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24. Oktober

Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft,
spricht der HERR.
Jeremia 31,17

Die Grosskomposition, in der verschiedene Gottesworte aus dem Jeremiabuch zusammengezogen werden, ist ein Kunstwerk. Das brillant arrangierte Gedicht erzählt von der Katastrophe der Zerstreuung und dem Gericht Gottes, dem Leiden im Exil und dem göttlichen Zorn, der Umkehr und der Hoffnung auf die Heimkehr.
Kern der Hoffnung auf die Wiederherstellung des früheren Zustands Israels ist die Hoffnung auf Frieden. Sie bleibt wohl immer eine vom Auslöschen bedrohte Flamme in der dunklen Nacht der Zwietracht, der Vergeltung und des Kriegs, in der unzählige Menschen vertrieben und heimatlos werden. Angesichts der Konflikte, Verteilkämpfe und Vertreibungen, von denen bereits das Alte Testament erzählt und die oft beängstigend aktuell klingen, scheint die Hoffnung auf Frieden eine realitätsferne Utopie.
Wer das prophetische Wort vom Frieden ernst nimmt und aus ihm Hoffnung schöpft, ist dennoch keine Träumerin, kein Träumer. Friede und Versöhnung sind keine Utopien. Realitätsfern ist vielmehr der Glaube, dass die ewige Spirale der Gewalt und der Raubbau an der Schöpfung den Weg in die Zukunft weisen können. Soll es eine Hoffnung auf ein Morgen geben, sind kleine Schritte in Richtung Gerechtigkeit und Verzicht, Versöhnung und Frieden die einzige realistische Variante.

Von: Felix Reich

23. Oktober

Gott ist Liebe. 1. Johannes 4,8

Es ist ein kluger und inspirierender Spitzensatz der Theologie, der das Herzstück des Johannesbriefs bildet: «Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.»
Die Liebe Gottes ist ein dynamisches Geschehen. In ihr verbinden sich Glaube und Leben, Erkenntnis und Erfahrung: «Niemand hat Gott je geschaut. Wenn wir aber einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist unter uns zur Vollendung gekommen.» (1. Johannes 4,12)
Im liebevollen Umgang der Menschen untereinander, im friedvollen Aushalten der Differenz und im unablässigen Streben nach Verständnis und Versöhnung, das sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lässt, scheint das Licht Gottes auf, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Die Spuren seiner gelebten Liebe leuchten den Weg zu einer Gemeinschaft, in der die Liebe auch die Beziehung von Mensch zu Mensch definiert. Denn die von Gott empfangene Liebe verpflichtet zur gelebten Nächstenliebe: «Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und er hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner.» (1. Johannes 4,20)
Gottes Liebe, die den Menschen und die Welt zum Guten verändern will, überwindet die Furcht. Und sie zählt zu jenen Wundern, die grösser werden, wenn wir sie teilen.

Von: Felix Reich

22. Oktober

Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch
am Trost teil.
2. Korinther 1,7

Paulus schreibt diese Zeilen nicht in einem sicheren Hafen, sondern aus Sturm und Dunkelheit. Er erinnert sich an Zeiten, in denen ihm das Leben zwischen den Fingern zerrann: Todesbedrohung, Angst, Verzweiflung, Schwäche. Doch er hält fest: Hoffnung ist möglich. Hoffnung ist tragfähig. Nicht weil alles gut wird, sondern weil Gott darin gegenwärtig ist.
Schon in vergangenem Leiden hat Paulus erlebt, dass sein Leiden kein exklusiver Schmerz ist. Die Gemeinde leidet mit. Christliche Gemeinschaft ist keine Bühne der Starken. Sie bietet Raum für Tränen, für Zerbrochenes.
So ist es auch mit dem Trost. Er ist mehr als ein gutes Wort. Er ist eine Bewegung des Weitergebens: von Gott zu Paulus. Von Paulus zur Gemeinde. Von einem Herzen zum anderen. Ein «Trostverbund» entsteht. Keiner ist allein.
Trost ist noch keine Lösung. Aber er ist ein Licht. Er wächst aus dem Vertrauen, dass Gott mitten in der Dunkelheit wohnt. Dass Vergebung, Annahme, Hoffnung möglich sind. Dass Gemeinschaft mehr ist als bloss Nähe – sie ist Gnade in Bewegung.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Oktober

Abram zog aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte. 1. Mose 12,4

Aufbrechen.
Ein Wort wie Wind im Gesicht.
Für die einen: Abenteuer, Aufbruch, Neuland.
Für die anderen: Unsicherheit, Risiko, Überforderung.
Abram geht.
Nicht weil er schon weiss, was kommt –
sondern weil er vertraut.
Ruf oder Rückzug?
In uns ringen zwei Stimmen.
Die ängstliche: Bleib. Sicher ist sicher.
Die hoffende: Geh. Da wartet etwas auf dich.
Ob wir aufbrechen,
hängt von unserer inneren Verfassung ab,
von Wunden, Wegen
und der Kraft, die uns ruft.
Was brauche ich?
Mut,
Vertrauen,
Begleiter:innen.
Ein leises, klares Ja in mir.
Dann kann ich –
wie Abram –
den ersten Schritt tun.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. Oktober

Wiederum führte der Teufel Jesus mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Matthäus 4,8–10

Das Wort «Satan» heisst in seiner hebräischen Herkunftssprache «Ankläger». Martin Buber (1878–1962) übersetzte das Wort mit «Hinderer». Die rabbinische Literatur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte hat «Satan» immer wieder eingesetzt, um den Bibeltext in spezifische Kontexte zu setzten. Dabei wurde «Satan» immer weniger als äussere Kraft oder Gestalt gelesen, sondern als Personifizierung innerer Widerstände. Kämpft Jesus auf dem sehr hohen Berg mit den Möglichkeiten seiner Macht?


Ich denke schon. Jesus wird in der Wüste zum Christus. Er besteht sein «Glaubensexamen». Seine religiöse Ausbildung ist vorläufig abgeschlossen. Nun muss sich im Alltag bewähren, was er gelernt hat. Jetzt geht es in die Praxis. Und dann kann er der werden, der er ist. Kann sein Potenzial entfalten. Der Losungstext bricht früh ab. Er verschweigt, wie es weitergeht. Jesus hat noch einen Trumpf im Ärmel. Er sagt: «Zu JHWH, deinem Gott, sollst du beten und ihm allein dienen.» Das könnte die finale Überwindung des Narzissmus sein: Ich nehme mich aus dem Zentrum. Der Platz gebührt Gott. Das macht mich frei, über mich selbst hinaus zu wachsen. Hin zu dem, der meines Lebens Quelle ist.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

19. Oktober

Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Lukas 22,49

«Die Botschaft der Gnade, sie gilt Jung und Alt: Wählt Leben und Frieden statt Tod und Gewalt!» BG 92,6 (Gesangbuch der Herrenhuter Brüdergemeine)
Das 22. Kapitel des Lukas, aus dem der heutige Lehrtext stammt, beschreibt höchst dramatisch das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, sein inständiges Gebet am Ölberg, den Verrat des Judas und die Festnahme Jesu. Seine Jünger wollen ihn schützen und ihre erste Frage ist so typisch menschlich: Sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Es hätte ja nichts genützt, sondern wäre in ein schreckliches Töten und Sterben ausgeartet, so wie es in allen mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikten geschieht. Jesus verwehrt ihnen diese Reaktion, hält sie zurück und stellt sich den Hohepriestern und Hauptleuten mit den Worten: «Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.» Die Macht der Finsternis ist übermächtig gegenüber der unbedingten Gewaltlosigkeit. Sie führt Jesus in den Tod. Das ist erschütternd.
Können wir Jesus in dieser radikalen Haltung folgen, wie er uns aufgetragen hat? Das scheint oft zu schwer. Aber der Gewaltverzicht ist unerlässlich für Verhandlungen und Kompromisse zur Erhaltung oder Wiedergewinnung des Friedens. Ach, wäre er nur erfolgreich auch in unseren Zeiten! Ich möchte die Hoffnung darauf nicht verlieren.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Oktober

In Jesus Christus haben wir die Erlösung
durch sein Blut, die Vergebung der Sünden,
nach dem Reichtum seiner Gnade.
Epheser 1,7

Dieser Satz klingt wie die Zusammenfassung des Christusglaubens von Paulus. Unsere Rettung aus unseren Sünden geschah und geschieht durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
Mir selbst bleibt diese Interpretation auch im Alter nicht leicht nachvollziehbar. Und so habe ich noch einmal bei Hannah Arendt nachgelesen, deren Verständnis der Botschaft Jesu mir ganz unmittelbar einleuchtet:
Entdecker (der Unvorhersehbarkeit unseres Handelns) ist Jesus von Nazareth, der aus der Erfahrung des «Denn sie wissen nicht, was sie tun» die Konsequenz zog, … dass die Menschen einander verzeihen müssen, siebenmal und siebenmal siebzigmal, also eigentlich unaufhörlich; und zwar durchaus deswegen, weil sie ohne dies Verzeihen sich dauernd in den von ihnen selbst losgelassenen Prozessen, die nun automatisch weiterrollen, verfangen und sich also infolge ihres Handelns um die Fähigkeit bringen würden, in Freiheit weiter zu handeln.
Das Geschenk Gottes für uns Menschen: verzeihen, vergeben zu können – eine grosse Herausforderung und gleichzeitig eine ebenso grosse Chance für einen verheissungsvollen, befreiten Neuanfang. Eine Gottesgabe, die Jesus uns verstehen und umsetzen hilft.
Dafür immer wieder: Danke!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. Oktober

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 1. Mose 32,27

Es ist wohl die geheimnisvollste Geschichte im hebräischen Teil der Bibel, aus der unser Vers zum Segen stammt: Der in sein Heimatland zurückkehrende Isaak-Sohn Jakob wird am Flussübergang zu einem Ringkampf herausgefordert, der eine ganz Nacht dauert. Es wird lange nicht gesagt, wer ihn in diesen Kampf verwickelt hat, aber es ist offensichtlich Gott selbst! Unerwartet bleibt das stundenlange Ringen «bis zur Morgenröte» unentschieden, und als sein «Gegner» aufhören will, sagt Jakob den berühmten Satz von heute. Und er erhält den Segen; er wird hineingestellt in diese «positive Machtsphäre» (Bibelkommentar). Mehr noch: Er erhält seinen künftigen Namen «Israel» (El/Gott möge streiten)! Denn «du hast mit Gott und den Menschen gestritten und hast gesiegt» (Vers 29). Anstelle einer Antwort, wer der andere denn sei, erhält Jakob den geforderten Segen. So kann er bei Tagesanbruch weitergehen und sich der Wiederbegegnung mit seinem Bruder Esau stellen, den er vor seiner Flucht um den Vatersegen für den Erstgeborenen betrogen hatte (Kapitel 27). Dass dieser Mensch trotz schamloser List und schwerem Kampf am Jabbok im Segen leben konnte, ist unerhört! Die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Gottes Segen nicht an Vorleistungen gebunden ist. Sondern dass er auf eine gute Zukunft gerichtet ist. In dieser Haltung können auch wir den erbetenen Segen Gottes empfangen, wo immer wir sind.

Von: Hans Strub

16. Oktober

Fürchte dich nicht, denn ich bin mir dir
und will dich segnen.
1. Mose 26,24

Wem Segen zugesprochen wird, der wächst und gedeiht. Sein und Tun, Haus und Hof – alles, was Gesegnete sind und machen, was zu ihnen gehört, was sie planen und hoffen. Segen ist wie eine Schutzhülle, in der sich Leben entfalten kann, wo Gewissheit wächst, gehalten und getragen zu sein, wo Mut geschöpft wird für das, was nachher kommt. Dieser Segen kommt von Gott, der sich damit in besonderer Weise einem Menschen, einer Situation, einem Volk, seiner Schöpfung zuwendet und sie vor Unheil und Unsicherheit bewahrt. Von Gesegneten strahlt dann diese geschenkte Kraft weiter zu anderen im Umfeld. Gottes Segen ist immer ein Geschenk. Im heutigen Zusammenhang ergeht er an Isaak, der sich im fremden Land niedergelassen hat und dessen Knechte Brunnen graben – erst der dritte bleibt unumstritten (Verse 12–22). Bevor er weiterzieht, erscheint ihm Gott und spricht ihm diesen umfassenden Segen zu. Dass er für Isaak unmittelbar gute Folgen hat, wird in den folgenden Versen berichtet: Isaak darf am neuen Ort bleiben und gedeihen! Genau dieser Gottessegen wird auch uns zugesprochen, immer wieder neu. Ich brauche ihn, und ich danke Gott dafür!
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden! (4. Mose 24)

Von: Hans Strub

15. Oktober

Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden
geleitet werden.
Jesaja 55,12

You shall go out with joy … Weltweit wird dieses Lied nach dem Text des Propheten Jesaja mit der Melodie Stuart Dauermanns gesungen:
Mit Freuden ziehst du aus, und Frieden leitet dich,
Und es ziehn voran mit Jauchzen Berge und Hügel –
Freude jubelt laut, und es klatschen im Feld die Bäume
in die Hand.
Die Kapellentür öffnet sich. Singend und klatschend ziehen die Studentinnen und Studenten in den Garten des ökumenischen Instituts Château de Bossey mit seinem weiten Blick auf Genfersee, Alpenkette und die Bäume der Allee, die vom See heraufführt – für alle ein Moment der Lebensfreude und des Glücks, den sie nie vergessen werden. Für wie viele Studentinnen und Studenten ist Bossey zu einem Ort des Lebens und geteilter Hoffnung geworden! – So, wie für andere Boldern und seine Linde.
Wir brauchen diese Orte, an denen wir Gottes Geistkraft begegnen und neuen Mut fassen können, Orte, die uns im wahrsten Sinne des Wortes inspirieren, Orte des Friedens in Zeiten von Krieg und Verzweiflung.
Danke für alle, die sie bewahren und ihnen mit ihrer Freude und Kreativität immer wieder Leben einhauchen!

Von: Barbara und Martin Robra