die Friedensbewegungen geblieben, die uns
mit dem Slogan «Schwerter zu Pflugscharen» oder «Frieden
schaffen ohne Waffen» zuversichtlicher werden liessen?
Heute müsste auf den Transparenten stehen «Kampfdrohnen
zu Luftballons» oder ähnlich. Und Gott? Wir müssen
damit leben, dass er nicht eingreift. Wir Menschen müssen
mit dem Entwaffnen beginnen! Den Krieg nicht mehr lehren
und nicht mehr vorbereiten. Was könnte die Welt für ein
friedlicher Ort sein, wenn der Zugang zu Bodenschätzen,
die Nutzung des Trinkwassers, die Befischung der Meere
usw. mit fairen Verträgen zwischen gleichgestellten Partnern
geregelt würden statt mit Machtgehabe und Krieg! Nächstenliebe
First statt America (oder Switzerland) First!

Von: Bernhard Egg

27. Mai

Wo ist ein Fels ausser unserm Gott? Psalm 18,32

Psalm 18 ist lang und strotzt vor Metaphern aus Kampf und
grossen Gefahren. Einige Elemente daraus, in unsere heutige
Welt übertragen:


Du bist mein Stützpunkt, meine Basis,
mein Kraftort, wo ich auftanken kann.
Unsere Welt gerät ins Wanken,
kein Stein bleibt auf dem anderen,
alles dreht sich im Kreis.
Mit dir überwinden wir Hindernisse,
mit dir überspringen wir Mauern.
Du gibst uns Kraft
und machst unseren Weg gut.
Du schaffst uns weiten Raum,
in dem wir zuversichtlich gehen können.
Du rettest uns vor allem Lebensfeindlichen,
es hat keine Macht über uns,
du befreist uns von aller Gewalt.
Darum sind wir dir dankbar
und sagen es allen weiter,
dass du uns hilfst – seit Urzeiten schon –
und uns auch in Zukunft helfen wirst,
mir und allen, die dir, der Liebe, vertrauen.

Von: Heidi Berner

26. Mai

Es soll nicht durch Heer oder Kraft,
sondern durch meinen Geist geschehen,
spricht der HERR Zebaoth.
Sacharja 4,6

Wir sind es gewohnt, zu messen,
zu zählen, zu vergleichen.
Zurzeit geht es um Truppenstärken
und um Rüstungsausgaben
zur Verteidigung unserer Freiheit,
unserer Werte, unserer Demokratien.
Was ist dem entgegenzuhalten?
Unsere Neutralität ist schal geworden,
schmeckt mir nicht mehr.
Wie sehr haben die letzten drei Jahre
meine Überzeugungen in Frage gestellt!
Hat Pazifismus trotzdem eine Zukunft?
Ich möchte festhalten an der Utopie,
dass Frieden möglich ist in unserer Welt.
Aber es braucht – leider, leider –
ein gewisses Mass an Heer und Kraft,
um ihn zu sichern.
Und einen Vorschuss an Vertrauen.
Das Vertrauen aber ist ein Wagnis
und ein Kind des Geistes,
lebt aus dem Glauben,
aus der Hoffnung und der Liebe.

Von: Heidi Berner

25. Mai

Du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand
nicht zuhalten gegenüber deinem armen Bruder.
5.Mose 15,7

Ich gehöre zu denen, die mit dem Brauch des Tischgebets
aufgewachsen sind. Zum Abschluss einer Mahlzeit gehörten
die Worte: «Danket dem Herrn, denn er ist freundlich
und seine Güte währet ewiglich.» Wir sollten begreifen, das,
was wir hatten, nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten,
sondern als Geschenk. Damit lernten wir auch, dass ein
Aspekt des Glaubens an den Ewigen im Vertrauen besteht,
dass Gott mir all das zukommen lässt, was ich brauche. In
ein biblisch verankertes Glaubensbekenntnis gehört deshalb
eigentlich der Satz: «Ich komme nicht zu kurz.»
Das befreit zur Grosszügigkeit – möglicherweise aus der
Ahnung, dass Gott mich dazu benutzen könnte, andere
nicht zu kurz kommen zu lassen.
Die Bibel ist zurückhaltend, wenn es darum geht, die Frage
zu beantworten, weshalb es Arme und Reiche, Starke und
Schwache, Ohnmächtige und Mächtige gibt. Gleichzeitig
macht sie klar: Das ist weder das, was Gott vorgesehen
hat, noch das, was Gottes Willen entspricht. Das heutige
Losungswort gehört in diesen grossen Zusammenhang. Es
spricht von dem, was wir je als Einzelne tun können: teilen,
was uns gegeben ist, im Vertrauen, dass wir nicht zu kurz
kommen, und in der Hoffnung, dass am Ende niemand mehr
zu kurz kommt.

Von: Benedict Schubert

24. Mai

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. 1.Könige 8,39

Glücklicherweise erlebte ich selten Konflikte, die mir Schlaf,
Nerven und Kraft raubten. Einmal jedoch geriet ich in eine
Auseinandersetzung, in der ich auf die Hilfe einer Supervisorin
angewiesen war. Sehr gut erinnere ich mich an eine Sitzung
bei ihr. Mein Gegenüber im Konflikt hatte etwas getan, wovon
ich fand, das sei absolut unmöglich und unzulässig. Ratlos
sagte ich zur Supervisorin: «Aber das kann man doch nicht
tun!» Worauf sie lakonisch zurückgab: «Doch, er kann das.»
Das ist mir eingefahren, und ich habe diese knappe Feststellung
hin und wieder zitiert, wenn jemand über ein Gegenüber
klagte und meinte, man könne doch dies oder jenes
nicht tun, sagen, finden: «Doch, er, sie kann das.»
Menschen sind uns manchmal ein Rätsel. Sie kommen auf
Ideen, auf die ich nie käme. Sie vertreten Meinungen, die
nicht vereinbar sind mit dem, was ich für gesunden Menschenverstand
halte. Sie lachen über Dinge, die ich nicht
komisch finde, aber finden nicht lustig, was mich amüsiert.
Manchmal passiert mir das auch mit mir selbst, und ich frage
mich, was mich zu diesem oder jenem veranlasst hat.
Es ist gut, uns von Salomo vorsagen zu lassen, dass wir Gott
allein das Urteil zugestehen, über das Herz eines Menschen
zu urteilen. Nur Gott allein weiss, was uns zuinnerst bewegt,
belastet, begeistert, antreibt. Und er schaut gewiss gnädiger
darauf als wir.

Von: Benedict Schubert

23. Mai

Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem
Knecht: Geh schnell hinaus auf die Strassen und Gassen
der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und
Blinden und Lahmen herein.
Lukas 14,21

Die Geschichte hat einen kleinen Schönheitsfehler: Der
Hausherr hat nämlich zuerst andere, wohlhabende Leute
eingeladen, die nun plötzlich nicht kommen können. Darüber
ist er wütend, öffnet dann aber sein Haus, in dem alles
schon bereitsteht, für die Randständigen. Dann hört die
Geschichte ohne weitere Erklärung auf. Man erfährt nicht,
wie dieses Gastmahl verlaufen ist, ob es eine einmalige
Begegnung war oder ob das gemeinsame Essen die Teilnehmenden
einander nähergebracht hat.
Trotzdem, eine schöne Geschichte, die ich noch in einer
anderen Version kenne, in «Michel aus Lönneberga» von
Astrid Lindgren. Dort lädt Michel mit Hilfe des Knechts
Alfred die Armen aus dem Armenhaus auf den Katthult-Hof
ein, nachdem er erfahren hat, dass die böse Vorsteherin alle
Würste, die Michels Mutter den Armen zu Weihnachten
geschickt hatte, selbst verspeist hat. Es wird ein grandioses
Weihnachtsfest!
Meine beiden Kinder haben den Film aber nicht so gerne
geschaut. Warum? Weil die Armen ungepflegt aussehen
und nicht schön essen. Ein unwichtiges Detail? Ich glaube
eher, ein Zeichen dafür, dass da ganz unterschiedliche Leben
zusammenkommen. Wie begegnet man sich da?

Von: Katharina Metzger

22. Mai

Die kanaanäische Frau fiel vor Jesus nieder und sprach:
Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist
nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und
werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch
essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer
Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr:
Frau, dein Glaube ist gross. Dir geschehe, wie du willst!
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 15,25–28

Hoppla! Das ist eine Geschichte, die gleich mehrere Fragen
aufwirft und Empörung in mir weckt. Ich möchte mich gerne
neben diese Frau stellen, die Arme in die Seiten stützen und
diesem Jesus zurufen: «Was soll denn das? Du willst also ein
Spezialbrot für ein paar Auserwählte sein? Und du bezeichnest
diese Frau und ihr Volk als Hunde? Du verweigerst ihr
deine Hilfe? Auf dieses Brötchen kann ich getrost verzichten!»
Nicht so die Frau: Sie reagiert nicht auf die schroffe Abweisung.
Im Gegenteil: Sie sagt, die Krümel von diesem Brot, die
unvermeidlich vom Tisch fallen, würde sie sowieso essen. Da
geschieht etwas mit Jesus, er anerkennt ihren grossen Glauben
und die Hoffnung, die sie in ihn setzt. Es ist, wie wenn
sich etwas weitet: Das heilsame Brot darf geteilt werden, die
Tochter wird gesund.
Hat die Frau Jesus verändert? Ich nehme jedenfalls dies
mit: Beide, die Frau und Jesus, haben sich bewegt, weg von
starren Positionen, weg vom Stolz. Eine heilsame Bewegung.

Von: Katharina Metzger