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28. Juli

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Matthäus 6,9

Seien wir ehrlich: Wie oft haben wir diese ersten Worte des
Gebets Jesu flüchtig und unbedacht dahingesprochen? Um
dann bald bei den Bitten um tägliches Brot und vor allem um
Erlösung von dem Bösen zu landen, wissend, wer für uns die
Bösen sind. Es lohnt sich, schon nach den ersten vier Worten
mal Halt zu machen und etwas die Gedanken schweifen zu
lassen. «Unser» bringt zum Ausdruck, dass der Angerufene
nicht nur mein Vater, mein Gott, ist. Er ist der Vater aller,
die zu ihm beten, und nicht exklusiv meiner. Das schafft
Gemeinschaft. In der Sprache Jesu, dem Aramäischen, heisst
er Abba: Vater. Gemeint ist, wie ich der überzeugenden
Begründung im Buch «Rede und Antwort stehen – Glaube
nach dem Unservater» (Pierre Bühler et al., Theologischer
Verlag Zürich 2014) entnehme, keine biologische Kindschaft,
sondern eine Adoptivkindschaft. Der Adoptivvater ist nicht
Kindsvater, der es durch Zeugung und Geburt seines Kindes
einfach wird. Vielmehr nimmt er sein Adoptivkind aktiv
an Kindes statt an. Er will ihm wie ein Vater sein, Fürsorge
gewähren und nimmt es an, wie es ist. Das ist ein schöner
Gedanke: vom himmlischen Vater einfach angenommen
und geliebt zu sein! Wie in einer gelingenden Liebes- und
Lebensbeziehung.
Nicht umsonst nennen wir etwas, das wir als schön und
erfüllend empfinden, «himmlisch»!

Von: Bernhard Egg

27. Juli

Der HERR wird seinem Volk Kraft geben. Psalm 29,11

Eine Übertragung des Psalms in mein Weltbild:
Die Götter des Zeitgeists sind Geld und Erfolg,
doch wer ist der Gott, an den wir glauben?
Ist er einer, der unantastbar, unnahbar
im Himmel thront, in heiliger Pracht?
Hat er die Welt erschaffen mit seinem Wort?
Ist er im Donner und in den Naturkatastrophen,
die über uns hereinbrechen mit gewaltiger Wucht?
Ist er mächtig allein mit seiner Stimme?
Ist seine Stimme so stark, dass sie alles bewirkt?
Dass sie Bäume knickt wie ein Wirbelsturm,
Wälder zerschmettert wie ein Orkan?
Dann würde kein Leben entstehen, gedeihen
und wieder vergehen ohne sein Wollen.
Seine Stimme wäre wie ein versengendes Feuer.
Sie würde die Erde beben lassen
oder alles vernichten nach seiner Lust.
Sie wäre es, die Geburten einleitet
und Lebensräume zerstört.
Eine Allmacht, gefürchtet und respektiert.
Dieser Gott würde über allem Seienden thronen
als oberster Herrscher in Ewigkeit.
An diesem Machtgott will ich mich nicht orientieren,
aber an dem, der uns segnet mit Frieden (Vers 11).

Von: Heidi Berner

26. Juli

Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und
treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen,
ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines
Herrn Freude!
Matthäus 25,21

Heute, wo ich dies schreibe, ist der Tag der Arbeit.
Wohl uns, wenn uns unsere Arbeit erfüllt
oder wenn wir im «Ruhestand»
etwas Sinnvolles tun können.
Leider ist es nicht allen vergönnt,
ihren Fähigkeiten entsprechend zu arbeiten
oder sich zu engagieren, zu malen, zu singen,
ihre Gedanken niederzuschreiben,
weil ihre Lebensumstände es nicht erlauben.
Andere aber lassen die Talente verkümmern,
vergraben sie wie der schlechte Knecht.
Unsere Talente sind höchstpersönlich,
nicht übertragbar, einmalig,
wenn wir nichts aus ihnen machen, verfallen sie.
Wenn wir sie aber einsetzen können,
sodass sie sich auszahlen,
für uns und vielleicht auch für andere,
wird unsere Welt ein wenig freundlicher,
heller, glücklicher, freudiger.
Sogar in unseren verrückten Zeiten.

Von: Heidi Berner

25. Juli

Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, unsre Väter
haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten,
vor alters.
Psalm 44,2

Kürzlich sass ich mit meiner Frau im Zug; fasziniert und
dankbar beobachteten wir eine junge Familie im Viererabteil
nebenan: zwei Kinder, eine Frau, ein Mann. Das wäre an
sich nicht auffällig, sondern entspräche dem Bild, das lange
von der Schweizer «Normalfamilie» gezeichnet wurde. Es
faszinierte uns, dass und wie diese beiden Erwachsenen mit
den Kindern im Gespräch waren und ihnen Geschichten
erzählten. Wir waren glücklich darüber, dass die Kinder nicht
mit digitalen Konserven abgespeist wurden und dass die
Eltern ihnen ihre Aufmerksamkeit widmeten und nicht ihren
Smartphones.
Unser Psalmwort kann seine Herkunft aus der patriarchalen
Tradition nicht leugnen. Die Forschung kann belegen,
welch entscheidende Rolle Mütter und Grossmütter bei der
Weitergabe des Glaubens spielen. Erzählend säen sie den
Samen, der hoffentlich die Frucht des Vertrauens wachsen
lässt, die dem Leben Boden und Ziel gibt.
Die «Krise der Kirchen», die wir feststellen und mit der wir
umgehen müssen, ist verbunden mit einer «Krise des Erzählens
». Dankbar bin ich für alle, die Worte suchen und finden,
um das zur Sprache zu bringen, was sie als Gottes Handeln in
ihrem Leben, in der Welt und ihrer Geschichte wahrnehmen.

Von: Benedict Schubert

24. Juli

Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien,
schweige nicht zu meinen Tränen.
Psalm 39,13

Die klagende Stimme erlebt Gottes Schweigen als Zumutung.
Sie erinnert mich an eine angolanische Christin, die
damals in den sehr schweren Zeiten des Bürgerkriegs einmal
sagte: «Ich glaube schon, dass Gott hört, aber ich glaube, er
hört nur mit einem Ohr hin.»
Als Seelsorger hörte ich ähnliche Klagen von denen, die mir
gegenübersassen. Auch ich selbst erinnere mich an Zeiten,
in denen ich es herausfordernd fand, dass Gott in so offensichtlich
anderen Rhythmen antwortet und handelt, als ich
es gerne gehabt hätte.
Doch nun stiess ich vor Kurzem auf einen Text, der einlädt,
das Schweigen Gottes viel positiver zu deuten. Von
Daniel Bourguet, einem französischen Pfarrer und Einsiedler,
erschien nun auch auf Deutsch die kleine Schrift «Die Scheu
Gottes». Bourguet erkennt in Gottes Schweigen ein Zeichen
der Liebe, die sich nicht aufdrängt, sondern sich eben scheu,
unaufdringlich zurückhält.
Gott schweigt manchmal zu Tränen, nicht weil sie ihn nicht
berühren. Gott lässt uns zuerst ausweinen. Die Tränen sollen
fliessen. Gott textet uns nicht gleich zu, sondern hält mit uns
den Schmerz aus. Dann wischt Gott die Tränen ab, liebevoll,
zart, tröstend.

Von: Benedict Schubert

23. Juli

Der HERR führte mich hinaus ins Weite,
er befreite mich, denn er hat Gefallen an mir.
Psalm 18,20

Gott führt mich hinaus ins Weite. Er führt mich in ein angstfreies
Land. Dort öffne ich meine Arme weit, atme tief die
frische Luft, schliesse die Augen, spüre den Boden unter mir.
Dort bleibe ich stehen, so lange ich will. Dort wandere ich
weiter, so weit ich will. Dort lege ich mich schlafen, wann
ich will.
Die Menschen dort schauen mich an, interessieren sich für
mich, lassen mir und sich Zeit für Antworten.
Ich darf bei ihnen sein. Ich kann zuhören, zuschauen, mitmachen,
lernen.
Es gibt dort zu essen, zu trinken, es gibt Raum und Zeit.
Und die Menschen haben keine Angst, zu singen, auch
diejenigen, die nicht so gut singen können.
So stelle ich mir die Weite vor, in die mich Gott führt.
Ich frage meinen Partner, wie er sich ein angstfreies Land
vorstellt.
Er stellt sich ein Land vor, wo die Menschen nicht vor dem
Fremden Angst haben, sondern vor dem, was in ihren eigenen
Reihen bedrohlich ist.
Er stellt sich ein Land vor, in dem alle Leute aufgeklärt sind
und wo deshalb die Demokratie funktioniert.
Gott führt uns in die Weite. Und er selbst ist die Weite, das
Land ohne Angst, in dem wir uns geborgen fühlen dürfen.

Von: Katharina Metzger

22. Juli

Jesus spricht zu Simon Petrus: Simon, Sohn
des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm:
Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Spricht
Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Johannes 21,16

Die Szene spielt nach dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung.
Einige Jünger befinden sich am See von Tiberias.
Sie gehen fischen, fangen aber die ganze Nacht über nichts.
In der Morgendämmerung erscheint ein Mann am Ufer und
sagt ihnen, sie sollen das Netz auf der rechten Seite des Bootes
auswerfen, woraufhin sie reichlich Fische fangen. Die Jünger
erkennen den Mann als Jesus, und dann geschieht etwas
Seltsames: Petrus zieht sich sein Gewand an, wirft sich ins
Wasser und schwimmt ans Ufer. Dort teilt Jesus am Kohlefeuer
Fisch und Brot mit den Jüngern und spricht mit Petrus.
Warum ist Petrus wohl ins Wasser gesprungen? Schämt er
sich wegen seines Verrats an Jesus? Oder ist dieses Eintauchen
ins Wasser, in dieses lebensspendende Element, eine
Vorbereitung auf das, was jetzt kommt? Jesus fragt ihn nun
dreimal, ob er ihn liebe. Petrus bejaht dies dreimal, wird aber
auch traurig, weil Jesus ihn dreimal fragt. Ich stelle mir vor,
dass diese Traurigkeit auch die Erkenntnis der Schwierigkeit
ist, bedingungslos zu lieben und sich ohne Angst um das
eigene Leben, das eigene Ansehen einem Menschen oder
einer Aufgabe hinzugeben. Genau dies wird aber Grundlage
sein für die Aufgabe «Weide meine Schafe!».

Von: Katharina Metzger

21. Juli

Friede, Friede denen in der Ferne und denen in
der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.

Jesaja 57,19

Endlich Frieden. Sofort. Ich wäre dabei! Du auch, oder? Das
ist ja eine uralte Sehnsucht. Und wir schaffen es doch nicht.
Es scheint so schwer, in Frieden miteinander zu leben. Im
Kleinen wie im Grossen. In der Nähe wie in der Ferne. Dabei
wissen doch alle Beteiligten nach den Erfahrungen der vergangenen
Kriege: Es wird keinen Sieger geben. Selbst auf der
Seite der angeblichen Gewinner gibt es unzählbare Opfer zu
beklagen. Was ist nur los mit uns? Kriegen wir es wirklich
nicht hin, in Frieden miteinander zu leben? Und wie kann
Gott uns heilen? Hast du eine Idee, Chatrina?


Nein, Lars. Ich habe keine Idee. Aber ein Lied kommt mir in
den Sinn. Da fragt einer weiter: Warum gibt es unsere Erde?
Warum kreist um sie der Mond? Warum dreht sie um die
Sonne ihre Bahn? Warum hat der Mensch das Glück, dass er
auf dieser Erde wohnt? Warum fühlen wir inneren Frieden,
wenn wir Kinder schlafen sehen? Warum ist ein Tag am Meer
so tröstend schön? Warum rührt Musik uns oft zu Tränen?
All das würde ich so gerne mal verstehen. Warum nutzt
man Religionen für den Terror und die Angst, wo sie eigentlich
doch für den Frieden stehen? Ich kann es beim besten
Willen nicht verstehen.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. Juli

Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heissen
nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Jeremia 14,9

Die grosse Dürre steht Jeremia vor Augen. Alles dürstet,
Mensch, Tier, Erde. Und alles, was da wachsen möchte. Und
im Ächzen und Stöhnen flehen sie zu Gott. Mir scheint, das
ist heute auch unsere Situation in der Kirche. Die Dürre ist
gross. Die Ratlosigkeit auch. Das Losungsbuch der Herrnhuter
Brüdergemeine führt mit Zinzendorf, ihrem Gründer und
«Erfinder» der Losungen, zum Gebet: «Du inniglich geliebtes
Haupt, wir wolln dich etwas bitten, du hast’s den Deinen
ja erlaubt, ihr Herz dir auszuschütten: Mach uns zu deiner
treuen Schar und lass die Welt erkennen, dass wir uns doch
nicht ganz und gar mit Unrecht Christen nennen.»


Ich staune immer wieder über Jeremias Vertrauen – trotz
allem. Er fleht, klagt, seufzt und bezeugt gleichzeitig: «Du
bist ja doch unter uns, Herr, und wir heissen nach deinem
Namen!» Da dreht sich einer nicht resigniert um und lässt
alles den Bach runtergehen, sondern erhebt seine Stimme.
Ob wir, um der Dürre und Ratlosigkeit in unserer Kirche
zu entkommen, zu einem pietistischen Gebet greifen sollten?
Mir ist das zu steil. Etwas klarer und deutlicher unsere
Stimme erheben und verständlich Farbe bekennen reicht
mir fürs Erste.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. Juli

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Psalm 62,2

Wir wissen, dass Stille uns guttut. Nur haben wir dafür keine
Zeit. Wir haben doch alle Hände voll zu tun. Zuerst dies und
das. Danach noch jenes. Das Tun nimmt kein Ende.
Meine Seele ist stille zu Gott. Erst dann, wenn ich am Ende
bin? Oder darf es schon etwas früher sein?
Da ist etwas in mir, das still sein will. Das sich nicht länger
stören lässt. Die Stille hat einen Ort in mir. Da kann ich mich
zur Ruhe setzen. Ich bin in Gott in mir daheim.
Geborgen, geliebt und gesegnet,
gehalten, getragen, geführt
erkennen wir Gott. Er begegnet,
wenn Schweigen den Schweigenden spürt.
Geborgen, geliebt und gesegnet,
gehalten, getragen, geführt
besingen wir Gott. Er begegnet
im Wort, das uns heute berührt.

Diese Liedstrophen, die der Theologe Georg Schmid zu
Psalm 62 gedichtet hat, mögen uns heute stille werden lassen.
Stille zu Gott, der uns hilft. Bevor all das getan ist, von
dem wir meinen, dass es heute getan werden müsste.

Von: Ruth Näf Bernhard