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10. Dezember

Du bist gross, Herr HERR! Denn es ist keiner wie du,
und ist kein Gott ausser dir nach allem, was wir mit
unsern Ohren gehört haben. 2. Samuel 7,22

Der Gedanke, dass Gott gross ist, gehört zum Standardrepertoire
des christlichen Glaubens. Unsere Ohren sind schon
derart auf die monotheistische Sendung eingestellt, dass
wir den Anspruch in der Ansage nicht mehr hören. Der
Gott, dessen Name aus Respekt nicht ausgesprochen wird,
wird als der einzige Gott gepriesen – also gibt es andere, die
als Götter verehrt werden, aber eigentlich Götzen sind. Im
säkularen Niemandsland heisst es Gott oder Mensch, im
alten Orient Gott unter Göttern. Die Israeliten hörten von
ihnen und sahen mit ihren Augen die Macht der Völker, die
sie verehrten. Es ist David, der König Israels, der behauptet,
sein Gott ist der Schöpfer. Das ist verwegen! Verglichen mit
den Philistern, Syrern oder Ägyptern sind die Israeliten eine
kleine Nummer. David antwortet auf eine Verheissung, die
der Prophet Nathan ihm und dem Volk gibt: dass ein Tempel
für Gott gebaut wird und sein Königshaus ewig bestehen
soll (1. Samuel 7,16). Das ist alles lange her und topaktuell.
Weil der Nachkomme Davids, der keine Armee befehligte
und wenig von Machpolitik hielt, glaubt, dass Gott gross
ist – grösser als die Götter, die mit Geld um sich werfen und
über Leichen gehen. Sie werden untergehen. Und sein Reich
wird kommen.

Von: Ralph Kunz

9. Dezember

Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet.
Ich habe es getan; ich will heben und tragen
und erretten. Jesaja 46,4

Es ist viel von Rumschleppen die Rede in diesem Kapitel.
Zuerst werden gestürzte babylonische Götter von Mauleseln
weggetragen, dann teilt Gott den Israeliten mit, dass er sie
ein Leben lang trägt (und erträgt), und schliesslich macht
Gott sich lustig über jene, die selbstgebastelte Götterbilder
mit viel Aufwand auf ganz besondere Plätze wuchten.
Gestern schenkten mir meine Nachbarin und ihr Mann
einen Abschnitt aus der Regel der Diakonissen von Reuilly,
in dem unter anderen steht: «Nimm dir Zeit, in Freundschaft
mit dir selbst zu leben. Atme. Hol mal wieder Luft. Empfange
den Frieden Christi.»
Diese wunderbaren Sätze kamen im rechten Moment zu
mir, der ich auch immer vieles rumschleppe: Sorgen, Verantwortungen,
Ungelöstes und dazwischen auch mal einen
kleinen, hausgemachten Götzen. Gott will mich tragen, ein
Leben lang. Aber ich vermute, dass er auch will, dass die
Last leichter wird. Weil die Sätze aus Reuilly wie ein Echo auf
Jesaja klingen, will ich sie mir zu Herzen nehmen und Ballast
abwerfen. Das ist gar nicht so einfach, weil einige der Lasten
ein Teil von mir geworden sind. Ich ahne, dass gerade diese
als Erstes runtermüssten. Grau bin ich schon. Also sollte ich
wohl langsam damit anfangen.

Von: Heiner Schubert

8. Dezember

Du wirst mit deinem Gott zurückkehren.
Halte fest an Liebe und Recht und hoffe stets
auf deinen Gott! Hosea 12,7

Das Buch Hosea kenne ich in etwa so gut wie viele wohl die
Death-Metal-Band Pantokrator. Wir können aber am gestrigen
Text anknüpfen von der Richtung her.
Sei zuversichtlich und vertrau auf deinen Gott! Hoffe, lass
nicht locker, lies deine Bolderntexte oder hör deine Podcasts,
stöbere in der Bibel und unterhalte dich mit Menschen, versuch
nicht zu schubladisieren, denk auch Unmögliches, sei
kreativ und probier auch die künstliche Intelligenz einmal
aus, bleib auf der Suche und lass dich nicht versuchen von
dieser Welt, mach tägliche stille Zeiten, hilf deinem alten
Nachbarn, hör deine Lieblingsmusik, teile deine Tränen und
deine Freuden, übe dich in Gelassenheit, mach einem hübschen
Menschen ein Kompliment, lass dich tätowieren, zeig
deinen Bauch, spende für ein Kinderhilfswerk, trag auch mal
einen Rock, trink einmal ein Bier zu viel, umarme deinen
letzten Feind, hab Erbarmen mit dem Bettler beim Bahnhof,
feiere das Leben, bring dich ein, beweg dich genügend, achte
auf deine Gedanken, sei dir selber und dem, was dir wichtig
ist, treu und halte fest an Liebe und Recht und hoffe stets
auf deinen Gott!
Das Leben ist wunderbar, voll und farbig. Und für mich
gehört dieser Gott der Liebe und der Gerechtigkeit dazu!

Von: Markus Bürki

7. Dezember

Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind.
Psalm 146,8

Im Psalm 146 redet (oder singt?) der Psalmist (die Psalmistin?)
von den Gottlosen. Wer sind die Gottlosen? Wer sind
die, welche nicht mit ganzem Herzen auf die Hilfe und Treue
des Gottes Jakobs setzen? Wer sind die, welche den Wettlauf
auf der Erde nicht schaffen und nur in der Hölle enden
können? Je nach Glaubensgemeinschaft gibt es nur sehr
wenige, die richtig glauben. Wir Reformierten sind da so
oder so ziemlich von Gott abgefallen. Zu liberal, zu beliebig,
zu weltoffen, zu wenig fromm, zu unstrukturiert, zu oft mit
Nebensächlichem beschäftigt.
Ich zähle mich bei weitem nicht zu den Gottlosen! Aber ich
zähle mich auch nicht zu denen, die anderen sagen müssen,
wie «richtig glauben» geht. Meine drei im Moment prägenden
Punkte im Glauben sind:

  1. Von Gott bin ich bedingungslos geliebt und gewollt, ich
    bin gut genau so, wie ich bin.
  2. Dank Jesus Christus habe ich meine Freiheit gefunden
    und dank dem Glauben an ihn bin ich frei geworden.
  3. Im Blick auf die Welt und die Zukunft der Menschheit
    habe ich begründete Hoffnung, dass es noch einmal besser
    wird, gut kommt. Noch knapper: Ich muss nichts, weil ich
    schon gut bin, ich lebe in liebender Freiheit und ich erstarre
    nicht ob der schrecklichen Zustände in dieser Welt. «Der
    HERR richtet auf!» Schon probiert heute?

Von: Markus Bürki

6. Dezember

O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! Psalm 118,25

Für den Ruf um Hilfe kennt die Bibel ein eigenes Wort.
Laute Schreie drücken die Not und die Verzweiflung aus, die
jemand in einer extremen Situation erlebt. Menschen sind
in einer Notlage, die sie nicht allein bewältigen können. Sie
wenden sich an jemanden, dem sie zutrauen, dass er helfen
kann. Zum Beispiel an den König, der in einer lebensbedrohlichen
Not für Gerechtigkeit sorgen soll. Oder an Mitmenschen,
die zufällig anwesend sind und ihre Augen vor einer
Gewalttat nicht verschliessen sollen.
Der gleiche Ruf wird auch an Gott gerichtet. Im Buch der
Richter heisst es mehr als einmal: «Die Israeliten schrien zum
HERRN um Hilfe. Und der HERR liess für die Israeliten einen
Helfer aufstehen. Und er kam ihnen zu Hilfe: Otniel, der Sohn
von Kenas.» (Richter 3,9)
Gott lässt die Leidenden nicht allein. Er schickt jemanden,
der ihnen zu Hilfe kommt. Jemanden, der Hilfe in ihre
schwierige Situation bringt. Der Losungsvers enthält genau
den Wortlaut eines solchen Hilferufs: «Ach, HERR, komm
doch zu Hilfe! Ach, HERR, lass es doch gelingen!» Die Wörtchen
«ach» und «doch» unterstreichen die Dringlichkeit,
sie stehen für die Lautstärke des Schreis. Im zweiten Teil des
Verses steht die Bitte: Die Hilfe soll nicht nur ein gutgemeinter
Versuch sein. Sie soll tatsächlich Erfolg haben.

Von: Andreas Egli

5. Dezember

HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil!
Psalm 85,8

Was meint das Wort chäsäd, das hier mit Gnade, besser
aber mit Güte übersetzt wird? Ein Beispiel findet sich in den
Erzählungen über Josef. Er sitzt im Gefängnis und lernt dort
einen Mitgefangenen kennen, den Obermundschenk des
Pharao. Dieser erzählt einen Traum, und Josef gibt ihm eine
hoffnungsvolle Deutung. Er werde in drei Tagen aus dem
Gefängnis entlassen und könne sein Amt wieder übernehmen.
Josef schliesst eine persönliche Bitte an: «Aber denk
an mich, wenn es dir wieder gut geht. Tu mir bitte einen
Gefallen. Ruf mich beim Pharao in Erinnerung und hilf mir,
dass ich das Gefängnis verlassen kann.» (1. Mose 40,14) Güte
ist eine gegenseitige Solidarität in einer Beziehung. «Tu mir
bitte einen Gefallen.» Güte zeigt sich darin, dass jemand
dem anderen etwas zuliebe tut. Sie geht über das hinaus,
was eine selbstverständliche Pflicht wäre. Güte ist die Bereitschaft,
für einen anderen da zu sein, der es nötig hat. Güte ist
aber nicht garantiert, und Josefs Bitte wird enttäuscht: «Der
Obermundschenk dachte nicht mehr an Josef und vergass
ihn.» (1. Mose 40,23)
Anders ist es, wenn die Bibel mit dem Wort Güte von Gott
spricht. «Danket dem HERRN, denn er ist gut. Ja, für alle Zeit
ist seine Güte.» (Psalm 136,1) Mit diesem Vertrauen bittet
der Losungsvers: «Lass uns, HERR, deine Güte sehen und
gib uns deine Hilfe.»

Von: Andreas Egli

4. Dezember

Kinder, die das Gesetz nicht kennen, sollen es auch
hören und lernen, den HERRN, euren Gott zu fürchten
alle Tage. 5. Mose 31,12

Im Kapitel, aus dem die heutige Losung stammt, findet ein
Generationenwechsel statt. Gott sagt, dass Mose jetzt alt
sei und den Jordan nicht überschreiten werde. Josua soll
sein Nachfolger werden. Dieser wird in sein Amt eingesetzt.
Dabei weist Mose auf das Gesetz hin. Er erwähnt speziell die
Unterweisung der Kinder. Die nächste Generation soll den
Gott des Lebens kennen lernen und mit ihm unterwegs sein.
Jeder Generationenwechsel ist wohl geprägt vom Wunsch,
dass die nächste Generation die Werte hochhält, die ihnen
von den Eltern mitgegeben werden.
Mir ging das so. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass ich
den Weg der Kinder nicht vorzeichnen kann. Sie sollten frei
sein und ihren ganz eigenen Weg suchen. Das war vielleicht
auch zur Zeit von Mose und Josua so, denn es gehört zum
Leben, dass die jungen Menschen ihre Persönlichkeit entfalten
und auch andere Wege gehen als ihre Eltern. Mose
war wichtig, dass sie das Gesetz lernen. Das sehen wir heute
bestimmt anders. Wir sind mit den nächsten Generationen
im Gespräch und entdecken dabei immer wieder ihre eigenen
Persönlichkeiten. Wenn es gelingt, uns dabei am Gott
des Lebens zu orientieren, schenkt er Kraft für den Weg.
Begleite du die jungen Menschen auf ihrem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Dezember

Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen,
der auf euch kommen wird. Apostelgeschichte 1,8

Der Vers des Lehrtextes geht noch weiter: «Ihr werdet meine
Zeugen sein in Jerusalem, in Judäa, in Samaria und bis ans
Ende der Welt.» So stark ist die Kraft des Geistes, der von
Gott, der Lebendigen, kommt. Er soll den Jünger:innen Kraft
schenken, Kraft, die Botschaft und das Leben, Sterben und
Auferstehen von Jesus weiterzutragen und dafür geradezustehen.
Diese Botschaft richtet sich auch heute an uns.
Sie kann sogar gesungen werden. Für mich wird sie immer
wieder zum Ohrwurm. Ich glaube, das ist gar nicht schlecht,
denn ich bekomme durch sie Kraft. Mich beschäftigt aber
auch, wie ich denn Zeugin sein kann. Der Vers ist ganz präzis:
Zeugin für Jesus, Zeugin, dass er den Tod überwunden
hat. Und sogleich stellt sich die Frage, wie ich das leben
kann in der Welt, wo die Werte der Menschen doch oft bei
materiellen Dingen sind und bei Technologien, die ich überhaupt
nicht verstehe. Und doch nehme ich wahr, dass junge
Menschen sich engagieren für das Leben, auch das Leben
der Menschen im globalen Süden. Aber eigentlich singe ich
den Ohrwurm in meinem Alltag und versuche, diesen so zu
gestalten, dass das Leben der Mitmenschen, das Leben der
Natur, das Leben der leidenden Menschen zentral ist.
Schenke du uns deinen Geist, der uns Kraft und Freude gibt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Dezember

Bekehre du mich, so will ich mich bekehren;
denn du, HERR, bist mein Gott! Jeremia 31,18

Wenn es ein Spital für verletzte und misshandelte Wörter
gäbe – die «Bekehrung» würde dort eingeliefert. Wahrscheinlich
läge sie im Zweierzimmer, zusammen mit der
«Mission». Wie oft wurde «Bekehrung» nach dem Gutdünken
von selbsternannten Gurus für zwielichtige Zwecke
missbraucht, wie oft wurde sie, umstellt von dunklen
Drohungen, nackt in die Welt hinausgeschickt. Die «Bekehrung
» leidet an «Missverständnitis», ausserdem ist sie krank
wegen des Grössenwahns und der Besserwisserei derer, die
sie sehr oft in den Mund nehmen oder in die Tasten hauen.
Jeremia, der Prophet und Kenner menschlicher Herzen,
beginnt mit wenigen Worten die notwendige Reha für das
grosse, aber oft geplagte Wort «Bekehrung». Es ist die Bitte
eines Menschen an Gott, aus menschlich auswegloser Situation
befreit zu werden. Es ist das Vertrauen darauf, dass Gott
einen Neuanfang ermöglichen kann, wo er nach menschlichen
Massstäben unmöglich scheint.
Die «Bekehrung» kann wieder Menschenherzen bewegen,
wenn der Leistungsdruck und das Appellieren an die
menschliche Entscheidung operativ und rückstandslos entfernt
sind. Sie kann wieder zu Kräften kommen, wenn heilsam
zwischen Gottes Zuwendung und narzisstischem Influencertum
unterschieden wird. Sie wird dann wieder um die
Welt reisen, mit ihrer Gefährtin seit alter Zeit, der Hoffnung.

Von: Dörte Gebhard

1. Dezember

Simeon sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener
in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine
Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil,
das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht
zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines
Volkes Israel. Lukas 2, 29–32

Simeon hatte zuvor auf diesen Trost Israels gewartet, so
sehr und so lange, dass es ausdrücklich überliefert wird. Er
muss ein echter Meister des Wartens gewesen sein, hat es
wohl früh gelernt und lange geübt. Aber ist das ein Leben,
wenn man nur wartet? Timo Reuter, Journalist und Autor,
ist ein später Nachfahre von Simeon und antwortet darauf
mit einem entschiedenen Ja. Nach eigenem Bekunden
wartet er gern, zum Beispiel auf Reisen, und findet, Warten
sei sogar eine Kunst, die wir heutzutage nur verlernt
haben. Er schreibt: «Dem Warten wohnt ein wenig beachtetes,
aber grosses Potenzial inne. Es ist eine vielfältige und
stille Kraft, die Übergänge schafft. Es verbindet uns mit dem
Leben – und als Schmiermittel sozialer Beziehungen auch
mit anderen Menschen.» Er beschreibt das Glück, das sich
in ungeplanten Zeitnischen einnistet, und die unfassbaren
Möglichkeiten, die aus Zwischenzeiten folgen. Simeon spürt
nun, dass seine Lebenszeit zugleich mit dem Warten zu Ende
geht. Aber alles hat sich für ihn erfüllt: Sein Warten war nicht
vergeblich. Seine Erwartungen wurden sogar übertroffen.
Vor allem aber hat er hoffnungsvoll gelebt. Was will man
also mehr? Wartezeiten!

Von: Dörte Gebhard